Thema Euro-Krise

   
   

Tauschringe

 

Ein scheinbar neuartiges Wirtschaftsphänomen sind die in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren in allen Regionen entstandenen und immer noch neu entstehenden Tauschringe. Es sind Mikromärkte mit einer jeweils eigenen Währung. Ganz neu sind sie allerdings nicht, denn es gab sie hier und dort z.B. schon in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts und in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert gingen sie auf bestimmte Theorien von Sozialreformern wie Owen oder Proudhon zurück. Bedeutsam wurde aber eigentlich nur ein in dem österreichischen Ort Wörgl in den frühen 30er Jahren dieses Jahrhunderts durchgeführtes sog. „Freigeld-Ex­pe­riment“, das auf die „Freigeld­lehre“ des Sozialreformers Silvio Gesell (1862-1930) zurückging. Es handelte sich um ein lediglich in der Gemeinde Wörgl kursierendes Geld, in dem Löhne und sogar Steuern bezahlt wurden, das die Arbeitslosigkeit erheblich minderte, die örtlichen Steuereinnahmen normalisierte und das die Gemeinde innerhalb eines Jahres aus ihrer tiefen Verschuldung befreite, bevor die Regierung wegen des Verstoßes gegen das Notenbank-Privileg der Zentralbank das Experiment verbot. Es war ein Notgeld, das den Circulus vitiosus zu durchbrechen versuchte, der in der vertrackten Logik besteht: ohne Geld keine Arbeit, und ohne Arbeit kein Geld. Dieser Zirkel entsteht aus dem kollektiven Glauben, dem sich auch die Regierung und Finanzpolitik verschreibt, daß das Geld einen in sich selbst begründeten Wert hat („lineare“ oder „quantitative“ Geldtheorie), statt einzusehen, daß das Geld nichts anderes als ein Wirtschaftshilfsmittel ist, also ein Äquivalent der dafür zu erbringenden Wirtschaftsleistungen („orga­ni­sche“ oder „qualita­tive“ Geldtheorie). Derartige Verklemmungen können beim Freigeld nicht auftreten, weil jedes an dieses System angeschlossene „Wirtschaftssubjekt“ noch in der Lage ist, die Logik dieses Geldes zu überschauen, sodaß es nicht zu wirtschaftlich unsinnigen Handlungen kommt, die darin bestehen, daß die Subjekte nicht mehr für das gemeinsame Interesse arbeiten, sondern jeder nur noch für das „Geld“, von dem er meint, er habe es „verdient“, wenn er es lediglich unter Ausnutzung und dann zunehmend unter Mißbrauch der eingeführten Spielregeln bekommt. Es ist dann jedem einsichtig, daß er sein Geld lediglich vor dem Hintergrund des allgemeinen Systems gewinnt und es der kollektiven Leistung verdankt. Jeder, der dann ohne qualitative Gegenleistung Zahlungsmittel an sich bringt, schädigt die Gemeinschaft des Tauschringes.

Natürlich ist das auch so in unserem nationalen Wirtschaftssystem, da dieses aber derartig komplex ist, daß es selbst unsere Politiker und angeblichen Wirtschaftsfachleute nicht mehr begreifen, kommt es zu allen möglichen sozial- und wirtschaftspolitischen Fehlhandlungen, die man aus der Systemlogik der „Wirtschaft“ selbst zu erklären versucht - wobei unter der „Wirt­schaft“ nicht mehr ein kollektiv sinnvolles Handeln verstanden wird, das dazu dient, alle wichtigen Leistungen von den dafür zur Verfügung stehenden Arbeitskräften erbringen zu lassen und diese in ein sinnvolles Verhältnis zueinander zu setzen, sondern ein separater Bereich, auf dessen Schultern alle anderen Bereiche ruhen und von diesem mitfinanziert werden müssen. Diese letztere Annahme führt nämlich zu einem sinnlosen Konkurrenzdenken aller gegen alle und auch eine sinnlose Güterproduktion gemäß der „angebots­orientierten Wirtschaftstheorie“ des in der Reagan-Ära zu Ansehen gekommenen Amerikaners Milton Friedman für richtig zu halten. Diese Theorie ist in der Praxis dadurch gekennzeichnet, daß immer mehr Leute etwas angeboten bekommen, was sie sich nicht mehr kaufen können.

