Thema Kultur und Religion

 

 

 

 

Ist der Fanatismus umlenkbar?

 

Diese interessante und höchst aktuelle Frage stellt sich einem ganz unwillkürlich, wenn man sich an bestimmten Diskussionen beteiligt oder sie beobachtet. Sie erscheint etwa im Zusammenhang folgender speziellerer Frage:

 

Ist die Antiraucher-Kampagne nicht völlig überzogen?

 

Der Fragesteller erläuterte seine Frage nämlich so:

Ich bin weder Raucher noch Nichtraucher, da ich einer gelegentlichen guten Zigarre nicht abgeneigt bin, und insofern sehe ich mich in dieser Frage als neutral. Einerseits erscheint sie mir teilweise berechtigt und sinnvoll, andererseits habe ich aber den Eindruck, daß hier alle möglichen Fanatiker aus ihren Löchern gekommen sind, die der Sache nicht gerade förderlich sind.

 

Ein Raucher sagte dazu:

  • Ich bin leidenschaftlicher Raucher. Diese Antiraucher-Kampagne ist ein Eingriff in die Persönlichkeit. Ich könnte wohl bis morgen schreiben. Höre daher lieber auf. Total überzogen!!!!!!!

Und der Fragesteller kommentierte das wiederum so:

  • Nun, es gibt etwas, was uns unterscheidet, und etwas, das uns verbindet. Was uns unterscheidet, ist die Tatsache, daß ich kein leidenschaftlicher, sondern gewissermaßen nur ein Gelegenheitsraucher bin. Insofern sehe ich mich etwas neutraler, was die Sache selbst angeht, aber vielleicht bin ich in der überzogenen Diskussion deshalb bereits eine Ausnahme. Ich könnte ggf. nämlich auch leicht ganz darauf verzichten, und darum geht es mir deshalb auch gar nicht, sondern es geht mir eher um die Art und Weise des Miteinander-Umgehens, also letztlich um die Kommunikationskultur, wenn man so will. Was uns nämlich eint, ist die Tatsache, daß ich die Anti-Raucher-Kampagne für völlig überzogen halte.  Ich denke da an ihre überzogenen Forderungen. Teils finde ich an der Kampagne durchaus Sinnvolles, wenn es nicht andererseits kaum noch nachvollziehbar wäre. Da wird etwa versucht, den Menschen das Rauchen selbst in ihren eigenen Autos zu verbieten - oder auf den Decks von Schiffen - oder generell in allen Kneipen, obwohl man es den Kneipiers selbst überlassen könnte, draußen dranzuschreiben, ob es sich um eine Raucher- oder Nichtraucherkneipe handelt und man so den Gästen ihre eigene Wahl ließe. Ich dachte deshalb, daß man gut zwei Drittel dieser Fanatiker auf viel wichtigere und sinnvollere Ziele ansetzen könnte.

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Noch interessanter und aufschlußreicher wurde es aber, als ein Antiraucher die Eingangsfrage beantwortete - nämlich so:

Nein, sie ist nicht überzogen, wenn man versucht, nicht an Lungenkrebs oder COPD zu erkranken, weil - wie noch vor einigen Jahren - alle Bürokollegen paffen, weil man im Restaurant Tagliatelle mit Nikotingeschmack, im Kaffeehaus Schwarzwälder-Kirsch mit Marlboro-Geruch oder auf der Parkbank "Kunstnebel á la 2. Weltkrieg" aufgetischt bekommt. Um meinethalben kann jeder rauchen, so viel und so oft er will, solange er sich dazu in einen hermetisch abgeschlossenen Raum begibt.

Daraufhin fragte ihn der Eingangsfrager näher:

Aber sind nicht auch die Schiffsdecks mit solchen hermetischen Räumen vergleichbar, wenn der Rauch beim besten Willen keinen anderen erreicht? Und wäre es nicht sinnvoll und auch durchaus rücksichtsvoller, die Entscheidung jedem selbst zu überlassen, ob er sich als aktiver oder auch passiver Raucher schädigen will - wie es etwa dann der Fall wäre, wenn man es jedem Kneipenwirt überlassen würde, an seine Kneipe zu schreiben, ob es sich um eine Raucher- oder Nichtraucher-Kneipe handelt, woraufhin es dann eben der Gästen vorbehalten bliebe, sich zu entscheiden?

Woraufhin der Antiraucher erläuterte:

Wie bitte, sollte man das machen, wenn man beispielsweise in einem Büro arbeitet? Kündigen, weil die Kollegen im Großraumbüro rauchen? Die Kneipenregelung funktioniert ja schon - obwohl es manchmal wirklich so ist, jedenfalls in Italien, wo die meisten dann vor dem Restaurant in einer "Rauchergruppe" stehen, daß man einfach durch "die braune Mauer" muß, wenn man ins Lokal will..... Und daß ich meine zitierte Torte lieber ohne Marlboro-Geschmack möchte, sollte man auch verstehen, oder?- Ich finde es nicht als "rücksichtsvoll", wenn ich mich "opfern" soll, an Asthma zu erkranken, nur damit einige "Fanatiker" weiter ihre Schachtel Zigaretten am Tag rauchen können.....

