Thema Mundan-Astrologie

Pluto im Steinbock

(1763-1778)

 

Wenn wir sagen, daß theoretisch jederzeit alles mit lediglich geändertem Aspekt pas­sieren kann, so gilt das jedoch am wenig­sten für die Ereignisse, die wirklich bedeut­sam werden, denn diese prägen ja der Zeit ihren Stempel auf. Oder umgekehrt: soll etwas bedeutsam werden, so muß es den jeweiligen Konstel­lationen entsprechen, wobei - so dürfen wir annehmen - dieses dennoch keine Erfolgsgarantie ist. Wir wis­sen aber ohnehin, daß bestimmte Zeiten bestimmten Dingen günstig sind und ande­ren nicht. Wenn die Prinzessin von Anhalt-Zerbst noch unter Pluto im Schützen Zarin geworden wäre, so hätte sie möglicherwei­se wenigstens in dieser Zeit ihre aufkläreri­schen Ideen in die Praxis umsetzen können, sie bestieg jedoch erst 1762 den Thron, kurz bevor Pluto in den Steinbock wech­selte, und deshalb dürfen wir uns nicht wundern, daß ihre Regierungspraxis ihren guten Absichten völlig widersprach und sehr steinbockgemäß geriet. Die Historiker neigen deshalb dazu, sie in dieser Hinsicht für unwahrhaftig zu halten. Zwar korre­spondierte sie weiterhin mit den großen Geistern der Aufklärung und war sehr auf ihren Ruf bedacht, eine aufgeklärte Monar­chin zu sein, doch widersprach schon die Art und Weise, wie sie auf den Thron ge­langte, der eleganten Theorie. Sie war ja eigentlich nur die Gattin des Za­ren Peter III., der aber unmittelbar nach seiner Thronbestei­gung ermordet wurde. Man konnte Katharina zwar keine unmittel­bare Mitwirkung an diesen Ereignissen nachwei­sen, es ist aber unstrittig, daß ihre Ehe in den Jahren zuvor nur noch pro forma be­standen hatte und daß ihr diese Entwick­lung sehr gelegen kam, denn sie war sehr ehrgeizig, und es war ihr klar, daß der Zar sich ihrer baldmöglichst zu entledigen be­absichtigte. Er erwies sich aber als wenig geeignet für sein hohes Amt und machte sich unnötig viele Feinde vor allem unter dem Adel und der orthodo­xen Geistlichkeit. So waren sich zivile Würdenträger, Offi­ziere und Geistliche sehr bald darin einig, daß der Zar verhaftet und für regierungsun­fähig erklärt werden sollte. Während sich die Ereignisse überschlugen, kam ein Bote zu Katharina und bat sie, unverzüglich in die Hauptstadt zu kommen und sich zur Zarin proklamieren zu lassen. So zog sie als Alleinherrscherin in den Palast.

Die Ideen des aufgeklärten Absolutismus waren aber ohnehin nur in solchen Ländern zu verwirklichen, in denen derartig fort­schrittliche Vorstellungen in der Verwal­tungshierarchie und im Volk akzeptiert wurden und auf eine entsprechende Reso­nanz stießen. In Rußland herrschte bis da­hin aber noch weitgehend die Leibeigen­schaft, und sonderlich der Landadel war kaum wil­lig, seine Privilegien ohne weiteres aufzugeben. Gerade dem Adel war die neue Zarin aber besonders verpflichtet, da sie nur mit dessen Hilfe auf den Thron gelangt war, und so war ihre Re­gierungszeit vor allem durch die Stärkung der Adelsprivilegien auf Kosten der Bauern und des einfachen Vol­kes geprägt. Zwar sagte Katharina und äu­ßerte sich vor allem immer wieder schrift­lich in dieser Hinsicht, daß sie wollte, daß man den Ge­setzen gehorche, nicht jedoch, daß ihre Untertanen wie Sklaven behandelt werden sollten, aber unter ihrer Regierung wurde das Volk noch härter unterdrückt als in der Vergangenheit. Der of­fensichtliche Widerspruch hatte fast den Charakter einer Komö­die: es schien, als ob die Zarin die Realitäten in ihrem Lande nicht zur Kennt­nis nehmen wollte und als hinderte sie ge­rade ihre angeregte aufklärerische Korre­spondenz daran, ihre Absich­ten in die Reali­tät umzusetzen. Sie hatte eben offen­bar vor al­lem literarische Ambitionen und konnte sich dabei nicht auch noch ganz profanen Dingen wie konkreten Regie­rungsgeschäften widmen, so könnte man überspitzt sagen. Während die Zustände in ihrem riesigen und kaum überschaubaren Land immer schlimmer wurden, saß sie an ihrem Schreibtisch und profilierte sich als Briefeschreiberin und ließ sich von den In­tellektuellen Europas als Philosophin auf dem Thron feiern.

