Thema Mundan-Astrologie

 

Pluto im Wassermann

(1778-1798)

Im Jahre 1778 war der Ge­sundheitszustand Voltaires ein Haupt­thema der Pari­ser Jour­nale und das Tagesgespräch der Stadt. Als der berühmte Dichter und Philosoph in sei­nem 84. Jahr nach lan­ger Abwesen­heit am 10.02.1778 wieder in seine Geburtsstadt Pa­ris zurückkehrte, war Pluto gerade in den Wassermann getreten (er stand auf 0°27' h), was in interessanter Weise das neue Klima bestimmte: Er wurde so­gleich von den Zollbeamten erkannt und durfte passie­ren, obwohl be­kannt war, daß er bei Hofe nicht be­liebt war. Daß der Kö­nig Ludwig XVI. seine An­kunft igno­rierte, kümmerte das Volk kaum und berei­tete dem Dichter einen großartigen Empfang. Der Wassermann-Stand des Pluto verweist darauf, daß dieser Empfang vor allem der Tatsache galt, daß sich in Voltaire die Opposition gegen das Königshaus und den Klerus verkörperte. In seinem alten Pari­ser Haus fand der Dichter kaum Ruhe vor einem endlosen Ansturm von Be­su­chern. Dreihundert Gäste soll er allein am ersten Tage emp­fan­gen ha­ben. Er lebte in einem Rausch des Wiedersehens mit der Stadt und ihren Bewohnern. Da die Men­schen aus den Journalen wußten, wel­chen Weg er am nächsten Tage nehmen würde, standen auf den Straßen tausende von Pas­santen, um ihm zuzujubeln. Auch in den folgenden Wochen wurde Voltaire mehr­fach der Mittelpunkt von Begrüßungs­fei­ern. Natürlich hatte dieser Empfang auch eine sehr deutliche politische Dimension, in der sich schon die kom­menden Ereignisse ankündigten. Hier wurde weniger der Dich­ter geehrt als der Mann, der in mehreren spektakulären Fällen wie später Zola seine Autorität zugunsten unrechtmäßig durch die Ju­stiz Verfolgter eingesetzt und für die Gerechtigkeit gekämpft hatte. Außer dem Pluto im Wassermann müssen wir dieses Ereignis also dem gerade in die Waage ge­tretenen Neptun zuordnen. Zudem war Voltaire einer jener herausragenden Per­sönlichkeiten, die den munda­nen Einflüssen entsprechen, und ist damit wie eingangs be­merkt dem Uranus zuzu­rechnen, der 1778 in den Zwillingen stand, die auch als litera­risches Zeichen gelten.[1]

Schon 1775 begann mit dem Gefecht bei Lexington in Neuengland der amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Die Engländer erlit­ten dabei hohe Verluste und entschlossen sich zum Abzug. Wenig spä­ter beschlossen die amerikanischen Staaten die Aufstellung ei­ner eigenen Armee unter der Führung George Washingtons. Während aber die Kolonisten bis dahin noch unter sich unei­nig bezüglich ihrer Gegnerschaft zu Eng­land gewesen waren, wurden sie bald zu­nehmend radikaler. Am 4.7.1776 erklärten die 13 Kolonien ihre Unabhängigkeit. In diesem Jahr gingen Freiwillige aus ganz Eu­ropa in Washingtons Armee, um die Ame­rikaner gegen die Englän­der zu unterstüt­zen, und noch im gleichen Jahr verloren die Briten die Schlacht bei Saratoga, bei der sie den Verlust von 5000 Soldaten erlitten. 1781 kapitulierten sie dann endgültig vor den Amerikanern, als sie erkannten, daß ih­ren 8000 Sol­daten auf der Gegenseite dop­pelt so viele gegenüberstanden, nachdem die Amerikaner durch die Franzosen Ver­stärkung erhalten hatten. Am 3.9.1783 schließlich wurden die Vereinigten Staaten von Ame­rika durch Großbritannien aner­kannt, wodurch der ameri­kanische Unab­hängigkeitskrieg sein Ende fand. Im Jahre 1789 wurde Wa­shington der erste US-Prä­sident. Im gleichen Jahr bil­dete sich in Frankreich die Nationalversammlung.

