Thema Kultur und Religion

 

Wie etabliert man sich als Künstler?

 

Ein Interview des Journalisten Küppersbusch mit dem Künstler A.R.Penck:
Küppersbusch "Sagen Sie einmal, Herr Penck, wenn ich hier so einen Krackel male - ist das auch Kunst?"
Penck: "Selbsrverständlich nicht!"
Küppersbusch: "Wieso nicht?"
Penck: "Das ist eben keine Kunst. Das kann Ihnen jeder sagen, der etwas davon versteht."
 
Ein Ignorant: "Kunst ist heute das, was jeder machen kann, aber nicht jeder machen darf." - Gegenfrage: "Letzteres mag immerhin noch einleuchten, aber warum ersteres?" - "Weil sich sonst wieder eine Künstlerkunst etablieren und sich die Galeristen um ihr Definitionsmonopol bringen würden."

 

Wenn wir ein Kunstwerk verstehen wollen, müssen wir auch die Gesellschaft verstehen, aus der es hervorgegangen ist, und umgekehrt können wir aus einem Kunstwerk entnehmen, was der Künstler und die ihn mehr oder weniger unmittelbar bestimmende Gesellschaft gedacht und empfunden hat. Darin liegt ja auch die besondere Bedeutung der Kunstgeschichte, daß sie uns nachträglich noch etwas über die zu bestimmten inzwischen historischen Zeiten herrschenden geistigen Gegebenheiten sagen kann. Wohl über keinen Abschnitt der vergangenen Kunstgeschichte sind wir so gut und umfassend informiert wie über die italienische Renaissance, denn es gibt darüber eine wahre Fülle von Dokumenten. Wir kennen demnach die damals gegebenen gesellschaftlichen Umstände noch sehr genau und könnten in diesem Falle auch aus den schriftlichen Dokumenten fast ohne die Kunstwerke auf den Geist schließen, der die Menschen erfüllte und motivierte. Wir wissen also auch, wie die Karriere der meisten Künstler verlief und welchen Umständen sie diese zu verdanken hatten. Im Mittelalter war der wesentliche Auftraggeber noch die Kirche, doch in der Renaissance wurden es dann zu Geld und Einfluß gekommene Bürger, vor allem einige wenige Patrizierfamilien, um deren Gunst sich die Künstler teilweise sehr aufdringlich bemühten, wie viele noch erhaltene Bitt- und Bewerbungsschreiben erkennen lassen. Letztlich bestimmten also die Auftraggeber und Mäzene nicht nur über den Erfolg der Künstler, sondern mitunter sogar über ihr ganzes Lebensschicksal. So stand etwa Andrea Mantegna unter dem Schutz und Mäzenatentum der Markgrafen von Mantua, von denen er sehr unmittelbar abhing. Als der Markgraf Ludovico Gonzoga und wenige Jahre später dessen Sohn Federico verstarben, trat der erst 18-jährige Francesco Gonzoga das Erbe an, der eher dem Kriegswesen als der Kunst zugeneigt schien, sodaß sich Mantegna zu einem Brief an Lorenzo de Medici in Florenz mit der Bitte um Schutz und Geld veranlaßt sah. Jedoch erwies sich diese etwas kopflose Reaktion als überflüssig, denn auch Francesco wurde wie sein Vater und Großvater ein ihm sehr zugetaner Gönner, sodaß Mantegna das Exil erspart blieb. Diese Umstände zeigen, daß das damalige Bild des Künstlers wenig mit dem heutigen gemein hat. Die Künstler und ihre Kunst waren eher ein Selbstdarstellungsinstrument der Patrizier, die auf diese Weise ihre Bedeutung zu unterstreichen versuchten und auch miteinander konkurrierten. Das Schicksal der Künstler war diesem Spiel auf Wohl und Wehe ausgeliefert, und man kann sich denken, daß alle ihre Gedanken zunächst darum kreisten, wie sie ihre jeweiligen Auftraggeber zufriedenstellten, statt sich in erster Linie von großen darüber hinausgehenden Ideen leiten zu lassen. Das Ideal des autonomen Menschen galt demnach eher für die Auftraggeber als für die Künstler, wenn dieses sicher auch nicht so formuliert wurde und sich alle mit Eifer auf die höhere Kunstidee beriefen.