Man wird ihr einen hohen Idealismus den­noch nicht absprechen können - sie hielt ja Reformen für notwendig: sie war weniger verlogen als schwach. Sie kapitulierte viel zu schnell vor den praktischen Problemen, die sich der Verwirklichung ihrer großen Ideen in den Weg stellten, und am Ende hat sie wohl auch den immer offensichtlicheren Widerspruch einfach verdrängt. Hatte sie aber nicht gesehen, daß die Tatsache, daß sie die adeligen Verschwörer mit Land samt den darauf befindlichen Bewohnern be­schenkte, die zuvor nur dem Staat unter­stellt waren, nun dazu führte, daß diese Bewohner von zuvor Freien zu Leibeigenen wur­den - und zwar zu tausenden? Diese freigebige Praxis setzte sie während ihrer ganzen Regierungszeit fort, vornehmlich auch ge­genüber ihren zahlreichen persönli­chen Liebhabern. Gerade diese persönliche Verstrickung machte sie aber immer ab­hängiger. Ih­ren diesbezüglichen Mangel an innenpolitischer Stärke versuchte sie durch die Hebung ihres außenpolitischen Rufes auszuglei­chen. Sie hofierte in einer Mi­schung aus Eitelkeit und Notwen­digkeit immer mehr diejenigen, die ihren Ruf im Ausland unter­stützten. Da aber das einfa­che Volk nicht Meinungsträger war, konnte es nur als Münze dienen. Bekannt sind die sogenannten potjomkinschen Dörfer ge­worden, bei denen es sich tatsächlich um Kulissen handelte, die den ausländischen Gästen vorgeführt wurden, um ihnen zu zeigen, wie gut es den russischen Bauern angeblich ging - eine wunderbare Entspre­chung des fassadenori­entierten Steinbock-Prinzips übrigens. Diese Episode ist gera­dezu kennzeichnend für den ganzen Regie­rungsstil Katharinas. Zwar hatte sie immer wie­der reformerische Ideen, die auch teil­weise in die Praxis umge­setzt wurden, aber sie hatten überwie­gend tatsächlich nur idea­len Charakter - wie zum Beispiel ge­wisse Maßnahmen gegen die Korruption, bei de­nen tatsächlich er­hebliche Gelder eingespart wurden, die jedoch im Vergleich zu dem verschwenderischen Luxus am Zarenhof und den an die diver­sen Günstlinge ver­schleuderten Staatsgeldern kaum ins Ge­wicht fielen.

Während aber der Adel von ihr hofiert wurde, so zeigte sie sich gegenüber dem Senat und dem Klerus sehr rigide. Es sei nicht Sache des Senates, Gesetze zu erlas­sen, sondern nur über deren Einhaltung zu wachen, verkündete sie. Zugleich ließ sie die Hälfte aller Klöster enteignen und auf­heben, während die Geist­lichen dem Staat direkt unterstellt wurden. So konnte es nicht wundern, daß es im Volk immer häu­figer zu Unruhen kam. Katha­rina mußte sogar das Militär gegen die Bauern einset­zen. Diese Dinge geschahen jedoch weitab des Zarenhofes. Die Monarchin schrieb währenddessen in einem Brief an Voltaire (1769), daß es in ihrem Lande keinen Bau­ern gebe, der nicht Sonntags sein Huhn im Topfe habe, wenn er es wünsche. Nur unwirsch sah sie derweil vom Briefeschrei­ben auf und gab in der Angelegenheit des sog. Pugatschow-Aufstandes, der zeitweise die Dimension eines Bau­ernkrieges er­reichte, Befehle an einen Gouverneur wie: "Verlieren Sie keine Zeit und beenden Sie diese anrüchige Ange­legenheit. Ich bitte Sie um Gottes willen, geben Sie sich alle Mühe, diese Verbrechen, die uns vor aller Welt beschämen, aus­zumerzen." Und bei anderer Gele­genheit äußerte sie sich so: "Dieses wird gleichfalls mit Hängen en­den. Doch welche Aussicht für mich, die das Hängen nicht liebt."