Daß dagegen Tauschsysteme neuerdings wieder in wachsender Zahl entstehen, zeigt, wie sehr sie eine Folge der Tatsache sind, daß das nationale und internationale Geldsystem nicht mehr funktioniert. Wenn nämlich einige Leute immer mehr Geld in ihre Verfügung bekommen, so muß das gesamtwirtschaftlich noch nicht schädlich sein, wenn sie es organisch in den Kreislauf zurückfließen lassen. Es ist ja nur eine Option, deren Wert in der dafür bestehenden Verfügungsbereitschaft der an das Geldsystem angeschlossenen Subjekte und Institutionen besteht. Es bedarf also der permanenten Rückkoppelung und muß ständig wieder zurückfließen. Es gehört seinen Besitzern gewissermaßen nur treuhänderisch, kann aber ebensowenig als deren persönliches Eigentum gelten wie die Geldscheine selbst (keiner würde auf die Idee kommen, sich für berechtigt zu halten, darauf etwa Bilder zu malen). Wenn nun aber die „Kapita­listen“ meinen, es handele sich um ihr persönliches Geld, das sie selbst und ganz alleine für sich „verdient“ hätten, so halten sie sich auch für berechtigt, das Geld zu horten und es dem Kreislauf zu entziehen. Wenn sie dann an internationalen Börsen damit spekulieren und dieses sogar entgegen dem Interesse derjenigen Kreisläufe tun, denen sie das Geld entzogen haben (was sie etwa dann tun, wenn sie dort Arbeitskräfte wegrationalisieren, um ihre eigenen Bilanzen zu verbessern), so ist das - bildlich gesprochen - nichts anderes als ein Pokerspiel zwischen Vampiren. Dieses ist alles andere als wirtschaftsförderlich, sondern im Gegenteil höchst destruktiv: das Geld wird nicht an diesen Pokertischen bzw. Börsen „verdient“, sondern ausschließlich dort, wo es entstand, nämlich in den regionalen Wirtschaftskreisläufen, die es als ihr eigenes Blut erzeugten. Das wird leicht erkennbar, wenn man sich vor Augen führt, daß es wie gesagt nichts anderes ist als eine Option auf die originale Verfügbarkeit der an das System angeschlossenen Subjekte und Institute. Denn nur von dort erhält es seine immer wieder erneuerte Kaufkraft, nicht aber von den Produzenten, die Güter produzieren, die am Ende niemand mehr kaufen kann. Wenn aber die Wirtschaft soweit entartet ist, daß sie immer mehr Menschen gerade von jenem Versorgungssystem abkoppelt, auf das sie zuvor formiert wurden (indem sie von ihrer Scholle und der originalen Selbstversorgungsfähigkeit getrennt wurden), dann liegt es auf der Hand, daß diese sich wieder auf ihre originären Fähigkeiten rückbesinnen und dazu ein Geldsystem entwickeln, das immun gegen die Unterwanderung der Globalisierer ist.

