Thema Kultur und Religion

 

   
 

 

 

 

 

 

Altkanzler Schmidt zum Neubau des Berliner Stadtschlosses

(06.02.2013) Mit scharfen Worten hat Altkanzler Helmut Schmidt den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als Humboldtforum kritisiert. “Ich würde es nicht wieder aufbauen”, sagte Schmidt im Interview der Wochenzeitung “Die Zeit” laut einer am Mittwoch vorab verbreiteten Mitteilung. Er frage sich ganz grundsätzlich, was das solle. “Ob das breite Publikum dieses Schloss wirklich will, das bezweifele ich. Fragen Sie doch mal die Menschen in Gelsenkirchen oder Magdeburg, was denen daran liegt.” Schmidt bemängelte vor allem, dass nicht das Land Berlin, sondern der Bund den Großteil der Kosten für die Rekonstruktion trage. “Wer aber, bitte schön, braucht ein Bundesschloss?”, gab er zu bedenken und attackierte zugleich die Hauptstadt: “Die Großartigkeit, mit der in Berlin das Geld anderer ausgegeben wird, ist phänomenal. (…) Die Berliner waren schon immer groß, wenn es darum ging, sich von anderen aushalten zu lassen.” Das Berliner Stadtschloss war im Krieg beschädigt worden. 1950 wurde es auf Geheiß der damaligen DDR-Führung gesprengt. Der Neubau des Humboldtforums in Gestalt des ehemaligen Stadtschlosses soll Mitte 2019 eröffnet werden. Am Montag wurde bekannt, dass sich im Rennen um den Rohbauauftrag für das Stadtschloss das Essener Traditionsunternehmen Hochtief durchgesetzt hat.

Wir haben unsere Sichtweise dazu in einen fiktiven Brief seines früheren französischen Kollegen Valery Guiscard d’ Estaing (hier allerdings ein wenig als Kunstfigur) an Helmut Schmidt gekleidet:

 

Lieber Helmut!

Da wir uns nach so vielen Jahren immer noch gelegentlich gedanklich austauschen, sehe ich mich veranlaßt, dir diesen Brief zu schreiben – und zwar unmittelbar unter Bezug auf dein Buch ‚Außer Dienst’ und wegen einiger darin geäußerter Bemerkungen zum Euro, aber auch anläßlich einer Zeitungsnachricht, der gemäß du dich über den Neubau des Berliner Schlosses kritisch ausgesprochen haben sollst. Nachdem wir uns beide ins Privatleben zurückgezogen haben, haben wir uns angewöhnt, uns auch für Dinge zu interessieren, von denen man normalerweise denkt, daß sie einen selbst gar nicht betreffen. Ich habe mich aber recht intensiv auch mit Städtebau befaßt und möchte dir dazu meine Sichtweise darstellen.

Bekanntlich hat man mir ja immer einen gewissen aristokratischen Dünkel nachgesagt. Ich habe mich dir gegenüber dazu nie gerechtfertigt, denn darin waren wir uns meines Erachtens gar nicht so unähnlich – womit du zugleich siehst, welches Verständnis ich davon habe: Adel ja, sogar auch Geburtsadel, aber keiner, der in irgendwelchen Stammbäumen verankert ist (du wirst allerdings auch wissen, daß ich diesbezüglich selbst keine große Karte ausspielen kann). Was uns unterschied, ist etwas anderes – nämlich dein so unbedingtes Realitätsverständnis, das mich als sogenannten „Intellektuellen“ (was mir ja auch nachgesagt wurde, wobei ich aber nicht immer wußte, wieweit das kritisch gemeint war) bisweilen etwas frappierte. Nicht, daß ich mich nicht auch für einen Realisten hielt und halte, aber in einem etwas weiteren Sinn, den ich dir im folgenden erläutern möchte.

