Thema Kosmologie und Philosophie

Ceterum censeo canes cuniculorum cognationes causarum causarii cogitant.

 

Der Apropostes-Dialog zur Problematik der Kausalität

 

Ist die Kausalität letztlich eine Funktion des erkennenden Bewußtseins? Das zumindest behauptete der schottische Philosoph des 18. Jahrhunderts David Hume, der davon ausging, daß sich der Glaube an die Existenz der Dinge unserer raum-zeitlichen Außenwelt nicht durch rationale Argumente begründen läßt, da die dafür zuständigen Instanzen allein unsere Sinne sind, denen wir unser Wissen über die Außenwelt verdanken, die uns aber keine Information darüber geben, ob sie tatsächlich von etwas kommen, was außerhalb unserer selbst existiert. Die einzige Möglichkeit, darüber eine annähernde Gewißheit zu erlangen, die über unsere eigene Erfahrung hinausgeht, liege allerdings in den kausalen Verbindungen. Hume: „Alle Denkakte, die Tatsachen betreffen, scheinen sich auf die Beziehung von Ursache und Wirkung zu gründen. Einzig mit Hilfe dieser Beziehung können wir über die Evidenz unseres Gedächtnisses und unserer Sinne hinausgehen.“ Doch ist diese Beziehung nicht letztlich nur ein Konstrukt? Um das methodisch anzugehen, unterteilte Hume diese Verbindungen in räumliche und zeitliche. Ursache und Wirkung müssen - zumindest offenbar -, sofern sie als einigermaßen unabhängig von unseren geistigen Interpretationen gelten können - so ernüchternd das klingt - immer räumlich benachbart sein, denn die zeitliche, also prozessuale, Kausalität erscheint immer nur im Geiste des Interpreten. Neben der Bedingung eines räumlichen Nebeneinanders muß es aber noch die Notwendigkeit der Wirkungsverbundenheit geben, aus der geschlossen werden kann, daß die Folgewirkung auf der vorausgehenden Ursache beruht. Hume meinte aber, daß solches weder beobachtet noch gefolgert werden könne. Die kausalen Verbindungen sind tatsächlich vielfach künstlich, aber wichtig für die psychische Einrichtung im physischen Universum. Wir empfinden Schmerz oder Behagen, um uns zurechtzufinden. Die Vorstellung eines Stuhles ist nicht zu erlangen ohne das Behagen, das wir empfinden, wenn wir uns auf ihm ausruhen. Wer sich zum ersten Mal etwa mit einem Computer auseinandersetzen will, wird eine erste Orientierung nur in solchen Programmen erlangen, die ihm ein Ausruhen im Konkreten ermöglichen - in schönen Seiten und bereits annähernd bekannten Dingen wie einem einfachen Computerspiel, das ihm eine erste psychische Einstimmung ermöglicht. D.h. ohne psychisches Wohlbefinden gibt es wohl keine Orientierung. Die Welt muß ihren Monaden eine Heimat bieten können. Sie muß sie aber wohl auch zugleich fordern.

Die Kausalitätsproblematik beschäftigte bereits die antiken Philosophen. Aristoteles etwa unterschied vier Arten von ‚Ursachen’:  causa materialis, formalis, efficiens und finalis. Material-, Form-, Wirkungs- und Zweckursache. Diese Unterscheidung wurde von vielen anderen Philosophen in verschiedenen Versionen übernommen. Bemerkenswert - besonders unter dem Aspekt der einbezogenen Unterscheidung zwischen räumlicher und zeitlicher Dimension - ist auch der berühmte Kaninchen-Dialog des Apropostes[1], dessen Urschrift leider beim Brand der Bibliothek von Alexandria vernichtet wurde, der uns aber in seiner lateinischen Fassung unter dem Titel Ceterum censeo canes cuniculorum cognationes causarum causarii cogitant[2]- in philosophischen Examina studentisch oft auch als sog. 8C-Dialog bezeichnet - noch erhalten geblieben ist. Darin heißt es:

Prodikos: Man belehrt uns oft, die Kausalität sei eine Frage der Priorität und damit unmittelbar mit der Richtung des Zeitpfeiles verbunden - insofern, daß jedes Ereignis eine vorausgehende Ursache haben müsse und daß es nicht etwa umgekehrt sein könne: daß nämlich die Ursache erst dem Ereignis folge. Nehme nun aber an, du sähest plötzlich ein Kaninchen aus einem Busch hervorgeschossen kommen (erumpere vides) und wenig später einen Hund: würdest du dann sagen, das Gesetz der Ursache sei hier verletzt?
Menon: Keineswegs, denn ich sah ja zuerst das Kaninchen und erst danach den Hund; und somit ist das Vorauslaufende die Ursache des Folgenden. Das Kaninchen ist die Ursache des Hundes. Das entspricht auch der Zeitfolge.
Prodikos: Ist es aber nicht so, daß das Kaninchen vor dem Hund davonläuft und müssen wir deshalb nicht sagen, der Hund sei die Ursache des Kaninchens?
Menon: In der Tat, Prodikos!
Prodikos: Dann wäre aber wohl das Nachfolgende die Ursache des Vorauslaufenden. Ist nun also das Kaninchen die Ursache des Hundes oder der Hund die Ursache des Kaninchens, womit sich aber im letzteren Falle die Zeitfolge der üblichen Kausalitätsrichtung entgegenstellt?
Menon: Ich muß gestehen, daß ich darin etwas ratlos bin. oh werter Prodikos!
Prodikos: Denken wir uns also einen anderen Fall: Wenn du nun beide auf dem freien Feld laufen sähest, hättest du das Problem doch wohl nicht?
Menon: Nein, da ich ja beide gleichzeitig und insofern auch beide ohne weiteres ursächlich verbunden sähe.
Prodikos: Die Frage des Zeitpfeiles stellte sich dabei also nicht. Was ist es nun, was den Unterschied zwischen den beiden Situationen ausmacht?
Menon: Offenbar der Busch. Aber wie kann das sein?
Prodikos: Bedenke, daß du auf dem freien Feld in der Lage bist, die räumliche Dimension mit einzubeziehen, da du beide - wie ein Maler sie darstellen würde - im Raum wie ein Zugleich angeordnet findest und daß du dadurch in der Lage bist, die Richtung des Zeit­pfei­les in diesem Raumbild nach deinem persönlichen Belieben festzulegen, wie wir es - was daraus zu folgern wäre - offenbar in unserer Alltagspraxis allzu oft sehr willkürlich tun. Du hast hier deshalb kein Problem, weil du automatisch deine eigene Kausalitätsfolge herstellst, während ein anderer ebenfalls kein Problem hätte, da auch er seine persönliche Folge sähe, und wenn ihr euch unterhieltet, glaubtet ihr über die gleiche Sache zu reden, obwohl jeder etwas anderes sieht. Der Busch bringt nun allerdings in hinderlicher Weise eine Zäsur in die Sache. Aber ändert er die Richtung der Zeit oder was geht hier vor?
Menon: Ich denke, daß er die Zeitfolge festlegt.
Prodikos: Aber wie es scheint, doch wohl nur für den Beobachter, den wir hier nicht außer acht lassen dürfen.
Menon: So scheint es.
Prodikos: Wir müssen also zusammen mit der Kausalität in jedem Fall auch den Beobachter mit ins Spiel bringen.
Menon: Du sagst es, Prodikes! Zumindest bestimmt er offenbar insofern die zeitliche Folge. Doch anders ist es anscheinend mit der räumlichen auf dem freien Feld, denn ich sehe dort, daß der Hase vorherläuft - zum einen deshalb, weil er sich ebenso wie der Hund relativ zum Rasen vorwärtsbewegt und insofern die gemeinsame Richtung definiert ist, und zum anderen - verzeihe mir bitte diese offenbare Trivialität - weil ja beide ihre Nase vorne haben und nicht hinten.
Prodikos: Das ist ein kluger Einwand, wie ich zugeben muß. Das bringt uns aber zwar zu der Unterscheidung von Raum und Zeit, klärt allerdings noch nicht die Frage, wie damit die Kausalität verbunden ist. Wir meinen eben doch üblicherweise, das Vorausgehende sei immer die Ursache des Folgenden, und zwar haben wir damit auf dem freien Feld keine Probleme, aber doch wohl nur deshalb, weil wir uns hier die Sache nur rein räumlich vorstellen und die Frage der Ursache erst daran hängen - offenbar in subjektiver Interpretation. Würden wir sie uns unabhängig von jeder Bewegung denken, so verlören wir unsere Gewißheit. Wie ist es nun aber mit der Zeit? Wir sagen, das Heute folgt auf das Gestern, und demnach ist in zeitlicher Folge das, was gestern geschah, ohne weiteres als Ursache des heute Nachfolgenden zu sehen. Stelle dir nun statt des Hundes und des Kaninchens den Lauf der Sonne vor. Gibt es dabei ein Zuvor und Danach?
Menon: Aha, die Sonne hat ja keine Nase und es gibt auch für sie keinen Rasen, aber ich sehe sie zuerst morgens aufgehen, danach über den Himmel wandern und am Abend untergehen.
Prodikos: Aber ist dabei der morgendliche Horizont nicht vergleichbar mit dem Busch? Stelle dir nun die Sonne im Lauf unseres Planetensystems vor. Gibt es im Weltraum einen Busch?
Menon: Wie könnte es?
Prodikos: Können wir dort also ein Zuvor und Danach feststellen?
Menon: Ich muß gestehen, daß das so betrachtet schwerfällt, da es ja dem Beobachter keine Richtung festlegt.
Prodikos: Aber für uns auf der Erde schon? Dann müssen wir also dort ebenfalls annehmen, daß diese Zeitfolge zwischen Auf- und Untergang nur für die Perspektive des Beobachters gilt?
Menon: Offenbar.
Prodikos: Stellen wir uns also den Weltraum und unser Planetensystem ohne den Beobachter vor. So können wir darin keine Richtung des Zeitpfeiles konstatieren, weil sich alle Himmelskörper ebensogut auch in die andere Richtung bewegen könnten. Stelle dir also ihre Bewegungen rückwärts laufend vor; wäre das nicht auch möglich, ohne daß wir glaubten, die Zeit laufe rückwärts? Denn schließlich wäre dieses räumliche Rückwärts ja nur ein Rückwärts für uns, die wir zufällig an die andere Richtung gewöhnt sind, während das zeitliche Vor- oder Rückwärts denknotwendig definiert ist.
Menon: So scheint es, Prodikos.
Prodikos: Aber müssen wir nicht aus unseren vorangegangenen Überlegungen schließen, daß mit dem Wegfall des Beobachters außer der Richtung des Zeitpfeiles auch die Kausalität entfiele, da ja insofern alles gleichzeitig geschieht?
Menon: Es sei denn, wir würden eine Kausalität auch in einem gleichzeitigen Geschehen annehmen. Diese scheint aber immer nur eine Gewohnheitsinterpretation zu sein.

