Thema Kultur und Religion

Der moderne Kunstbetrieb

 

(Siehe hierzu auch den kritischen Bericht 'Der aktuelle Weg zur Wahrheit' des gleichen Autors.)

 

Düsseldorf, vor gar nicht allzulanger Zeit: In den Räumen des Museums der Kunstsammlung NRW soll eine sog. Alternative Kunstauktion stattfinden, in der ausnahmsweise absolut unbekannte Künstler aus dem ‚Underground‘ ihre Objekte anbieten. Einen Tag zuvor hat auch ein überregional bekannter Künstler aus Solidarität mit den Kollegen und Kolleginnen seine Beteiligung angekündigt und will ebenfalls einige eigene Objekte versteigern lassen. Das läßt ein größeres Publikumsinteresse erwarten, und in der Tat ist dann auch der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Kurz bevor die Versteigerung endlich beginnen soll, geht noch ein Raunen durch das Publikum, denn es heißt, daß sogar der bekannte Kunstsammer X erscheinen wird, um selbst mitzubieten. Tatsächlich öffnet sich auch noch einmal eine Tür, ein Herr im Pelzmantel erscheint und bekommt einen Platz in der ersten Reihe zugewiesen. Dann geht die Versteigerung los. Zunächst finden so einige Objekte zu relativ bezahlbaren Preisen ihre Käufer. Nachdem etwa das zehnte Objekt versteigert wurde, tritt dann aber eine Sprecherin ans Mikrophon und teilt dem Publikum mit, daß der benannte berühmte Künstler leider seine Beteiligung zurücknehmen mußte, weil sein Galerist ihm das untersagt habe. Im gleichen Moment erhebt sich der Kunstsammler X im Pelzmantel und verläßt den Saal. Da wird natürlich allen Anwesenden klar, daß er nur gekommen war, um eine günstige Gelegenheit wahrzunehmen, etwas billiger an ein Werk des berühmten Künstlers zu kommen. Alles andere interessierte ihn überhaupt nicht: Dazu hatte er nicht die geringste Einstellung und dementsprechend wohl auch davon nicht die geringste Ahnung. Ihm ging es nur um eine spekulative Geldanlage! Natürlich könnte man dazu sagen, dieser banausenhafte Kunstsammler sei eben nicht typisch, und es gebe auch noch ganz andere. Das mag so sein, aber wenn es so ist, dann ist das ebenso richtig wie die Feststellung, ein Gerippe sei nicht typisch für einen lebendigen Menschen. Na­türlich ist es das nicht, aber es zeigt doch dessen (statisches) Prinzip! Und dieses zu erkennen, ist nicht unwichtig, weil es schließlich diese bürgerlichen Geldanleger sind, auf denen die heutige völlig durchkommerzialisierte Kunstszene ruht. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn wenn uns heute jemand erzählt, er habe sein Herz für die moderne Kunst entdeckt und begonnen, diese zu sammeln, wird klar, daß er darunter - als Sammler geradezu definitionsgemäß - etwas völlig anderes versteht als ein anderer, der etwa sein Leben der Wahrheitssuche als Künstler verschrieben hat. Beide Kunstauffassungen schließen sich gegenseitig aus, wie die vorbeschriebene Szene zeigt.

Ist Kunst Kunst, weil sie Kunst ist? Darüber mögen sich die Philosophen streiten und werden möglicherweise so lange nicht zu einem Ergebnis kommen, wie sie sich nur auf den objektiven Aspekt des Themas beziehen. Anders sieht es aber beim subjektiven Aspekt aus: denn wenn wir schon sagen müßten, daß alle Kunstbewertung letztlich subjektiv ist, so gibt es doch recht objektive Unterscheidungsmöglichkeiten hinsichtlich der verschiedenen Motive unter den Kunstliebhabern. Wir sprechen hier also so gesehen von der Subjektivität der Objektwertschätzungen und der Objektivität hinsichtlich der Unterscheidungsmöglichkeiten wertsetzender Subjekte. Mit anderen Worten: der Kunstbegriff mag zwar relativ sein, nicht aber die Unterschiedlichkeit zwischen verschiedenen Kunstliebhabern. Hier gibt es nämlich zumindest zwei verschiedene Grundtypen, die gegensätzlicher kaum sein können, ja, in denen sich sogar ein archetypischer Fundamentalgegensatz zeigt – nämlich der zwischen Geist und Materie. Diese Unterscheidung ist tatsächlich äußerst markant, obwohl sie in unserer rein objektbezogenen Alltagspraxis kaum gesehen wird. Kunst ist so gesehen immer noch Kunst, wenn auch einem permanenten Wandel und nach Ansicht Einiger sogar einem ständigen Fortschritt unterworfen, während die darauf bezogene subjektive Wertschätzung lediglich eine Bildungs- und Interessenfrage ist (was sich aber üblicherweise nicht deutlich unterscheiden läßt). Daß eine unterschiedliche Projektion auch darüber entscheidet, was allgemein ins Auge gerückt wird, ist dabei allerdings so selbstverständlich, daß es niemandem als wesentlich auffällt.