Aber zunächst noch zum Thema unserer Gemeinschaftswährung, die ich im weiteren Sinn damit in Zusammenhang bringe. Dein oben erwähntes Buch wurde zwar in deiner Sprache unmittelbar vor der Euro-Krise veröffentlicht, ich konnte es in der meinigen aber erst über ein Jahr später lesen, und inzwischen hatte sich die allgemeine Einschätzung zum Euro grundsätzlich geändert. Ich weiß deshalb nicht, ob du dich nun dazu anders äußern würdest - insbesondere dazu, daß du den Kritikern dieses Projekts Geschichtsferne vorwarfst -, doch wie auch immer: um das Thema einmal etwas grundsätzlicher anzugehen und besonders dabei auf die dadurch deutlich gewordene Bedeutung der Nationalstaatlichkeit einzugehen, die wir offenbar bei unseren Überlegungen zur Gemeinschaftswährung früher sehr unterschätzt haben, werde ich auch die Gelegenheit nutzen, daran einige Gedanken zu knüpfen, die mit anderen Äußerungen in deinem Buch zusammenhängen.

Daß du dich darin so unbedingt für die Bedeutung eines allgemeinen Geschichtsbewußtseins vor allem für die wichtigen politischen Entscheidungsträger äußerst, hat mich nicht gewundert, denn das kannte ich ja von dir schon früher, obwohl ich darin auch Widersprüche zu deinen sonstigen Bemerkungen sehe, wenn du mir diesen kritischen Einwand, den ich anschließend auch noch erläutern werde, gestatten darf. Du äußerst dich aber unter anderem auch zu Oswald Spenglers These des Unterganges des Abendlandes - und zwar zustimmend, wenn ich das richtig interpretiere, und das möchte ich gerne mit deiner ebenfalls geäußerten Bewunderung Le Bons und Ortega y Gassets, die mich allerdings in dieser deutlichen Weise offen gesagt doch erstaunt hat, in Verbindung bringen, um damit dann auch noch etwas zu meinem eigenen „aristokratischen“ Eliteverständnis sagen zu können - womit sich endlich der Themenkreis wieder schließt und sich alles als ein jeweiliger Teilaspekt eines größeren Ganzen zeigt.

Ich möchte nun zu einer kritischen Betrachtung deiner eigenen Kritik zur Restauration des Berliner Stadtschlosses kommen. Ich habe die Diskussion dazu aus meiner Heimat natürlich aus noch größerer Entfernung verfolgt, und vielleicht wird es dich wundern, daß ich mich dazu überhaupt äußern möchte. Ich habe aber zu dieser Frage ein weniger konkretes, sondern eher höheres und gewissermaßen allgemein-philosophisches Verständnis, und nur in diesem Sinne siehst du mich engagiert. Aber eben darin unterscheiden wir uns letztlich wohl doch – auch was offenbar die Art deines Geschichtsverständnisses angeht. Nicht daß ich dir darin wie deinem unmittelbaren Amtsnachfolger ein lediglich rhetorisches Verständnis unterstellen möchte, aber vielleicht ein zu sehr status-quo-orientiertes: in diesem Sinn leben wir zwar in einer Welt, die nur aus ihrer geschichtlichen Gewachsenheit verständlich ist, was aber an ihrer Konkretheit nichts ändert. Demgegenüber vertrete ich eine Sichtweise, in der es keine strikte Trennung zwischen intelligibeler und konkreter Welt bzw. ‚Welterscheinung’ gibt. Das heißt in einfachen Worten: Ideen spielen darin eine ganz erhebliche Rolle. Sie wirken auch auf die sog. Psyche der Menschen zurück, bestimmen ihr persönliches und kollektives Selbstverständnis und am Ende auch ihre Handlungen.

