Thema Kultur und Religion

 

Das Gesetz von Zeit und Ort

Oft ist die Frage des richtigen Zeitpunktes entscheidend: man muß der richtige Mensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Oder aber man muß zur richtigen Zeit die richtige Idee haben, am besten eine, die schon irgendwie in der Luft liegt. Eine günstige Stunde dazu war sicher zu Anfang der siebziger Jahre gegeben, als sich diese heutige Kunstszene zum ersten Mal formierte. Bis dahin war die Pop-Art die vorherrschende Kunstrichtung gewesen, die vor allem von Amerika ausging. In dieser Zeit bestimmten die Amerikaner das ganze Kunstgeschehen, aber Anfang der siebziger Jahre räumten sie das europäische Feld, um sich dann in Amerika in einer Parallelrichtung weiter zu entwickeln. In den 80er Jahren gab es trotz einiger Vermengungen und Verwischungen im Großen und Ganzen eine von der europäischen getrennte spezifisch amerikanische Kunst, die durch immer noch deutliche Pop-Art-Einflüsse gekennzeichnet war, die in Europa kaum noch auszumachen oder geradezu 'out' waren. Im 19. Jahrhundert hatten die Impressionisten der Salonkunst einen gehörigen Schrecken eingejagt, indem sie im Underground eine Gegenkunst entwickelten, die schließlich offiziellen Charakter bekam. Dieser Schrecken steckte den Galeristen, Kritikern und Museumsdirektoren seitdem immer noch im Nacken, und deshalb waren sie seither bemüht, alle avantgardistischen Bewegungen unter ihre Kontrolle zu bringen und sich selbst an ihre Spitze zu stellen. Doch die Pop-Art war in gewisser Weise der Weisheit letzter Schluß gewesen, denn bis dahin hatte man immer noch etwas Neues machen können, aber inzwischen waren auch hier fast alle Möglichkeiten ausgereizt. Diese Situation erschien zwar fatal, aber die Idee lag damit bereits in der Luft, daß die Frage, was neu in der Kunst ist oder nicht, letzten Endes davon abhängt, was eine Mehrheitsmeinung darüber denkt. Und die läßt sich im Zeitalter der Massenmedien sicher auch manipulieren. Es hat also keinen Zweck, sich noch weiterhin schlaflose Nächte über der Kunstfrage zu bereiten, als gäbe es eine höhere Wahrheit. Wichtig ist nur, daß man alle Fäden in seiner Hand hat und damit das Spiel bestimmt. So gesehen war der eigentliche Fehler der Salonkunst des 19. Jahrhunderts der gewesen, daß sie diese verloren hatten, und nicht, daß die Impressionisten einfach besser und wahrhaftiger waren. Denn wie nicht nur die Philosophen wissen, gibt es eine an sich bestehende höhere Wahrheit gar nicht. Dieser uralte und inzwischen überfällige Gedanke schien nun plötzlich die Möglichkeit zu eröffnen, einen ebenso alten Alchimistentraum Wirklichkeit werden zu lassen. Die Alchimisten hatten sich bekanntlich vergeblich darum bemüht, aus wertlosen Metallen Gold zu machen. Doch wenn man es richtig macht, kann man es erreichen, daß praktisch jedes Objekt Kunstwerk-Charakter bekommt und zu unter Umständen astronomischen Summen verkauft werden kann. Am Anfang dieser Szene standen also einfach nur einige sehr nüchtern denkende Geschäftsleute, die sich irgendwo zusammenfanden und die entscheidenden Schritte einleiteten. Jedenfalls wenn man es so sehen will, wogegen diese Leute sich natürlich wehren: es gibt ja viele Bewegungen, und wenn man sagt, sie seien zusammengekommen, so liegt die Aussage in der Betonung und der Perspektive, unter der man das sehen will. Ob sie es also beabsichtigten oder nicht: sie hatten damit gewissermaßen den Stein der Weisen gefunden.

Das Geschäft ist eigentlich ganz einfach: der eine betreibt eine Galerie und stellt darin einige Künstler vor, und der andere hat vielleicht einen Kunstbuchverlag und läßt seine Autoren über eben diese Künstler lobende Worte schreiben. Der dritte sitzt möglicherweise im Ausschuß eines Fernsehsenders und sorgt dafür, daß in regelmäßigen Abständen Berichte über diese Künstler im Fernsehen erscheinen. Natürlich kann man solche Dinge niemals beweisen, und sie werden oft auch ganz unbewußt praktiziert, nur dadurch, daß jeder an seinem Platz wirkt und seine Rolle spielt, aber etwas sonderbar ist es schon, wenn immer nur Berichte über die Künstler ganz bestimmter Galeristen gesendet werden. Vielleicht steckt dahinter auch der wirkliche Glaube, das seien die besten, aber das macht die Sache nicht besser. Absicht und Nichtabsicht, Idealismus und Profit, stehen in bürgerlichen Strukturen so dicht nebeneinander, daß selbst die Akteure sie kaum auseinanderhalten können. Wenn irgend etwas möglich ist, wird es aber sicher auch sehr bald gemacht, besonders wenn es dabei um Geld geht. In diesem Falle geht es um sehr viel Geld, von dem für alle mehr oder weniger bar und direkt etwas abfällt, und das damit praktisch aus dem Zylinder hervorgezaubert wird. Damit kann das ja auch keine unsaubere Sache sein, denn es werden so ja völlig neue Werte geschaffen, und diejenigen, die sich die Bilder für teures Geld am Ende kaufen, haben dadurch ja wirklich einen Gewinn.