Wenn nach unserer anderen Sicht der Dinge aber die gegensätzliche Motivation der Kunstliebhaber so entscheidend ist, sollten wir sie näher betrachten. Da haben wir einerseits den stillen Liebhaber der Kunst, der sich ganz für sich in das von ihm geschätzte Werk versetzt und dazu eine ganz persönliche Beziehung hat. Vielleicht müßten wir hier wieder zwischen zwei Untertypen unterscheiden, nämlich einerseits dem provinziellen Kunstliebhaber und andererseits dem hochintellektuellen, der durchaus seine eigene Kunsttheorie hat, sich an sehr bewußten uralten Prinzipien orientiert und dabei keineswegs unbedingt nur alte, sondern natürlich auch moderne Kunst schätzen kann. Entscheidend ist aber, daß er dabei recht unbeeinflußt von der Meinung anderer bleibt. Diesem Typus steht ein anderer gegenüber, der zwar auch eine entschiedene Meinung über Kunst hat, die jedoch ganz wesentlich von der öffentlichen Meinung beeinflußt ist. Auch hier müssen wir wieder zwischen zwei Untertypen unterscheiden, nämlich dem, der das völlig unspekulativ und unbewußt tut, weil er zu einer eigenen Meinung grundsätzlich gar nicht in der Lage ist (was umso unangenehmer ist, wenn das dennoch nichts an deren Entschiedenheit ändert), und dem, der dabei spekulative Absichten hat. Dieser Typus ist in den letzten drei oder vier Jahrzehnten besonders in den Vordergrund getreten.

Wenn wir nun die beiden Grundtypen gegenüberstellen, so haben wir auf der einen Seite den stillen und auf der anderen den gewissermaßen öffentlichen Kunstfreund. Daß letzterer sich seiner spekulativen oder fremdbestimmten Motive absolut bewußt ist, ist dabei nicht unbedingt zwingend, und er würde diese wesentliche Unterscheidung wahrscheinlich gar nicht sehen. Sein gegensätzliches Wesen tritt aber z.B. dann zutage, wenn er erfährt, daß sein von ihm erworbenes Werk gar kein Original, sondern eine Kopie ist. Das mag den Individualisten nur mäßig stören, da er ja eine Vorstellung von der ganz eigenen Qualität seines Werkes hat und es ihn im Grunde nur wenig interessieren mag, wer der Künstler war. Das setzt allerdings ein hohes durchaus eigenständiges Qualitätsbewußtsein voraus, das ihn nicht nur vom Provinzler unterscheidet, sondern auch vom modernen Sammlertyp, der weit davon entfernt ist, denn dieser bezieht sein Wertverständnis vor allem daraus, daß er in der Tat sehr gut darüber informiert ist, welchen in Geld ausdrückbaren Schätzwert sein Objekt hat. Der moderne Sammler ist tatsächlich nichts anderes als eine Mischung aus Spekulant und Bürger – insofern als es für ihn in bürgerlicher Manier sehr wichtig ist, was andere über seinen Besitz denken. Da die Meinung dieser anderen ebenfalls an den Geldwert gebunden oder aber durch diesen ausdrückbar ist und dieser auch durch die Menge der Besitzobjekte steigt, geht es dem modernen Sammler üblicherweise um Akkumulation. Was ihn treibt, ist eine Mischung aus Gier, Geltungssucht, Macht- und Kontrollwahn. Indem er die Objekte kauft, bemächtigt er sich nicht nur ihrer selbst, sondern letztlich auch der alternativen Realität des Künstlers. Denn da er sonst immer nur für die Vermehrung seines Geldes sorgen konnte, empfindet er ein schmerzliches Defizit in geistiger Hinsicht und kann sich nun beweisen, daß er diesen Aspekt mit Hilfe seines Geldes einfach kaufen kann. Außerdem erwirbt er so nicht nur einen Dazugehörigkeitsausweis zu einer ihm maßgeblich erscheinenden Elite, sondern vielleicht auch einen Anteilsschein im Olymp.

