Thema Kultur und Religion

Die Berater

 

Sätze im Beratungsdeutsch finden sich in jeder Ausgabe des Handelsblattes oder des Wirtschaftsteils von FAZ oder Süddeutsche Zeitung. Die Consultant-Sprache infiziert das gesamte Wirtschaftsleben .. Mit ihrer eigenen Sprache verkomplizieren Consultants den Wirtschaftsdschungel... Auf Null-Basis-Budgetierung oder Business Reengineering muß man eben erst kommen!.. Der Rotstift bekommt einen schönen Namen und heißt ab jetzt: Effizienzsteigerung.. Als die Dasa 1995 ihr Sparkonzept verkündete, das für 9.000 Mitarbeiter die Entlassung bedeutete, nannte man das nicht Sparkonzept. Es war auch kein Sanierungskonzept. Vielmehr hieß es Wettbewerbsinitiative. Bei so viel Sprachkosmetik müssen Unternehmensberater mit am Werk gewesen sein. Waren es auch. (Jörg Staute: Der Consulting-Report.)

 

Wir wiederholen hier das Vorwort zu unserem Artikel ‚Nieten in Nadelstreifen’:

Die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg ist in volkswirtschaftlicher Hinsicht nahezu ideal gewesen. Es kamen dabei mehrere Ursachen zusammen, aber einer der wichtigsten war wohl der, daß es sich um einen völligen Neuanfang handelte, der durch die Notwendigkeit der Überwindung eines äußeren Notzustandes gekennzeichnet war, der alle Kräfte zum gemeinsamen Handeln vereinte, wie es eben eine ideale Volkswirtschaft kennzeichnet. Gerade der Umstand, daß damals die gesamte Volkswirtschaft in allen ihren Elementen einen Urstart erlebte, der eine regelrechte Gründergeneration schuf, hat aber dazu geführt, daß es keine gesellschaftlichen Überlagerungen dieser Entwicklungslinien gab. Es war gewissermaßen ein künstlicher Start vom Reißbrett aus. In einer normal und organisch gewachsenen Gesellschaft entstehen bestimmte Gründerfamilien nach und nach, sodaß der Aufstieg der einen zeitgleich mit dem Abstieg einer anderen verlaufen kann. Das eröffnet die Möglichkeit von überlagernden Querverbindungen, die sich gegenseitig befruchten können. Die Erfahrung einer Generation und der neue Schwung einer anderen greifen dabei ineinander. Was ist aber, wenn alle diese Stämme gleichzeitig begonnen haben? Dann müssen sie auch kollektiv gleichzeitig sterben. Merkwürdigerweise finden sich für alle soziologischen Fälle auch Beispiele in der Natur. Wir kennen das Problem nämlich auch vom Bambus. Viele Bambusarten sterben kollektiv nach etwa 25 bis 35 Jahren ab, nachdem sie zuvor ein einziges Mal geblüht haben, und sind dann zunächst fast vollständig verschwunden. Das ist im Falle einer menschlichen Gesellschaft fatal, weil damit auch die Erfahrungen der Gründergeneration kollektiv verloren gehen. Ihre Erben sind dann weder fachlich noch mental darauf vorbereitet, auf organische und verantwortliche Weise die Nachfolge anzutreten. Sie haben deshalb zumeist auch kein Interesse daran. Es ist ohnehin vielleicht nur ein Ausnahmefall, daß ein Geschäft innerhalb der Familie weitergegeben wird. Normalerweise entscheidet der Patriarch über den möglicherweise auch außerfamiliären Nachfolger und ist hinsichtlich dieser Entscheidung auch in eine kollektive Tradition eingebunden. Aber wenn eine Generation ziemlich zeitgleich abtritt - Väter, Mütter und auch die sonst noch die Tradition gewährleistenden Onkel und Tanten - und die Nachfolger auf keinerlei Quererfahrung mehr zurückgreifen können und auch nicht organisch in die Nachfolge eingewiesen wurden, sondern die Nachfolge nur nach dem Erbschaftsprinzip erfolgte, sehen wir eine ratlose und wenig motivierte Erbengeneration, die sich mangels traditioneller Einbindung nur noch an der gegenseitigen Ratlosigkeit orientiert. Das war die Stunde der Manager, die nichts anderes waren als Angestellte der Erben, die ansich ebenso ratlos waren wie diese und deren Motivation sich noch weniger auf die übernommenen Betriebe richtete, zu denen sie noch nicht einmal familiäre Bindungen besaßen, sondern deren Motivation sich viel eher auf die eigene Karriere richtete. Vielleicht ist das auch einer der Gründe für das neue Karriereverständnis, das mit dieser neuen Generation üblich wurde. Es ist aber auch wohl einer der Gründe für den wundersamen Aufstieg einer neuen Branche von Seifenblasenkünstlern - nämlich der sog. Consultants. Das sind firmenexterne Berater, die den offensichtlich ratlosen und leider auch falsch motivierten Managern und den mit diesen verbundenen Politikern erklären sollen, was zu tun ist. Die Manager orientieren sich jedoch nicht nur an den Beratern, sondern auch gegenseitig. Dabei tritt aber wohl eher die relative Gleichaltrigkeit an die Stelle eines möglichen Erfahrungsaustausches. Das wiederum ist die Stunde eines dritten Phänomens: nämlich der Mode. Eine Mode entsteht vielleicht nur aus bloßer Rückkoppelung mangels besserer Perspektiven. Natürlich hat es immer schon Moden gegeben, aber eher für entscheidungsunerhebliche Dinge. Wenn dagegen wichtige Entscheidungen nur noch bloßen Modelaunen folgen, kann das ernsthafte Folgen haben - zumal dann, wenn es die wichtigen Entscheidungen an den wichtigsten Hebeln der Macht betrifft. Dann kann soetwas sogar paradigmatisch werden und am Ende in alle Bereiche der Gesellschaft übergreifen - sogar in die Sprache. Dann können kollektiv sogar die unsinnigsten Dinge geglaubt werden, nur weil sie den Reiz der Neuheit oder eben der angeblichen Modernität haben.