In der seitdem vergangenen Zeit gab es in der europäischen Kunstgeschichte noch zwei weitere überregional wirklich bedeutende Kunstszenen, nämlich die holländische und flämische im 17. Jahrhundert und die französische im 19. Jahrhundert. Als vierte könnte man dann die heutige bezeichnen, die im Wesentlichen auf einige europäische und nordamerikanische Großstädte konzentriert ist. Die sich dabei ergebenden Veränderungen waren vor allem durch den zunehmend an Einfluß gewinnenden Handel gekennzeichnet, den es in der italienischen Renaissance in dieser Form eigentlich noch gar nicht gab. Heute dagegen scheint dieser praktisch alle Fäden in der Hand zu haben. Wie es in Florenz und Venedig eigentlich nur eine Mäzenatenkunst gegeben hat, so könnte man heute von einer reinen Galeristenkunst sprechen. Eine 'Künstlerkunst' hat es so gesehen niemals gegeben, obwohl selbstredend immer alle davon und nur davon gesprochen haben. Es ist gerade in der Kunstszene mitunter schwierig, zu beurteilen, ob die Leute wirklich an das glauben, was sie sagen, oder ob sie nur Theater spielen. Sie selbst wissen es meistens nicht einmal. Wenn der kunstinteressierte Laie sich deshalb zum ersten Mal in der heutigen Kunstszene umsieht, steht er einer verwirrenden Vielfalt von Erscheinungen gegenüber, die ihn je nach Konstitution und Motivation mehr oder weniger stark beeindrucken: die Szene! Was ist das eigentlich? Worin äußert sich die Szene, wer gehört dazu und wer nicht? Nach welchen Maßstäben richtet sich eine solche Dazugehörigkeit, und nach welchen Spielregeln vollziehen sich die Vorgänge in der Szene? Besonders ein junger Künstler möchte das natürlich gerne wissen, zumal dann, wenn er zu der Überzeugung gekommen ist, daß er aus seinen eigenen vier Wänden herauskommen muß, wenn er überhaupt bemerkt werden will. Denn zwar kann er sich auch dort als Künstler fühlen, aber bei Licht betrachtet unterscheidet er sich darin vermutlich in keiner Weise von dem Röhrende-Hirsche-Maler von nebenan. Der Künstler ist so gesehen auch ein dualistisches Wesen, denn einerseits gehört es eigentlich zwangsläufig - da er ja ein Idealist ist und dieser Lebenseinstellung wirkliche Opfer bringt - zu seinem Selbstverständnis, über jedes Publikum die Nase zu rümpfen, andererseits geht es aber auch nicht ohne. Und zwar durchaus nicht nur wegen des Geldes, sondern auch wegen des Röhrende-Hirsche-Malers von nebenan. Kein Künstler kann mit der fatalen Einsicht leben, daß Kunst letzten Endes relativ ist, denn sonst müßte er konsequenterweise den Pinsel gleich in die Ecke werfen. Wie aber und nach welchen Kriterien entscheidet sich letztlich, ob das, was man macht, Kunst ist oder nicht?

Allem Anschein nach gibt es solche Kriterien, wenn sich auch die Geister darüber streiten mögen, ob es sich dabei um absolute oder eben nur um szenebedingte handelt. Doch bei näherer Betrachtung scheint diese Frage bereits nur introvertierte Außenseiter zu interessieren, denn die meisten Menschen gehören so gesehen ganz offensichtlich zu den erwähnten Extravertierten, die mit selbstverständlicher Eleganz die Mehrheitsmeinung übernehmen und sogleich meinen, daß es sich dabei immer schon um ihre eigene gehandelt hat. Das hat immerhin den Vorzug, daß es abgesehen von gewissen Differenzierungen eine allgemeinverbindliche Auffassung darüber gibt, was gerade als Kunst zu gelten hat und was nicht. In den heutigen sogenannten Kunstmetropolen gibt es eine Fülle von Galerien, und eine Vernissage jagt die andere. Kunst ist große Mode geworden, und man kann kaum ein Haus betreten, ohne zufällig in eine solche Vernissage zu stolpern. Jedoch ist Kunst schon lange keine reine Angelegenheit von Schwärmern und Galeristen mehr, denn plötzlich haben auch solche Kreise ihr Herz für diese Sache entdeckt, die sonst viel wichtigere Dinge zu tun hatten und bei denen man sich eigentlich nicht vorstellen kann, daß sie damit plötzlich aufgehört haben. Wenn sich also diese Bürger nicht verändert haben, muß es die Sache selbst oder deren Verständnis getan haben, mit der sie sich beschäftigen. Wieder aber wird wie immer von Kunst gesprochen: Zigarettenfabriken und Chemiefirmen veranstalten Wettbewerbe und Ausschreibungen, um scheinbar ganz uneigennützig junge Künstler zu fördern und das auf ihren Plakaten zu dokumentieren, Industrieunternehmen beschließen den Ankauf von Kunstwerken, die danach die Wände der Vorstandsetagen schmücken, und manch ein Geschäftsmann rechnet sich eine Erhöhung seines allgemeinen Einflusses aus, wenn er sich als Kunstsponsor profiliert. Ebenso aber, so scheint es, wenn man sich alle diese neuen Freunde der Kunst betrachtet, hätte man auch von Panzern und Kanonen sprechen können, und sie wären gleichermaßen dabei gewesen: wichtig ist im bürgerlichen Leben immer nur die Gemeinsamkeit der Idee, an der sich alle ausrichten, nicht aber die Idee selbst.

