Thema Kultur und Religion

Kunstmenschen

Ein spezieller und aktueller Disput zum Thema 'Präimplatationsdignostik', das uns an anderer Stelle in einen heftigen Streit mit einem in diversen Fernseh-Foren sehr präsenten Philosophen geführt hat, hat uns veranlaßt, uns hier einmal einen etwas generelleren Überblick zu diesem Thema zu verschaffen. Vorerst ist es allerdings auch noch nicht mehr, aber vielleicht werden wir das später noch weiter vertiefen.

 

 

Mit der Herstellung seines Ebenbildes stellt sich der Mensch in gewisser Hinsicht selbst an Gottes Stelle und wird dadurch zu einem Prometheus. Wenn er sich gar anmaßt, in das menschliche Genom einzugreifen und dieses zu manipulieren, wird die Frage der Legitimation und der Folgen in moralischer und faktischer Hinsicht zu einem ethischen Grundproblem. Es wäre nämlich naiv, zu glauben, daß die erprobten Möglichkeiten nicht später auch in einer Weise ausgenutzt werden könnten, an die die Pioniere einer solchen Technik noch gar nicht gedacht haben. Die wenigsten Genetiker haben wohl von vornherein an die Mißbrauchsmöglichkeiten gedacht, die etwa der Monsanto-Konzern in die Realität umsetzt. An bestimmte Zustände gewöhnt man sich und wird dadurch immer bedenkenloser. Wenn man da also keine ganz grundsätzlichen Grenzen setzt, wird deren Definition zu einer jeweils persönlichen Frage und damit mehr und mehr beliebig. Am Ende wird der Zauberlehrling die Geister, die er rief, nicht mehr los, so sehr er das dann auch wünschen würde. Aber die Frage nach den grundsätzlichen Grenzen ist immer eiine Frage des fundamentalen ethischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft und ihrer tieferen Identität.

 

Ein Kunstmensch ist ein menschenähnliches Produkt, das im normalen biologischen Sinn nicht natürlich ist. Seine Künstlichkeit kann dadurch bedingt sein, daß er mit technischen Mitteln hergestellt wurde, um einen normalen Menschen zu simulieren oder daß er auf eine nicht-normale, aber dennoch biologische Weise hergestellt wurde. Die Herstellung von Kunstmenschen ist offenbar ein typisches Kennzeichen und Begleitthema der Moderne - des prometheischen Zeitalters, in dem der Mensch sich in eine Situation versetzt sieht, in der er mit der Frage konfrontiert wird, mit welcher seiner Handlungen er sich anmaßt, zum Übermenschen zu werden, indem er sich an die Stelle Gottes begibt. Je menschenähnlicher seine von ihm künstlich hergestellten Wesen werden, desto mehr tritt dabei die ethische Problematik in den Vordergrund. Kann es dem Menschen erlaubt sein, die Evolution selbst in seine Hand zu nehmen und z. B. sogar das Genom des Menschen zu manipulieren? Macht er sich damit nicht selbst zum Prometheus? Aber was ist ein Kunstmensch? Es gibt davon verschiedene Formen, die im folgenden aufgelistet werden. Wir stellen diese zunächst (der Essay wird später noch ergänzt) erst kommentarlos vor. Ansich geht daraus bereits die jeweilige Problematik hervor:

 

Retortenmenschen

  • Retortenbaby

Nachdem bereits im Jahre 1996 das erste Schaf ‚Dolly’ erfolgreich künstlich im Labor ge­klont wurde, dauerte es nicht lange, bis einige Wissenschaftler ankündigten, das gleiche auch mit Menschen versuchen zu wollen. Dabei sollte aus der lebenden Zelle eines erwachsenen Menschen ein genetisch identischer Doppelgänger erzeugt werden. Bisher werden solche Versuche aber vor allem aus ethischen Gründen mehrheitlich abgelehnt.

 

Magieprodukte

  • Homunculus

Als sog. Homunculi wurden menschenähnliche Wesen bezeichnet, die angeblich von Alchemisten des Spätmittelalters in ihren Laboren hergestellt wurden. Die dazu notwendigen Rezepturen und Mittel wurden unter dem Begriff ‚Arcanum’ geheimgehalten, wobei dieser Begriff möglicherweise auch als Bezeichnung für die ganze Prozedur oder das Siegel des Geheimnisses selbst galt. Das Homunculus-Motiv wurde auch von Goethe in seinem Faust II. verwendet.

