Thema Kosmologie und Philosophie

   
   

Man muß es einfach holistisch lernen

Es heißt, daß Menschen, die als Baby zu wenig gekrabbelt oder sich sonst bewegt haben, später leichter rechts und links vertauschen. Das läßt sich wohl so verstehen, daß man diese Unterscheidung nur holistisch erwerben kann, durch ‚learning by doing’, und daß es demnach wohl keinen theoretischen Ansatz dafür gibt: wer nicht einfach weiß, wo links ist, dem kann man es durch theoretische Erklärungen nicht verdeutlichen, und wer es nicht früh genug einfach durch Einbindung in einen praktischen Rahmen gelernt hat, wird es später nicht mehr nachholen können. Hier ist vermutlich auch eine apriorische Hilfe nötig, ähnlich wie beim Raumerwerb. Durch das Krabbeln und Schaukeln im Kleinkindalter wird die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften trainiert; anderenfalls kann die Unterscheidung später höchstens noch durch ständiges Nachdenken getroffen werden, rein automatisch und gefühlsmäßig ist sie dann aber nicht vorhanden.

Versuchen wir uns einmal klarzumachen, welche grundsätzliche Schwierigkeit mit einer realen Rechts-.links-Unterscheidung verbunden sind: Wir befinden uns in einem Raumschiff irgendwann in der Zukunft irgendwo im Weltraum. Es hat die Mission, nach seinem baugleichen Schwesterschiff zu suchen, das seit längerer Zeit spurlos verschwunden ist. Plötzlich erhält es Funkkontakt. Das andere Raumschiff scheint unversehrt zu sein, doch kommt es dem hiesigen Kommandanten merkwürdig vor, daß es dem seinigen noch mehr ähnelt als er eigentlich erwartet hatte. Nicht nur das Raumschiff selbst mitsamt seiner ganzen Inneneinrichtung scheint mit ihm exakt identisch zu sein, sondern auch die gesamte Besatzung besteht offenbar aus Zwillingsmenschen. Wie kann das sein? Dem Kommandanten kommt ein merkwürdiger Verdacht: er argwöhnt plötzlich, daß es sich nicht nur um ein ähnliches, sondern um ein exakt identisches Raumschiff handelt, das lediglich aus Antimaterie besteht und aus einem Paralleluniversum kommt oder sich sogar noch darin befindet. In dem Fall wäre allerdings eine direkte Begegnung unmöglich, denn sie würde beide Seiten sofort vernichten. Er muß also Gewißheit darüber haben, ob das der Fall ist oder nicht, und er hat die Idee, den anderen Kommandanten einfach zu fragen, ob bei ihm auch alle drei Raumdimensionen mit seinen eigenen identisch seien. Natürlich besteht kein Zweifel darüber, daß auch dort hinten und vorne genauso unterschieden sind wie hier und daß dort auch der gleiche Unterschied zwischen oben und unten ist bzw. daß der zumindest künstlich hergestellt wird, sodaß alle dort aufrecht gehen können. Auf ähnliche Weise läßt sich allerdings die Rechts-links-Orientierung noch nicht einmal künstlich herstellen, weil es keinen Maßstab dafür gibt. Das zeigt sich auch gleich bei den Verständigungsproblemen zu diesem Punkt. Wie soll der hiesige Kommandant den anderen fragen, wo der seine rechte oder linke Hand hat? Hat er seine rechte Hand da, wo der Daumen links ist? Nachdem ihm mitgeteilt wurde, daß auch das andere Raumschiff von der Erde kommt, weiß er aber immer noch nicht, ob es sich dabei um die hiesige oder eine Parallelerde handelt, und es wird wohl auch nicht viel nützen, den anderen zu fragen, ob bei ihm alles so ist wie auf der hiesigen Erde, denn es besteht nach allem kaum ein Zweifel daran, daß es sich um ein exaktes Duplikat handelt. Aber es könnte dort ja eben alles spiegelbildlich sein, ohne daß für die dortigen Bewohner deshalb auch nur die geringste Irritation besteht - ebensowenig wie für die Bewohner der hiesigen Erde, die auch alles für richtig herum halten. Der Kommandant hat eine Idee: er bittet den anderen darum, sich exakt in der Richtung der täglichen Sonnenbahn stehend vorzustellen, sodaß er dabei zum Sonnenuntergangspunkt, also nach Westen, blickt, und ihm mitzuteilen, ob dann sein Herz auf der Seite der Pinguine oder der Eisbären liege. Wenn es nämlich auf der der Pinguine, also zum Südpol hin, liegt, so ist daraus seiner Meinung nach zu folgern, daß er es in seiner linken Brust hat und daß deshalb alles in Ordnung ist. Tatsächlich erhält er die Information, es liege auf der Seite der Pinguine. Deshalb bereitet er die direkte Begegnung vor. Doch im letzen Moment zögert er, denn es wird ihm plötzlich klar, daß auf der dortigen Welt, falls es sich um eine Antiwelt handelt, natürlich auch Nord- und Südpol verkehrt sind. Es scheint also so zu sein, daß man erst im Moment der direkten Begegnung feststellen kann, ob etwas aus Materie oder Antimaterie besteht. Es ist genauso wie bei den beiden Polen eines Magneten: Die Unterscheidung von Plus- und Minuspol ist auch nur immer in Relation zum jeweils anderen zu treffen, denn ein für sich bestehendes absolutes Kriterium dafür gibt es nicht.

