Thema Kosmologie und Philosophie

   
   

Nur ein menschliches Problem?

Ein Affe allerdings hätte das Spiegelproblem gar nicht. Er wäre zwar irritiert, wenn er sich im Spiegel auf dem Kopf stehen sähe, aber die horizontale Umkehrung bemerkt er nicht. Daß es sich aber um sein eigenes Spiegelbild handelt, wird ihm allmählich klar, wenn er sieht, daß der andere immer dann seinen Arm hebt, wenn er selbst das tut usw. Aber irritiert es ihn auch, daß der andere dabei immer einen falschen Arm hebt, der nicht seinem rechten, sondern seinem linken entspricht? Das würde bereits eine große Nachdenklichkeit voraussetzen, die offenbar auch viele Menschen nicht besitzen. Es scheint sich hier aber nicht nur um ein Problem höherer Intelligenzen zu handeln, sondern um eine daraus folgende real-physische Tatsache, die sich auf einem bestimmten Level vielleicht ebenso apriorisch einstellt wie die räumliche Wahrnehmung. Kommt hier irgendwie die Monadentheorie ins Spiel? Das gibt uns das Stich­wort, uns die Sache einmal aus einer ‚Out-of-Body’-Perspektive anzusehen. Wenn ich mich dazu zuvor wieder seitlich neben den Spiegel lege und dann meinen Körper so liegen lasse, aber mich selbst (meine Seele) nun aufrichte, so sehe ich, daß mein Körper im Spiegel andersherum liegt als ich ihn ohne Spiegel wahrnehme. Zwar liegt der Spiegelkopf noch dem Realkopf direkt gegenüber, aber ich denke, er müßte eigentlich rechts von seiner Körpermitte liegen, also von mir aus gesehen links, da ja auch mein realer Körperkopf rechts von meiner realen Körpermitte liegt. Woraus also hat sich diese plötzliche Veränderung ergeben? Es scheint offensichtlich so zu sein, daß das geistige Raumkoordinatensystem, in das ich die körperlichen Objekte nur hineinstelle, nun mit mir mitgewandert ist und demnach nicht eine Funktion meiner Augenperspektive, sondern meiner Seelenperspektive ist. Mithin handelt es sich offenbar in der Tat um ein archetypisches Gerüst, das so fest im kollektiven Unbewußten verankert ist, daß es selbst durch den Verstand nicht mehr verändert werden kann. Ich stelle fest, daß ich mich hinsichtlich der Vertikalachse meines Körpers nicht zwischen meiner Realausrichtung und deren Spiegelbild irritieren lasse, solange ich mich mit dieser in die Horizontallage versetze, doch entsteht die Verkehrungsirritation während dieser Liegestellung hinsichtlich der Vertikalrichtung. Diese hat aber offenbar nichts mit meinen Realaugen zu tun - sie ist ja auch keine Folge meiner Zweiäugigkeit -, sondern mit meiner Seelenperspektive, die sich zwar auch umkippen läßt, aber nicht durch meine Realaugen bedingt ist, da sich diese Verkehrung auch in der bloßen Vorstellung ergeben kann und insofern mit meiner gedachten Blickrichtung und Ausrichtung in Verbindung steht.

Hier nun spätestens werden die Erklärungsgrenzen von Mathematik und Physik überschritten, denn zwar kann ich noch rein mathematisch einsehen, daß ich das Bild falsch herum sehe, weil ich mich virtuell im Raume gedreht habe, und daß das gemäß der Umkehrung des Stempelabdruckes nur um eine Achse geschieht, aber nur die Einführung einer Vorstellungs- bzw. Seelenperspektive kann erklären, warum es sich dabei nur um die horizontale Verdrehung handelt, die nicht plötzlich in eine vertikale Verdrehung umklappen kann. In unserem Gedankenexperiment gelang das zwar vorübergehend infolge einer besonderen Vorstellungsakrobatik, doch es ist hier sehr interessant und macht uns wohl noch am augenscheinlichsten die Natur der Täuschung deutlich, daß wir die vertikale Umklappungsirritation dabei schnell verlieren würden, wenn wir uns alle permanent wie Kriechtiere derartig in der Horizontalen bewegen würden, denn auch als Eidechsenwesen würden wir uns bald wieder im Spiegel nicht mehr vertikal, sondern horizontal verdreht empfinden. Die vertikale Ausrichtung im stets virtuellen Raum ist uns demnach vorgegeben, während die horizontale Ausrichtung noch in die Zuständigkeit unseres Vorstellungsvermögens gelegt ist.

   

Robert Fludd

Der Mensch als Mikrokosmos.
Robert Fludd, "Utrisque Cosmi".
 

