Thema Kosmologie und Philosophie

Der Bezugsrahmen

 

 

Ein Bezugsrahmen (Umgebung, Kulisse, Norm, Voraussetzung, Kontext, Paradigma, Hintergrund, Zusammenhang, Konnex, Nexus) kennzeichnet den Sinnzusammenhang, in dem eine einzelne Sache verständlich wird und ohne den sie gar nicht vorstellbar ist.

 

 

 

Allgemeine Bedeutung

Wir sind weitgehend von der Vorstellung bestimmt, daß unsere Welt aus nur für sich verständlichen Einzeldingen besteht. Tatsächlich ist aber alles immer nur ein jeweils besonderer Aspekt eines alles übergreifenden Ganzen. Der in diesem Zusammenhang wichtige Begriff des Bezugsrahmens entspricht somit einer ‚ganzheitlichen’ Betrachtungsweise. Jedes vermeintliche Einzelding steht vor einer Kulisse, einem Hintergrund, beziehungsweise ist nur aus einem bestimmten Zusammenhang verständlich, auf den es bezogen ist. Dieser Zusammenhang wird im allgemeinen unbewußt und unartikuliert vorausgesetzt, ist aber immer in dem Einzelding präsent. Das entspricht auch dem uralten philosophischen Problem des Gegensatzes des Einen und des Vielen, mit dem sich die sog, Neuplatoniker besonders befaßt haben. Diese gingen davon aus, daß es nichts wirklich Vereinzeltes und nur für sich Stehendes gibt, sondern daß jedes Einzelding immer nur ein bestimmter Aspekt des ‚Viel-Einen’ ist, auf das es sich bezieht und das ihm seine besondere Bedeutung gibt.

 

 

Der Bezugsrahmen in der Optik und die Assoziation

Wie sehr jedes vermeintliche Einzelding nur aus dem jeweiligen Bezugsrahmen verständlich ist und – wenn auch zumeist unbewußt – nur verstanden wird, kann uns bereits die physikalische Optik veranschaulichen: wenn wir nämlich den Blick unseres Auges auf ein bestimmtes Objekt fokussieren, erfassen wir aus den Augenwinkeln immer zugleich auch dessen Umgebung mit, die ihm seinen Sinnzusammenhang verleiht. Die Farbe Blau wird so erst verständlich, wenn wir zugleich auch alle anderen Farben zumindest vorstellungsmäßig dazu in Bezug setzen, denn für sich allein wäre sie bloße Monochromie und würde uns nicht eine Vorstellung ihrer besonderen Farbigkeit verleihen. Ebenso ist es mit den anderen Eigenschaften und Gegenständen selbst. Wenn das Auge die Struktur eines Blattes erfaßt, muß der Beobachter wissen, was ein Blatt ist, und das liefern ihm noch nicht einmal nur der räumliche und zeitliche Kontext, sondern es sind dazu auch zurückliegende und jeweils aus der Erfahrung abrufbare Informationen notwendig. Dazu gab es ein interessantes Experiment: Man hatte einer Gruppe von Pygmäen einen Film über die Stadt New York vorgeführt und sie danach gefragt, was sie da gesehen hatten. Und sie alle antworteten übereinstimmend: „Hühner“. Als man daraufhin den Film noch einmal ablaufen ließ, entdeckte man tatsächlich auf einem Hinterhof einige Hühner. Das war das einzige, was die Pygmäen gesehen hatten, weil das das einzige war, was sie kannten. Alles andere konnten sie nicht zuordnen und hatten es deshalb auch einfach nicht gesehen. Es fehlte ihnen dazu jede Assoziationsmöglichkeit.