Am Beispiel der nur wenig später stattfin­denden französi­schen Revolution können wir uns einige grundsätzliche Dinge ver­deut­lichen, die für unsere weiteren Betrach­tungen von Be­deu­tung sind: Die übliche Geschichts­betrach­tung sieht die Ge­schichte als eine endlose Kette von Ereignissen, die im Wesent­lichen von Menschen gemacht wurden, wenn diese auch dabei oft genug den Naturgewalten ausgesetzt waren. Aber ist es wirklich so ein­fach? Das Ereignis zum Beispiel, das wir als die franzö­sische Revo­lution bezeich­nen, ist derartig komplex, daß es sich jeder eindeutigen Zuord­nung und Interpretation entzieht. Es war auch in sei­ner Er­scheinung keineswegs so notwendig, wie es auf den ersten Blick aussieht - das erkennt man schon aus der sehr viel weni­ger spek­takulären nahezu gleichzeitigen in­dustriellen Revo­lution in England, so daß man unter den äuße­ren Vorgängen fast ne­bensäch­liche oder beliebige Manifestatio­nen der unter­gründi­gen eigent­lichen Strömun­gen sehen kann. Man hat deutlich den Ein­druck, daß es kein von Menschen gemach­tes Er­eignis war - be­stimmt jedenfalls nicht von einzelnen Menschen -, sondern daß alle Beteiligten nur auf die Bühne des Gesche­hens geschoben wurden. Man ist aber den­noch von der Wucht der Vorgänge beein­druckt. Ein Bild bietet sich an: man kann sich vorstellen, daß sich in einem gleich­mäßig dahinfließenden Strom plötzlich ver­schieden schillernde Farbschattierungen zei­gen, die aus unter­schiedlichen Tiefen her­auf­schimmern und sich dabei derartig überlagern, daß sie je nach Betrachtungs­win­kel verschieden in­tensiv aufleuchten. Ir­gendetwas Gewaltiges geschieht da, aber alles, was man sieht, ist - wie das bei iri­sie­renden Farben der Fall ist - auch vom Be­trachtungswinkel und überhaupt vom Be­ob­achter abhängig, doch nicht nur. Der Strom selbst wird dadurch angeregt, und wenn auch sein plötzliches Aufbrausen nicht ein­deutig der Materie zugerechnet werden kann, so ist es von die­ser doch auch nicht zu trennen. Damit die Revolution überhaupt ge­lingen konnte, war eine Über­lagerung vieler gleichzeitiger Er­eignisse notwendig - die Revolutionsbereitschaft durfte nicht nur in der Oberklasse oder der Unterklasse gegeben sein, son­dern aus un­terschiedli­chen Gründen auf allen Ebenen, und daß das der Fall war und auch sonstige Gründe plötzlich dazukamen, kann viel­leicht be­deuten, daß alle diese Gründe aus der glei­chen tieferen Quelle kamen, in der die Manifestationen aller­dings noch viel weniger deutlich angelegt waren. Wir müs­sen aber sehen, daß durch die Revolution ein fundamentaler kollek­tiver Bewußt­seinswandel her­beigeführt wurde, der zur Geburt der bürgerlichen Gesellschaft führte (mit der es übrigens erst zum heutigen Re­volutionsbe­griff kam), und die es im Roko­ko noch nicht gegeben hatte. Aber natürlich war zugleich dieser Bewußt­seinswandel auch erst die Voraussetzung der Revolution selbst, so daß der eigentliche Vor­gang jen­seits aller Kategorien statt­fand - jenseits äußerer Er­eignisse und solcher, die nur dem menschlichen Bereich zugerechnet werden können.

