Thema Kultur und Religion

Konzentration und Dekonzentration

oder

Die Verkirchlichung der Religion


 

Die Materie wurde in mehreren Frühkulturen mit einem Kreuz bzw. als Kreis und einem darin befindlichen Kreuz, der Geist aber nur mit einem bloßen leeren Kreis dargestellt. Diese Darstellungen sind in ihrer treffenden Bildhaftigkeit hilfreich, wenn wir beides auch als Gegensatz von Konzentration und Dekonzentration auffassen. Es gibt nämlich sowohl in der belebten wie auch in der unbelebten Natur immer wiederkehrende Erscheinungen bei der Entstehung von Strukturen, die in der neueren Systemtheorie eine wichtige Rolle spielen. Dabei sind - als eine Entsprechung von Yin und Yang - diese beiden gegensätzlichen Prinzipien zu beobachten, die u.a. sowohl in der Soziologie wie auch in der biologischen Entwicklung von Vielzellern wirksam sind. Das ist eben der Gegensatz von Konzentration und Dekonzentration, die in einer Art Selbstorganisation scheinbar automatisch für eine Ordnungsvorformung beim Aufbau größerer Gestalten und Musterbildungen sorgen. Wir können das auch seit dem Altertum in der politischen Auseinandersetzung als permanenten Gegensatz von Oligarchie und Demokratie beobachten. Die Oligarchen wollen Geld und Macht in regelmäßig geradezu pathologischer Übersteigerung in wenigen Händen konzentrieren, während die Demokraten für eine möglichst breite Verteilung eintreten. Das ist im aktuellen Parlamentarismus der Gegensatz zwischen rechts und links, wobei es uns nicht interessieren soll, daß sich heute dem Wortsinn nach fälschlich auch die Konzentrierer als Demokraten bezeichnen. Dieses konträre Strukturierungsprinzip ließ sich bereits bei der frühen Entstehung von Städten als deren Gegensatz zum Umland beobachten, wobei sich die Konzentration innerhalb der Stadt fortsetzte und sich nicht nur architektonisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial zeigte. Auch im sonstigen Alltag läßt sich feststellen, daß etwa Lokale umso mehr Zulauf erhalten, je mehr Gäste sie bereits an sich ziehen konnten. Dieses Selbstverstärkungsprinzip wirkt auf vielerlei Art und ist im Volksmund unter dem Spruch bekannt: „Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen.“ Dabei gibt es auch psychologisch die Alternative zwischen Akkumulation oder Hemmwirkung: bestimmte Anfangserfolge können Anlaß zu weiterer Steigerung geben, während Mißerfolge sich als Prinzip festsetzen können. Zwischen Aufstieg oder Abstieg scheint es keinen Mittelweg zu geben, weil dieser nur labil wäre und in einen stabilen Zustand zu der einen oder anderen Seite zurückfallen will: wer nicht steigt, der fällt. Das läßt sich keinesfalls nur etwa als genetisch vorprogrammiert verstehen, sondern folgt auch aus der mehr oder weniger vorhandenen Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Gegebenheiten. Wenn man an einen bestimmten Punkt kommt, muß es so oder so weitergehen. Das ist auch das Prinzip, demzufolge die Kodierung in der DNS erheblich eingeschränkt werden kann, weil die gleiche Zelle an einer bestimmten Wegegabelung nur noch eine Weiterbildungsmöglichkeit hat, die sie an einer anderen nicht hätte. In der sog. Morphogenese, der Strukturbildung von Organismen und deren Organen, sind diese Musterbildungsmechanismen äußerst wichtig. Neben den räumlichen und zeitlichen Umständen, die nur eine bestimmte Fortentwicklung gestatten, kann somit auch die Entweder-oder-Bedin­gung von Konzentration und Dekonzentration die apriorische Kodierung beim Zellaufbau erheblich entlasten. Ein markantes Beispiel dafür ist die Regeneration des Süßwasserpolypen, bei dem die gleichen Zellen entweder die Kopf- oder die Fußregion ergänzen können, je nachdem, in welcher Richtung die Regeneration notwendig bzw. bereits fortgeschritten ist. Und selbst im Wüstensand lassen sich die Gegensätze von Wellenbergen und Wellentälern bei der Gestaltung der Dünen nach dem Prinzip von Akkumulation oder Abschwächung sehen, weil die dabei wirksamen Prozesse eine Eigendynamik gewinnen. Nicht zuletzt läßt sich dieses Prinzip auch als Variante des Gravitationsprinzips deuten, das für Verdichtungen oder Entflechtungen im Weltraum sorgt. Im allgemeinen Sinn entspricht Konzentration dem Materie-Archetypus und Dekonzentration dem Geist-Archetypus.

 

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