Je mehr sich alles an veräußerlichten Werten orientiert, die sich als Marktwert und Repräsentation darstellen, desto mehr relativiert sich die jeweils persönliche Beziehung zu dem Kunstobjekt. Während der individuelle Kunstkenner sich auf sein eigenes Urteil beschränkt und sich darin nicht von irgendwelchen Expertisen oder Geldäquivalenzen irritieren läßt, kann der moderne Sammler unter Umständen gar keine persönliche Beziehung zu seinem Objekt haben. Vielleicht hält er sich noch nicht einmal für sachverständig genug, dieses für ihn im Grunde ominöse Phänomen „Kunst“ richtig zu würdigen. Es genügt ihm, daß ihm sein Anlageberater geraten hat, es zu erwerben, und er hat zu diesem genügend Vertrauen, daß ihm dieser rechtzeitig Bescheid gibt, wann er es ggf. noch schnell genug wieder verkaufen kann, damit er nicht immer noch darauf sitzt, wenn möglicherweise sein Wert zwischenzeitlich in den Keller gesunken ist. Denn dann kann es ihm sogar drohen, daß man ihm sagt: „Wie konntest Du nur darauf setzen? Siehst Du nicht, daß es völlig geschmacklos und ohne jede Substanz ist?“ [1] Dann handelt er sich sogar noch den Ruf eines Banausen ein – und das u.U. für das gleiche Objekt, das ihm ein paar Wochen zuvor die Anerkennung aller bestens informierten Insider des Kunstbetriebes verschafft hatte. Das würde ihn zerstören – nicht nur finanziell, sondern auch gesellschaftlich und nicht zuletzt deshalb auch psychologisch. Denn schließlich ist es eine der allerwichtigsten Funktionen eines solchen Sammlerobjektes für diesen Typus des heutigen Sammlers, daß es ihm als Persönlichkeitskrücke dient. Es muß dabei nicht unbedingt sein, daß er unter ganz normalen Komplexen leidet, aber Leute seines Schlages empfinden wegen ihrer allzu großen Äußerlichkeit immer ein schmerzliches Defizit, das sie eben mit ihren Sammlerobjekten ausgleichen wollten. Was aber würde es den idealistischen Sammler scheren, wenn man ihm plötzlich sagte, der Handelswert seines Bildes sei praktisch über Nacht in den Keller gefallen? Er hatte ja gar nicht vor, es zu verkaufen, und er empfindet gerade jetzt eine umso größere Freude an dem Bild, als ihm eine gewisse Unverstandenheit stets ein reizvoller Nervenkitzel gewesen ist. Schließlich projiziert er in sein Bild auch seinen eigenen Wert und identifiziert sich insofern mit ihm und seiner eigenen Wertsetzung, und die ist gerade für ihn umso kostbarer, je weniger gesellschaftliche Bestätigung er dafür erhält. Denn im Prinzip ist er ein Melancholiker.

Wenn dagegen im offiziellen Kunstbetrieb alle bisherigen Maßstäbe für Kunst auf dem Prüfstand stehen, gilt nur noch ihr Preis als Maßstab, und der ist lediglich das Maß des allgemeinen Begehrens bzw. der auf sie gerichteten Aufmerksamkeit. Das bedeutet aber, daß hier Kunst keine Frage der Begabung oder Kultur mehr ist, sondern der Zivilisation. Dort wo das Geld und der Informationsverbund ist, entsteht Kunst. Das Geld begibt sich nicht mehr auf die Suche nach Kunst, sondern bringt sie an seinem eigenen Ort und nach seinen eigenen Maßstäben hervor. Es ist wie gesagt keineswegs zwingend, daß sich der neue Sammler der ganz anders gearteten eigentlichen Natur seines Kunstinteresses bewußt ist. Er kann durchaus besten Glaubens sein, daß sich dieses in keiner Weise von dem des Idealisten unterscheidet. Indem er auf das Objekt fixiert ist, hält er dieses für ein Prinzip, das zwar einem zeitbedingten Modewandel unterliegt, aber ansich das gleiche ist wie seine Vorgänger - nämlich eben Kunst. Seinen persönlichen Bezug dagegen hält er für eine rein subjektive Projektion und kommt nicht auf die Idee, daß das etwas mit der Sache selbst zu tun hat. Daß mit seinem persönlichen Bezug auch seine Motivation eine völlig andere ist und in diesem Fall auch eine ganz andere Sache hervorbringt (die man ebenfalls als Kunst bezeichnen mag, sich aber von der anderen Kunst völlig unterscheidet, sodaß die Verwendung des gleichen Begriffes problematisch wird und nunmehr sogar usurpatorische Elemente enthält), das sieht er nicht. Denn selbstverständlich hat er aus seiner Sicht jetzt plötzlich auch sein Herz für die Kunst entdeckt, allerdings eben aus einer völlig anderen Motivation heraus, die ganz entscheidend nicht nur die Gesamttendenz der nun durch die neue Besitz-Sammler-Generation bestimmte Szene ändert, sondern ebenso entschieden auch das, was nunmehr in dieser favorisiert wird. Die Autorin Piroschka Dossi [2] erinnert aber daran, daß es auch schon früher die Unterscheidung der unterschiedlichen Beziehungen zur Kunst gab:

Schon der englische Nationalökonom Adam Smith beobachtete Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Essay über Imitative Arts die Bedeutung von hohen Preisen für die Wertschätzung jener Kunstwerke, „die sich nicht an die Vernünftigen und Weisen, sondern an die Reichen und die Großen, an die Stolzen und die Eitlen“ richten.

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[1] In diesem Sinne hatte sich tatsächlich ein mir bekannter Galerist geäußert - nämlich über die da inzwischen plötzlich nicht mehr sehr geschätzten sog. 'Jungen Wilden'. Die seien eben, so meinte er, völlig substanzlos gewesen. Nur allerdings: Zuvor war er noch ganz anderer Meinung gewesen.
[2] Piroschka Dossi: Hype, Büchergilde Gutenberg, 2007
 
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