Allgemein können wir mit unseren Begrif­fen folgende große Ent­wick­lungslinie er­kennen: Scholastik - Reformation - 3o-jäh­riger Krieg - Aufklärung/Szientismus - Re­volution - Nationalismus - Marxis­mus/Mate­rialismus - Faschismus - bür­gerli­che Gesell­schaft. Ganz eindeutig ist dabei die Reihenfolge und Zuordnung der späte­ren Entwick­lungsschritte allerdings nicht. Für unsere Betrachtungen wich­tig ist die Linie, die von der ständischen Gesellschaft zur in­dustriellen führte und die sich als Folge einer Macht­steigerung des Bürger­tums ergab, das nach einer neuen Legiti­ma­tion seiner Bedeutung suchte und diese in den Er­rungenschaf­ten von Wissenschaft und Technik fand, durch die sich der bür­gerliche Mensch profilieren konnte. Wenig eindeutig auch im Sinne unserer Begriffe sind so­wohl die Vorgänge, die zur Revo­lu­tion geführt haben, als auch diejenigen, die aus ihr folgten. Wenden wir uns aber zu­nächst den Voraussetzungen zu: man hat fast den Eindruck, die Revolution sei plötz­lich und oh­ne Vor­warnung ge­kommen - von Rousseau abgesehen -, aber tat­säch­lich hatte sie sich bereits auf vielerlei Weise an­gekün­digt. Wir müssen uns noch­mals die vorrevolutionäre geistige Land­schaft in Frankreich veranschaulichen; es ist nämlich durchaus kein Zu­fall, daß die Revolution in Frankreich statt­fand und in den eu­ropäi­schen Nachbarländern kaum politische Fol­gen zeigte. Der Grund dafür lag vor allem darin, daß Frank­reich im 18. Jahrhun­dert kultu­rell absolut führend war - hier fanden also die ei­gentlichen geistigen Entwicklun­gen statt, und hier kam es dem­nach zu ei­nem grundlegenden Bewußtseinswandel der Gesell­schaft, der in der übrigen kultu­rellen europäischen Provinz nicht oder nur mit zeitlicher Verzögerung stattfinden konnte, wie es im Rahmen ei­nes Landes meistens zuerst in der Hauptstadt zu neuen Bewegun­gen kommt und dort immer in den füh­renden Köp­fen. So be­ginnt die Vorbe­reitung zwar noch nicht mit Ludwig XI­II. und Ri­che­lieu, aber sehr eindeutig mit Ludwig XIV. Seine Nachfolger Lud­wig XV. und Ludwig XVI. waren zwar poli­tisch schwach, aber un­ter ihrer Regierung gab es ein reges kul­turel­les Leben in Frank­reich. Alle führenden Geister der Auf­klä­rung verkehrten in dieser Gesellschaft und wurden von ihrer Ober­schicht gefördert, wenn sie auch teilweise ständig auf der Flucht vor den staatli­chen Organen, den Königen und besonders dem Klerus waren.

