Thema Kosmologie und Philosophie

Spiegelwelt

 

(Siehe auch den ergänzenden Essay 'Das Problem der Rechts-links-Unterscheidung')

 

Der berühmte Satz des Descartes "Cogito, ergo sum - Ich denke, also bin ich", der die Realität der Welt lediglich auf der Gewißheit des Selbsterlebnisses zu beweisen vermag, hat viele verunsichert und etwa zu der Frage veranlaßt, ob uns denn auch unser Spiegelbild keine Gewißheit unserer Existenz geben könne. Diese Frage aber, ob unser Selbsterlebnis im Spiegel bereits ein Beweis dafür ist, daß wir wirklich sind und tatsächlich existieren, ist in gewisser Weise sehr theoretisch, denn wir können uns auf den Standpunkt stellen, daß uns unser Realitätserlebnis selbst dann, wenn es nur traumhaft ist, eben zumindest als Realität genügen kann. Immerhin sorgt die Intensität unseres Selbsterlebnisses ihrerseits dafür, daß aus dem Dunst Realität wird und daß durch die Intensität, mit der wir uns in die Welt einbringen und unser Leben verwirklichen, dieses zumindest zu einer relativen Realität wird, wenn es sinnvoll verwirklicht wird. Deshalb stellt Euch vor den Spiegel und sagt Euch:

Vitaler Nebel mit Sinn ist im Leben relativ!

Das ist eine tiefe Wahrheit, die sich besonders eben vor dem Spiegel erweist (weshalb man diesen Satz auch von hinten lesen kann!) Entsprechend hat das Spiegelmotiv die Phantasie der Menschen seit jeher beschäftigt, vielleicht auch deshalb, weil es etwas mit dem Ouroboros-Selbstschöp­fung­sakt zu tun hat, wie es auch Eschers Bild 'Der Zauberspiegel' nahelegt. So spielt es auch in der Physik und Mathematik eine wichtige Rolle und hat ein Pendant als Doppelgängermotiv in der Kunst und Literatur besonders der Romantik. Dort taucht es etwa bei E.T.A. Hoffmann auf. Eine Kombination des Doppelgängers und des Spiegelprinzips ist immer dann gegeben, wenn es sich bei dem Partner um das Yin-und-Yang-Prinzip sowohl im materiellen wie im geistigen Sinn handelt oder beides insofern nicht klar zu unterscheiden ist oder wenn es sich um das in der Homöopathie auftauchende sog. Ergänzungsmittel handelt.

Eschers Zauberspiegel     

Wenn der Vampir lange genug in den Spiegel sieht, erkennt er sich darin am Ende wirklich, denn: ...

Vitaler Nebel mit Sinn ist im Leben relativ! (Wenn man diesen Satz im Spiegel betrachtet, stimmt er nämlich von hinten wie von vorne!)

 

 

 

M. C. Escher:
Der Zauberspiegel
 

 