 

Der Bezugsrahmen als Kontext und Prozeß

Alle Dinge sind stets in einen Kontext eingebunden, die ihnen erst ihre Bedeutung verleihen. Dieser Kontext kann aber nicht nur ein räumliches Koordinatensystem sein, sondern muß auch die zeitliche Dimension einbeziehen. Alles ist Prozeß, und jede Steigerung gewinnt erst aus der prozessualen Dramaturgie ihre Bedeutung. Jedes Einzelereignis bedarf der Interpretation, und die folgt aus einer Gesamtbeurteilung, zu der man nur aus einem größeren Beobachtungsrahmen fähig ist. Es gibt keine Höhepunkte ohne Entwicklung. Nichts ist voraussetzungslos. Es gibt auch keine Einzelbeobachtung ohne eine sie erklärende Theorie. Einzelereignis und Bezugsrahmen stehen somit in einer Wechselwirkung. Nicht nur das Experiment beweist die Theorie, sondern ohne die Theorie bleibt auch das Experiment unverständlich. Kaum ein anderer hat das so anschaulich dargestellt wie der Autor Thomas S. Kuhn, der für den Bezugsrahmen den Begriff ‚Paradigma’ gewählt hat:

 

 

Das Paradigma

Wie entsteht eine wissenschaftliche Erkenntnis? Der Schüler begegnet dem von ihm gewählten Fachgebiet nicht als völlig unbeschriebenes Blatt und in aller Objektivität, sondern er ist ein kompliziertes menschliches Wesen, das durch alle möglichen Nebenumstände beeinflußt ist, bei denen es schon theoretisch größte Schwierigkeiten bereitet, sie von dem zu trennen, was er in späterer Rückschau als die „Sache selbst“ betrachtet, die er da erlernt hat. Der Lernende ist von vornherein geprägt durch seine angeborene Disposition und frühere Erfahrungen, die darüber bestimmen, wie er die Sache einschließlich aller Begleitumstände aufnimmt. So wird etwa sein Verhältnis zu seinem Lehrer wichtig sein, und da er unabhängig von der Sympathiefrage zunächst dessen Autorität akzeptieren muß, wird er auch den Lehrstoff als etwas betrachten, dem er sich als etwas Gegebenes zu nähern hat. Er wird dabei also die ihn bestimmenden Nebenumstände als solche gar nicht wahrnehmen, sondern sie unbewußt seinem scheinbar äußerlichen Ziel zurechnen. So erlernt er im Grunde weniger objektive Einzeldinge, aus denen sich erst danach ein Gesamtbild ergibt, sondern dieses Gesamtbild wird ihm als Denkrahmen durch viele unterbewußte Begleitumstände von vornherein vermittelt und bestimmt als solches erst den Wert des jeweiligen zu erlernenden Einzeldings, das jeweils immer nur ein bestimmter Aspekt des Ganzen ist, von dem er also notwendigerweise ein stets mitwachsendes Verständnis bzw. eine Vermutung haben muß. Thomas Kuhn hat für diesen Denkrahmen den Begriff „Paradigma“ geprägt und ihm eine entscheidende Rolle bei allen wissenschaftlichen Erkenntnisakten zugeschrieben[1]:

Ein offenbar willkürliches Element, das sich aus zufälligen persönlichen und historischen Umständen zusammensetzt, ist immer ein formgebender Bestandteil der Überzeugungen, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft in einer bestimmten Zeit angenommen werden. Dieses Element von Willkür deutet aber nicht darauf hin, daß irgendeine Gruppe von Wissenschaftlern ihren Beruf ohne eine Reihe anerkannter Überzeugungen ausüben könnte.... Zumindest bei ausgereiften Wissenschaften sind Antworten auf solche Fragen (oder vollwertiger Ersatz dafür) fest in das Ausbildungsritual eingebettet, welches die Studierenden auf ihre fachliche Tätigkeit vorbereitet und ihnen die Zulassung dafür erteilt. Weil diese Ausbildung streng und dabei starr ist, vermögen jene Antworten sich tief im wissenschaftlichen Denken zu verankern. Wenn der einzelne Wissenschaftler ein Paradigma als gegeben betrachten kann, braucht er bei seinen Hauptwerken nicht mehr zu versuchen, sein Fachgebiet von den Grundprinzipien aus unter Rechtfertigung jedes neu eingeführten Begriffs neu aufzubauen... Er kann sich also ausschließlich auf die subtilsten und esoterischsten Aspekte der Naturerscheinungen, mit denen sich seine Gruppe befaßt, konzentrieren... Seine Forschungen gehen nicht mehr, wie bisher üblich, in Bücher ein, die sich... an jeden am Thema Interessierten wenden. Sie erscheinen vielmehr in kurzen Artikeln, die sich nur an die Fachkollegen wenden, an diejenigen, bei denen die Kenntnis eines gemeinsamen Paradigmas vorausgesetzt werden kann und die sich als die einzigen erweisen, welche die an sie gerichteten Arbeiten zu lesen vermögen...