Der Gegensatz der Schwäche der Könige einerseits und der immer selbstbewußter werdenden Alternativkräfte andererseits (adelige Oberschicht und Intellektuelle, dann aber immer weitere Berei­che erfas­send) erinnert in vieler Hinsicht etwa an die merowin­gischen Schattenkönige, unter de­nen die karolingischen Haus­meier immer mächtiger wurden, bis die Königsmacht der Merowin­ger eine Farce war, deren Beseiti­gung nur noch ein äußerlicher Vollzug be­reits lange vorhergehend entstandener Fak­ten war. Schließlich war die revolutionäre Situation da, aber sie war durch sehr viele für sich vielleicht unbemerkbare oder aber erst hinterher als bedeutsam erkannte Ein­zelschritte entstan­den. Vielleicht ist der wichtigste erste Schritt dabei die Für­sten­politik Ludwig XIV. gewesen, der alle Für­sten an den Ver­sailler Hof band, um sie in ihrer Provinz durch sub­alterne und gefügi­gere eigene Leute zu ersetzen, womit er ei­nen stark zen­tralistischen Staat schuf, der sehr auf seine Person zuge­schnitten war, dem aber seine Nachfolger nicht entspre­chen konnten. In der Provinz war damit ei­ne Situation entstanden, die wir etwa mit der letzten Zeit Westroms vergleichen kön­nen: es gab ein geistiges und politi­sches Machtvakuum, das nach neuen Inhalten verlangte und die revolutionäre Situation begün­stigte. Im Vergleich dazu gab es in Deutschland viele verschie­dene Fürsten mit kleinen Ländern, die ein jeweiliges Eigenin­teresse hatten. Das hatte zu den Ereig­nissen des 3o-jährigen Krieges geführt, aber es konnte zu kei­ner revolutionären Situa­tion führen. Die Schwäche ging hier nach au­ßen, wie sich auch wieder unter Napoleon zeigen sollte, aber nicht nach innen, doch offenbar müssen immer von irgendwoher neue Dinge hervor­treten. Engels hat die Ereig­nisse so gesehen: "Der große Kampf des europäischen Bürgertums gegen den Feudalismus kulminierte in drei großen Entscheidungsschlachten. Die erste war das, was wir die Reformation in Deutsch­land nennen, die zweite große Er­hebung des Bürgertums... fand statt in England. Die große fran­zösische Revolution war die dritte Erhebung der Bougeoi­sie." Aber das ist eine sichtlich einseitige Darstellung aus der Per­spektive einer bestimmten Ideologie. Es ist auch kaum möglich, die Reforma­tion als Kampf des Bürgertums gegen den Feu­dalismus zu sehen, eher war es ein Kampf des Feu­dalismus gegen Papst und Kaiser. In erster Linie war es aber eine unar­tikulierte Bewe­gung, der man erst später bestimmte Na­men zu ge­ben versuchte. Das müssen wir klar sehen, weil es die astrolo­gische These bestätigt: Soweit Geschichte ein fak­tisches Ge­schehen ist, geht die Rei­henfolge von der Vorgeschichte über das Haupter­eignis bis zur Nachgeschichte - sofern sie jedoch eine Erfindung der Histori­ker ist (und das ist sie überwiegend - und zwar umso mehr, je wichtiger das Ereignis den Historikern erscheint), ist der Ab­lauf um­gekehrt: er beginnt bei dem Haupt­ereignis oder gar erst der Nachwirkung, bevor man daran geht, sich zu fragen, wie al­les entste­hen konnte. Doch wird dann erst die Vor­geschichte zu einer Bedeutung erhoben, die sie zuvor noch nicht besaß, und sie ist wie alles Nachfolgende wesentlich eine Frage der Interpretation. Dabei wird der jeweilige Inter­pret immer dazu neigen, aus seiner Sicht eine zwingende Kausal­kette zu sug­ge­rieren, doch wissen wir seit Hume, daß Kausalität stets ein Produkt des erkennen­den Bewußtseins ist - es kann auch gar nicht anders sein. Da wir uns selbst deshalb auch nicht an ei­nen objektiven Ort begeben können, können wir nicht mehr tun, als uns der darin liegenden Gefahr stets bewußt zu sein. Wir wollen uns deshalb auf wenige einigermaßen unumstrit­tene Fakten konzen­trieren.