Das wäre etwa in der Geschichte ‚Dr. Jekyll und Mr. Hyde’ von R. L. Stevenson der Fall und erfährt eine Variation in Adelbert von Chamissos Geschichte von Peter Schlehmil, der seinen Schatten an den Teufel verkaufte, der ihn ihm später nur wieder zurückgeben wollte, wenn er ihm seine Seele dafür gab. Besonders deutlich wird das Thema in Lewis Carolls Geschichte ‚Alice hinter den Spiegeln’. Darin begegnet das Mädchen Alice auch prompt einer weiteren Entsprechung des Doppelgängermotivs, nämlich einem merkwürdigen Zwillingspaar, von dem es davor gewarnt wird, den schlafenden schwarzen Schachkönig zu wecken. Dieser ist natürlich auch ein Pendant des weißen Königs, und der Gegensatz äußert sich hier nach dem Prinzip von Materie und Antimaterie: Sollte der König nämlich geweckt werden, so wären nicht nur alle Lebewesen tot, sondern die ganze Welt würde verschwinden und sich in Nichts auflösen. Denn - und damit kommt eine weitere Variante ins Spiel - der König träumt diese Welt nur. Tatsächlich ist es eines der am wenigsten erklärten Phänomene, warum wir überhaupt schlafen und träumen müssen, da sich das ja nicht einfach nur damit erklären läßt, daß wir uns von den täglichen Anstrengungen erholen müssen - schließlich hat deren Intensität kaum eine Auswirkung auf das Schafbedürfnis. Läßt sich der Schlaf als täglicher kleiner Bruder des Todes vielleicht am ehesten auch als notwendige Erfüllung des Yin-und-Yang-Motivs erklären - etwa in dem Sinn, daß unser täglicher Wachtraum nur als Pendant der Nacht zu verstehen ist und nur von dorther gespiegelt wird, und haben wir vielleicht einen Doppelgänger in der Nacht? Wenn wir einige Nächte lang keinen Schlaf finden, kommen wir unweigerlich in einen Wahnsinnszustand: unsere Psyche verliert ihr Gleichgewicht, wenn wir nicht den ständigen Rahmen eines zuverlässigen Tag-Nacht-Wechsels haben, der uns nach den schlimmsten Erlebnissen des Vortages doch an jedem Morgen fast wieder wie neugeboren erwachen läßt. So scheint der Schlaf eher geistig-psy­chische als materiell-physische Gründe zu haben. In anderer Form taucht das Thema als Rechts-links-Verkehrung auf und hat in gnostischen oder häretischen Lehren eine bestimmte mystische oder religiöse Bedeutung, die als ‚Pfad zur linken Hand’ zusammengefaßt werden. Damit werden besonders okkulte und magische Richtungen bezeichnet. Dieser Name kommt wohl ursprünglich aus dem Hindu-Tantra, spielt aber auch - was seine kulturübergreifende Bedeutung unterstreicht - im haitianischen Woodoo eine entscheidende Rolle (siehe unseren gleichnamigen Essay). In den entsprechenden Kulten werden alle Tabus und Glaubensinhalte bewußt in ihr Gegenteil verkehrt und auch in gegenläufigen Zeremonien dargestellt. Alles, was normalerweise verboten ist, wird hier geradezu verbindlich gefordert. Es ist eine weitere Form einer bewußten Gegenwelt, aber im Gegensatz zu derjenigen des Karnevals und der 11 überschreitet sie die Gren­ze zwischen Diesseits und Jenseits.

Versuchen wir uns einmal klarzumachen, welche grundsätzliche Schwierigkeiten mit einer realen Rechts-links-Unterscheidung verbunden sind: Wir befinden uns in einem Raumschiff irgendwann in der Zukunft irgendwo im Weltraum. Es hat die Mission, nach seinem baugleichen Schwesterschiff zu suchen, das seit längerer Zeit spurlos verschwunden ist. Plötzlich erhält es Funkkontakt. Das andere Raumschiff scheint unversehrt zu sein, doch kommt es dem hiesigen Kommandanten merkwürdig vor, daß es dem seinigen noch mehr ähnelt als er eigentlich erwartet hatte. Nicht nur das Raumschiff selbst mitsamt seiner ganzen Inneneinrichtung scheint mit ihm exakt identisch zu sein, sondern auch die gesamte Besatzung besteht offenbar aus Zwillingsmenschen. Wie kann das sein? Dem Kommandanten kommt ein merkwürdiger Verdacht: er argwöhnt plötzlich, daß es sich nicht nur um ein ähnliches, sondern um ein exakt identisches Raumschiff handelt, das lediglich aus Antimaterie besteht und aus einem Paralleluniversum kommt oder sich sogar noch darin befindet. In dem Fall wäre allerdings eine direkte Begegnung unmöglich, denn sie würde beide Seiten sofort vernichten. Er muß also Gewißheit darüber haben, ob das der Fall ist oder nicht, und er hat die Idee, den anderen Kommandanten einfach zu fragen, ob bei ihm auch alle drei Raumdimensionen mit seinen eigenen identisch seien. Natürlich besteht kein Zweifel darüber, daß auch dort hinten und vorne genauso unterschieden sind wie hier und daß dort auch der gleiche Unterschied zwischen oben und unten ist bzw. daß der zumindest künstlich hergestellt wird, sodaß alle dort aufrecht gehen können. Auf ähnliche Weise läßt sich allerdings die Rechts-links-Orientierung noch nicht einmal künstlich herstellen, weil es keinen Maßstab dafür gibt. Das zeigt sich auch gleich bei den Verständigungsproblemen zu diesem Punkt. Wie soll der hiesige Kommandant den anderen fragen, wo der seine rechte oder linke Hand hat? Hat er seine rechte Hand da, wo der Daumen links ist? Nachdem ihm mitgeteilt wurde, daß auch das andere Raumschiff von der Erde kommt, weiß er aber immer noch nicht, ob es sich dabei um die hiesige oder eine Parallelerde handelt, und es wird wohl auch nicht viel nützen, den anderen zu fragen, ob bei ihm alles so ist wie auf der hiesigen Erde, denn es besteht nach allem kaum ein Zweifel daran, daß es sich um ein exaktes Duplikat handelt. Aber es könnte dort ja eben alles spiegelbildlich sein, ohne daß für die dortigen Bewohner deshalb auch nur die geringste Irritation besteht - ebensowenig wie für die Bewohner der hiesigen Erde, die auch alles für richtig herum halten. Der Kommandant hat eine Idee: er bittet den anderen darum, sich exakt in der Richtung der täglichen Sonnenbahn stehend vorzustellen, sodaß er dabei zum Sonnenuntergangspunkt, also nach Westen, blickt, und ihm mitzuteilen, ob dann sein Herz auf der Seite der Pinguine oder der Eisbären liege. Wenn es nämlich auf der der Pinguine, also zum Südpol hin, liegt, so ist daraus seiner Meinung nach zu folgern, daß er es in seiner linken Brust hat und daß deshalb alles in Ordnung ist. Tatsächlich erhält er die Information, es liege auf der Seite der Pinguine. Deshalb bereitet er die direkte Begegnung vor. Doch im letzen Moment zögert er, denn es wird ihm plötzlich klar, daß auf der dortigen Welt, falls es sich um eine Antiwelt handelt, natürlich auch Nord- und Südpol verkehrt sind und das Herz auf der "anderen" Seite liegen müßte. Es scheint also so zu sein, daß man erst im Moment der direkten Begegnung feststellen kann, ob etwas aus Materie oder Antimaterie besteht. Es ist genauso wie bei den beiden Polen eines Magneten: Die Unterscheidung von Plus- und Minuspol ist auch nur immer in Relation zum jeweils anderen zu treffen, denn ein für sich bestehendes absolutes Kriterium dafür gibt es nicht.

