Thema Kosmologie und Philosophie

   
   

Plattners Geschichte

Der englische Autor H.G. Wells - bekannt vor allem wegen seines Romanes 'Die Zeitmaschine' - hat in seiner Kurzgeschichte 'Plattners Geschichte' über einen Chemielehrer berichtet, der vor den Augen seiner Schüler nach der Explosion infolge eines mißglückten Experiments plötzlich spurlos verschwand, und der, nachdem er einige Tage später ebenso plötzlich wieder auftauchte, in seiner gesamten Anatomie völlig seitenverkehrt war. Er war in der Zwischenzeit offenbar in einer spiegelverkehrten Antiwelt gewesen und war der geblieben, der er dort gewesen war. Der Autor stellt dazu fest:

Es gibt keine Möglichkeit, einen Menschen zu packen und ihn in dem Raum, den normale Menschen als Raum begreifen, so zu bewegen, daß dadurch die Umkehrung seiner Körperhälften bewirkt werden könnte. Was auch immer man tut, seine rechte Seite wird immer die rechte und die linke Seite immer die linke Seite bleiben... Mathematiker erklären uns, daß es einzig und allein dadurch möglich sei, die rechte und linke Seite eines festen Körpers zu vertauschen, daß man diesen Körper regelrecht aus dem Raum, wie wir ihn kennen, herausnimmt - das heißt, ihn aus seiner normalen Existenz herausnimmt und ihn irgendwo außerhalb des irdischen Raumes herumdreht... Die merkwürdige Umkehrung von Plattners linker und rechter Körperhälfte ist der Beweis dafür, daß er aus dem irdischen Raum in die vierte Dimension gelangt und wieder in unsere irdische Welt zurückgekehrt ist... Es steht fest, daß er seitenverkehrt zurückkehrte, auf die gleiche Weise, wie einem sein Bild vom Spiegel zurückgeworfen wird,... und daß er sich während seiner Abwesenheit in einem Daseinszustand gänzlich außerhalb unseres gewohnten irdischen Raumes befunden haben muß.

Diese Nichtumkehrbarkeit ist auch deshalb bemerkenswert, weil das nicht gleichermaßen für die Verkehrung von unten und oben bzw. vorne und hinten gilt. Man kann jeden Körper, der insofern falsch ausgerichtet ist, wieder in jede andere Position bringen, doch eben nicht die Seitenverkehrung. In jener anderen Welt, in die Plattner geraten war, waren übrigens auch alle Farben in ihre Komplementärfarben verwandelt, ebenso wie hell und dunkel und so weiter, woraus sich die Überlegung ergibt, daß möglicherweise jene Welt, die wir im Spiegel wahrnehmen, eine dem Yin-und-Yang-Prinzip folgende notwendige Gegenwelt sein könnte. Jedenfalls hat dieses Thema auch viele andere Autoren immer wieder beschäftigt, während wir es in unserem Alltag einfach verdrängt und in den Badezimmerspiegel verschoben haben.

 

Eine nicht beantwortbare Frage?