Was war das auslösende Moment der Re­vo­lution? Eine Eskalation der revolutio­nä­ren Situation entstand sicherlich durch die künstliche Blockierung überfälliger Re­for­men durch die Privile­gierten. Ein neuer Stand hatte sich allmählich gebildet - der sogenannte Dritte Stand -, der mit zuneh­mendem Nachdruck auf seine Rechte poch­te. Ein wichtiges Kriterium eines solchen Standes ist seine Identität, das heißt, bevor er auf seine Rechte pochen kann, muß er sich überhaupt erst seines Vorhan­denseins bewußt sein. Dieser Bewußtseinsprozeß wird entschei­dend durch das Erlebnis ge­meinsam erlittenen Unrechts gestärkt, was durch das Hinausschieben der Reformen geschah. Plötzlich fanden sich so ganz un­terschiedliche Bevölkerungs­gruppen zu­sam­men und lernten sich durch gemeinsame Gegenaktivi­täten gegen­seitig kennen, wäh­rend zugleich die aufklärerischen Intellektu­ellen für den ideologischen Unterbau der entstehenden Bewegung sorgten. Weitere Konflikte mit den etablierten Kräften konn­ten in der Folge nicht ausbleiben und führ­ten zwangsläufig zu wei­terer Identität des Dritten Standes: ein kollektiver Ha­us­meier entstand als Geist aus der Flasche und wurde immer stär­ker, je weniger man die­sem Rauchgebilde gestattete, sich zu ver­flüchtigen: aus Geist wurde dadurch Ma­te­rie, wenn man so will. Das Bauerntum nä­herte sich nun dem städtischen Bürgertum, was auch durch eine Doppelkrise begün­stigt wurde. Während die Bauern 1788 un­ter einer Mißernte zu leiden hatten, litt das städtische Proletariat seit einem 1786 mit England geschlosse­nen antiprotektionisti­schen Handelsver­trag, der die Einfuhr eng­lischer Waren erleichterte, unter zuneh­mender Ar­beitslosig­keit. Dazu kam 1788/89 ein sehr kalter Winter, und es kam zu Brotpreiserhöhungen, was in einer pro­le­tarischen Gesell­schaft, die mit ihrer Arbeit wenig mehr als das tägliche Brot erwirt­schaftet, den Hauptnerv trifft. Der Gegen­satz zwischen den Ver­sorgten und den Un­versorgten wurde natürlich beson­ders in den Großstädten deutlich, wo kein tren­nen­der Raum vorhanden war - beson­ders war das in Paris der Fall. Die letzten revolu­ti­ons­auslösenden Vorgänge waren dann das unsichere Taktieren der Privile­gierten und besonders des Königs. Dabei wurden schei­b­chenweise nun dem neuen Stand neue Rechte eingeräumt, de­ren zu­nächst oft nur formale Bedeutung zuneh­mend mit Inhalten ausge­baut wurden. Wä­ren solche Zuge­ständnisse frü­her und frei­willi­ger gekom­men, so hätten sie zum Ab­bau der re­volu­tionären Situa­tion geführt, jetzt aber führ­ten sie nur noch zur Stärkung des Selbst­bewußtseins des neuen Standes.

Das gleiche bewirkten nun aber auch Akti­vitäten in die Gegen­richtung: am 11. Juli 1789 entließ der durch die immer deutli­chere Krise nervös gewordene Ludwig XVI. den reformwilligen Mi­nister Necker, um ihn und einige gleichgesinnte andere Minister durch bekannte Reaktionäre zu er­setzen, während er gleichzeitig Truppen zu seinem Schutz nach Versailles beorderte. Diese Nach­richt drang sogleich nach Paris, wo die Massen nun durch Volks­redner auf­geputscht wurden. Zur Agressivität der Massen trat dabei zugleich eine allgemeine Furcht vor militärischen Gegen­aktionen. Eine Belagerung von Pa­ris und eine weitere Steigerung der Brotpreise wurde befürch­tet. Nun war das Volk nicht mehr zu halten: um diesen Dingen zuvorzukommen, wur­den sogleich Getrei­dedepots und Waffen­kammern erstürmt. Als solches galt auch das Stadtgefängnis von Paris, die Bastille, die zunächst nur bela­gert wurde. Als man nach langen Verhandlungen endlich nach­drücklicher wurde, ließ der Kommandant auf die Menge schießen, wobei es fast 1oo Tote gab. Die Folge war, daß das Volk mehrere Garnisonsleute erschlug und den Kommandanten lynchte. Dieses Ereignis könnte eines von unendlich vielen gleichar­tigen in der Geschichte geblieben sein, die weiß Gott Schlimmeres gesehen hatte, aber es wurde zu einem Volksmythos, und erst in dieser Tatsache muß man das eigentliche Ereignis sehen. Die schon vor­her auf Kul­mi­nation angelegten Dinge kulminierten nun immer mehr und stei­gerten sich durch Rückkoppelung gegenseitig hoch. Wieder tak­tierte der König unsicher und gab nun dem Volke nach, wobei er sich selbst als überzeugter Revolutionär zu geben ver­suchte. Doch was er auch immer getan hätte, es wäre falsch ge­we­sen und hätte nur zur Steigerung der jetzt unaufhaltsamen wei­teren Er­eignisse geführt. Deshalb darf man sich nicht wun­dern, daß es fast so aussieht, als seien alle Beteiligten nur Dar­steller in einem Theaterspiel mit feststehen­dem Drehbuch ge­we­sen und als sei der König wirklich völlig einverstanden mit dem Geschehen gewesen und habe am En­de aus tieferer Überzeugung sei­nen Hals unter die Guillotine gelegt, denn in der Tat war es in gewisser Hinsicht tatsächlich so. Je globaler die histori­sche Perspek­tive auch bei anderen Ereignissen ist, desto mehr ver­liert sich der Gegensatz zwischen Theater und Wirklichkeit; vielleicht ist das sogar ein universales Prinzip des sich selbst denken­den Universums, das aus der ständigen Rückkoppe­lung von Geist und Materie folgt.

