Thema Kosmologie und Philosophie

 

 

Die Wirklichkeit des Kindes

 

Leider vergessen wir später, in welcher Weise wir uns als Kinder zunächst die Welt erschlossen haben, und das kann wohl auch nicht anders sein, weil wir in diesem frühen Stadium noch keine Möglichkeit hatten, die Dinge in sinnvoller Weise einander zuzuordnen. Dennoch ist es teilweise möglich, durch die (behavioristische) Beobachtung von Kleinkindern bestimmte Rückschlüsse auf diesen Prozeß zu ziehen. Der Schweizer Psychologe Jean Piaget [1] hat das sehr gründlich getan, sodaß wir uns bei den folgenden Ausführungen im Wesentlichen auf ihn beziehen können. In der Rückschau sehen wir als Erwachsene das Kleinkind in einem Lernstadium und meinen, daß es sich da noch die ihm vorgegebene Welt erst erschließen mußte. Piaget hat dagegen sehr bewußt seinem wichtigsten Buch den Titel ‚Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde’ gegeben, denn er geht tatsächlich davon aus, daß das Kind sich nicht einer vorgegebenen Welt lernend nähert, die wir später für die Wirklichkeit halten, sondern daß es erst diese Wirklichkeit herstellt. So gesehen mußte das Kind nicht erst lernen, wie die Welt tatsächlich ist, sondern wir haben es als Erwachsene nur vergessen. Das bedeutet, daß die Welt ein Konstrukt des Geistes ist und sich erst in diesem entfaltet. Eine Ahnung davon bekommt man, wenn man sich etwa das Ergebnis eines bestimmten Experimentes vor Augen führt. In diesem Experiment wurde einer Gruppe von Versuchspersonen Brillen aufgesetzt, die ihnen alles als auf dem Kopf stehend erscheinen ließ. Das führte aber dazu, daß sie nach einer Weile alles wieder richtig sahen. Dieser Prozeß wiederholte sich nach dem Absetzen der Brillen nochmals. Was heißt das anderes, als daß sich unser Gehirn die Welt so herstellt, daß es sich in ihr orientieren kann, und daß diese keineswegs als rein objektiv gegeben vorstellbar ist? Als Kleinkind standen wir dabei aber noch vor einer viel totaleren Aufgabe als diese Versuchspersonen. Die Welt ist offenbar viel geheimnisvoller als wir sie uns auch nur vorstellen können. Es lohnt sich also, daß wir uns einmal damit beschäftigen, wie der Prozeß des Weltaufbaues beim Kinde tatsächlich vorgeht. Genauere Beobachtungen, wie sie Piaget vorgenommen hat, können uns davon immerhin eine überraschend gute Vorstellung geben.  Während er sich allerdings in erster Linie auf psychologische Folgerungen beschränkt hat, stehen für uns die philosophischen Konsequenzen im Vordergrund, die wir im Folgenden darlegen. Wir haben zudem die einzelnen Fortschritte abweichend von Piaget in neun verschiedene Stadien untergliedert, die uns dabei als wichtige Entwicklungsstufen erscheinen.

 

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