 

 

 

Die Umgehung der Problematik durch Axiome

 

Ein Axiom ist besonders in der Naturwissenschaft die Voraussetzung, auf der eine davon abgeleitete Aussage beruht. Allerdings kann über dieses nicht mehr ausgesagt werden als daß es sich um ein „unmittelbar einleuchtendes Prinzip“ handelt. Damit ist es einer weiteren Nachfrage nicht mehr zugänglich. Tatsächlich läßt sich das Axiom auch ganz allgemein als ‚Voraussetzung’ bezeichnen – mit anderen Worten auch als Kontext, Kulisse, Hintergrund, Konnex oder Nexus. Ohne einen derartigen Hintergrund kommt demnach keine konkrete Aussage aus, immer ist in ihr etwas anderes Allgemeineres und Grundsätzlicheres vorausgesetzt, aus dem es abgeleitet wird und das selbst keiner tieferen Nachfrage mehr zugänglich ist und demnach eben ganz allgemein als evident vorausgesetzt werden muß. Es kann zwar nicht weiter bewiesen werden, bedarf aber nach akzeptierter Übereinkunft auch keines weiteren Beweises. Nach heutiger Interpretation versucht man dieser unbefriedigenden Aussage dadurch zu entgehen, daß man nur noch nüchtern konstatiert, daß Axiome ihrerseits nicht mehr von anderen Voraussetzungen abgeleitet sind. Das gilt aber grundsätzlich für jede Kulisse. Das Ereignis selbst ist auf eine jeweilige Kulisse bezogen, die Kulisse aber ist schlicht definitorisch. In kritischer Sicht tritt damit eine bloße Definition an die Stelle einer objektiven Tatsache.

 

 

 

Bezugsrahmen in der Dramaturgie

 

Daß es kein Einzelereignis gibt, das nur aus sich selbst heraus verständlich ist, ist die Grundlage und Voraussetzung der Dramaturgie. Es gibt keinen Helden ansich, sondern jeder Held wird erst vor dem Hintergrund seiner Geschichte, seines speziellen Heldenepos verständlich, in die oder das er eingebunden ist. Der Dramatiker sieht sich demnach genötigt, dieses in einer raumzeitlichen Entwicklung darzustellen, und er verwendet dazu besonders bewährte dramaturgische Mittel. Jedes Ding, jeder Charakter, wird erst durch seinen Gegenpol wirklich verständlich, und ebenso wie es kein Licht ohne Dunkel, kein Gut ohne Böse gibt, gibt es auch keinen Helden ohne den Bösewicht, der zu seinem Gegenpart wird. Auch dabei ergibt sich das Drama aber nicht aus einer einzelnen momentanen Konfrontation, sondern aus einer bestimmten zeitlichen Entwicklung, die sich als Prozeß bezeichnen läßt. Ebenso läßt sich der Charakter eines Menschen erst in seiner prozessualen Entfaltung erkennen. Um etwa zu wissen, wie charakterfest ein anderer Mensch ist, muß ich mich auf ein gemeinsames Abenteuer mit ihm einlassen, das uns beide auch an den Rand unserer Existenz bringen kann. Lohengrin benötigt als Gegenpart den Telramund, und Faust benötigt den Versucher Mephisto.  Üblicherweise ist der Aufbau eines Dramas so, daß es aus mehreren Akten besteht und daß dabei im ersten Akt zunächst die Voraussetzungen dargestellt werden, die zum Verständnis der weiteren Entwicklung nötig sind, während es im zweiten Akt zum dramatischen Höhepunkt des Konfliktes kommt und im dritten Akt dem Zuschauer Gelegenheit gegeben wird, alles aus einer abschließenden höheren Perspektive zu sehen. Alle dieses Akte sind aber zum Gesamtverständnis nötig, und das zeigt ganz nebenbei, daß sich alle so vermeintlich konkreten ‚Außendinge’ erst im intelligibelen Bereich entfalten. Mit anderen Worten: Eine Welt außerhalb einer sie interpretierenden Erkenntnis gibt es nicht.

 


[1] Zitat aus T.S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen..

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