Thema Kosmologie und Philosophie

Das Problem der Masse

aus philosophischer Sicht

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich für Wikipedia verfaßt, dort aber wieder gelöscht. Stattdessen ist dort nur der physikalische Masse-Begriff erläutert (siehe hier). Offensichtlich gibt es - nach dem Eindruck unseres Autors - im Wikipedia-Backend eine streng positivistisch ausgerichtete und relativ etablierte Macht-Riege, der eine Hinterfragung des phyisikalischen Begiffs nicht paßt. Das ist immerhin eine interessante Feststellung, die sehr viel über Wikipedia aussagt! Es betrifft übrigens auch einige andere unserer Artikel - etwa die Rechts-links-Unterscheidung, Archetypisches Symbol und Das Raum-Zeit-Paradoxon. Immerhin haben allerdings einige unserer Autoren mit ihren Wikipedia-Artikeln Erfolg gehabt. Im besseren Sinn kann man es so sehen, daß sich Wikipedia als streng 'enzyklopädisch' in der Weise begreift, daß dort nur das repräsentiert sein soll, was sich faktisch oder prominent zitiert belegen läßt. Das hat aber einerseits nichts mit der historischen Enzyklopädie der Aufklärung zu tun und führt auch zwangsläufig zu einer faktischen Rückkoppelung.)

Neuerdings wurde der Artikel allerdings ohne unsere Benachrichtigung (!!) im Bereich 'Pluspedia' wieder eingestellt! (Siehe hier:)

Der Begriff der Masse muß deutlich unterschieden werden von dem sehr viel allgemeineren der Materie und wird heute üblicherweise in seiner physikalischen und soziologischen Variante gebraucht. Diese beiden Varianten sind aber Abspaltungen aus der ursprünglich übergeordneten philosophischen Fassung, die auch einen qualitativen Aspekt einschloß, aber inzwischen in den Hintergrund trat, obwohl der Begriff nach wie vor problematisch ist.

Begriffsbestimmung

Während der Begriff der Masse in der Physik heute in ein starres quantitativ bestimmtes Formelkorsett gefaßt und fixiert und in der Soziologie nur auf große Menschenmengen bezogen ist, bleibt er in seiner philosophischen Form immer noch sehr problematisch. Daß davon auch das - nur definitorisch abgegrenzte - physikalische Verständnis nicht unberührt bleibt, hat der Autor Max Jammer so ausgedrückt: Eine der erstaunlichsten Tatsachen in der Geschichte der Physik ist die Unklarheit in der Definition des Schlüsselbegriffs der Dynamik, nämlich dem der Masse…[1]

Wir müssen also unterscheiden zwischen:

  • der Materie als einem allgemeinen Begriff, der in der philosophischen Tradition im Gegensatz zum Geist gesehen wurde und den wir heute üblicherweise etwas unklar mit physischen Körpern mit ‚handfesten’ Eigenschaften verbinden bzw. der in der Physik mit seinen kleinsten Bestandteilen, den Atomen oder Molekülen, assoziiert wird. Der von Aristoteles synonym verwendete Begriff hyle bedeutete ursprünglich Holz oder Wald und ist wahrscheinlich verwandt mit dem indogermanischen sulv (fruchtbar). Insofern ist diese Bedeutung identisch mit unserem heutigen Begriff Materie (materia), der sich im Wortsinn von mater (Mutterschoß) als Quelle allen Wachstums herleitet.
  • dem physikalischen Masse-Begriff. Dieser ist viel konkreter. Er ist aber nur eine von mehreren Eigenschaften der Materie und wird seinerseits mit bestimmten physikalischen Eigenschaften wie etwa dem Gewicht, dem Volumen oder der Trägheit verbunden, die sich alle quantitativ messen lassen.
  • dem philosophischen Masse-Begriff. Dieser tritt noch weniger eindeutig als die physikalische und soziologische Variante als Quantität in Erscheinung. Er war aber ursprünglich noch mit dem heutigen soziologischen verbunden, wobei ihm auch entsprechende - eher niedrige - qualitative Eigenschaften zugesprochen wurden. Seine notwendigen Eigenschaften waren ein permanentes Thema unterschiedlicher Auffassungen, und auch heute noch wird seine tiefere Problematik deutlich, indem er sich zum Beispiel nicht klar gegen den Körper- oder Raum-Begriff abgrenzen läßt, denn letztlich sind alle Masse-bestimmten Körper raumdurchdrungen, wie auch kein Raum vorstellbar ist, in dem keine Körper angeordnet sind. Körper werden dabei – heute - eher als raumerfüllte Objekte vorgestellt, während Masse eher mit dem Begriff der Trägheit verbunden wird. Letzteres ist aber erst das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses, denn noch Descartes stellte sich die Masse (oder Materie) in erster Linie durch die Ausdehnung bestimmt vor, während erst ab Newton ihr eher dynamische Eigenschaften zugesprochen wurden und der Ausdehnungsaspekt – wenn auch unausgesprochen – auf den sich dabei abspaltenden Körper-Begriff übertragen blieb.
  • dem soziologischen Masse-Begriff. Dieser wird in Bezug auf große Menschenmengen oder –gruppen in psychologischen, gesellschaftlichen und politischen Erörterungen verwendet und hat dabei fast immer einen negativ-qualifizierenden Aspekt (siehe Ortega y Gasset: ‚Der Aufstand der Massen’).