Der König bat nun das Volk - das heißt die damit zum ersten Mal erwähnte und so be­zeichnete Nationalversammlung, die zuerst nicht mehr als eine größere Zahl an einem Orte sich versammeln­der Bürger war und durch diesen höchst offiziellen Bezeich­nungsakt legitimiert wurde - um Mithilfe bei der Wiederherstel­lung der öffentlichen Ordnung. Hiermit sanktionierte er die bür­gerliche Revolution, womit er sich selbst und der Monarchie das Wasser abgrub und Geburtshilfe bei der Entstehung des Stadt­bürgertums, der Bourgeoisie, leistete. Diese Nachricht verbreitete sich von Paris aus sogleich über ganz Frankreich; in allen grö­ßeren Städten ent­stand die Stadtdemokra­tie; die frühere Stadtobrigkeit wurde durch eine neue ersetzt und zu­gleich die Dezen­tralisierung ge­fördert. Ähnliche Entwick­lungen fanden mit nur unwesentlicher Ver­zögerung auf dem Lande statt. Die Bauern drangen in Schlös­ser und Klöster ein, wo­bei ein ähn­liches Phänomen auftrat wie et­wa bei den Kölner Judenpogromen anläß­lich des ersten Kreuzzugsaufrufes durch Papst Urban II., weil die Aktionen für sich einen recht willkürlichen Charakter hatten und sie sich erst gleichzeitig mit ihrem Auf­treten ein Feindbild schufen. Auch hier ent­stand bei den Bauern nun gleichzeitig die Angst vor mi­litärischen Gegenaktionen, die nur zur Steigerung der panischen Handlun­gen führte: man bewaffnete sich mit Heu­gabeln, Sensen und dergleichen und brannte mehrere Schlösser nieder. Diese Dinge er­schreckten aber auch die neu entstandene Nationalversammlung, und man erkannte dort, daß ge­rade die Bau­ern, die etwa 7o Prozent der Gesamtbevölkerung aus­mach­ten, in dieser Versammlung und im Dritten Stand kaum reprä­sentiert wur­den. Zudem wurde hier zum ersten Mal Privateigentum angegriffen und nicht nur Privilege. Jetzt kam es aber auch zu einer Soli­darisierung mit dem Bauernstand, und man erkannte zum ersten Mal eine neue gemeinsame Identität: "Welch ein Ruhm, welch eine Eh­re, Franzose zu sein!" schrieb ein Abge­ordneter. In der Na­tionalversammlung wur-de unter anderem beschlossen, daß alle Bürger ohne Unterschied ihrer Geburt Zu­gang zu allen öf­fentlichen Ämtern haben sollten. Es kam zu einer allgemeinen Erklä­rung der Menschenrechte nach amerikani­schem Vorbild. Der König wich dann aber doch entsetzt vor dieser neuerlichen Eska­lation zurück und verwei­gerte die Zustim­mung, um die er parado­xerweise noch ge­beten worden war.

