Thema Kultur und Religion

 

Die historische Rolle des Protestantismus

 

Dieser Artikel erfährt zufällig gerade eine besondere Aktualität - insofern sie nämlich die Identität des neuen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck betrifft. Für diesen wurde ausgerechnet seitens eines CSU-Politikers (also eines katholischen Bayern) gegen den Verdacht, der soziale Aspekt sei ihm weniger wichtig, in einer Diskussion das Argument vorgebracht, er sei doch in seiner früheren DDR-Zeit ein protestantischer Pfarrer gewesen und deshalb seien ihm die Belange der sog. 'kleinen Leute' durchaus wichtig. Daß diese Folgerung aber in historischer Sicht kaum richtig ist und insofern sogar das Gegenteil nachweisbar ist, kann die Haltung Martin Luthers in den Bauernkriegen seiner Zeit belegen. Wer in dieser nur einen bedauerlichen Nebenaspekt sieht und deshalb Herrn Gauck gar für einen Nachfolger Thomas Münzers (wohlgemerkt eines Todfeindes Martin Luthers) hält, hat aber das Wesen des Protestantismus nicht verstanden, das wir hier etwas ausgiebiger erörtern wollen.

 

Während der Europäer allgemein auf eine äußerliche Welt bezogen ist, in der er sich als Individuum zu bewähren versucht, bezieht sich der traditionelle Inder auf eine innere Welt. Dieser ist also als verallgemeinerter Typus eher extrovertiert, jener introvertiert. Dementsprechend sucht sich der Europäer und der von ihm abgeleitete und dieses Prinzip noch verstärkende Nordamerikaner in einer äußeren Welt zu behaupten, während der Inder (der Hinduist) sich in einer inneren Welt zu behaupten sucht. Damit verbunden ist allerdings die Tatsache, daß die entsprechenden Welten erst durch die so in ihnen Handelnden erzeugt werden, was sich leicht erkennen läßt, wenn man sich der unterschiedlichen Alltagspraxis aussetzt. Die Annahme des Europäers, es mit einer objektiv gegebenen Welt zu tun zu haben, muß von daher bereits einem grundsätzlichen Zweifel begegnen. Wie auch immer: bis zu einem gewissen Grad ist seine Sichtweise schlüssig, läßt praktische Orientierung zu und war insofern in der Moderne von nahezu beispielloser Kreativität. Gerade dieser Umstand hat auch der europäischen Argumentation gegenüber der indischen das stärkste Gewicht gegeben. Wir müssen dabei allerdings bedenken, daß der Vergleich in mehrfacher Hin­sicht hinkt. Zum einen haben wir es mit einer Verschiebung der gegenseitigen Entwicklungsphasen zu tun, zum anderen mit ungleichen Berufungen. Ersteres bedeutet, daß wir zwei Kulturen nicht miteinander vergleichen können, wenn wir die Hochphase der einen einer Tiefphase der anderen gegenüberstellen, die teilweise sogar durch den verhängnisvollen Einfluß ersterer verursacht wurde. Daß sich Europa im 19. Jahrhundert in einer unvergleichlichen Hoch­phase befand, steht außer Frage; ebenso weiß aber der Historiker, daß Indien seine durch­aus auch wirtschaftliche (!) Hochphase etwa zur gleichen Zeit hatte wie der Islam und etwa zur gleichen Zeit - also etwa im 13. Jahrhundert - auch seinen Abstieg erlebte. Bis dahin hätte ein Vergleich zwischen Europa und Indien also genau umgekehrt ausgesehen. Der zweite Umstand der ungleichen Berufung bedeutet, daß Indien seinen damaligen Wohlstand sehr viel weniger auf dem Raubprinzip (Kolonialismus) begründete als Europa, ihn also wirklich aus sich selbst erzeugt hatte. Viele der heutigen indischen Mißstände sind tatsächlich nicht „hausgemacht“, sondern gehen erst auf den verhängnisvollen Einfluß der Europäer, hier namentlich der Engländer, zurück. Eine introvertierte Kultur muß also keineswegs weniger lebensfähig und kreativ sein als eine extrovertierte.