Noch zu Beginn des Jahres 1995 gab es erst zehn Tauschringe in Deutschland, heute dürfte es bereits mehrere hundert geben, und es werden immer mehr. Es ist nichts anderes als eine Art komplexerer Nachbarschaftshilfe. In jedem Fall gibt es dabei eine Zentrale, die für jeden der an den Tauschring angeschlossenen Teilnehmer ein besonderes Konto mit einer besonderen Verrechnungswährung führt. Die Bezeichnung der Währung ist beliebig. Jeder Teilnehmer bringt nämlich das ein, was er selbst besonders gut kann. Er/sie kann etwa handwerkliche Fähigkeiten einbringen und so als Maler, Maurer, Babysitter, Näher usw. zur Verfügung stehen oder er kann als Klavier- oder Englischlehrer Nachhilfestunden geben. Man kann auch mit Naturalien zur Verfügung stehen, die man auf dem eigenen Biohof hergestellt hat. Bestimmte Probleme wirft dabei allerdings die Verrechnungseinheit auf. Sofern es sich um Stundenleistungen handelt, einigt man sich darauf, daß jede Tätigkeit gleichviel gilt. Allerdings führt das dazu, daß qualifiziertere Tätigkeiten nicht gerne in das Tauschsystem eingebracht werden, sofern man die auf dem allgemeinen Markt besser veräußern kann. Bei der Einbringung von Naturalien wird man sich nach der Nachfrage richten müssen. Wer etwa für zehn Kartoffeln eine „Kröte“ haben will, sofern diese Währungseinheit der Preis für eine Stunde Dienstleistung ist, wird sie vermutlich nicht los. Da wird er sie dann besser für fünfzig „Eier“ oder gar nur zwei „Kohlen“ anbieten müssen. Die allgemeinen Marktprinzipien sind also nicht völlig vergessen. Trotz der Verrechnungswährung funktionieren die Tauschringe aber bargeldlos, weil niemals direkt irgendwelche Zahlungsmittel ausgetauscht werden: es genügt die Benachrichtigung der Zentrale über den Handel. Dort werden dann die beiden Konten ausgeglichen, indem auf der Karte des Käufers der Betrag x abgezogen und auf der Karte des Verkäufers der gleiche Betrag gutgeschrieben wird. Die aber wohl wesentlichste Abweichung gegenüber dem üblichen Geldsystem liegt darin, daß für niemand die Hortung seines Guthabens einen Sinn ergibt, weil er keine Zinsen dafür erhält. Im Gegenteil verliert sein Konto sogar im Laufe der Zeit an Wert, weil ihm jedes Jahr z.B. 10% dafür abgezogen werden, wenn er sich nicht mehr am Tauschring beteiligt. Auch wer ein Negativsaldo hat, muß aber einen bestimmten Prozentsatz dafür bezahlen (in der Spezialwährung). Von diesen „Zinsen“ wird die Zentrale bezahlt. Wichtig für das System ist einerseits die rege Beteiligung aller Teilnehmer sowie eine möglichst große Zahl von Teilnehmern; denn es ist bei allen Währungssystemen so, daß gerade die Zahl der damit vorgenommenen Tauschakte ihren Tauschwert erhöht oder zumindest festigt. Wenn nämlich nur etwa zehn Teilnehmer daran angeschlossen sind, ist meine spätere Auswahl bezüglich der für mein Geld bzw. meine Verrechnungseinheit erhältlichen Leistungen nur sehr beschränkt; ist dagegen der Markt recht groß, habe ich eine entsprechend größere Auswahl, wodurch sich der Währungswert normiert und stabilisiert.

