Thema Kultur und Religion

Der Weg zur Wahrheit ?

oder

Die aktuelle Situation der Universitätsphilosophie

   
   

(Siehe hierzu auch den kritischen Artikel 'Der moderne Kunstbetrieb' des gleichen Autors.)

 

Sein Jetzt-Sein ist stets im Urquellen und Verquellen begriffen, und zwar derart, daß sein Verquellen als Sich-Verströmen einer steten Veränderung gleichkommt, die das eigentlich Urpräsente nicht mehr ureigentlich präsent sein läßt, sondern es in ein Eben-Gewesenes umwandelt, dem sich jedoch fortwährend ein neues Urpräsentes beigesellt, das seinerseits urig hervorquillt, während ihm bereits wieder ein Neues im Modus des urquellenden Jetzt auf dem Fuße folgt… Es gibt (in Mailand) ein Auseinandersein, das auch ein Nacheinander ist, im Sinne eines Distanziertseins der Punkt in der Zeit. In der Bewegung von der Porta Ludovica zur Piazza Napoli sind gleichzeitig anwesend das Jetzt und die Abfolge der Gewesenheiten, der Horizont des Behaltens und der des Dazukommenden. Was uns als erstes hier entgegentritt, ist die Mittelbarkeit der intentionalen Implikation im Verhältnis zur retentionalen Modifikation. Aus dem Quellpunkt strahlt allseits ein sukzessives Bewußtsein des Vorkurzem-Gewesenen, des Gerade-eben-Gewesenen, dem sich ein phasenhaftes Bewußtsein des Vor-Kurzem eines jeden Vor-Kurzem anfügt, so daß wir ein unablässiges „Weiter, weiter, weiter“ haben. Das retentional gebremste Immer-weiter-Fließen ist in sich charakterisiert als ein kontinuierlich andauerndes Schon-Verflossensein, in welchem sich das Schon-Verflossene in seinen einzelnen Stadien charakterisiert als Schon-Verflossenes eines Fließens sowie als mittelbar schon Verflossenes… (Umberto Eco in der sog. ‚Mailandanalyse’ des Karl Opomat.)

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  Nicolajewich: Was ist Wahrheit?

Inzwischen bleiben die solchermaßen beschränkten Universitätsphilosophen bei der Sache ganz wohlgemut; weil ihr eigentlicher Ernst darin liegt, mit Ehren ein redliches Auskommen für sich, nebst Weib und Kind, zu erwerben, auch ein gewisses Ansehen vor den Leuten zu genießen; hingegen das tiefbewegte Gemüt eines wirklichen Philosophen, dessen ganzer und großer Ernst im Aufsuchen eines Schlüssels zu unserem so rätselhaften und mißlichen Dasein liegt, von ihnen zu den mythologischen Wesen gezählt wird… Denn daß es mit der Philosophie so recht eigentlicher, bitterer Ernst sein könnte, läßt wohl in der Regel sich kein Mensch weniger träumen als ein Dozent derselben… Daher gehört es denn auch zu den seltensten Fällen, daß ein wirklicher Philosoph zugleich ein Dozent der Philosophie gewesen wäre… (Arthur Schopenhauer: 'Kopfverderber'.)

Was den hiesigen Philosophen an der Entfaltung seiner Kreativität hindert, ist die strenge hierarchische Ordnung, in die er eingebunden ist. Ein Philosoph tritt in Deutschland nicht als eigenständige Persönlichkeit auf, sondern immer als „Schüler von“. Es wird in der Regel erwartet, daß ein Assistent die Forschungsgebiete und die Meinungen seines Professors übernimmt… Man setzt in der deutschen Philosophie auf Homogenität und stromlinienförmige Anpassung. Bei der Negativauslese gehorsamer Hilfskräfte, die für ihren Meister die Kärrnerarbeit erledigen, kann die deutsche Philosophie begreiflicherweise nicht zu Kräften kommen… Die philosophische Forschung befaßt sich fast ausschließlich mit der Aufarbeitung von historischem Wissensgut.. (Joachim Jung: Der Niedergang der Vernunft.)

 

Das o.g. erste Zitat stammt aus Umberto Ecos Buch ‚Platon im Stripease-Lokal’. Daß er dafür einen deutschnamigen Autor erfand, ist wohl kein Zufall und deutet darauf hin, daß es sich dabei um eine Parodie namentlich auf die deutsche Gegenwartsphilosophie handeln soll. Vermutlich ist deren Zustand zwar in anderen Ländern auch nicht viel besser, aber die haben einerseits auf diesem Gebiet auch eine weniger ‚bestimmte’ Tradition und andererseits auch den Geist nicht mit ebenso rigoroser Gründlichkeit ausgetrieben wie das hierzulande geschah. Gründlichkeit ist bekanntlich eine Sache, die als typisch deutsch gilt, und das läßt vielleicht auch vermuten, warum Eco hier besonders den Namen Mailands mit ins Spiel brachte, denn diese Stadt wurde bekanntlich schon einmal von dem deutschen Kaiser Barbarossa und seinem KanzlerRainald von Dassel so gründlich "analysiert" und ihres Kernes beraubt, daß auch in ihr kein Stein auf dem anderen blieb. Was frühere Generationen an Stein oder Sinn aufgebaut haben, können ihre Nachfolger eben auch leicht wieder zerstören oder ad absurdum führen, und bei uns legen sie hier wie dort dabei stets eine besondere Gründlichkeit an den Tag. Der Autor Joachim Jung, von dem das dritte Eingangszitat stammt, hat den daraus folgenden Zustand recht plastisch beschrieben.[1]

Bevor wir darauf näher eingehen, wollen wir uns zunächst eine ganz grundsätzliche Frage stellen, die über dem ganzen Procedere sonst leicht im Hintergrund verschwindet und als völlig unerheblich betrachtet wird. Es ist die Frage nach dem Wesen oder Kern der Sache, der auch hier wohl verloren ging. Sie lautet:

Gibt es die Wahrheit oder gibt es eine Wahrheit?

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