Das eigentliche Problem ist die Tatsache, daß unsere Gesellschaft keine glaubwürdige Elite mehr hat. Die frühere Adels-Elite hat sich besonders durch die Gestalt unseres letzten Kaisers fragwürdig gemacht und sich danach konsequenterweise aufgelöst, weil sie sich ohnehin überlebt hatte. Aber die heutige Plutokratie ist ein nicht weniger fragwürdiger Ersatz dafür, besonders nachdem in der Erben- und Managergeneration auch kaum noch erkennbare Fähigkeiten - es sei denn, bestenfalls organisatorische - in deren lichte oder finstere Hallen führen und sich mit ihnen die Ratlosigkeit über die ganze restliche Gesellschaft verbreitet. Im Adel waren es immer nur bestimmte Einzelpersonen, die den Stand gelegentlich fragwürdig erscheinen lassen konnten und dann auch oft zu Volksaufständen geführt haben. Denn insgesamt konnte die Elite nur durch ihre moralische Glaubwürdigkeit auch ihre faktische Macht sichern. Die Adelstugenden waren deshalb ein ständiges Thema der Literatur und der Künste, die sie im kollektiven Bewußtsein lebendig hielten. Diese Tugenden dienten so der Gesellschaft gewissermaßen als innerer Kompaß. Aus ihnen erwuchs auch die physische Wehrhaftigkeit der Völker, denn um für eine Sache kämpfen und sie verteidigen zu können, bedürfen die Soldaten einer eindeutigen Idee dieser Sache und klarer Ideale, für die zu kämpfen es sich für sie lohnt. In einer zunehmend internationalisierten Welt mag sich diese Notwendigkeit im Außenverhältnis verlieren, aber im Innenverhältnis ist es nach wie vor nötig, daß die Menschen klare Vorstellungen von richtig und falsch, unten und oben haben. Ein bezeichnendes Merkmal der Plutokratie ist allerdings offenbar die Unhinterfragbarkeit des Erfolges. Wer Geld hat, hat es - zumindest in unserem Sprachgebrauch - wie selbstverständlich ‚verdient‘ (daß er es hat). Er hat sich damit auch den dadurch möglichen gesellschaftlichen Einfluß verdient und bedarf dazu keiner weiteren Legitimation. Der Sozialdarwinismus, mit dem die Plutokratie sich zunächst eine theoretische Legitimation zu geben versuchte, hat sich in seiner Übersteigerung im Faschismus eigentlich bereits genug ad absurdum geführt, lebt aber neuerdings im Neoliberalismus wieder auf.

Guter Rat ist, wie das Sprichwort sagt, teuer. Was ist aber, wenn eine Gesellschaft noch nicht einmal mehr weiß, aus welcher Richtung ihr guter Rat zukommen kann? Dann läßt sie oder lassen sich ihre Verantwortlichen auch in dieser Hinsicht beraten und orientieren sich dabei, da sie keine anderen Maßstäbe mehr haben, nur noch am Preis: guter Rat ist dann eben, was teuer ist, und was nichts kostet, wie etwa eigenes Nachdenken, kann auch nichts sein. Eigenes Nachdenken ist ‚unmodern‘ geworden, weil sich dessen Ergebnisse nicht belegen lassen. Man muß für alles eine Quittung haben, denn wo die Qualitäten schwinden, treten Quantitäten an ihre Stelle. Wie soll ein Politiker noch seine Handlungsweise rechtfertigen, wenn er sich dabei auf niemanden außer sich selbst berufen kann? Wenn er dagegen Ratgeber hat, ist das schon besser; aber noch besser ist es, wenn diese Ratgeber nachweislich Geld gekostet haben, denn das ist etwas, was man schwarz auf weiß vorweisen kann. Im Consuling-Gewerbe haben sich bestimmte Unsitten der staatlichen Beamtenmentalität mit den Unsitten des auf die Spitze getriebenen Kapitalismus verbunden: Während früher ein Vorgang nur dann als bearbeitet und entscheidungsreif galt, wenn die entsprechende Akte durch möglichst viele Hände und eben ihren Behördenweg gegangen war, ist heute ein Vorgang erst dann entscheidungsreif, wenn er von - selbstverständlich privaten und teuren - Beratern ausgearbeitet und vorgeschlagen wurde. So boomt denn die Beratungsbranche wie kaum eine andere: ein deutlicher Hinweis auf die öffentliche und privatwirtschaftliche Ratlosigkeit. Zugleich ist das der Höhepunkt und Abschluß des Wandlungsprozesses vom Geist zur Materie: Wo immer mehr alles zu einer Funktion des Geldes wird, wird am Ende auch der Geist selbst dazu: Ein Gedanke, der nichts kostet, kann auch keiner sein; bzw. je teuer ein Gedanke ist, desto besser muß er sein. Und wenn der Kopf, aus dem er kommt, auch sonst noch so hohl sein mag (und es in diesem Gewerbe ansich notwendigerweise sein muß), so ist das in unserer Gesellschaft schon völlig unrelevant, auch deshalb, weil diese kritische Erkenntnis in einem klugen Kopf fast wie von selbst entsteht und sich somit als Kostenfaktor nicht belegen läßt.

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