Nachdem uns unsere bisherigen Erörterungen und Denkmodelle noch immer nicht befriedigt haben, können wir einmal versuchen, herauszufínden, ob sich die Verdrehung der gespiegelten Horizontalachse im Objekt- oder im Subjektbereich abspielt - ist sie also objektiv oder nur subjektiv gegeben? Dazu können wir uns etwa in die Horizontale vor den Spiegel legen, etwa indem wir ihn seitlich neben unser Bett stellen und uns liegend darin betrachten. Hat sich nun unser Gesicht oder der Raum verdreht? Wie es aussieht, ist offenbar beides der Fall! Meine Position vor dem Spiegel verändert also überhaupt nichts; ich kann mich drehen, wie ich will: immer bleibt oben oben, aber an der Horizontalverdrehung zwischen rechts und links ändert sich nichts - und zwar nicht nur bezüglich meiner selbst, sondern auch bezüglich des ganzen Raumes, in dem ich mich befinde. Ich kann mich zwar durchaus vor dem Spiegel auf dem Kopf stellen und habe dann meine eigene Vertikalachse verdreht, aber ebenso gegenüber der Spiegelwelt wie gegenüber meiner Realwelt. Das bleibt also alles kausal unangetastet, während sich an der Rechts-links-Verdrehung so oder anders nichts ändert und ich diese sogar durch die eigene Verdrehung mitnehmen kann! Aber bemerkenswerterweise spielt uns hier unser Verstand einen Streich, denn wir müssen uns den Vorgang richtig deutlich machen, um zu verstehen, daß sich dennoch auch die Vertikalachse des Raumes verändert hat. Indem ich mich nämlich langsam auf meine linke Seite vor dem Spiegel umkippe, sehe ich wie die Raumvertikale dabei relativ zu meiner eigenen Körpervertikale nach rechts wegkippt, während sie zugleich für mein Spiegel-Ich nach deren linker Seite wegkippt, indem dieses sich nämlich auf seine rechte Seite legt! Das ist ein Vorgang, der einerseits absolut logisch ist und uns doch zugleich durch gezieltes Nachdenken bewußt werden muß, weil wir anderenfalls dem Irrtum unterliegen, die Raumvertikale hätte sich nicht verändert. Objektiv hat sie das ja auch nicht getan, denn sie deckt sich immer noch mit der Gravitationsvertikale. Aber wie sähe der Vorgang in einem schwerelosen Raumschiff aus? Hier jedenfalls bewirke ich durch meine eigene Verdrehung auch eine relative Verdrehung der Raum-„Vertikale“ (wir müssen das hier jetzt natürlich in Anführungszeichen setzen), jedoch in zwei verschiedene Richtungen. Das ist einerseits völlig logisch, bereitet jedoch andererseits dem Verstand große Probleme, je nachdem wie er es betrachtet. Einerseits müssen wir nämlich nun feststellen, daß die Über-dem-Kopf-Seite immer identisch bleibt, wie wir auch feststellen, daß das vorherige „Raumoben“ auch jetzt noch „raumoben“ bleibt, andererseits würde das ja bedeuten, daß nun für Ich und Spiegel-Ich alles in Ordnung ist und daß nun weder eine horizontale noch eine vertikale Verkehrung gegeben ist. Doch hat jenes nun dennoch plötzlich die Deckenlampe links von oder über sich, während ich sie rechts von oder über mir habe! Spielt mir da mein Verstand oder mein Gefühl einen Streich? Es ist jedenfalls so, als blicke mir im Spiegel ein Anderswesen aus einer Anderswelt entgegen, das sich ebensowenig von deren Ausrichtung lösen läßt wie ich mich von derjenigen meiner Welt. Ich blicke durch den Spiegel offenbar tatsächlich in eine andere Welt.

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