Vielleicht hat es unser Künstler aber doch schon einmal bei kommerziellen Galerien versucht und seine Mappe dort vorgestellt. Solche Galerien, jedenfalls die führenden, besitzen in der Regel eine sehr imponierende Fassade, und man betritt ihre Räume eher etwas verschüchtert. Eine elegante Sekretärin verweist den jungen Künstler an einen anderen auffallend unauffällig wirkenden Angestellten, der offenbar auch nicht der Galerist selbst ist (denn der ist ständig in der Welt unterwegs und hat überall wichtige Termine mit wichtigen Leuten), aber er kann dem Künstler schon sagen, ob seine Arbeiten für die Galerie von Interesse sind oder nicht. Er nimmt sich sogar viel Zeit, um die Mappe nachdenklich zu begutachten, schüttelt aber am Ende den Kopf. Das war fast zu erwarten gewesen, denn die Kunstwerke, die an den Wänden dieser Galerie hängen, sind wirklich ganz anders. Es handelt sich dabei um eher sehr kleine Objekte, die eigentlich völlig verloren auf die riesigen zweigeschossigen Betonwände verteilt sind. Damit kann man die Arbeiten des Künstlers natürlich nicht vergleichen, sagt der Galerieangestellte und läßt dabei höflicherweise offen, ob diese Aussage qualitativ gemeint ist. Er will auch zunächst nicht sagen, warum er diese Arbeiten nicht für 'passend' hält, und erst nach mehreren Nachfragen läßt er sich zu dem Kommentar bewegen, diese Arbeiten erinnerten ihn an bestimmte Arbeiten des bekannten Malers Y, wobei seiner Stimme nicht zu entnehmen ist, ob er das anerkennend meint oder damit den Plagiatvorwurf verbindet. Auf die Nachfrage, ob er denn die Bilder des Malers Y. auch nicht möge, antwortet er aber eher entrüstet, daß er die selbstverständlich sehr bewundere. Unser junger Künstler hat danach den Ort des Geschehens in einer sehr bedrückten Stimmung verlassen, und erst einige Tage später ist ihm klar geworden, daß der Galerist sich gar nicht anders verhalten konnte.

Hätten nämlich die bei ihm ausgestellten 'reduzierten' Objekte irgendwo auf einem Kartoffelacker herumgelegen, wäre niemand auf die Idee gekommen, darin Kunstwerke zu sehen, und sie wären da auch noch keine gewesen. Zu Kunstwerken werden sie nur durch das ganze Drumherum, ähnlich wie der heilige Geist in der Kirche ja auch nicht direkt sichtbar gemacht werden kann, sondern nur über den Weihrauch und das Glöckchengebimmel. Aber wie die Kirchen auch immer großartige und besonders hervorgehobene Gebäude sind, so ist auch die Fassade einer Galerie und ihre teure Innenstadtlage wichtig, denn erst an ihren Wänden sieht man plötzlich die Objekte in einem ganz anderen Licht. Und auch die Sekretärin und das betonte Understatement des Galeristen liefern ihren Teil dazu. So ist auch das bedauernde Kopfschütteln ein ganz genau inszenierter Teil einer Zeremonie, die erst den Objekten an den Wänden die richtige Weihe gibt. Zumal ein Mensch, der bisher noch niemals Zeit hatte, sich für Kunst zu interessieren und nur schnell einmal sein Geld anlegen möchte, zeigt sich so nicht nur leicht beeindruckt, sondern sogar bald restlos überzeugt. Daß der Galerist es sich nicht leisten kann, die Bilder eines bekannten Malers nicht anzuerkennen, obwohl er den selbst nicht vertritt, versteht sich auch von selbst, denn sonst würde er ja indirekt Zweifel an der ganzen Szene erwecken