Ich möchte dich dazu auf folgende Äußerung in deinem Buch aufmerksam machen:

„Das Bremer Rathaus und Schinkels Neue Wache, Unter den Linden, waren die mich prägenden architektonischen Erlebnisse gewesen. Nun wirkte die Stadt Paris auf mich als ein überwältigendes Gesamtkunstwerk: die großartigen Uferstraßen entlang der Seine, .. die breiten Boulevards.. Ich war ein junger Soldat der deutschen Besatzungsmacht, aber Paris weckte in mir das Gefühl neidvoller Bewunderung.. Paris ist für mich der Maßstab für eine Weltstadt geblieben.“

Nun ja, wir haben ja seinerzeit selbst einen Rundgang durch unsere Seinestadt gemacht, und du hast dabei unter anderem die Champs Elysees bewundert. Und vielleicht wirst du dich erinnern, wie ich dir dabei erklärte, wie es Napoleon III. und dem Baron Haussmann im 19. Jahrhundert gelungen ist, aus der bis dahin bestehenden noch sehr mittelalterlichen Struktur der Stadt durch rigorose Einschnitte die moderne Großstadt zu machen, die sie heute ist. Das war eine großartige und ausgesprochen glückliche Leistung, für die ich in der Geschichte des Städtebaus sonst gar keine Parallele sehe. Besonders problematisch ist aber demgegenüber der Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem 2. Weltkrieg, der ansich sogar noch viel mehr zerstört hat als der Krieg selbst. Denn dessen Zerstörungen wären ja auch eine große Chance gewesen, die Städte ebenso in die Moderne zu führen. Das aber hätte eben dieses philosophische Geschichtsverständnis bzw. eine damit verbundene Allgemeinbildung erfordert, zu dem die dafür Verantwortlichen offenbar nicht fähig waren – eben ganz einfach wohl, weil sie zu ihrer Zeit Barbaren in einer barbarischen Umgebung waren – Menschen, die durch die unmittelbar vorhergehenden Ereignisse in tragischer Weise um ihre Geschichte gebracht worden waren. Daß wir in Frankreich das ganz anders sahen und sehen und noch in einem besseren Geschichtsverständnis wurzelten, kannst du zum Beispiel im Elsaß sehen, bei dessen Restaurierung wir gewissermaßen im besten historischen und ideellen Sinn deutscher als die Deutschen selbst waren. Stattdessen wurde auf der deutschen Seite der Wiederaufbau der Münsteraner Innenstadt ursprünglich sehr angefeindet – und mir will es nun trotz aller deiner Bekenntnisse zu der Wichtigkeit eines organischen Geschichtsverständnisses so erscheinen, daß du dich von diesen Leuten gar nicht unterscheidest! Ein Barbar unter Barbaren!?

Ist dir denn, lieber Helmut, die Bedeutung einer Hauptstadt und ihre architektonische Repräsentation als kultureller und bewußtseinsgestaltender Faktor eines Landes und Volkes gar nicht bewußt? Es sei wichtig, schriebst du aber doch an anderer Stelle demgegenüber, das eigene Land und seine Gesetze mit denen anderer Staaten zu vergleichen... Wer von der Geschichte nichts weiß, kann seine Gegenwart nicht verstehen. Dein rhetorisches Talent ist ja allgemein bekannt, aber vernächlssigst du nicht bisweilen allzu sehr die inhaltliche Komponente deiner Äußerungen?

Und bist du wirklich ein so nüchterner und moderner Mensch, wie du vielleicht mit deiner Ablehnung der baulichen Vergangenheit zu sein glaubst? Geschichte ist ja nicht nur ein spezielles Schulfach, an das man sich selbst "außer Dienst" nur rhetorisch erinnern muß, sondern sie ist auf vielfältige Weise in unser ganzes Denken und Handeln eingebunden. Ich verweise dich dazu auf deinen unmittelbar folgenden Satz:

Die Kultur der Franzosen.. ist der unsrigen wohl ähnlich, sie ist aber doch sehr anders, und jedenfalls haben wir Deutschen keinerlei Grund zur Überheblichkeit.

