Thema Kultur und Religion

Buddhismus

 

Einem christlich erzogenen Westeuropäer muß der Buddhismus, wenn er sich einen ersten Eindruck von ihm zu bilden versucht, als eine merkwürdige Mischung aus Religion und Philosophie, aus Vielgötterei, Monotheismus und Prophetenglauben, aus formalistischer Liturgie und tiefer Verinnerlichung, aus tantrischen Yogapraktiken und mystischer Entrücktheit, aus Atheismus und einfältiger Gläubigkeit erscheinen, dem sogar Dämonenglaube und Schamanismus beigemengt sind. Diese Aufzählung der widersprüchlichen Empfindungen ließe sich vermutlich noch fortsetzen und macht jedenfalls deutlich, wie fremd einem Christen diese Religion sein muß. Aus seiner Sicht sind diese Dinge in der Tat miteinander wenig vereinbar, aber wir sollten uns vor Augen führen, daß es keine allgemeinverbindliche Logik gibt und daß man letztlich nur den Geist bewerten kann, aus dem das alles erwachsen ist. Diesen aber kann man nur erfassen, wenn man sehr viele Informationen über die Sache gesammelt hat - nicht zuletzt auch über Länder und Menschen, die von dieser Religion geprägt sind. Am meisten und in der reinsten Form gilt das wohl für Tibet, mit dem wir uns deshalb unbedingt auch befassen müssen, wenn wir das Wesen der Religion selbst begreifen wollen. Denn den Wert eines ethischen Systems kann man nicht nur an seiner Effektivität messen, sondern auch erst erkennen: die Praxis ist der Klangkörper, vor dem die Theorie erst ihr eigentliches Leben erhält. In der Tat aber scheinen verschiedene Elemente unterschiedlichen Ursprunges in diese Religion eingeflossen zu sein und führen auch immer noch zu unterschiedlichen Praktiken, die oftmals nur noch weitläufig zum eigentlichen Korpus der Religion selbst gezählt werden können. Alles zusammen stellt aber die Kultur dar, in die ihrerseits die Religion eingebunden ist: wir haben hier wieder ein typisches System vor Augen, in dem alles mit allem zusammenhängt und jeder herausgegriffene Aspekt - etwa der der 'Religion', so wie wir sie uns vorstellen - eben nur die Idee eines Aspektes ist, die wir uns machen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Wir sollten uns dabei aber davor hüten, mit Ideen an eine Sache heranzutreten, die nur unserer Begriffssprache und Vorstellungswelt entstammen!

Man kann die eigentliche Lehre als vollkommen auf den Menschen bezogen sehen: auf das Wissen um seine Möglichkeiten und seine vielfältige Verbundenheit mit dem Kosmos. An sich ist der Mensch zugleich Gott, wenn man die Dinge in einem durchaus buddhistischen Sinn pantheistisch begreift. In diesem Sinn gibt es keine eigentlichen buddhistischen Götter, zumal nicht solche, denen man irgendeinen Gehorsam schuldet. Das Maß, in dem er an sie glaubt, ist jedem Buddhisten freigestellt. Auch Buddha erwartete keinen blinden Glauben, sondern hielt seine Jünger ganz im Gegenteil dazu an, die Lehre stets aufs Neue in sich selbst zu prüfen. Ein ständiges Hinterfragen der Lehre war also nicht nur erlaubt, sondern unbedingte Voraussetzung des Verständnisses und damit einer eigentlichen Religiosität. Auf diese Weise durchdringt der Gläubige die Lehre mit seiner eigenen Wesenheit und wird dadurch wirklich mit ihr identisch. Jedes ängstliche Nachfragen wird dadurch überflüssig. Natürlich wird die eigentliche Lehre Buddhas immer wieder studiert und ist auch ständig Gegenstand von Diskussionen, aber eigentlich dienen diese Dinge eher als Anregung zu eigenem Denken und keineswegs zum gedankenlosen Auswendiglernen. Der Buddhismus bedeutet insofern eine Anregung und ein Mittel zu einer fundamentalen Bewußtseinserweiterung, aus der dann zielgerichtetes Handeln folgt im Hinblick auf ein über die jeweilige Inkarnation hinausgehendes Fernziel - nämlich das der Erlösung (vom Leiden der Welt). Denn der Buddhismus mag zwar gedanklich relativ frei sein, doch im Hinblick auf ein konsequentes Handeln ist er äußerst streng und fordert den ganzen Menschen.