Nichts ist schädlicher, als möglicherweise irgendwelchen Leuten auf die Füße zu treten, denn niemand kann wirklich wissen, über welche Einflüsse und Machtmittel andere verfügen. Die Verflechtungen sind erheblich, und mancher hat sein ganzes Privatleben und sogar seine verwandtschaftlichen Strukturen danach ausgerichtet, ähnlich wie in früheren Fürstenhäusern alle miteinander verwandt waren. Ein sehr bekannter Maler Z. etwa war möglicherweise in erster Ehe mit einer inzwischen ebenso bekannten Galeristin verheiratet gewesen, die aber danach einen noch einflußreicheren Galeristen geheiratet hatte (denn Stagnation kann tödlich sein), während der Maler dafür vielleicht mit dem Direktorenposten einer Kunstakademie abgespeist wurde. Und wenig später wurde sicherlich auch diese Galeristenverbindung aufgelöst, und der Galerist heiratete danach eine noch wichtigere Galeristin in Amerika, während seine frühere Gattin einen Politiker heiratete, der in einer nicht ganz kleinen Stadt Chef der Polizei war. Diese Verbindungen erweisen sich als recht vorteilhaft, denn der Galerist kann nun seine hier zunächst nur wenig lancierten und noch nicht ganz teuren Künstler erst einmal zu seiner Frau nach Amerika schicken, die sie in Amerika weiter 'pusht'. Nach einigen Hin und Hers können dann die Maler schon recht teure Bilder malen. Währenddessen baut die ehemalige Gattin zusammen mit ihrem neuen Gatten in der anderen größeren Stadt ihre Beziehungen aus. Dieser Gatte ist nicht zimperlich und hat unter anderem seine Polizei auch schon einmal harmlose Passanten zusammenprügeln lassen und dieses Vorgehen auch öffentlich gerechtfertigt. Man kann sich leicht vorstellen, welche ungeahnten Möglichkeiten sich da ergeben, auch einmal einen Künstler hochzupushen und andere auf ihren gottgewollten Platz zu verweisen. Der altbekannte Ellenbogen erscheint dagegen geradezu als hausbacken.

Unser junger Künstler aber versucht sich derzeit im Underground zu profilieren und kommt jedenfalls oft mit anderen Künstlern zusammen, die sich in der gleichen Situation befinden. Aber dieser Underground ist auch nicht mehr das, was er einmal war, denn eigentlich wird hier nicht viel anderes gemacht als das, was 'die da oben' machen. Der Idealismus und die Originalität hat sich anscheinend zumindest im unmittelbar kreativen Stil völlig verloren und konzentriert sich auch hier vor allem auf die Nebenaktivitäten, die sich schon deshalb von denen der Etablierten durch größeren Idealismus unterscheiden, weil hier gar nichts anderes übrig bleibt. Die künstlerischen Normen werden jedenfalls, wie auf Nebenausstellungen leicht zu erkennen ist, ziemlich unbesehen übernommen. Anscheinend hat sich allgemeine Ratlosigkeit breitgemacht, denn auch den Etablierten fällt nicht allzuviel Neues mehr ein. Plötzlich scheint es deshalb geradezu Din-genormte Originalitätsausweise zu geben, wie etwa den Brauch, an jedem Finger einen Ring zu tragen, was man eine Zeit lang gleich dutzendweise bei etablierten Künstlern und weniger etablierten Kunstredakteuren beobachten konnte. Einer etwa gefiel sich darin, sich in einem Fernsehbericht in Gamaschen aus seinem Luxusauto steigend zu präsentieren und gab sich ansonsten so, daß man ihm eigentlich nicht gerne im Dunklen begegnet wäre. Es scheint so, als brächte jede Gesellschaft die Kunstszene hervor, die ihrem sonstigen Geist entspricht. Vincent van Gogh würde sich vermutlich im Grabe umdrehen. Auf alternativen Podiumsdikussionen kommt deshalb hin und wieder Endzeitstimmung auf. Man hält den Einfluß des Kapitals zwar für negativ, betont aber, daß es ohne derartige Mechanismen schließlich nichts geben könne, vor dessen Hintergrund eine höhere Kunstidee entstehen kann. Daran ist etwas Wahres, denn am Nordpol zum Beispiel gibt es keine Kunstszene und demnach auch keine Kunst (zumindest in dem hier erörterten Sinn nicht). Also müßte man den Geldverdienern sogar dankbar sein, und man müßte sogar auch ihren Machenschaften dankbar sein, denn ohne Unwahrhaftigkeit kann keine Idee von Wahrheit entstehen - das altbekannte dualistische Prinzip. So ist es in der Tat, und deshalb kann man vielleicht auch den Gedanken verschmerzen, daß selbst bei dieser alternativen Veranstaltung fast nur Professoren und sonstige Karrieristen auf dem Podium sitzen, denn alle diese Strukturen entstehen eben in einer bürgerlichen Gesellschaft ganz zwangsläufig. Jeder, der das Wort erhebt, müßte sonst schon deshalb als Verräter angesehen werden, und nur das Schweigen könnte noch als Ausdruck von Wahrhaftigkeit betrachtet werden. Dieses ist in der Tat ein Dilemma.

 

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