Vielfach wird gesagt, der ‚dynamische’ Begriff der ‚Masse’ im Sinne der trägen Masse sei erst durch Isaac Newton in die Physik eingeführt worden. Tatsächlich läßt sich dieses Verständnis aber nicht von der vorausgegangenen Entwicklung lösen. Das gilt etwa für den in der Physik so wichtigen Begriff der trägen Masse – oder einfach der ‚Trägheit’, der bereits im Altertum eine qualitative Vorform besaß und von Johannes Kepler in der Weise vorbereitet wurde, die Newton in einer quantitativen Form präzisierte. Aber diese Entwicklung läßt sich weniger als Erkenntnisfortschritt denn vielmehr als ein Anpassungsprozeß an die Erfordernisse der gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung auf die Moderne verstehen. Darüber blieb das eigentliche Wesen der Sache weiterhin problematisch. Man könnte die Masse mit einem Schauspieler vergleichen, der in den unterschiedlichsten Kostümierungen auftritt, ohne eine eigentliche Identität zu haben. Einmal erscheint sie als Trägheit, ein andermal als Energie, Volumen oder Gewicht. Während diese als notwendige Eigenschaften erscheinen, besitzt sie aber außerdem verschiedene Akzidenzien, also jeweils verzichtbare und auch nicht quantifizierbare Eigenschaften, wie etwa Farbe, Geruch oder Form. Was sie aber wirklich für sich selbst ist, also ihre eigentliche Substanz, wenn man von diesen Eigenschaften absieht, bleibt dabei unklar.

In der physikalischen Ausdrucksweise wird der Begriff der Substanz als das, was kein anderes Ding für seine Existenz erfordert, auf die Materie lediglich als den Träger wechselnder Eigenschaften angewandt, läßt dabei den Träger selbst aber unbeeinflußt von solchen Wandlungen. Insofern die Materie einer Begriffsbestimmung bedurfte, so blieb darin bis heute doch immer ein unverstandener und unverständlicher Rest und macht sie letztlich unerforschlich. Kein Wunder also, daß die Quantenphysiker die gleiche Erfahrung machten, als sie in den Bereich des Allerkleinsten vorstießen.

Die Materie – als selbst nicht ergründbar – wurde in der Antike zunächst nur zum Träger ihr zugesprochener bestimmter Eigenschaften in einem noch qualitativen Sinn. Erst im Laufe ihres Quantifizierungsprozesses wurde sie dabei zur Masse. Die Masse ist demnach nicht nur eine Mengenbezeichnung, sondern wird auch erst als Ergebnis des Quantifizierungsprozesses gegenständlich vorgestellt. Newton führte den Begriff „quantitas materiae“ synonym mit Masse als Erhaltungsgröße der Menge der Materie ein. Masse ist in diesem Sinn bis heute einfach nur die Quantität von Materie. Unter diesem Vorbehalt lassen sich beide Begriffe sonst synonym verwenden.