 

Wir können aus unterschiedlichen Gründen das eine wie das andere als die Ursache sehen - je nachdem, ob wir die zeitliche oder die psychologische in Betracht ziehen: Das Kaninchen ist die Ursache des Hundes, weil es vor ihm herläuft und auch zuerst in Erscheinung tritt, wenn man den Busch als Zäsur nimmt. Der Hund ist dagegen die Ursache des Kaninchens, weil er das Kaninchen vor sich hertreibt. Das psychologische Motiv aber ist zweideutig, denn es ist fraglich, ob die Aggression des Hundes oder die Angst des Kaninchens als Anfangsursache gesehen werden kann. Der Anfang bringt aber den Zeitpfeil ins Spiel. Doch wir wissen, daß es z.B. im mikrokosmischen Bereich der Atome und Moleküle keine eindeutige Richtung des Zeitpfeiles gibt. Und offenbar ist das im Makrokosmos der Sterne und Planeten gar nicht anders. Da unsere Welt wohl auch funktionieren würde, wenn die Sonne im Westen auf und im Osten unterginge, so scheint es andere Kriterien zu geben, die unsere Kausalitätsfolge definieren, und das könnte wohl die Tatsache sein, daß wir nicht heute schon wissen dürfen, was morgen passiert. Aber ist das nicht auch letztlich mit der Denknotwendigkeit verbunden? Jedenfalls interpretieren wir nur die uns aus unserer irdischen Perspektive vertraute Richtung des Sonnenlaufes in den Weltraum hinein und messen daran alle Bewegungen. Wer sagt uns aber wirklich, daß die Erde sich in einer bestimmten Richtung bewegt - außer der Art und Weise, wie wir ihren Fortlauf in unserem Bewußtsein abspeichern? Dieser Dialog führt uns in die Abgründigkeit der Frage, wie die Kausalität mit Raum und Zeit, subjektiver Erwartung und Interpretation verknüpft ist, wobei letztere noch außerdem aus der menschlichen in die tierische Logik versetzt wird - denn wie wir wissen, werden Tiere nicht immer von ihrem Willen, sondern auch von ihren Instinkten geleitet, sodaß der Hund bereits dem Kaninchen folgt, bevor er sich fragt, warum er das tut.


[1] Ursprünglich fälschlich auch den Xymmachos-Dialogen zugeordnet, von denen Robert Neumann berichtete.
[2]In etwa: Übrigens bin ich der Ansicht, daß die Hunde (nur) kränklich als der Kaninchen zugehörige Ursache erdacht werden.
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