Früher war doch nur mit biedermeierlicher Kunst ein Geschäft zu machen, die in den Schaufenstern der Innenstadt einem Laufpublikum zum unmittelbaren Erwerb angeboten wurde, aber jetzt ist offensichtlich auch sog. avantgardistische Kunst ein Geschäft geworden. Anders läßt sich die Vielzahl der Galerien nicht erklären, die eine solche Kunst anbieten, denn irgendwie - so sollte man meinen - müssen ja alle davon leben. Auf nähere Sicht aber gibt es sehr unterschiedliche Methoden, nach denen die Galerien auf ihre Kosten kommen. Da ist zum Beispiel ein Bauträger auf die Idee gekommen, seine immer schon sehr kunstinteressierte Gattin eine Galerie eröffnen zu lassen, denn wenn sie auch kaum schwarze Zahlen schreiben wird, so kann er den Verlust ja steuerlich absetzen, andererseits aber ihre sich aus dem Galeriebetrieb ergebenden gesellschaftlichen Kontakte für neue Geschäfte nutzen. Es gibt also verschiedene Rechnungen, die auch bei leerer Kasse aufgehen - Kontakte können auch um ihrer selbst willen gepflegt werden, wenn man sein Geld woanders verdient. Ein besonders kleverer Galerist, der bisher Versicherungsvertreter war, ist vielleicht auf die Idee gekommen, daß manche junge Künstler sich ihre ersten Etablierungsschritte etwas kosten lassen wollen, und bietet ihnen eine Ausstellungsmöglichkeit gegen eine etwas überzogene Unkostenbeteiligung. Zwar werden dann keine Bilder verkauft, und der Künstler wird wegen der Vernissagegäste auf seine eigenen Bekannten verwiesen, aber immerhin kann er schon eine Ausstellung vorweisen. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten: ein betuchter älterer Junggeselle möchte besonders etwas für junge Künstlerinnen tun, und ein echter Graf will seine gesellschaftlichen Kontakte mit seiner neuen Galerie zu Geld machen, und so weiter. So wird die Szene immer bunter, und mit jedem neuen Mitglied verstärkt sich die sogenannte normative Kraft des Faktischen. Es ist einem Galeristen ja schließlich kaum zu verübeln, daß auch er sich äußerst ängstlich um seine Dazugehörigkeit bemüht, denn davon hängt für ihn alles ab, besonders dann, wenn er schon kein Geld verdient. Aber dieser Fall dürfte eher die Ausnahme sein, denn wo es eine wachsende Szene gibt, da entsteht auch der allgemein wachsende Wunsch, dazuzugehören und sich mit kostspieligen Dazugehörigkeitsausweisen zu schmücken. Der Zahnarzt oder Steuerberater, die sich vor einigen Jahren an Bauherrenmodellen die Finger verbrannt haben, setzen nun plötzlich auf Kunst, zumal auch solche Erwerbungen unter Umständen steuerlich abgeschrieben werden können, und da sie bisher beim besten Willen noch niemals Zeit für einen Museumsbesuch hatten, lassen sie sich natürlich darüber beraten, was denn zur Zeit als Kunst gilt. Auf diese Weise läßt sich das oft als schmerzlich empfundene intellektuelle Defizit mit dem Portemonnaie statt mit umständlichem Bücherlesen ausgleichen, jedenfalls auf die in der bürgerlichen Gesellschaft allein wichtige Weise, nämlich dem Augenschein nach. Schnell haben sie in Erfahrung gebracht, wessen Meinung in der Szene maßgeblich ist, vielleicht aber lassen sie auch dieses durch einen Gewährsmann erledigen. Es soll sogar professionelle Berater geben, die wie ein Beerdigungsunternehmer alle damit zusammenhängenden Aufgaben bis hin zur Wahl des Innenarchitekten, der den besten Platz für die Aufhängung des Bildes festlegt, komplett übernehmen.

 

Main page Contacts Search Contacts Search