Sicher kann man den Buddhismus nicht verstehen, ohne sich auch mit seiner geschichtlichen Entstehung befaßt zu haben. Der Buddhismus ist in Indien entstanden, das auch heute noch das 'heilige Land' aller anderen buddhistischen Länder ist, obwohl in Indien selbst der Buddhismus vom Hinduismus verdrängt wurde. Hier hat natürlich auch die besondere Mentalität der Menschen, die zur Zeit seiner Entstehung lebten, zur 'Kristallisation' der eigentlichen Lehre geführt. Diese Menschen waren bereits mystisch veranlagt. Hermann Oldenberg (alle Zitate siehe bibliographische Hinweise am Schluß):

Dem indischen Geist fehlte es so sehr an jener Einfalt, die glauben kann ohne zu wissen, wie an der kühnen Klarheit, die zu wissen versucht ohne zu glauben, und so mußte Indien eine Lehre schaffen, die Religion und Philosophie zugleich oder eben darum, wenn man will, weder das eine noch das andere war... Jahrhunderte vor Buddhas eigener Zeit haben sich im Denken der Inder Bewegungen vollzogen, die den Buddhismus vorbereiteten und von seiner Darstellung nicht ausgeschlossen werden können.

Die Religion oder das, was uns als solche erscheint, ist also aus der Empfindungsmitte des Volkes entstanden und mußte demnach auch die Elemente enthalten, die dieser entsprach. Dieses ist immer so, und deshalb kann man nie eine Religion aus der Retorte erschaffen oder eine in einer anderen Umwelt entstandene einem Volk missionarisch überstülpen: eine Religion ist niemals etwas von oben kommendes, sondern immer etwas von unten gewachsenes, und gerade darin liegt ihre Echtheit und wenn man so will - Gottesnähe. Der Buddhismus ist aus dem Brahmanismus hervorgegangen, Buddha war selbst Brahmane. Schon im Brahmanismus finden sich sehr widersprüchliche Elemente - monotheistische, pantheistische und auch atheistische. Brahman ist das durch sich selbst existierende, zugleich erschaffende und bewahrende Prinzip der Welt, aus dem alles entsteht: eine durchaus typisch mystische Auffassung. Brahman ist die letzte Wirklichkeit, der letzte Urgrund, die Seele der Dinge. Man kann ihn verstandesmäßig nicht fassen, er ist jenseits von Sein und Nichtsein, etwas, das eigentlich nicht denkbar ist. Die Spekulation über das Verhältnis dieses Brahman zum Atman, dem Ego des Einzelwesens, das Verhältnis von Weltgeist (Brahman) und Individualgeist (Atman), ist das Hauptthema der brahmanischen Philosophie. Der Brahmane selbst war durch strenge gesellschaftliche Schranken auf einen ganz bestimmten Betätigungsrahmen festgelegt. Oldenberg:

Mit Hören und Lernen des heiligen Wortes sollte er seine Jugend zubringen, denn ein rechter Brahmane ist nur der, der 'gehört hat'. Und hatte er den Ruhm, gehört zu haben, erlangt, verging das Alter des Brahmanen, der das Ideal seines Standes zu verwirklichen bestrebt war, im Lehren - im Dorf oder draußen in der Waldeinsamkeit im geweihten Kreise, wo allein die geheimsten Lehren dem verhüllten Schüler offenbart werden durften.

 

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