So modern, wie du zu sein vermutest, zeigst du dich darin nun wirklich nicht! Ist dir nämlich bewußt, wie sehr du dich mit dieser nur mühsam unterdrückten Überheblichkeit als ein Vertreter der Vorkriegsgeneration zeigst, wie sehr auch auf dich die damals propagierte Sichtweise wirkte und wie sehr du dich dadurch von der auch bei uns durchaus bekannten Sichtweise der deutschen Nachkriegsgeneration unterscheidest? Diese wuchs ja eben in einem völlig zerstörten Land auf, und das hat sie sehr gründlich von dem krankhaft übersteigerten Nationalbewußtsein geheilt und sogar ganz in eine gegenteilige Sichtweise, einen gewissen nationalen Minderwertigkeitskomplex sogar, versetzt, den schließlich mein Nachfolger Mitterand sehr bewußt - und insofern durchaus als ein kleiner Richelieu - ins Kalkül zog und deinem Nachfolger gegenüber ausnutzte?

Wie sehr dieser Golem in seinem - ich möchte nicht sagen: mangelnden, aber doch unorganisch-verkrampften - National- und Geschichtsbewußtsein den DDR-Machthabern glich, die das Schloß schlichtweg abrissen und durch ein grauenhaftes und jeder Perspektive entbehrendes Bauwerk ersetzten, wird ihm wohl kaum bewußt gewesen sein. Beide waren eben, um damit auf Le Bon und Ortega zu sprechen zu kommen, nur Massenmenschen – keine Vertreter des Geistes, sondern nur des reinen Materieprinzips. Golems eben. Geschichte ja, aber irgendetwas ist in ihr wohl gründlich schiefgelaufen, daß es nicht nur in Deutschland Ost und West, sondern mehr oder weniger in allen zumindest westlichen Ländern dazu kam, daß solche Leute zu den Fortgestaltern ihrer Geschichte wurden! Sie waren darin allerdings Populisten, die sich der Resonanz der Masse bewußt waren und auf diese hin immer handelten - wie nun auch du in deiner Haltung zu eurer baulichen Vergangenheit, für die du ja vom Plebs (verzeihe mir diesen von "aristokratischem Dünkel durchtränkten" Ausdruck, den ich noch näher erläutern werde) viel Zustimmung erhalten hast, wie man hört. Daran ist das schuld, was Ortega y Gasset den Aufstand der Massen nannte und was sich lediglich in verschiedenen Facetten zeigte, die wir als Kommunismus, Faschismus oder Kapitalismus bezeichnen, die sich aber alle in ihrer materialistischen Einseitigkeit und Ignoranz gegenüber tieferen Werten und Vorstellungen gleichen. Nach Ortega war der Grund dafür die falsche, letztlich aus dem Humanismus folgende, Auffassung, daß die Menschen alle gleich seien und daß sich dadurch die moderne Zivilisation in eine „ungerichtete Aggressivität“ gewandelt hat, die (besonders, aber nicht nur) im Faschismus zum Ausdruck gekommen ist. Das zeige sich auch im Ausgrenzungsmechanismus: „Anderssein ist unanständig. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht 'wie alle' ist, wer nicht 'wie alle' denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden.“

Dieses Thema ist mir deshalb so wichtig, weil es daran erinnert, daß wir es auch in der momentanen Euro-Krise mit einer völlig neuen Konfrontation zu tun haben. Der Plebejer ist nämlich in unserer heutigen Karrieristengsellschaft bis in die höchsten Entscheidungsämter vorgedrungen und hat die Krise verursacht.

Was ist der Typus des Massenmenschen? Ich würde sagen, er möchte seine unbewußte Methode, die Gedanken der anderen für die eigenen zu halten, zur allgemeinverbindlichen Norm erheben. Und das hat eben auch politische Folgen, die wir heute so sehr zu beklagen haben. Da nämlich gemäß Ortega die Massen ihrem Wesen nach ihr eigenes Dasein nicht lenken können und dürfen und noch weniger imstande sind, die Gemeinschaft zu regieren, sei damit gesagt, daß Europa in einer der schwersten Krisen stehe, die über Völker, Nationen, Kulturen kommen könne. Wie richtig das ist, zeigte sich nicht nur vor fast hundert Jahren, sondern auch heute wieder in der Euro-Krise, die darauf zurückzuführen ist, daß eben ansich „der Typus der Straße“ - oder sagen wir ruhig: der Gosse – die Gesetze des Handelns in seine Hände genommen hat, nicht nur in der Politik, den Banken und Konzernen, sondern auch in den Finanzmärkten, ja sogar im Sinne einer regelrechten Konsensdiktatur in den Medien. Denn der Fisch stinkt immer zuerst vom Kopf her, was aber heute auch im Bereich der Füße nicht mehr richtig verstanden wird, weil alles paradigmatisch durchtränkt ist und der Fisch eben keine Vorstellung vom Wasser hat.