  • Der Golem

Der Golem soll der Legende nach ein von dem Rabbi Löw in Prag etwa zur Zeit des dort residierenden Kaisers Rudolf II. (ca.1600) künstlich aus Lehm hergestelltes Geschöpf gewesen sein. Es sollte blind den Befehlen seines Meisters folgen und war vor allem dazu geschaffen worden, den Juden beizustehen und zu helfen, wenn sie bedrängt wurden.

 

Literarische Formen (Science Fiction)

  • Frankenstein

Frankenstein war der Name eines Romanes, der von der englischen Autorin Mary Shelley im Jahr 1818 veröffentlicht wurde. Es war zugleich der Name der Hauptfigur des Romanes, eines jungen Schweizer Wissenschaftlers, der einen künstlichen Menschen herstellte. Das Besondere an der Herstellungsweise liegt hier darin, daß der Kunstmensch aus verschiedenen Körperteilen Verstorbener chirurgisch zusammengeflickt wurde und am Ende mit enormen Stromstößen zum Leben erweckt wurde. Interessant ist auch der Untertitel des Romans ‚Der moderne Prometheus’, der sich aber nicht auf das künstlich hergestellten Monster, sondern auf dessen Hersteller Frankenstein bezieht, der sich damit ein Recht anmaßt, das bisher nur Gott selbst vorbehalten war.

  • Schöne neue Welt

In dem bekannten Roman von Aldous Huxley aus dem Jahr 1932 wird eine Zukunftsgesellschaft vorgestellt, deren Kinder künstlich in Laborretorten gezüchtet werden. Dabei werden sie schon von vornherein als einer bestimmten Gesellschaftskaste zugehörig vorgesehen, wie es etwa in bestimmten Insektenstaaten der Fall ist. Auch sonst scheint dabei das Modell der Insektenstaaten als Vorbild gedient zu haben, denn um das ideale Funktionieren des Staates zu gewährleisten, soll ihnen von vornherein jede Kritikbedürftigkeit und –fähigkeit genommen werden.

  • Doppelgänger

Ein sog. Doppelgänger ist eine Person, die einer anderen zum Verwechseln ähnelt, jedoch kein Zwilling ist, sodaß die Ähnlichkeit rein zufällig ist. Als solcher war er ursprünglich ein Thema der deutschen romantischen Literatur, dessen bekannteste Version diejenige von E.T.A. Hoffmann ist. Von daher wurde diese deutsche Bezeichnung – ebenso wie die Bezeichnung  ‚Maschinenmensch’ - teilweise auch in andere Sprachen übernommen, hier in die englische, französische, italienische, portugiesische, spanische, chinesische und russische.

  • Maschinenmensch

Die deutsche Bezeichnung ‚Maschinenmensch’ ist selbst im englischen Sprachraum teilweise gebräuchlich für spezielle Science-Fiction-Roboter, wie sie ursprünglich in dem Film ‚Metropolis’ von Fritz Lang vorkamen.

  • Android

Ein Android ist eine Spezialform eines Roboters, der nicht nur bestimmte Funktionen eines Menschen nachahmen, sondern auch gleichzeitig so menschenähnlich aussieht, daß er zumindest auf den ersten Blick nicht von einem echten Menschen zu unterscheiden ist. Besonders der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem hat Androiden zum Thema einiger seiner Romane gemacht.

  • Terminator

Terminator ist der Name eines Science-Fiction-Menschen, der über ähnlich erstaunliche übermenschliche Fähigkeiten verfügt wie Superman, jedoch sichtlich kein organischer Mensch von einem anderen Stern ist, sondern ein cyborgartiges Kunstwesen. Der Schauspieler Reinhold Schwarzenegger hat diesen Typus in mehreren Filmen verkörpert.

 

Technisch hergestellte Kunstmenschen

  • Schachtürke und Automatenpuppen

Der österreichische Mechaniker Wolfgang von Kempelen stellte im Jahre 1769 einen von ihm konstruierten Roboter vor, der als Türke verkleidet war und sehr gut Schach spielen konnte. Es stellte sich allerdings heraus, daß es sich dabei um einen Schwindel handelte, denn unter der Attrappe war tatsächlich ein kleinwüchsiger Mensch versteckt, der die Schachfiguren bewegte.