Die beiden anderen großen Herrscherge­stalten, die in dieser Zeit das Gesicht Euro­pas bestimmten, Friedrich II. von Preußen und Maria Theresia von Österreich-Ungarn, hatten sich inzwi­schen ebenfalls verwan­delt. Bekanntlich wurden sie sich alle drei gemeinsam darüber einig (für Maria There­sia allerdings eher deren Sohn Joseph II. gegen ihren Willen), in der ersten polni­schen Teilung einen großen Teil des freien Landes Polen einfach un­ter sich aufzuteilen, denn es gab niemanden, der sie daran hin­dern konn­te - ein Akt politischer Rück­sichtslosigkeit, der in der gesam­ten Ge­schichte kaum seinesgleichen hat - es sei denn wieder im 20. Jahrhundert. Katha­rina hatte es er­reicht, einen ihrer früheren Lieb­haber zum neuen Kö­nig von Po­len zu no­minieren, der sich trotz anfängli­chen Wider­standes leicht zum Werkzeug russischer Politik machen ließ. Friedrich griff nicht ein, da er sich aus dem polnischen Terri­to­rium Westpreußen und weitere Gebiete aneignen durfte. Fortan nannte er sich nicht mehr König in Preußen sondern König von Preu­ßen.

Die letzten 23 Jahre seiner Regierungszeit, also die Jahre ab 1763, zeigten den König nach seinen Eroberungskriegen früh ge­al­tert. Die Beamten seines Hofes waren be­troffen, als Friedrich 1763 in seine Haupt­stadt zurückkehrte. Aus dem Held der Schlachten und der Aufklärung war ein ge­bückter alter Mann ge­worden, der sich fortan entsprechend übellaunig zeigte. Es gibt in der Tat zwei Gesichter Friedrichs, die die Historiker und die Legende erhalten haben: dasjenige des strahlenden jun­gen Helden, des Philosophen auf dem Königs­thron, der mit aller Welt korrespondierte, und dasjenige des alten Fritz, der kaum noch zu persönlichen Gesprächen aufgelegt war, und wir können die Grenzlinie sehr genau in das Jahr 1763 legen. Seiner Frau ge­genüber wußte er nach siebenjähriger Trennung nur noch die Be­merkung zu ma­chen: "Madame sind korpulenter gewor­den." Sie­ges­feiern und Empfängen ging er aus dem Wege. "Niemals habe ich eine solche Niedergeschlagenheit gesehen", be­richtete ein Kam­merherr der Königin, "Alle diese armen Bürger, die sich keine Mühe verdrießen ließen, um ihren Herrn zu emp­fangen, den sie seit sieben Jahren nicht ge­sehen, sind trostlos. Alle Fenster, die seit dem frühen Morgen mit dem schönen Ge­schlecht besetzt waren, schließen sich, und mehr als 50.000 Menschen gehen voll Är­ger und Erbitterung nach Hause." Fried­rich zeig­te sich jetzt aber als fürsorglicher Landesvater seiner Unter­tanen, weit von der gleichzeitigen Praxis der russischen Za­rin entfernt. Aber nach wie vor rangierten die Militärausgaben im preußischen Staat an erster Stelle, trotz immer noch schlim­mer Notstände unter den Bauern als Folge der Kriege. Zwar widmete sich Fried­rich auch noch im Alter der Musik und der Philosophie, aber er konnte oh­ne weiteres die Flöte liegen lassen, um seine Soldaten zu in­spizieren und unbewegt dabei zuzuse­hen, wie einige von ih­nen durch Spießruten­laufen bestraft wurden. Auch gegenüber sei­nem Beamtenapparat zeigte er sich sehr hart und unnachgiebig. Es gab willkürliche Gehaltskürzungen, penibele Instruktionen, Be­spitzelung und sonstige Schikanen. Bekannt ist der rüde Ton, in dem er mit seinen Untergebenen umging.