Deshalb, lieber Helmut, hat mich deine Äußerung zum Berliner Schloß so entsetzt! Ist es dir denn nicht verdächtig vorgekommen, wie viel Zuspruch du dazu wie gesagt bekamst – vom geschichtslosen Plebs eben, der das alles nur rein rechnerisch zu sehen in der Lage ist? Nicht, daß mir Breitenzuspruch schon per se verdächtig wäre, aber wie du diese Reaktionen einzuschätzen hattest, mußte dir doch aus der Art und Weise der Argumente deutlich werden. In welch einer Welt würden die denn leben, wenn ihre Städte nach ihren Maßstäben wieder aufgebaut worden wären? Wird es dir dadurch nicht verständlich, daß die Bildung und Umwelt von Eliten, ich meine wirklichen Eliten und nicht nur hochgekommenem Pöbel, regiert und gestaltet werden sollte und nicht von den Massen?

Aber schon sehe ich die Resonanz auf diese meine Äußerungen, die ich zu meiner aktiven Zeit wohl kaum hätte wagen dürfen. Denn, wie Ortega sagte: Es gibt keinen Helden mehr, es gibt nur noch den Chor! Aber es ist doch wichtig zu begreifen, daß „die Gesellschaft immer eine dynamische Einheit zweier Faktoren ist, der Eliten und der Massen. Die Eliten sind Individuen oder Individuengruppen von spezieller Qualifikation; die Masse ist die Gesamtheit der nicht besonders Qualifizierten.“ Das ist aber vielleicht eine etwas willkürliche Unterscheidung: nicht die Qualifikation, sondern die mehr oder weniger angeborene Qualität ist das Kriterium! Allerdings erwächst die Qualifikation normalerweise aus der Qualität, diese aber ist schon in der Grundveranlagung eines Menschen spürbar. Dagegen zeigt sich die Masse im Durchschnittsmenschen:

Es ist die allen gemeine Beschaffenheit, das sozial Ungeprägte, der Mensch, insofern er sich nicht von anderen Menschen abhebt, sondern einen generellen Typus in sich wiederholt.... Wenn die einzelnen, aus denen die Masse be­steht, sich für be­sonders begabt hielten, hätten wir es nur mit einem Fall per­sönli­cher Täu­schung, aber nicht mit einer so­zio­logischen Umwäl­zung zu tun. Charak­teristisch... ist es jedoch, daß die gewöhnli­che Seele sich über ihre Gewöhnlichkeit klar ist, aber die Un­verfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzu­tre­ten und es überall durchzusetzen.

Du würdest mir ja wohl zustimmen, daß sich das besonders in der Gestalt deines Nachfolgers gezeigt hat. Und vielleicht wirst du dann erkennen, in welche Gesellschaft du dich mit deiner Auffassung gebracht hast – auch wenn es paradoxerweise so gewesen wäre, daß dieser Mensch, der sich im übrigen ja in brutaler Offenheit nur auf die „Gnade der späten Geburt“ berufen wollte und konnte, sich gehütet hätte, dir darin zustimmen. Dein Trotz adelt dich dagegen durchaus: das habe ich immer so gesehen, aber vielleicht bringt er dich hier in ein falsches Lager.