Daraufhin antwortete der Eingangsfrager:

Nein, du umgehst meine Frage sehr bewußt. Denn ich hatte ja nicht von dem Büro gesprochen, in dem eine Nichtrauchervorschrift nachvollziehbar wäre, sondern von ganz anderen Fällen. Und ich sprach auch sehr deutlich von unterschiedlichen Kneipen und nicht von gemischten mit Raucher-Sondergruppen. Und von einer Torte mit Marlboro-Gerschmack habe ich noch nichts gehört und würde die auch ablehnen. Oder meinst du etwa eine Torte, die in einer Raucherkneipe gestanden hat? Das würde ich auch für widernatürlich und einer sauberen Konditorei nicht für würdig halten und schon deshalb ebenfalls ablehnen. Und von Raucherfanatikern habe ich auch noch nicht viel vernommen. Wie gesagt: Ich sehe mich insofern als durchaus neutral und nehme dennoch die Fanatiker eher unter den Nichtrauchern wahr. Die wollen auch einfach nicht diskutieren, sondern nur ihre Sicht der Dinge durchsetzen. Wenn du nicht zu denen gehörst, könntest du mir ja auch sachlicher antworten.

Woraufhin der Antiraucher sagte:

Von "sehr deutlich" habe ich bei deiner Frage nichts bemerkt, oder meinst du diesen Satz: Ich bin weder Raucher noch Nichtraucher. Bei meiner eigenen Gesundheit und Lebensqualität hört bei mir "Sachlichkeit" generell auf. Gegen den "Duft der großen, weiten Welt" konnte man jahrzehntelang nichts machen, wenn die Kuchentheke direkt vor den Tischen stand, bei denen gequalmt wurde, dies hat weder mit "Sauberkeit" noch mit "Natürlichkeit" zu tun, und keinem Büroangestellten wurde früher- soviel mir bekannt ist, jemals gesagt: wollen Sie im Raucher-Großraumbüro oder im "Nichtraucher-Großraum-Büro" sitzen. Nicht mal bei der Bahn war man dem Gestank aus dem danebenliegenden Raucherabteil gefeit!... Das ist die "SACHE"!

Dazu der Eingangsfrager:

Könntest du dich nicht doch noch zu einem Diskussionsstil durchringen, wie er unter intelligenten Menschen eigentlich als selbstverständlich gelten müßte? Allerdings bestätigst du damit genau den Gesamteindruck, den ich von den fanatisierten Antirauchern habe. Ich habe nämlich ganz ausdrücklich gerade nicht von den Situationen gesprochen, in denen du deine Gesundheit als gefährdet sehen könntest. Und wenn du schon so weit gehst, an deiner geliebten Kuchentheke Raucherqualm zu vermuten und in deine Kuchen eingedrungen zu sehen: ach - du liebe Prinzessin auf der Erbse! -: ich verstehe allerdings weder vom Rauchen noch von Kuchen so viel, um das beurteilen zu können, vermute aber, daß unter den gleichen Voraussetzungen auch sonstige menschliche Ausdünstungen in diese Kuchen eingedrungen sein müßten und daß so dein Ekel an den Mitmeschen ganz generell sein wird (denke doch nur daran, was die alles zuvor angefaßt haben könnten, wenn sie dir die Hand geben usw.). Ich sprach allerdings auch hier von Konditoreien, die es nicht nur den Rauchern, sondern auch anderen verwehren, sich in die noch unverkauften Kuchen hineinzudünsten.

Meinst du nicht auch, daß es viel lohnendere und sinnvollere Ziele gibt, gegen die man dringend etwas unternehmen müßte - etwa nur beispielsweise gegen die Autobahnraserei. Diese ist ja (sarkastisch formuliert) mindestens ebenso ungesund, außerdem auch umweltschädlich in mehrfacher Hinsicht und außerdem im Gegensatz zur Raucherei auch noch kulturmindernd. Während das Rauchverbot in der überzogenen Form wie jetzt vorgeschlagen die Kneipen- und Kommunikationskultur mindert und letztlich dazu führt, daß die Menschen sich völlig an ihre heimischen Fernseher zurückziehen, während andererseits das Rauchen nach der Aussage vieler Kreativer die Kreativität fördert, empfinde ich es selbst zumindest so, wenn ich etwa aus Frankreich oder Holland komme, wo das Fahren als friedlich, selbstverständlich und gemeinschaftlich erscheint, und wenn ich dann wieder in Deutschland bin, daß ich in ein Land kulturloser Barbaren geraten bin, wo einer den anderen wegdrängen möchte und eine Atmosphäre latenter Drohung und Gewalt in der Luft liegt, die einer modernen Gesellschaft durchaus unwürdig ist.

Das wäre doch wohl ein viel wichtigeres Ziel - oder? Aber der Unterschied ist der, daß die Autolobby eben viel mächtiger ist als die Tabaklobby und daß der Staat (zumindest hier) viel mehr daran verdient als nur an der Tabaksteuer - während die Fanatiker hier lediglich noch unaktiviert sind und wohl erst dann aus ihren Löchern kommen, wenn sie sich in der Deckung der anderen wähnen.

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