Thema Kosmologie und Philosophie

Die Welt als Projektion

 

Wie sollen wir uns eine Welt vorstellen, die zugleich in ihrem Wesen einheitlich sowie in den so konkre­ten Erscheinungen in eine so außerordentlich bunte Vielheit aufgespalten ist? Das Problem stellt sich besonders am Weltanfang: entweder war die Welt von vornherein in eine bunte Vielheit unterteilt oder sie war ursprünglich Eines. Ersteres können wir uns nur schlecht vorstellen, weil sich dann sogleich das Problem ergäbe, welcher Mechanismus es bewirkt hat, daß alle Teile wirklich auf einen Schlag zugleich in die Welt traten und hernach synchron zusammenwirkten; zweiteres würde dagegen die Frage aufwerfen, wie aus der ursprünglichen Einheit die Vielfalt hervorging. Dabei muß ja die Einheit ihre originale Identität verloren haben. „Wenn Eins ist, so kann doch wohl das Eine nicht Vieles sein“, beginnt ein von Platon verfaßter Dialog zwischen Parmenides und dem noch jungen Aristoteles.

Kinowelt

Das Problem des Einen und des Vielen begegnet uns in der hinduistischen Philosophie in etwas anderer Form als Brahman und Atman. Diese in den sog. Upanishaden dargestellte Lehre behandelt das gegenseitige Verhältnis des Einen (Brahman), das auch in etwa mit dem Begriff ‚Weltgeist’ oder ‚Weltseele’ (Anima mundi) der westlichen Philosophie vergleichbar ist, mit dem Vielen, dessen Einheit als Atman in Erscheinung tritt. Der Atman ist demnach die jeweilige Einzelseele, die man sich als eine Art Ausstülpung des Brahman vorstellen kann. Im Gegensatz zur Monadenlehre und der neuplatonischen Problematik des Einen und Vielen bezieht sich diese Erörterung allerdings nur auf den rein geistigen Aspekt des Universums, also auf das Zusammenspiel der einzelnen Seelen mit dem Weltgeist. Im Gegensatz zu den philosophischen Erörterungen des Westens ist diese spirituelle Philosophie viel sicherer in der ganzen östlichen Philosophie verwurzelt und insofern dort auch weniger umstritten. Während die Philosophie des Weltgeistes hier etwas einseitig mit Hegels Namen in Verbindung gebracht wird, der sie im wesentlichen in der Geschichte wirksam sieht, ist der Brahman sogar in der hinduistischen Religion verankert. Brahman ist darin identisch mit der höchsten Gottesvorstellung. Es hat keine nennenswerten Eigenschaften und reicht nur mittelbar in die konkrete Welt, es ist - praktisch wie der Äther, aber noch weniger gegenwärtig, weder groß noch klein, zugleich zeitlos und ewig, die Wurzel allen Seins, doch im Gegensatz zu Gott alles andere als allmächtig, da er den Atman als sein Organ benötigt, um in die Welt zu reichen. Vielleicht kann man sich tatsächlich beides analog dem Verhältnis von Gehirn und Auge vorstellen. Zwar ist das Gehirn für das Erkenntnisorgan zweifellos eine übergeordnete Instanz, die aber unvollständig ohne ihre monadischen Perzeptoren wäre. Der Brahman ist aber unvergänglich, während der Atman dem Wechsel der Inkarnationen unterworfen ist. Der Brahman hat keine eigenen Sinne, denn die sind im Atman verankert; er ist für sich genommen blind und ohne Empfinden, ohne Die Fähigkeit des Sprechens und Selbst des Denkens, ohne Atem und ohne Temperatur, ohne Geschlecht und Alter, weder drinnen noch draußen, zuvor oder danach, allwissend und nichtwissend zugleich. Alles in allem eine sehr philosophische und entpersönlichte Auffassung von Gott als einem übergeordneten göttlichen Prinzip. Das Wort Brahman ist insofern selbst nur ein Begriff, der nur in etwa etwas beschreibt, was ansich noch nicht einmal gedacht werden kann. Er steht in der indischen Philosophie und Religion über allem, was ist und erahnt werden kann und ist seit dem Altertum bis heute deren wichtigstes Konzept.