Um noch etwas deutlicher zu machen, warum man staatstragende Ideen – und die Gestaltung des historischen Zentrums einer Hauptstadt gehört unbedingt dazu, sie ist insofern ein wesentlicher Bestandteil der geistigen Infrastruktur einer Nation (und wie wichtig der allzu sehr vernachlässigte Nationalgedanke und die nationale Identität sind, wird uns ja nun wieder durch die Euro-Krise ins Bewußtsein gerückt), - warum man diese Dinge also nicht den Massen überlassen darf und warum ich auch das Prinzip moderner Demokratien durchaus kritisch sehe, möchte ich nochmals Ortega zitieren:

Die Individuen, die die Menge bilden, gab es vorher, aber nicht als Menge. In kleinen Gruppen oder einzeln über die Welt verteilt, führten sie offenbar ein uneiniges, ungeselltes, getrenntes Leben… Jetzt plötzlich erscheinen sie zu Verbänden zusammengefaßt, und unsere Augen sehen überall nur Mengen. Überall? Nein: gerade an den vornehmsten Stellen, die, als verhältnismäßig verfeinerte Schöpfungen der menschlichen Kultur, vorher ausgewählten Gruppen, mit einem Wort den Eliten vorbehalten waren. Die Menge ist auf einmal sichtbar geworden und nimmt die besten Plätze der Gesellschaft ein. .. Bei den Gruppen jedoch, die als auserlesene gekennzeichnet sind, erstreckt sich die tatsächliche Übereinstimmung ihrer Mitglieder auf einen Wunsch, eine Idee, ein Ideal, das vermöge seines eigenen Wesens die große Zahl ausschließt.

Man kann von einer einzelnen Person wissen, ob sie Masse ist oder nicht, sagt Ortega. Dem stimme ich zu. Zum Beispiel war es für mich nie eine Frage, daß deine Amtsnachfolger nur Massentypen waren und daß sie das auch in ihrem Selbstverständnis waren – zwar nicht so wörtlich, aber gemäß den dafür geltenden, von ihnen jedoch nicht hinterfragten Kriterien. Das galt wohl auch für Angela Merkel, aber besonders und fast schon wörtlich für Helmut Kohl. Er hat nie eine über deren Vorstellungen hinausgehende Idee gehabt. Die Verachtung der Rechte seines Volkes, die in seinen Handlungen nach der Wiedervereinigung zum Ausdruck kam, entsprach im Grunde seiner mangelnden Selbstachtung, da er beides nur in einem rein faktischen (machtpolitischen) Sinn begriff – jenseits jeder persönlichen oder kollektiven Idee. Es ist nämlich nicht richtig, daß uns die sog. Umstände zu Entscheidungen zwingen..

... was entscheidet, ist unser Charakter… Masse  ist jeder, der sich nicht selbst aus besonderen Gründen – im Guten oder Bösen – einen besonderen Wert beimißt, sondern sich schlichtweg für Durchschnitt hält, und dem doch nicht schaudert, der sich in seiner Haut wohlfühlt, wenn er merkt, daß er ist wie alle… Die Einteilung der Gesellschaft in Masse und Elite ist daher keine Einteilung nach sozialen, sondern nach menschlichen Kategorien; sie braucht nicht mit der Rangordnung der höheren oder niederen Klassen zusammenfallen.. Alles das gilt auch für das Gemeinschaftsleben. Auch in ihm liegt zunächst ein Horizont von Möglichkeiten vor und dann ein Entschluß, der wählt und über die tatsächliche Art des Kollektivdaseins entscheidet.. Dieser Entschluß entspringt dem Charakter der Gesellschaft oder, was dasselbe ist, des Menschentypus, der in ihr herrscht…