Alle diese Vorgänge sind kaum als lineare kausale Ereigniskette zu verstehen, sondern eher als eine Art Kristallisationsvor­gang, der sich ja übrigens auch scheinbar linear fortsetzt, al­lerdings nur unter der Voraus­setzung einer bis dahin latent an­gestiegenen Sättigung der Lösung. Diese Sättigung aber hatte hier keinen erkennbar kausalen Grund, denn sie hätte auch zu anderen Zei­ten und an anderem Ort entstehen können. So müssen wir letztlich auch in historischen Vorgängen eher Naturvorgänge sehen als Menschenwerk. Das für unsere Betrach­tungen Wichtige ist deutlich geworden: das Entstehen von Ereignissen scheinbar aus dem Nichts - tatsächlich aus einem tiefen geistigen Urgrund -, ihre Bewußtseinsver­wobenheit und die Tatsache, daß Ge­schichte nicht von Menschen gemacht wird, sondern eher umge­kehrt. Das wesentliche vorbereitende Element waren sicherlich die Ideen der Aufklärung und in deren Zug der fortschreitende Szientismus, mit dem ein Ansteigen des bürgerlichen Selbstbe­wußt­seins und eine Infragestellung der alten Ordnung verbunden war. Doch kann man damit nicht alle so merkwürdig gleichzeitig auftretenden Phänomene erklären wie etwa die Bauernaufstände, was wiederum auf ei­nen trans-kommu­nika­tiven Zu­sammenhang ver­weist - entsprechend dem Phänomen der Massenhy­sterie. Im allge­meinen können wir jedoch sagen: was entscheidend zum Un­tergang Westroms geführt hatte, führte auch hier zum Unter­gang der Mon­archie und zu einer neuen Gesellschaft. Eine neue Religion war entstanden, die die frühere er­setzte, aber eben doch deren Glaubens­struktu­ren übernahm, wie noch zu erörtern sein wird: nämlich der na­turwissenschaftli­che Materialismus, der eigent­lich nichts an­de­res war als eine neue Modephiloso­phie, die sich aber als er­staunlich haltbar erwei­sen sollte, indem sie sich institutiona­lisierte und sich somit auch wider besseres Wissen Einzelner in Wechselwirkung mit ihren Machtstrukturen in Zu­kunft immer wie­der aus sich selbst heraus erneuerte.

Auch die Technik machte in dieser Zeit ei­nen gewaltigen Schritt nach vorne. Erfin­dungen wurden zwar schon seit geraumer Zeit in steigendem Maße gemacht, aber jetzt wurden sie besonders in England tat­sächlich in einer Weise eingesetzt, die die indu­strielle Revolution in eine neue Phase brachte. Die von James Watt konstruierte Dampfmaschine wurde erstmals im Jahre 1776 in einem Kohlebergwerk und in einer Eisenhütte industriell einge­setzt. Watt führ­te dabei auch den Begriff der Pferdestärke als Kraftmaß ein. 1780 wurde in den USA ein Aufzug für den kontinu­ierlichen Trans­port von Gütern in Mühlen, Bergwerken und Hafen­anlagen eingesetzt. Im gleichen Jahr stellte Benjamin Franklin die erste Brille mit zwei Brenngläsern vor. 1781 wurde ein eng­lisches Patent auf einen ge­schlossenen Verkokungsofen erteilt, mit dem aus Steinkohle Teer, Pech, Öle, mine­ralische Säuren und Salze gewonnen wer­den konnten. 1782 wurde ein neues Verfah­ren zur Herstellung von Bleischrot entwic­kelt. 1783 wurde das sog. Puddelverfahren zur Herstellung von Stahl aus Roheisen entwic­kelt, 1784 stellte Cartwright den er­sten Webstuhl her, 1785-90 baute Herschel ein Riesenteleskop, nachdem ihm bereits 1781 die Entdeckung des Uranus gelang, der nicht zufällig dem Wassermann zuge­ordnet wird. Schon 1776 hatte der engli­sche Ingenieur Hat­ton die Holzhobelma­schine erfunden, die jetzt zur zunehmen­den Mechanisierung des Holzhandwerkes führte. 1783 stieg der erste Heißluftballon der Brüder Montgolfier auf, 1786 ent­deckte Gal­vani bei der zufälligen Beobach­tung, daß Froschschenkel zusam­menzuc­ken, wenn man sie mit zwei verschiedenen Metallen be­rührt, die sog. Berührungselek­trizität. Die Elektrizität, ein typisches Was­sermann-Thema, wurde jetzt zum neuen Forschungsob­jekt: Bennet stellte sein Goldblatt-Elektroskop vor, Coulomb ge­lang es, elektrische Ladungen zu erzeugen, und 1778 führte der Physiker Lichtenberg für die schon zuvor bekannten zwei ver­schiedenen elektrischen Ladungen die Be­zeichnung positive und negative Elektrizi­tät ein usw. 1779 erhöhten Spinnereima­schinen die Produktivität. In den Jahren 1791 bis 1794 wurden in England allein 42 Kanalbaugesellschaften gegründet, und der damit weiter verbilligte Transport auf den Wasserwegen erleich­terte die Beförderung schwerer Güter wie Kohle und Eisen, was die weitere Industrialisierung erheblich forcierte. Man begann jetzt auch mit ersten Experimenten dampfgetriebener Fahrzeuge. Alleine die Erhöhung der Geschwindigkeit bei der Beförderung von Menschen und Gütern veränderte jetzt immer mehr die Gesell­schaft.