Trotz seiner aufklärerischen Ideen hielt er am Prizip der be­dingungslosen autoritären Monarchie fest und teilte nicht die Illusion mancher Aufklärer, daß das Volk so ver­nünftig sei, sich selbst regieren zu können. Dementsprechend bestimmte er jeden Vor­gang seiner Politik und behielt die absolute Kontrolle über alle Einzelakte, besonders die Staatsfinanzen. Unregelmä­ßigkeiten gab es nicht, und Korruption wurde unnach­giebig ver­folgt. So hart dieser Stil von den Bürgern oft empfunden wurde, bewirkte er doch, daß sich der preußische Staat nach dem Krieg innerlich bald wieder stabili­sierte. Seine Sparsamkeit in allen Dingen und besonders an sich selbst und seiner ei­genen Hofhal­tung machte Friedrich bald zum Gespött des französischen und öster­reichischen Hofes. Doch wurde nur mit Geld gespart, nicht mit Geist, denn weiter­hin verkehrten am preußischen Hof die führenden Intellektuellen der Aufklärung. Dementsprechend wur­den auch Maßnah­men zur Hebung des Bildungsniveaus des Volkes getroffen. In Preußen bestand be­reits die allgemeine Schul­pflicht vom sieb­ten bis zum vierzehnten Lebensjahr, wobei die Schule allerdings stark militärischen Charakter hatte. Oft wa­ren die Lehrer ehe­malige Soldaten. Der Unterricht wurde zu­dem so gestaltet, daß er die Menschen in den Dörfern hielt und nicht zur Landflucht in die Städte veranlaßte, was in der Pra­xis hieß, daß es in erster Linie um den Erwerb praktischer Fä­higkeiten und der Grund­kenntnisse ging, nicht aber um eine wirkli­che Erweiterung des Horizontes. Gleich­zeitig investierte der alte König Geld in den wirtschaftlichen Wiederaufbau seines Lan­des, und besonders die Bauern erhielten Unterstützung. Die vom Heer nun nicht mehr benötigten 60.000 Pferde wurden den Bauern als Ackergäule zur Verfügung ge­stellt. Insbesondere das durch den Krieg verwüstete Schlesien erhielt Unterstützung: es wurde für ein halbes Jahr von den Steu­ern befreit, und die dor­tigen Bauern erhiel­ten über eine besondere Bank sehr günsti­ges Geld zum Aufbau ihrer Höfe. Des wei­teren wurde der Bergbau in Schlesien ge­fördert, die Binnenzölle abgeschafft, die Häfen vergrößert, das Straßennetz ausge­baut und Kanäle gebaut. Das Geld, das dafür benötigt wurde, wurde rigoros durch Steuern eingetrieben, was Friedrich zwar nicht die Liebe seines Volkes eintrug, doch das Land wieder zu neuer Blüte brachte. Unter seiner Regierungszeit verdoppelte sich die Bevölkerung Preu­ßens, und Berlin zeigte erste Tendenzen, sich von einer un­be­deutenden Provinzstadt zur zukünftigen Reichshauptstadt zu ent­wickeln.