Ein paradoxer Umstand liegt nämlich gerade darin, daß der europäische Kapitalismus seine äußerste Entwicklungsphase keineswegs durch einen neuen Impuls in Richtung auf Äußerlichkeit und Verweltlichung, sondern eher in Richtung auf Weltabkehr einleitete. Und zwar vollzog sich das durch den Einfluß des Protestantismus. Daß dieser letztlich den Kapitalismus gefördert hat, ist durchaus keine neue Erkenntnis, sie bedarf aber doch immer wieder der theoretischen Erklärung, weil sie unsere landläufige Ethik auf den Kopf stellt. Bei allen horizontalen Religionen - und dieser Begriff umfaßt neben den Naturreligionen auch den Buddhismus und trotz des Kastenwesens in bestimmter Hinsicht auch den Hinduismus - haben wir es nämlich mit noch kaum formalisierten Glaubensartikeln zu tun. Der Begriff „Artikel“ bezeichnet dabei eine äußerliche und in ihrer objektiven Beschaffenheit möglichst eindeutig fixierte Projektion, wie er für vertikale Religionen bezeichnend ist. An deren Stelle treten bei den horizontalen Religionen innere Prinzipien und Grundsätze. Während also die vertikale Religiosität und die daraus folgende Welt­ein­stellung des Europäers auf veräußerlichte Dinge gerichtet ist, die als das Individuum übersteigende Dogmen fixiert werden, betrachtet der Inder nicht solche äußeren Phänomene, sondern vielmehr seine eigene innere Beziehung dazu. Die Phänomene werden dabei relativiert, während die eigene Haltung thematisiert wird. Mit anderen Worten: während der Europäer das Heilige und damit auch die Welt aus sich „herauszieht“, sucht sie der Inder ganz im Gegenteil in sich „hineinzuziehen“. Das hat zur Folge, daß der Europäer ganz bestimmte äußere Dinge formalisiert und in ihrer objektiven Gestalt fixiert und allgemein verbindlich macht, während der Inder an seiner eigenen Religiosität arbeitet und dazu keine äußeren Dogmen benötigt. Es bedarf keiner Frage, daß daraus eine völlig andere Ethik bzw. Moral resultiert - im ersteren Fall eben eine vertikale und im zweiteren Fall eine horizontale. Während aber eine horizontale Ethik mit sich selbst identisch ist, ist dagegen eine vertikale immer paradox. Diese Paradoxie bestimmt alle Begegnungen von Individuen in einer vertikalen Gesellschaft und kennzeichnet ein Klima permanenten gegenseitigen Mißtrauens. Während ich gleichzeitig auf das menschliche (horizontale) Vertrauen zu einem anderen Menschen angewiesen bin, bin ich mir dennoch gleichzeitig des Umstandes bewußt, daß er ja wie ich selbst sich in einer materialistischen Konkurrenzgesellschaft behaupten muß, daß unsere Interessen also zugleich auch konkurrieren. Auf diese paradoxe Logik war auch der Protestantismus hin angelegt: während er nämlich einerseits durchaus geradezu asketische und stoische und als solche eigentlich antimaterialistische Ideale predigte, war es andererseits gerade die aus seiner Neigung zum veräußerlichten Dogmatismus folgende Objektivierung dieser Moral, die letztlich dem Materialismus den Boden bereitet hat. Wir haben es hier nämlich mit einem paradoxen Moralsystem zu tun: während einerseits die Abkehr von egoistischen und weltlichen Motiven gepredigt wird, wird diese andererseits so sehr formalisiert, daß die Weltlichkeit durch die Hintertür um so mehr wieder hereinkommt, da - und das ist der hier entscheidende Gesichtspunkt - Weltlichkeit mit Formalisierung identisch ist! Jede bürgerliche Gesellschaft ist deshalb prinzipiell weltlich, weil ihr entscheidendes Charakteristikum die Formalisierung der Moral ist. Das eigentliche Kriterium, das zwischen Weltlichkeit und Innerlichkeit, zwischen Vertikalität und Hori­zon­talität, zwischen Kirche und Religion, unterscheidet, ist eben nicht die moralische Absicht, sondern der Grad ihrer Formalisierung. Dieser war im Katholizismus immerhin schon sehr weit fortgeschritten, aber noch nicht so weit, den Hochkapitalismus zuzulassen: dem bereitete erst der durch eine völlige Verhärtung und Formalisierung der Vertikalachse – wenn wir das so ausdrücken dürfen[1] - gekennzeichnete Protestantismus den Boden.

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