Wenn auch unter Pluto im Wassermann of­fensichtlich die ganze Welt in Aufruhr war, so dürfen wir das Wassermann-Prinzip den­noch nicht mit Revolutio­nen gleichsetzen, denn das würde uns in die Irre führen. Re­vo­lutionen können auch unter anderen Zei­chen stattfinden, beson­ders unter dem Wid­der. Das eigentliche Prin­zip scheint eher das Emergenz-Prin­zip zu sein: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile", denn unter diesem Begriff lassen sich alle seine Erscheinungen am ehesten zusam­menfas­sen. Wenn zwar auch dieses Prinzip nicht nur auf den Wassermann be­schränkt ist, so ist es hier doch am ehesten zu Hause. Eine weitere mögliche Entsprechung ist außer­dem wie erörtert der System-Gedanke.[2] In der Tat entstand jedenfalls in dieser Zeit etwas vollkommen Neues aus einem laten­ten Urgrund. Sowohl der nordamerikani­sche Unab­hängigkeitskampf als auch die Franzö­siche Revolution hatten ih­ren Ur­sprung in dem geisti­gen Auf­bruch der Aufklärung, die aber auf ihrem Höhepunkt in sich kei­neswegs ge­danklich ge­schlossen war, sondern als ge­schlossenes Gebilde erst nachträg­lich in Er­schei­nung trat. Man könnte sa­gen: ...indem sie so gese­hen wurde, doch muß man auch hierbei erken­nen, daß das, was kollek­tiv gesehen wird, keines­wegs be­liebig ist, son­dern ein we­sent­licher Be­standteil des globalen oder kosmischen Prozesses selbst, den wir nicht als das Werk des menschlichen Gei­stes al­lein begrei­fen können, son­dern als ei­ne Er­scheinung des sich selbst den­kenden Uni­versums. Dieser Gedanke mag zwar für wenig zur Mystik Neigende mit gro­ßen Schwierigkeiten behaf­tet sein, es ist aber nicht zu sehen, wie sie sich davon be­freien könn­ten. Das posi­tivistische Welt­bild, das den Menschen einer ob­jektiv gegebenen Welt gegenüber­stellt, ist bei tieferer Be­trachtung kaum zu hal­ten.

Den Ereignissen der französischen Revolu­tion, die wir hier nur gestreift haben, wer­den wir uns unter den anderen Planeten­durchgängen noch näher widmen. Auch wird uns bei anderer Gelegenheit die Be­deutung des Wassermann-Prinzipes noch deutlicher werden.

 


[1]Siehe dazu die merkwürdig bombastischen Schiller-Feiern mit einer überdimensionalen Schiller-Büste in Leipzig im Jahre 1859, als Uranus wieder in den Zwillingen stand..
[2]Deshalb ist es auch nicht zufällig, daß 1781 Kant seine Kritik der reinen Vernunft veröffentlichte, die den Gedanken eines ganzen umfassenden philosophischen Systems eigentlich erstmals ver­wirklichte. Kant stand damit für den Geist dieser seiner Zeit. Spengler äußerte sich dazu wie folgt: "Wo es am Schema fehlt, da fehlt es an Philosophie - das ist das uneingestandene Vorurteil aller zünftigen Systematiker gegenüber den "Anschauenden", denen sie sich innerlich weit überlegen fühlen. Deshalb nannte Kant den Stil des platonischen Denkens ärgerlich "die Kunst, wortreich zu schwatzen", und deshalb schweigt der Kathederphilosoph noch heute über Goethes Philosophie. Jede logische Operation läßt sich zeichnen. Jedes System ist eine geometrische Art, Gedanken zu haben.“
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