Auch für Maria Theresia bedeutete das En­de des siebenjährigen Krieges eine Zäsur. Sie wurde in den letzten 18 Jahren ihrer Regierungszeit ab dem Frieden von Huber­tusburg 1773 zur Landes­mutter. In diesen Jahren vereinsamte sie immer mehr und hatte vor allem unter der Mitregentschaft ihres Sohnes Joseph zu lei­den, der sich weniger gefügig als sein 1765 verstorbener Va­ter Franz-Stephan zeigte. Der neue Kai­ser Joseph II. galt als unfä­hig zum Glück­lichsein, er litt unter der problematischen Bezie­hung zu seiner Mutter. Er litt unter der Spannung von po­liti­schem und militäri­schem Ehrgeiz und den Grenzen, die ihm seine Mutter setzte, die nicht daran dachte, ihre Macht ab­zugeben. Sie legte nach dem Tode ihres geliebten Mannes ihre Witwen­tracht niemals wieder ab. Auch ihre Regie­rungszeit teilen die Historiker in die beiden Hälften vor und nach dem Frieden von Hu­bertusburg. Sechzehn Kinder hatte sie ih­rem Mann ge­schenkt und währenddessen dennoch ihr Regierungsamt auf im Gro­ßen und Ganzen sehr erfolgreiche Weise ausge­füllt. Diese Zeit konnte man als glücklich bezeichnen, doch nach dem Tode ihres Mannes lebte sie nicht nur selbst in Trau­erkleidung, sondern verlangte das auch von ihrer ganzen Umgebung, besonders von den Damen des Hofes. Diese hatten streng zu vermeiden, auch nur et­was Rouge aufzu­tragen. Das Trauerklima bei Hofe sollte bis zum Tode Maria Theresias nie mehr völlig weichen.

Kurz nach dem Tode ihres Mannes war übrigens auch Graf Haugwitz verstorben, der bedeutende innere Reformer der Mon­archie, womit dann auch diesbezüglich das Schütze-Thema abgeschlossen war. Ihm folgte unmittelbar Feldmarschall Daun, der die zweite Stüt­ze der Kaiserin gewesen war. Sie sah sich damit von allen ver­las­sen, denen sie wirklich vertraut hatte und auf die sich ihre Regierungstätigkeit gestützt hatte. Zudem machte sich der Fort­fall Schlesiens nach 1763 in ihrem Land äußerst nachteilig be­merkbar, weil dieses Zentrum des Berg­baus und der Manufakturen die reichste Provinz gewesen war, ohne die das restli­che Land fortan in große wirtschaftliche Bedrängnis geriet. Es kam da­nach wieder­holt zu Hungersnöten in einzelnen Land­strichen, und auch hier mußten Bauernauf­stände mit Militärgewalt niedergewor­fen werden. Maria Theresia zeigte sich hierin in ihren letzten Jahren zunehmend verhärtet und wollte auch nicht das System der Er­buntertänigkeit abschaffen. Ihre vereinzel­ten Reformversuche scheiterten zudem an ihrem Sohn. "Ich war im Begriff, gerech­tere Prinzipien festzusetzen", schrieb sie in einem Brief, "als plötzlich diese Grundher­ren, wozu nebenbei bemerkt alle Mini­ster gehören, bei dem Kaiser Zweifel zu erwec­ken verstanden und mit einem Schlag die ganze Arbeit von zwei Jahren zunichte machten." Dieses kennzeichnete die Regie­rungspraxis dieser Jahre und die Zustände im Lande. "Menschen oh­ne Hoffnung ha­ben nichts zu verlieren und sind zu fürch­ten." Und an ihren Sohn sah sie sich fol­genden Brief zu schreiben genötigt: "Hüte dich wohl, an Bosheit Gefallen zu finden! Dein Herz ist noch nicht schlecht, aber es wird es werden! Es ist höchste Zeit, daß du aufhörst, Ge­schmack zu finden an all die­sen Witzworten, diesen geistrei­chen Wen­dungen, die nur den Zweck haben, andere zu betrüben und lächerlich zu machen, alle ehrlichen Menschen fernzuhalten und den Glauben zu erwecken, daß das ganze Men­schengeschlecht nicht verdient, geachtet und geliebt zu werden, da man ja durch sein eigenes Betragen alles Gute entfernt hat und das Tor nur den Betrügern vorbe­halten geöffnet hat, den Nachahmern und Schmeichlern deiner Talente."

