Thema Kultur und Religion

 

Istanbul 019 Kontrastiert

Die Rechte für dieses Bild (Originalformat: 145x90 cm) liegen ausschließlich bei uns. Es kann über unseren Verlag auch als Poster in etwas kleinerem Format bestellt werden.

 

Das Tor zum Orient

 

Die Suche nach dem Orient ist ein Thema, das nach C.G. Jung bereits im kollektiven Unbewußten vorgegeben ist und archetypisch weitgehend identisch mit der Suche nach dem Gral bzw. der Suche nach einer höheren Wahrheit oder Realität ist. Von daher erklärt sich auch die Bedeutung unseres Wortes Orientierung, und es ist vielleicht nicht ganz abwegig, daß sich aus diesem Urmotiv auch der Drang der Kreuzfahrer ins „Morgenland“ erklärte. So ist es auch zu erklären, daß (nicht nur) alle christlichen Kirchen nach Osten ausgerichtet sind. Im Osten geht die Sonne auf, und dort steht auch der Priester an seinem Altar, dem die Gemeinde im Westen gegenübersteht. Die liturgische Ordnung ist darin so streng, daß Karl der Große seine Aachener Pfalz danach ausrichten ließ, obwohl er dadurch den ganzen ursprünglichen römischen Siedlungsplan umwerfen mußte. So steht die Pfalz mit sämtlichen Nebengebäuden quer zu dem römischen Raster, das ansich viel besser zu den örtlichen Gegebenheiten des Geländes paßte. Auch die Kaaba in Mekka ist so ausgerichtet: das eigentliche Heiligtum, der Schwarze Stein, befindet sich am Ostpunkt. Die Kaaba (wie auch der Stein) ist übrigens älter als der Islam und diente zuvor als Ausrichtungsfläche für die vier Himmelsrichtungen! Im persischen Sufismus hat das Wort Orientierung im Sinne einer zum Ostpunkt ausgerichteten mystischen Einstellung eine ganz besondere Bedeutung. Es ist auch dort die „Suche nach dem Orient“ - allerdings ebenfalls nicht nach einem geographischen, sondern nach einem geistigen. Eigentlich dient diese Suche aber nicht einer horizontalen, sondern einer vertikalen Ausrichtung, d.h. der geistige Zenith wird hier in den Ostpunkt projiziert und also insofern mit diesem gleichgesetzt, als der Zenith sich irdisch nur in ihm manifestiert. Indem wir uns in diese Richtung ausrichten, richten wir unseren Geist auf das Göttliche über uns. In der Astrologie entspricht der Ostpunkt übrigens dem Aszendenten des Horoskops, also dem Ausgangspunkt aller Dinge.

Die Suche nach dem Orient führt aus der Sicht der zumindest heute eher materiell ausgerichteten Europäer durch das Tor zum Orient, also geographisch durch Istanbul, das entsprechend benannt ist. In dem Bild ist diese Suche auf die Blaue Moschee (Sultan-Ahmet-Moschee) ausgerichtet. Daß diese sich ansich noch auf der europäischen Seite der Stadt befindet und sich der Weg insofern umkehrt, wird dabei ignoriert. Es geht ja um einen geistigen Weg, der sich auch über geographische Tatsachen hinwegsetzt.  Für diesen geistigen Weg gibt es keine Abkürzung, und jede technische Erleichterung wäre Selbstbetrug. Das junge Paar hat demnach seinen Motorroller abgestellt und geht seinen Weg zu Fuß weiter. Mit diesem Fahrzeug ist auch das Schild verbunden, das es wie seine Benutzer zu einer bloßen Nummer in einer kollektiven bürgerlichen Gesellschaft macht, und indem das alles abgestellt wird, werden die Menschen wieder persönlich und unverwechselbar: sie stehen als Monaden pars pro toto für das Ganze. Aber das, was wir nun üblicherweise auf Fotografien als das Goldene Horn oder den Bosporus unserem Blick vorgelagert sehen, ist hier nur noch als weißer Nebel zu erkennen, und die Besucher auf der Promenade erscheinen nun wie Adepten auf einer Suche, zu der sie möglicherweise noch nicht genügend vorbereitet sind. Der Weg ist das Ziel, heißt es ja, aber gerade dieser Weg ist der schwerste.

Zugleich aber stellt sich in dem Bild unsere vertraute Welt in voller Diesseitigkeit dar. Der Autor berichtet dazu:

Ich hatte einen Traum, in dem mir ein höheres Wesen die Frage stellte, ob das Leben meiner Meinuing nach sinnvoll sei. Und als ich diese Frage zögernd bejahte, fragte es nach meiner Begründung dazu. Und ich antwortete dieses Mal ganz spontan: "Weil es Bier gibt." Als ich allerdings angesichts der mir noch im Traum erscheinenden zu großen Banalität dieser Antwort vor Schreck aufwachte und darüber nachdachte, erschien mir diese Antwort dann keineswegs mehr so banal. Es war für mich der Inbegrff der Lebensbejahung - der Freude am Leben in voller Diesseitigkeit, zu deren Zweck mir das Universum letztlich geschaffen zu sein scheint.

Die Seele findet im Diesseits einen offenbar nur ihr vorbehaltenen Anker; sie ist nicht verloren: gerade die Seele des Suchers findet dort immer einen verläßlichen Rückhalt. Allerdings ist das Restaurant noch ohne sonstige Gäste, und die Kellner stehen noch in Wartestellung. Sie sind gewissermaßen nur für Dich da, denn diese Welt hat auch einen weitgehend solipsistischen Charakter. Alles in ihr hat aber sein Spiegelbild, denn diese Welt ist aus dem Prinzip des Yin und Yang in allen ihren Teilen aus dem entstanden, das - wie es Mephisto in Goethes Faust sagt - „anfangs alles war“.

 
 
 
 
 
 
 
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