Der Atman dagegen läßt sich in etwa vergleichen mit unserem persönlichen Lebenshauch. Unser Wort ‚Atmen’ beruht vermutlich auf der gleichen sprachlichen Wurzel. Im Gegensatz zum Brahman verfügt der Atman über alle Sinnesorgane und steht in der realen Welt, obwohl er mit seinem Wesenskern identisch mit dem Brahman ist. Das kann man mit der Spitze eines Eisberges vergleichen, dessen weitaus größter Teil unter der Wasseroberfläche liegt; dieser wäre dann identisch mit dem kollektiven Unbewußten, das für sämtliche Atmans identisch ist, während nur der über das Wasser ragende Teil individuell verschieden von den anderen Atmans, also den anderen Spitzen des gleichen darunter befindlichen Hauptteiles ist. Denn nach der Advaita Vedanta ist der Atman identisch mit dem kosmischen Atman, woraus sich zwingend ergibt, daß alle Atmans mit diesem identisch sein müssen, da es im Gegensatz zu ihrer Vielzahl nur einen Brahman gibt. Diese Philosophie, um die unsere Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts so sehr herumschifften, ohne tatsächlich zu ihrer gedanklichen Klarheit vorzudringen, ist in Indien bereits um 750 – 500 vor unserer Zeitrechung entstanden und in den Upanishaden festgelegt worden. Der springende Punkt, zu dem unsere Philosophen nicht vordrangen und der hier in so großer Klarheit und Einfachheit vorliegt, ist der, daß sie im Gegensatz zur indischen Philosophie nie zu wirklicher Spiritualität vorgedrungen sind. Trotz der theoretischen Einsicht der Subjekt-Objekt-Spaltung und der damit verbundenen Phänomenologie (d.h. der Erkenntnis, daß uns alles vermeintlich Äußere nur über unsere Sinneseindrücke gegeben ist) waren sie weiterhin manisch fixiert auf die Außenwelt im Sinne einer objektiven Gegebenheit, wie es nicht zuletzt in Kants ‚Ding-an-sich’ zum Ausdruck kommt. Suche ich die erwähnten Paradoxien vornehmlich dort zu lösen, so verfange ich mich in Widersprüche, gehe ich dagegen so weit wie Berkeley, gelange ich zur Konsequenz einer persönlichen Traumwelt, von der zum Solipsismus es nicht mehr weit ist. Wenn ich dagegen, wie in der Brahman-Atman-Lehre ausgesagt, das In-Erscheinung-Treten­de in die verschiedenen Atmane verlege als deren jeweils zwar individuelle Vorstellungen, die jedoch über den Brahman ‚verschaltet’ sind und von ihm sogar gesteuert werden, lösen sich die vorgenannten Paradoxien nahezu restlos auf. Denn jetzt ist der einzelne Atman zwar an seiner Stelle Weltmitschöpfer, aber dabei nicht beliebig frei, sondern in den Gesamtkanon des Weltgeistes eingebunden.

Wenn wir von der Frage der möglichen Existenz außerirdischer Wesen absehen, ist die menschliche Seele, also auch unser persönliches Bewußtsein, die höchste Monade des sich selbst denkenden Universums, dabei jedoch nur dessen Atman. Den Brahman wiederum können wir uns eben als eine einzige sich selbst denkende Geistkugel vorstellen, obwohl er natürlich unkörperlich ist und insofern keine Gestalt hat. Dennoch aber ist seine äußerste Schale  gestalthaft, nur ist es eben keine sichtbare Kugelschale. Was als die äußerste Schale dieser Kugel emaniert wird, ist tatsächlich das uns erscheinende drei- bzw. vierdimensionale Universum. Daran ist augenscheinlich zunächst nichts kugelförmig, aber wie auch Einstein feststellte, muß das Universum in sich irgendwie gekrümmt sein und hat auf diese Weise tatsächlich endliche Gestalt. Das können wir uns nun so erklären, daß wir praktisch wie durch die Öffnungen eines riesigen kugelförmigen Raumschiffes in ein scheinbar unendliches Universum hineinsehen - jede Einzelseele vor einem besonderen Simulator. Jeder von uns ist also eine Monade, die in diesem Raumschiff vor einem Bildschirm sitzt und über diesen die komplette Illusion eines dreidimensionalen Universums erlebt. So wird es in der Tat verständlich, daß wir alle die Illusion eines unendlichen Universums haben, das aber dennoch endlich ist. Die Geistkugel selbst sehen wir dabei nicht - einerseits weil sie ohnehin nicht sichtbar ist, sondern erst durch uns hindurch das Sichtbarwerdende nach außen projiziert, andererseits weil sie gewissermaßen immer hinter uns ist, also da, wo wir keinerlei Sinnesorgane haben. Immer wenn wir uns umdrehen, wechselt nur das Bild auf unserem Bildschirm, dieser aber wandert mit. Wir werden uns der Tatsache, daß unsere Bewußtseinsakte erst die uns erscheinende Welt herstellen, einfach deshalb nicht bewußt, weil diese Akte bei allen Erkenntnisakten beteiligt sind. Wir sehen ja auch die Brille auf unserer Nase nicht mehr, wenn wir sie stets aufhaben.

Wir leben also in einer Welt, die im Grunde illusionär ist, wobei diese Illusion aber derartig plastisch ist, daß sie uns als objektive Welt erscheint und eigentlich auch so genügen kann, wenn wir dabei nicht in den Fehler falscher Gedankenbahnen geraten. Es ist ja nicht zu übersehen, welche verhängnisvollen Konsequenzen das positivistische Weltbild etwa bezüglich der Umweltverantwortung hatte. Die Vollkommenheit der Illusion sollte uns wie gesagt übrigens nicht überraschen, denn wir wissen ja, zu welchen Wundern die Natur fähig ist. Wir haben es hier lediglich mit einem Evolutionsprodukt zu tun, wenn auch einem, das die Naturwissenschaft ignoriert. Erklärt es uns aber nicht viel besser alle die wunderbaren Erscheinungsformen etwa der Biologie? Die Materie ist dabei nur dadurch existent, daß sie projiziert wird - und zwar auf allen Ebenen monadischen Bewußtseins, angefangen auf der untersten Quantenstufe bis hinauf zu den menschlichen Monaden, die etwa zur Verdichtung des Materiellen dadurch beitragen, daß sie die Vorstellung bewußtseinsmäßig abrunden und ggf. ‚materialistisch’ denken und handeln. Das muß noch nicht grundsätzlich kritisch gesehen werden, wenn es nicht übersteigert wird, denn die materielle Projektion ist prinzipiell nötig, weil sie das Gestaltungsmaterial liefert, an dem sich die Projektion konkretisieren kann.

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