  • Industrie-Roboter

Als Roboter werden einerseits Maschinen bezeichnet, die in etwa eine menschenähnliche Gestalt haben und im allgemeinen zumindest simple Handlungen vornehmen können, die bestimmte menschentypische Tätigkeiten imitieren, oder aber andererseits zwar nicht unbedingt eine menschenähnliche Gestalt haben, jedoch etwa in einer Fabrik menschliche Tätigkeiten ersetzen, indem sie diese automatisch zumeist billiger, exakter und schneller als normale Menschen ausführen. Im ersten Fall sind sie im Prinzip nur Spielzeuge, im zweiten Fall haben sie eine praktische und technisch vorteilhafte Funktion.

  • Cyborgs und Prothesen

Ein sog. Cyborg ist die Bezeichnung für eine Menschmaschine, halb organisch-biologisch und halb Maschine. Dabei ist die Grenze zu einem üblichen Prothesenträger einerseits und einem Roboter andererseits fließend. Wenn lebenswichtige Organe durch künstliche Teile oder fremde Organe ersetzt werden, ist es unüblich, diese noch als Prothesen zu bezeichnen, und wenn in einem technisch hergestellten Roboter z.B. nur noch ein organisches Gehirn implantiert ist, handelt es sich um einen Extremfall eines Cyborgs.

  • Künstliche Intelligenz

Mit Hilfe computergenerierter künstlicher Intelligenz werden zwar keine künstlichen Menschen hergestellt, jedoch menschliche Tätigkeiten künstlich ersetzt. Da diese „intelligen­ten“ Tätigkeiten ursprünglich nur von Menschen durchgeführt werden konnten und insofern nicht nur als menschentypisch galten, sondern auch als allein den Menschen kennzeichnend angesehen wurden, bringt das das menschliche Selbstverständnis an eine kritische Grenze und wirft vor allem auch die Frage auf, was Intelligenz überhaupt ist. Kann eine vermeintlich intelligente Leistung nur dann als wirklich intelligent bezeichnet werden, wenn sie Fähigkeiten implementiert, über die nur biologische Wesen verfügen ?

 

Virtuelle Menschen

Virtuelle Menschen existieren nicht in der Realwelt, sondern nur als Animationen in speziellen Computerprogrammen, die auf einem Monitor oder Fernsehbildschirm sichtbar werden und ggf. von außen gesteuert werden können. Sie können dabei in alle möglichen Computerwelten geführt werden und dort situationsbedingt auf eine Weise handeln, die in der Realwelt nicht möglich wären. Solche Animationen können reine Spielprogramme zur Unterhaltung sein oder auch realen Zwecken dienen, etwa um bestimmte Szenarios durchzuspielen, die real zu aufwendig oder zu gefährlich wären.

 

  • Lara Croft ist der Name einer Computerspiel-Heldin, eine Art Superfrau, die bereits in den 1960er Jahren erdacht wurde und über besondere körperliche Fähigkeiten verfügt, die diejenige normaler Menschen übertrifft.

 

  • Max Headroom ist der Name eines ebenfalls computergenerierten männlichen Kunstwesens, das in den 1980er Jahren erdacht wurde. Beiden Kunstfiguren ist gemeinsam, daß sie nicht handgreiflich real in Erscheinung treten (es sei denn als davon abgeleitete Modellpuppen), sondern ausschließlich in Computerprogrammen oder Filmen.

 

Die umgekehrte Logik

  • Menschen, die Roboter imitieren (Roboterimitationen)

Besonders beliebt bei Straßenkünstlern ist die Darstellung von Robotermenschen, wobei allerdings hier der Reiz der Vorführung darin liegt, daß es sich dennoch erkennbar um echte Menschen handelt, die aber sehr perfekt die Automatenbewegungen und -gesten eines Kunstwesens imitieren. In der sog. Hiphop-Kultur kam diese Technik auch bei Jungendlichen in Mode und wurde dort zu einer akrobatischen Kunstfertigkeit weiterentwickelt, wobei allerdings vor allen das Bewegungsmoment im Vordergrund steht. Damit unterscheidet sich diese Kunstfertigkeit deutlich von derjenigen der Pantomime, in der ein Mensch dargestellt wird, der vor allem durch seine Mimik und Gestik eine lediglich simulierte Situation darstellt.

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