Bekanntlich wird unser Bild vor dem Spiegel zwar horizontal, nicht aber vertikal verkehrt. Es ist also nicht so wie auf der Mattscheibe einer alten Plattenkamera, auf der beide Koordinaten verkehrt sind, was sich nach den optischen Gesetzen leicht erklären läßt. Im Gegensatz dazu gibt es zwar für das Spiegelphänomen alle möglichen Theorien, die aber alle letztlich nicht wirklich befriedigen. Bei den Deutungsversuchen gelangen wir unweigerlich in eine Grenzregion zwischen Verstandes- und Gefühlsdeutung, zwischen Subjekt- und Objektaspekt. Das ist wohl nur so zu erklären, daß es sich einerseits bei der Spiegelwelt nicht um eine Realwelt handelt und es andererseits auch eine eigentliche Realwelt gar nicht gibt - es sei denn nur im archetypischen Sinn. Alle Raumdimensionen sind nämlich keine realen Maßstäbe, die sich auf eine Realwelt beziehen. Es gibt insofern gar keine wirkliche Möglichkeit, zwischen vorne und hinten und rechts und links zu unterscheiden (es sei denn ersteres rein körperbezogen), und es gibt auch nur eine scheinbare Vertikalausrichtung, die allerdings durch die Schwerkrafteinwirkung subjektiv erleichtert wird. Damit verbunden ist der Umstand, daß sich die Orientierung auch nicht real vornehmen läßt. Sie folgt tatsächlich nur aus dem kollektiven Unbewußten und ist nur archetypisch prä-real. Sie kann deshalb auch nicht real erlernt werden, sondern beruht nur auf apriorischen Fähigkeiten. Wenn diese Fähigkeit nicht wie etwa unsere Raumwahrnehmung im frühen Kindalter aus dem kollektiven Unbewußten ‚hervorgeholt’ wird, kann sie deshalb später kaum noch nachgeholt werden. Tatsächlich haben besonders viele Frauen mit der Rechts-links-Unterscheidung lebenslang ein Problem (was bei ihnen gegenüber den Männern mit der intensiveren Verbindung beider Gehirnhälften erklärt wird). Aber das sind eigentlich nur psychologische Erklärungen. Nach allem besteht ansonsten bisher eine allgemeine Konfusion über die Beurteilung des Spiegelphänomens. Wie gesagt blicke ich ja offenbar im Spiegel in eine Anderswelt. Was wäre, wenn ich mich mit meinem Spiegel-Ich unterhalten wollte, falls das möglich wäre? Würde ich überhaupt seine Laute richtig wahrnehmen oder wären sie unentschlüsselbar verfremdet? Ich habe den Eindruck, daß sich im Spiegel nicht nur meine Person, sondern die ganze Welt spiegelt. Ich könnte mir einen riesigen Spiegel vorstellen, der das ganze Kosmos spiegelt und hätte dann eine Antiwelt nach der physikalischen Antimaterie-Theorie.

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