Innerhalb der Tauschringe werden so auch Leistungen angeboten und erbracht, die sonst nicht erbracht worden wären. So werden lokale Leistungsangebote wieder genutzt und Arbeitslose wieder in Arbeit gesetzt. Dabei gibt es zudem eine ganze Reihe positiver Nebenwirkungen, wie etwa die Verbesserung der nachbarschaftlichen Kontakte und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft - nicht zuletzt aber auch eine Steigerung des wirtschaftstheoretischen Verständnisses. Die Tauschringpartner stehen zueinander in einer horizontalen und noch nicht in einer vertikalen Beziehung. Man erkennt dadurch automatisch, was Geld prinzipiell ist.[1] Falsche und verspannte Vorstellungen vom „Geldverdienen“, Konkurrenzdenken usw. können so gar nicht erst entstehen. Ein wichtiges Kriterium der Tauschringe ist zudem ihre Beschränkung auf den lokalen Raum. Es ist dabei nicht ohne weiteres erkennbar, warum das prinzipiell so sein muß. Das Argument, das dafür normalerweise gebracht wird, nämlich daß sonst die Wege zu weit und damit die Verkehrskosten zu hoch werden, ist aber nicht unbedingt zwingend, da man auch mit dem Moped für einen längeren Arbeitseinsatz in eine Nachbarregion fahren könnte. Wichtiger ist wohl wirklich das Argument der Horizontalität, also die Betonung der Qualität und die Tatsache der gegenseitigen Überschaubarkeit für alle Teilnehmer. Alle arbeiten auf organische Weise mit an der Wertigkeit des Geldes, denn hier ist noch klar, daß die davon abhängt, wie gut die dafür von allen Teilnehmern sich gegenseitig erbrachten Leistungen sind. Niemand wird also stolz auf sein hohes Konto sein (das gibt keinen Sinn und würde auch von den anderen nicht geduldet), sondern nur auf seine allen anderen bekannte Originalleistung. Im Prinzip kennen sich alle Teilnehmer gegenseitig, was die räumliche Ausdehnung einschränkt. Tauschringe sind als Bedingung ihrer Horizontalität deshalb eigentlich immer nur ein regionales System - es ist sogar ihr grundsätzlicher Zweck, regionale Strukturen und Gemeinschaften zu fördern. Niemand kann hier „Geld“ horten und damit dann etwas tun, was gegen die Interessen der anderen gerichtet ist. Allerdings können verschiedene Tauschringe bzw. deren Währungen u.U. konvertibel sein. Es ist möglich, „Talente“, „Kröten“, „Moos“, „Eier“, "Kohle", "Penunzen" oder „Knete“ miteinander zu verrechnen. Die Gefahr von Globalisierung (wo­runter wir hier solche Wirtschaftshandlungen verstehen, die dem Kreislauf das Geld entziehen) kann hier noch ausgeschlossen werden. Tauschring-Geld ist gegen Unterwanderung insofern immun, als die Zentralen genau darüber Buch führen, wer welche Leistung entnommen und wieder als Gegenleistung zurückgeführt hat. So können es auch die verschiedenen Tauschringe gegenseitig handhaben. Grundsätzlich schädlich sind solche Handlungen, die den Markt unterwandern, indem sie den Käufern durch industrialisierte oder rationalisierte Produktions- und Vertriebsmethoden plötzlich Waren anbieten, mit denen die anderen lokalen Leistungsanbieter nicht mehr konkurrieren können. Dadurch ziehen sie dann alle Zahlungsmittel an sich und akkumulieren sie zu Kapital. Solange dieses wieder vollständig in den Kreislauf - oder auch die miteinander verbundenen Kreisläufe - zurückgeführt wird, kommt das zumindest in materieller Hinsicht (aber immerhin unter der Bedingung qualitativer Verluste) allen zugute: alle werden jetzt insofern reicher, weil sie für jede Währungseinheit mehr kaufen können, ohne selbst mehr und länger dafür arbeiten zu müssen (solange es dabei bleibt). Das ist das Grundprinzip der Wohlstandssteigerung infolge der Industrialisierung. Erst dann, wenn die Kapitaleigner ihr so akkumuliertes Kapital nicht mehr in die Herkunftskreisläufe zurückführen, sondern es an die internationalen Börsen bringen und mit der dadurch gewachsenen Kapitalkraft Kartelle gegen die regionalen Märkte gründen und dort „Arbeitskräfte“ entlassen u.dgl., ist das, was wir heute unter Globalisierung verstehen, komplett. Es ist wichtig, daß wir diese Vorgänge richtig begreifen, denn anderenfalls müßten wir sie für positive Wirtschaftsakte im Sinne eines linearen Leistungsbildes halten. Die Pervertierung des Leistungsbegriffes liegt eben darin, daß sich dieser hier verselbständigt hat und nicht mehr in Bezug auf die allgemeine Nützlichkeit gesehen wird, sondern nur noch als Fähigkeit zur Produktivitätssteigerung für Produkte, die der Markt gar nicht mehr organisch verbrauchen kann, bzw. als Fähigkeit zum „Geldverdienen“. Erst wenn wir dieses Denken und Handeln als prinzipiell krankhaft und keineswegs als systemimmanent entlarven, haben wir einen Ansatzpunkt für politische Gegenhandlungen. Das eigentliche Problem liegt darin, daß die Menschen ihre Feinde nicht erkennen. Die Erkennbarkeit ist auch eine Frage des gesellschaftlichen Paradigmas.[2]

