Thema Kosmologie und Philosophie

 

Die Welt als Simulation

 

 

 

Diese Kisten haben Organrezeptoren, die analog zu unserem Geruchssinn, Gesichtssinn, Tastsinn, Gehör und so weiter wirken. Die Drähte dieser Rezeptoren - gewissermaßen die Nerven - sind anstatt an die Außenwelt, wie unsere, an diese Trommel dort in der Ecke angeschlossen.… Es sind von mir in die Tat umgesetzte, in Materie gekleidete Leibnizsche Monaden. (Stanislaw Lem: Prof. Corcorans Welt.)

Es gibt eine offenbar über alle Zeiten immer wieder kurz aufleuchtende und nicht auszurottende merkwürdige Sonderlingsphilosophie, wobei sich dieser Begriff teilweise auf ihre Vertreter und teilweise auf die Philosophie selbst beziehen kann. Gemeint ist damit der sog. Solipsismus (Von lat. ipse solus = selbst allein), also jene Philosophie, die davon ausgeht, daß das Subjekt dieser Weltsicht möglicherweise völlig einzigartig im Universum existiert und alle anderen Wesenheiten demnach nicht nur völlig unbeseelte Zombies, sondern sogar überhaupt nicht - also auch nicht körperlich - wirklich existent sind, sondern daß es sich bei ihnen nur um Schimären seiner eigenen Traum­welt handelt, die vermutlich nur dafür existiert, um ihm selbst die Welt vorzugaukeln, in die es verstrickt ist. Immerhin ist diese Philosophie so ernst genommen worden, daß es viele Versuche zu Gegenbeweisen gegeben hat, die indessen eine gewisse Ähnlichkeit mit allen möglichen Gottesbeweisen haben[1]. Was für diese gilt, gilt auch für jene: sie setzen dem Glauben nur einen Gegenglauben entgegen, denn wie Descartes offensichtlich resignierend feststellte: „Ich denke, also bin ich.“ .. Was ja wohl heißen soll: „wenigstens ich“, denn über die anderen Wesenheiten kann daraus nichts gefolgert werden. Daß diese zwar auch denken, beweist weder, daß sie es wirklich tun, weil wir das höchstens behavioristisch feststellen können, noch daß sie beseelt sind. Schließlich können auch Computer zumindest rechnen, ohne daß das beweist, daß sie beseelt oder auch nur wirklich intelligent sind. Bisher gibt es demnach noch keinen überzeugenden Gegenbeweis gegen den Solipsismus, sodaß es eigentlich nur die Möglichkeit gibt, dieses Problem als letztlich irrelevant beiseite zu schieben. Aber ist es wirklich gleich, wie unsere Welt funktioniert, und können wir uns mit der Möglichkeit begnügen, daß es sich um einen einzigen großen Schwindel handelt, sofern das nur keine Konsequenzen für uns hat? Hätte es das tatsächlich nicht? Das ist offenbar ein weiteres interessantes Problem: Vielleicht ergeben sich aus den alternativen Möglichkeiten zwar keine praktischen, aber doch ethische und perspektivische Unterschiede?!

Inzwischen gibt es Computerspiele, in denen nicht nur alle möglichen Kunstfiguren wie auf einem alten Brettspiel aus höherer Warte verschoben werden können, sondern in denen man das nur mit einer einzigen tun kann, die man aber gewissermaßen von innen steuert, während alle anderen darauf nur auf eine nicht direkt selbst beeinflußbare Weise reagieren. Bei diesen sog. Rollenspielen verstärkt sich dadurch der Eindruck der Realität, indem man in die Identität und das Schicksal dieser einen Person hineinwächst. Während man das bei der ersten derartigen Spielegeneration nur an seinem eigenen Computer machen konnte, ist aber auch das bereits wieder überholt, denn inzwischen kann man solche Spiele über das Internet mit anderen Partnern gemeinsam spielen, wobei die der eigenen Figur begegnenden anderen Personen des Spielszenarios tatsächlich von den anderen Mitspielen gesteuert werden, sodaß sie wirklich intelligent und bereits weitgehend „wie im wirklichen Leben“ agieren. Dadurch gewinnt das Spiel enorm an Raffinesse und Realismus. Und jetzt geschieht etwas sehr Bezeichnendes: Während ich zuerst noch nicht völlig von der Realität der anderen Figuren und meiner selbst überzeugt bin, steigert sich der Realismus durch die Komplexität der Spielhandlung, indem dem Spieler dabei eine eigene Geschichte zuwächst und er successive erfolgreich mit seinen Als-ob-Handlungen ist. Dabei drängt sich ganz unwillkürlich ein Gedanke auf: angenommen, diese Spiele werden immer weiter perfektioniert - in dreidimensionaler Ausführung usw. -, ist dann nicht irgendwann das Realitätserlebnis derartig perfekt, daß der Spieler, wenn er endlich seinen Computer wieder ausschaltet, nicht mehr weiß, wo die Grenze zwischen jener und dieser Realität ist? Einige Jugendliche scheinen ja schon jetzt unter dieser Realitätsverzerrung zu leiden. Damit wären wir dann aber auch bei der Beantwortung unseres Problems, ob unsere scheinbar so objektiv-physikalische Welt nicht auch tatsächlich nur eine geistige sein könnte. Die Antwort lautet: Natürlich könnte sie das! Denn das, was unsere Techniker können, kann die Natur bekanntlich schon lange; allerdings müßten wir hier den Naturbegriff etwas erweitern. Aber haben wir es in unserer Realwelt nicht mit fester Materie zu tun und wäre diese in einer Matrix nicht nur simuliert? Wir haben das ja bereits mehrfach erörtert. Wer so fragt, hat sich eben noch nie die Welt der Atome veranschaulicht, denn je weiter unsere Quantenphysiker dabei kommen, desto mystischer werden sie. Einer der berühmtesten Physiker des 20. Jahrhunderts, Nils Bohr, hat dann auch das Yin-und-Yang-Symbol in sein Familienwappen übernommen. Auch die handfeste Materie erweist sich letztlich als Illusion (siehe hier)!