Manche Probleme und Fragen begegnen uns tagtäglich, doch wir nehmen sie einfach als gegeben hin, ohne uns weiter den Kopf über sie zu zerbrechen. So müßten wir uns eigentlich fragen, warum unser Bild in einem Spiegel zwar seitenverkehrt, aber nicht auf dem Kopf stehend dargestellt wird. Mit anderen Worten: Es gibt zwar eine horizontale, nicht aber eine vertikale Spiegelung. Das scheint mit den reinen Regeln der Optik nicht erklärbar zu sein, denn etwa auf der hinteren Mattscheibe einer alten Plattenkamera werden beide Achsen vertauscht, und das Bild erscheint nicht nur seitenverkehrt, sondern auch auf dem Kopf stehend, wie es die optische Logik erwarten läßt. Das nachzuvollziehen verlangt kein großes Abstraktionsvermögen und kein besonderes räumliches Denken, denn im Mittelpunkt der Linse überschneiden sich alle Lichtstrahlen und wandern danach geradlinig umgekehrt wieder heraus bis auf die Platte. Es ist danach ohne weitertes möglich, das Bild wieder richtig zu drehen; es bleibt demnach ein Gegenstand dieser Welt und bedarf nicht der Transmutation in eine andere. Warum ist das im Spiegelbild anders? Zu diesem Problem gab es übrigens im Internet ein Diskussionsforum, und es wurden dort verschiedene Erklärungen vorgeschlagen. Die ganz Schlauen begnügten sich mit üblichen Physiklehrerantworten nach dem Muster: Es läge eben ein Denkfehler vor, die Frage sei einfach falsch gestellt oder gäbe keinen Sinn - und demnach Punkt. Andere machten sich die Sache nicht so leicht und meinten, der Spiegel vertausche tatsächlich gar nichts, denn man sähe auch im Spiegel seine rechte Schulter rechts, ebenso wie man auch dort seinen Kopf oben sähe - was zweifellos richtig ist, die Irritation aber nicht mindert. Wieder andere meinten zunächst gar nicht einmal so abwegig, es könne vielleicht daran liegen, daß unsere Augen neben- und nicht übereinander lägen und dadurch die Klapprichtung bedingt sei; doch das wurde von anderen widerlegt, indem sie darauf verwiesen, daß sich an der Situation auch dann nichts ändere, wenn man ein Auge zuhalte. Noch andere versuchten vom Problem abzulenken, indem sie meinten, mit zwei Spiegeln könne man das Bild wieder richtig stellen, und mit einem sei der Vorgang eben noch nicht abgeschlossen. Wieder andere meinten, es läge eben an unserer willkürlichen Definition von links und rechts. Sodann meldete sich ein übrigens aus dem Fernsehen bekannter Mathematikprofessor zu Wort und versuchte die Diskussion damit zu beenden, daß der Spiegel tatsächlich weder die eine noch die andere Achse spiegele, sondern nur hinten und vorne verkehre. Offenbar hatte er den Vorgang nach Mathematiker-Manier verobjektiviert, sich dementsprechend nach außen hinter die Szene gestellt, den Spiegeler dabei von hinten und sein Spiegelbild von vorne gesehen, alles in eine simple Formel gepackt und damit das Problem als erledigt betrachtet: „Hebe ich meinen rechten Arm vor dem Spiegel, hebt die Person im Spiegel ihren linken Arm. Hat der Spiegel deshalb rechts und links vertauscht? Nein! Aus meiner Blickrichtung in den Spiegel liegt mein Arm rechts von meiner Nasenspitze - und dessen Spiegelbild ebenfalls.“ Ist damit die Frage beantwortet? Offensichtlich handelt es sich um eine Trivialität, denn die Vorne-hinten-Verkehrung entspricht zwar genau dem, was wir uns üblicherweise unter einer Spiegelung vorstellen, löst aber nicht unser Problem, da sie uns nicht sagt, warum die Vertikale dabei unangetastet bleibt, nicht aber die Horizontale. Daß eine Verdrehung um die Vertikalachse stattfindet, wie es der Professor noch erläutert, läßt sich leicht nachvollziehen, ist aber nur eine Beschreibung dessen, was wir vorfinden, während ja ansich theoretisch auch eine Drehung um die Horizontalachse hätte stattfinden können, was aber nicht der Fall ist. Mein rechter Arm liegt doch zwar rechts von meiner realen Nasenspitze, aber links von der Nasenspitze meines Spiegel-Ichs. Im Spiegel begegnet mir nämlich ein irreales Ich, das es in der Realwelt nicht gibt. Die Spiegelwelt ist nicht einfach nur eine umgekehrte Realwelt, sondern eine seitenverkehrte Irrealwelt. Das ist ein Unterschied insofern, als man im ersteren Fall nur seine Position verkehren müßte, um alles wieder richtig herum sehen zu können, während das im zweiten Fall nicht möglich ist. Das Spiegel-Ich würde selbst bei einer imaginären Verdrehung seine Armbanduhr über seinem rechten Handgelenk behalten und nicht wie ich über dem linken… Daß seine Verobjektivierung des Problems keine falsche Unterstellung ist, ergibt sich auch aus dem Weckerbeispiel, das der Professor gab: Er stellt einen Wecker vor den Spiegel und sagt: Real sehe ich von vorne auf sein Ziffernblatt, während ich ihn im Spiegel von hinten sehe. Er sollte aber einmal versuchen, den Spiegelwecker umzudrehen und würde dann erkennen, daß es nicht mehr der gleiche ist: auf diesem ist nämlich dann das Ziffernblatt verkehrt und die Zeit läuft rückwärts! Obwohl die professorale Autorität wie üblich gleich zwei Affen erzeugte, die seine Version mit erhobenem Zeigefinger kolportierten (in Wikipedia unter 'Spiegelparadox' übrigens noch einen dritten, der das einfach abgeschrieben hat), wurde in einem speziellen Forum schließlich mehrheitlich als die intelligenteste Antwort die bewertet, die den Unterschied zwischen Vertikal- und Horizontalachse darin sah, daß erstere durch die Schwerkraft bedingt und somit auch psychologisch nicht umkehrbar sei, während letztere eigentlich im intelligibelen Raum gemäß unserem räumlichen Vorstellungsvermögen ständig neu interpretiert würde: Wir sehen danach jeden Menschen ständig modellhaft sich in einem geistigen Koordinatensystem bewegen und wissen dann immer, wo seine rechte und wo seine linke Seite ist. Und da uns unser Spiegelbild nun plötzlich wie ein Fremder entgegensähe, so hielten wir dessen ansich optisch völlig richtig rechts gespiegelte und mit unserer eigenen rechten identische Schulter eben nun plötzlich für seine linke Schulter, weil wir das Spiegelbild wie das reale Bild einer fremden uns begegnenden Person betrachten, worin eben der Irrtum bzw. die Irritation liege.[1] Diese Antwort ist tatsächlich sehr intelligent. Aber stimmt sie wirklich?  Dazu noch später: gehen wir aber zunächst die Sache noch etwas grundsätzlicher an.

Main page Contacts Search Contacts Search