 

Eigenschaften

Das Denken der Antike war aber eher qualitätsbestimmt. Der Massenbegriff im Sinne der Newtonschen quantitas materiae war etwa dem Denken des Aristoteles noch fremd. Er beschreibt wiederholt die ‚Materie’ als „ausgedehnte Körper“ (soma). Ein Körper ist bei ihm etwas, dessen Grenze bzw. Bereich seine Oberfläche ist, im Sinn eines geometrischen dreidimensionalen Rauminhalts. Andererseits finden sich bei ihm aber auch zahlreiche Hinweise, daß ihm die ‚prima materia’ (erste Materie) kein Körper war und keine meßbare Größe hatte. In seiner ‚Metaphysik’ heißt es dazu: „Unter Materie verstehe ich das, was ansich weder ein bestimmtes Ding ist noch eine bestimmte Größe hat noch einer anderen Denkkategorie unterliegt, durch die ihr Sein determiniert ist.“ An anderer Stelle führt er über sein Verständnis von Substanz und Materie aus:

Die sinnlichen Substanzen sind sämtlich mit Materie behaftet. Substanz ist in dem einen Sinne das Substrat und die Materie, – unter Materie aber verstehe ich das, was nicht der Wirklichkeit nach, sondern nur der Möglichkeit nach eine Bestimmtheit an sich trägt; – im anderen Sinne ist Substanz der Begriff und die Form, das was als ein Bestimmtes im Denken für sich abgetrennt aufgefaßt werden kann. Das Dritte ist dann die Verbindung von beiden, das, dem allein ein Entstehen und Vergehen zukommt, und was schlechthin ein für sich Bestehendes ist, während die begrifflichen Gegenstände teils für sich bestehende sind, teils nicht.

Das hat unter den Peripatetikern zu Verwirrung und Mißverständnissen geführt. Sein späterer Kommentator Simplikios etwa empfand den darin liegenden Widerspruch so: „Wenn die Materie ein Körper ist, so muß sie ein bestimmtes Quantum sein und eine bestimmte Größe besitzen..“ Er schlug stattdessen vor, die erste Materie an sich als unausgedehnt anzusehen, aber sie durch Vermittlung einer körperlichen Form zur ausgedehnten Materie werden zu lassen:

Sollen wir daher nicht zugeben, daß der Körper ambivalent ist? Einmal existiert er nach Form und Maß und als bestimmt durch Abstände, andererseits aber wird er charakterisiert durch Spannungen und Entspannungen und durch eine Unbestimmtheit wegen seiner körperlichen, unteilbaren und intelligibelen, nur der Vernunft zugänglichen Natur.. Wir müssen vielleicht die Materie für ein solches Intervall halten, sie ist also nicht von körperlicher Form, aber man kann durch sie die unendliche und unbestimmbare Natur eines solchen Intervalls meßbar und abgrenzbar machen und ihre Flucht aus dem Sein aufhalten. (Simplicii in Aristotelis Physicorum libros..)

Erst durch den Meßvorgang im Sein fixieren (und so die Materie zur Masse werden lassen)! Ganz nebenbei ist es sehr interessant, wie treffend hier bereits die Ergebnisse der modernen Quantenphysik vorhergenommen werden, denn das erinnert sehr an Schrödingers Katze, derzufolge erst durch Perzeption bzw. Apperzeption des Beobachtungsvorganges die Dinge oder Vorgänge in ihrem endgültigen Sosein fixiert werden. Dieser Verwirrung versuchte man aber in den späteren Jahrhundert noch durch gelegentliche gewaltsame Definitionsarbeit Herr zu werden. Der moderne Massebegriff ist jedoch im Grunde auch nicht viel klarer. Er hat, obwohl ihm konkrete und sogar meßbare Eigenschaften wie Temperatur, Licht und Kraft zugesprochen werden, dennoch kein wirklich eigenes Gesicht und offenbart sich auch nicht direkt in irgend einem möglichen Experiment. Er ist im Prinzip nicht mehr als das ‚elektromagnetische Feld’. Auch dieses hat ja bestimmte Eigenschaften, obwohl man sich bis heute nicht klar über seine eigentliche Natur ist.

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