Es gibt einen interessanten Film mit dem Titel ‚Matrix’, in dem eine solche Virtualwelt vorgestellt wird. Der ‚Held’ des Filmes, Neo, wird von dem Kommandanten mit dem bezeichnenden Namen Morpheus eines vermutlich in der Zukunft befindlichen Raumschiffes mit der neuen Realität vertraut gemacht. Es wird ihm erklärt, daß die Welt, die er jetzt erlebt, die Realwelt ist, während seine bisherige Welt tatsächlich nur eine Computersimulation namens Matrix war. Als der dadurch völlig außer Fassung geratene Neo um weitere Erklärungen bittet, ergibt sich folgender Dialog:

Neo:"Was ist das hier?"
Morpheus: "Viel wichtiger als die Frage nach dem Was, ist die nach dem Wann!"
Neo: "Wann?"
Morpheus: "Du glaubst, Du bist im Jahre 1999, eher wahrscheinlich ist aber 2199! Ich kann Dir nicht genau sagen, in welchem Jahr wir leben, da wir es ehrlich gesagt nicht wissen. Mit Worten läßt sich das nicht erklären, Neo. Komm mit mir, sieh es dir selbst an.“

Dann wird Neo über eine in seinen Kopf eingeführte Sonde an den Bordcomputer angeschlossen und sieht nach einer einführenden Erklärung auf einem großen Bildschirm das Szenario einer völlig verwüsteten Metropole.

Morpheus: Das hier ist das Konstrukt, unser Ladeprogramm. Wir können alles laden: Räume, Kleidung, Zubehör, Waffen, Trainingssimulationen... alles, was wir brauchen.
Neo: Das heißt, wir sind jetzt in einem Computerprogramm?
Morpheus: Ist das wirklich so schwer zu glauben? Die Anschlüsse an deinem Körper sind weg, du trägst andere Kleidung, deine Frisur ist ganz anders. Deine momentane Erscheinung nennen wir das Restselbstbild. Die mentale Projektion deines digitalen Selbst.
Neo: Das hier ist nicht wirklich?
Morpheus: Was ist die Wirklichkeit?? Wie definiert man das - Realität? Wenn Du darunter verstehst, was Du fühlst, was Du riechen, schmecken oder sehen kannst, ist die Wirklichkeit nichts weiter als elektrische Signale, interpretiert von Deinem Verstand. (Er schaltet den Monitor ein.) Das hier ist die Welt, die Du kennst: Die Welt am Ende des 20. Jahrhunderts. Sie existiert inzwischen nur noch als Teil einer neuro-interaktiven Simulation, die wir als Matrix bezeichnen. Du hast bisher in einer Traumwelt gelebt, Neo! Das ist die Welt, wie sie heute existiert. (Er schaltet um. Plötzlich befinden sich beide in einer nur noch als Felsenlandschaft erscheinenden total zerstörten Megalopolis.) Willkommen in der Wüste der Wirklichkeit! Wir haben nur bruchstückhafte Informationen, was wir aber sicher wissen, ist daß zum Beginn des 21. Jahrhunderts die ganze Menschheit in euphorischer Stimmung schwelgte. Wir bewunderten unsere eigene Genialität bei der Schöpfung der KI.
Neo: KI - Sie meinen künstliche Intelligenz.
Morpheus: Ein kolossaler Schritt, der eine völlig neue Generation von Maschinen hervorbrachte. Wir wissen nicht, wer dann den Krieg begonnen hat, wir oder sie. Jedenfalls waren wir die, die den Himmel verdunkelt haben. Die Maschinen waren damals auf Solarenergie angewiesen, und man nahm an, daß sie nicht überleben könnten, ohne eine Energiequelle wie die Sonne. Dabei brauchen wir doch seit Menschengedenken die Maschinen, um selbst zu überleben. Man könnte fast glauben, das Schicksal treibt mit uns einen Scherz… Und als ich dastand und diese erschreckende Präzision sah, wurde mir die Wahrheit schlagartig bewußt: Was ist die Matrix? Kontrolle! Die Matrix ist eine computergenerierte Traumwelt, die geschaffen wurde, um uns unter Kontrolle zu halten.
Neo: Nein, das glaube ich einfach nicht! Das kann unmöglich sein!
Morpheus: Ich sagte nicht, das es für Dich leicht würde, nur, daß es die Wahrheit ist.
Neo: Schluß damit! Lassen Sie mich hier raus - lassen Sie mich raus, ich will hier raus!!
 
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