Ich hatte dich nicht so eingeschätzt, wie du mir nun nach deiner Äußerung erscheinen mußt, und deshalb kann ich sie eigentlich kaum glauben. Ich als Regent mit entsprechender Entscheidungsbefugnis würde stattdessen so viele wie möglich alte Gebäude wieder errichten, wenn die alten Pläne noch vorhanden sind und ggf. auch wie im hier erörterten Fall nur der Fassade nach, wie es übrigens auch bei der Restaurierung von Paris durch Haussmann geschehen ist, da im Städtebau immer alles zuerst von der Fassade her gestaltet wird. Jeder Maler arbeitet so, daß er immer zuerst die großen Linien entwirft, um dadurch die Gesamtkomposition festzulegen, bevor er in die Detaillierung geht. Doch für die Gesamtkonzeption sind zunächst immerhin einige Kristallisierungselemente wichtig, die als Katalysator für die weitere Entwicklung auch in den Köpfen der Menschen und am Ende auch in denen der dumpfen Masse wirken müssen. Wenn der Geist aber schon an diesen Punkten scheitert, ihre weichensetzende Bedeutung nicht erkennt und stattdessen solche hinsetzt, die dem Geist oder Ungeist der Masse entspringen, wird am Ende nur ein architektonischer Brei entstehen, mit dem sich intelligente Menschen nicht identifiziere können.

Denn was den Vergleich mit dem deiner Erklärung nach so sehr bewunderten, aber wohl nicht ganz verstandenen Paris oder anderen europäischen Hauptstädten angeht, so fehlt es eurer ja auch hinsichtlich ihrer Chancen ansich noch sehr neuen Hauptstadt gerade an solchen Katalysatoren noch sehr – einerseits weil sie ohnehin noch nicht so alt ist, daß sie insofern der Aufgabe, den ("jawohl!" würde De Gaulle betonen:) Nachfolgestaat des Heiligen Römischen Reiches zu repräsentieren, völlig entsprechen könnte, anderseits aber eben wegen der so totalen Zerstörung im letzten Krieg. Das soll zwar nicht heißen, daß es daneben nicht ebenso viele moderne Gebäude haben sollte, aber grundsätzlich muß eine solche Stadt auch ihre historische Gewachsenheit zeigen (und ich bin darin ganz anderer Meinung als ein amerikanischer Kritiker, der die Restaurierung der von den barbarischen Taliban zerstörten Buddha-Statuen am gleichen Ort als disneyhaft ablehnte und das nur am anderen Ort für möglich hielt, denn das unterscheidet uns Europäer wohl grundsättzlich von den Amerikanern, die sogar ganze Burgen in ihrem Land wieder neu aufbauten, während wir das nur am gleichen Ort für legitim halten und darauf auch angewiesen sind, weil hier sonst kaum ein Gebäude noch stände, das älter als 200 Jahre ist). Den damit verbundenen finanziellen Aufwand ist es allemal wert, denn der kommt vielfach auf anderen Wegen wieder zurück, da eine Volkswirtschaft immer eine ausgeprägte psychologische Komponente hat. Wer meint, das Geld sei besser anderswo investiert, hat nicht begriffen, was Geld überhaupt ist und wie es entsteht.

Du siehst, ich habe mir die Gedanken zu deinem Land gemacht, die ich bei dir vermisse. Ich betrachte das eben als ‚Intellektueller’ und müßte wohl einer früheren Äußerung von dir gemäß jetzt zum Arzt gehen, weil ich ‚Visionen’ habe. Wie auch immer: Die Straße Unter den Linden ist ja inzwischen wieder die eigentliche Repräsentationsstraße Berlins, in der sich wie in Dresden viele restaurierte historische Gebäude aneinanderreihen, die übrigens mehrheitlich wie die Dresdner Frauenkirche durch private Spenden ermöglicht wurden – was ganz nebenbei eben auch zu den positiven Begleiterscheinungen der privaten Kapitalakkumulation gehört. Denn wenn das Geld zu gleich verteilt wäre und der Plebs darin mitzuentscheiden gehabt hätte, wäre die neue Hauptstadt bestenfalls ein zweites Las Vegas oder eine ungestaltete Megalopolis ohne Struktur. Soetwas wirkt dann auf das Selbstverständnis der Bürger zurück. Es führt zu einer rückgekoppelten Degeneration und am Ende zur Erfüllung der Spenglerschen Drohung.

Dein alter Freund Valery

 

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