Unsere bisherigen Ergebnisse sind wohl nur so zu erklären, daß es sich einerseits bei der Spiegelwelt nicht um eine Realwelt handelt und es andererseits auch eine eigentliche Realwelt gar nicht gibt - es sei denn nur im archetypischen Sinn. Alle Raumdimensionen sind nämlich keine realen Maßstäbe, die sich auf eine Realwelt beziehen. Es gibt insofern gar keine wirkliche Möglichkeit, zwischen vorne und hinten und rechts und links zu unterscheiden (es sei denn ersteres rein körperbezogen), und es gibt auch nur eine scheinbare Vertikalausrichtung, die allerdings durch die Schwerkrafteinwirkung subjektiv erleichtert wird. Damit verbunden ist der Umstand, daß sich die Orientierung auch nicht real vornehmen läßt. Sie folgt tatsächlich nur aus dem kollektiven Unbewußten gemäß dem uns innewohnenden Kugelwürfel-Schema und ist nur archetypisch prä-real. Sie kann deshalb auch nicht real erlernt werden, sondern beruht nur auf apriorischen Fähigkeiten. Wenn diese Fähigkeit nicht wie etwa unsere Raumwahrnehmung im frühen Kindalter aus dem kollektiven Unbewußten ‚hervorgeholt’ wird, kann sie deshalb später kaum noch nachgeholt werden. Tatsächlich haben besonders viele Frauen mit der Rechts-links-Unterscheidung lebenslang ein Problem (was mit der intensiveren Verbindung beider Gehirnhälften als bei Männern erklärt wird). Aber das sind eigentlich nur psychologische Erklärungen. Nach allem besteht ansonsten bisher eine allgemeine Konfusion über die Beurteilung des Spiegelphänomens. Wie gesagt blicke ich ja offenbar im Spiegel in eine Anderswelt. Was wäre, wenn ich mich mit meinem Spiegel-Ich unterhalten wollte, falls das möglich wäre? Würde ich überhaupt seine Laute richtig wahrnehmen oder wären sie unentschlüsselbar verfremdet? Ich habe den Eindruck, daß sich im Spiegel nicht nur meine Person, sondern die ganze Welt spiegelt. Ich könnte mir einen riesigen Spiegel vorstellen, der das ganze Kosmos spiegelt und hätte dann eine Antiwelt nach der physikalischen Antimaterie-Theorie.

Aber das ist eine Abstraktion, wie überhaupt die Vorstellung vom gesamten grenzenlosen Universum. Tatsächlich gibt es nur eine zwar sehr große, aber nicht unendlich große Anzahl von Monaden, die es erleben, und deshalb genügt auch nur die Spiegelung einer einzelnen Monade (wie mir selbst vor meinem Badezimmerspiegel), um das Antiuniversum erleben zu können. Dieses ist tatsächlich permanent gegenwärtig neben uns! Das führt uns wieder zu der Bedeutung der höchsten uns bekannten Monaden. Der englische Mystiker Robert Fludd (1574-1634) hat sich mit dem Thema des Menschen als Mikrokosmos besonders beschäftigt. In seiner bildlichen Darstellung zeigt er übrigens eine deutliche Unterscheidung von Ober- und Unterwelt, die sowohl dem mikrokosmischen, also hier menschlichen Tag- und Nachtrhythmus, wie auch dem täglichen Sonnenzyklus entsprechen. Der bewußte Mensch lebt hier nur im Licht des Tages, und der dunkle Teil gehört eher in den motorischen Bereich. Das ist übrigens auch das, was sich in der Zahl 19 ausdrückt, die wir ja dem Mensch-Prinzip zugeordnet haben. Das läßt sich darstellen, indem wir nach der inzwischen erkannten Methode rechnerisch ihr Wesen zu entfalten versuchen. Unseren sechsgliedrigen Zahlenkreis hatten wir  ja schließlich der 7 zugeordnet und danach im Umkehrschluß eine Methode gefunden, wie wir diesen Kreis auch hätten rückwirkend entdecken können, wenn wir einfach alle möglichen Zah­len durch 7 geteilt hätten und den Kreis dann hinter dem Komma der Divisionsergebnisse entdeckt hätten. Danach hatten wir gefolgert, daß sich vermutlich auch hinter anderen Primzahlen entsprechende Phänomene zeigen könnten. Allerdings kann das nur bei den Primzahlen der Fall sein, die der Regel 6n + 1 entsprechen, denn nur hinter denen können sich Sechsecke befinden. Nachdem wir für n = 1 danach zur 7 und für n = 2 zur 13 gelangt sind, folgt für n = 3 die 19.

 Nach diesen Ausführungen sollte der Artikel 'Das große Arkanum' verständlicher werden (siehe Kopfleiste).


 
[1] Das ist übrigens nicht dasselbe, denn ein Irrtum ist verstandesmäßig begründet, während eine Irritation gefühlsbedingt ist. Hier wird deutlich, daß zwischen beiden ein großer Unterschied besteht, der in der Interpretation des Vorganges wichtig wird. Beides wirkt hier nämlich durcheinander und bedingt sich wechselseitig. Im übrigen scheint diese Auffassung insofern zu bestätigen, daß es tatsächlich einen Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjekt-bezogenen Koordinate gibt, wie wir es bereits bezüglich der Nordsüd- und Ostwest-Achse gesagt haben.
[2]Siehe dazu: Maya Deren: Tanz des Himmels und der Erde.

 

 
 
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