Auch in Schweden kam es zu einer Verhär­tung, nachdem König Gu­stav III. durch ei­nen unblutigen Staatsstreich die sog. Frei­heitszeit beseitigte, um nach dem Vorbild Preußens nur noch ab­solutistisch zu regie­ren. Man kann somit hier von einer Zwi­schenperiode zwischen der Auf­klärung und der Revolution spre­chen, in der die aufklä­rerischen Gedanken an gewissen überkom­menen Umständen scheiterten, die sich vor allem aus einer abso­lutistischen Staatsform ergaben, die sich überlebt hatte. Denn auch der eher reaktionäre Joseph II. verstand sich eigentlich als aufklärerischer Monarch, doch widerstritten auch in ihm Theorie und Praxis. Sie könne niemals Sitten zustim­men, hielt ihm seine Mutter vor, die hin­sichtlich der Religion und der Mo­ral zu wenig streng seien. Zu sehr zeige er seine Abneigung ge­gen die althergebrachten Ge­wohnhei­ten und gegen die ganze Geistlich­keit. Gerade seine Toleranz an falscher Stelle, meinte sie, sei das richtige Mittel, um alles zu untergraben. Die Leidtragenden dieser Übergangszeit waren natürlich in er­ster Linie die einfachen Leute, das Volk, das bei aller Arbeit kaum das Nötigste zum Leben hatte. Doch soll­ten gerade diese Ver­hältnisse in Frankreich zur Revolution füh­ren, während die Ge­danken der Philoso­phen alleine kaum eine derartige Wirkung er­zielt hätten.

In England war 1760 Georg III. König ge­worden, der durch seine Härte und Un­nachgiebigkeit den Abfall der 13 nordame­rikanischen Kolonien herbeiführte. Durch verschiedene neue Gesetze, die diese Ko­lonien betrafen, doch ohne deren Befragung vom briti­schen Parlament verabschiedet worden waren, wurde der Wider­stand der Kolonisten herausgefordert. Neben anderen vorherge­henden Steuermaßnahmen wurden jetzt auch durch das sog. Stem­pelgesetz Druckschriften und Dokumente mit Steuern belegt. Diese Maßnahme wurde allerdings 1766 wieder zurückgenommen, nachdem durch die Reaktion der Kolonisten das ge­samte Ge­schäftsleben der Staaten zum Stillstand gekommen war, wodurch vor al­lem der Handel mit dem Mutterland betrof­fen war. Nach dieser Eigenmächtigkeit der britischen Regierung kam es zu im­mer deutlicherem Aufbegehren der Kolonien gegen England, die erreichten, daß von da an kein Gesetz, das sie betraf, ohne die Zustimmung ihrer Vertreter mehr verab­schiedet werden durfte. Zwar wurden so allmählich die Steuern, die England den neueng­lischen Staaten abverlangte, immer mehr abgeschafft, doch blieb die Teesteuer aus prinzipiellen Gründen bestehen. Mit ihr soll­te weiterhin der britische Herrschaftsan­spruch demonstriert werden, sie bildete aber fortan einen permanenten Konflikt­stoff. Im Jahre 1770 kam es aus diesem Grund sogar zu einem Massaker in Boston, bei dem es fünf Tote gab, und das die ame­rikanische Bevölkerung noch mehr gegen die britische Herrschaft aufbrachte. 1773 kam es dann zu der sog. Boston Tea-Party, in der die Unruhen einen Höhe­punkt erreichten. Hier hatten Bosto­ner Bürger, die als Indianer verkleidet waren, drei Schiffe der ostindischen Kompanie ge­entert und die gesamte Ladung - 342 Ki­sten Tee - über Bord geworfen. In England war eine allgemeine Empörung die Folge: Lon­don beschloß daraufhin die Schließung des Bostoner Hafens, um eine Schadensersatz­leistung zu erzwin­gen. Als es auch noch Kriegsschiffe nach Neuengland schickte, war das das Signal zu einer allgemeinen Er­hebung der Kolonien gegen das englische Mutterland.

Main page Contacts Search Contacts Search