Das lokale Geld der Tauschringe wird inzwischen üblicherweise als „LETS“-Geld und die Systeme als „LET“-Systeme bezeichnet (Local Exchange Trading System). Es ist also ein lokales Verrechnungssystem, das dem eigentlich bargeldlosen Austausch regionaler Leistungen dient. Es verbindet den Vorteil der Geldwirtschaft mit dem einer reinen Tauschwirtschaft. Geld ist nichts anderes als ein bis zum Äußersten formalisiertes Tauschwertäquivalent. Deshalb ist es aber auch wichtig, seinen Wert sinnvoll zu definieren. Zumeist geschieht das in Anlehnung an die staatliche Währung. Wenn dabei aber, wie es bisweilen geschieht oder vorgeschlagen wird, der Wert einer - hier ja von allen gesellschaftlichen Nebenkosten bereinigten - Arbeitsstunde mit Euro 9,- angesetzt wird, so könnte dabei ein kritischer Wert überschritten sein, weil damit die Biolandwirte nicht mehr mithalten können - und die sollte man wohl als wichtige Tauschpartner auf jeden Fall mit einbeziehen. Wären die nämlich gezwungen, ihre Arbeitskräfte auf dem LETS-Markt so teuer einzukaufen, könnten sie ihre Produkte innerhalb der Tauschringe nicht mehr konkurrenzfähig anbieten. Die Käufer würden dann ggf. auf den normalen - d.h. durch unökologische Anbaumethoden weit billigeren - Markt ausbrechen, wenn sie es eben noch können. Da ja aber eine Verrechnung mit der Landeswährung ohnehin nicht angestrebt wird, müßte sich auch der Stundenlohn tiefer ansetzen lassen. Wo eine Leistung so nicht angeboten werden kann, muß eben eine Mischkalkulation eingeführt werden (ein Klempner, der seine Rohre auf dem freien Markt einkaufen muß, muß sie seinem Tauschringpartner auch so in Rechnung setzen können und lediglich seine Arbeitsleistung in der LETS-Währung berechnen).

Mittlerweile sind die Vorzüge der LETSysteme sogar mancherorts schon von den örtlichen Behörden erkannt worden. Besonders in Regionen großer Arbeitslosigkeit erscheinen sie als sinnvolle Alternative zur offiziellen Wirtschaft, weil diese dort einfach nicht mehr richtig funktioniert. In Wittenberg etwa wurde ein eigener Tauschring vom städtischen Sozialreferenten unterstützt. In solchen Fäl­len gedeihen die Systeme natürlich besser. Im allgemeinen ist dafür eher die Zahl der Teilnehmer von Bedeutung als die Zahl der Tauschakte, denn ein gewisses spielerisches Element scheint dabei unverzichtbar zu sein. Die meisten Teilnehmer betrachten das System als eine Art Freizeitbeschäftigung. Dabei entsteht ganz automatisch wieder die Atmosphäre mittalterlicher oder frühkapitalistischer Märkte, wie wir sie auch heute noch in orientalischen Ländern und ihren Basaren beobachten können. Es geht dabei weniger um Geldverdienen als um den persönlichen Austausch - ganz automatisch tritt auch so der qualitative Charakter gegenüber der Betonung quantitativer Werte wieder in den Vordergrund.

Die ganze Bewegung ist - wenn man von den inzwischen historischen Vorläufern absieht - auffällig neu. Der erste Tauschring soll erst 1989 in England gegründet worden sein. Inzwischen dürfte es dort mehrere tausend geben. Das war sicherlich die Folge der besonderen Bedingungen in England seit der Thatcher-Regierung. Interessant ist dabei, daß die Zahl der englischen Ringe noch bis 1991 sehr gering blieb, von da an aber in den nächsten Jahren plötzlich jäh anstieg und erst Mitte 1993 geradezu explosionsartig zunahm. Mit einer gewissen Verzögerung ist das in anderen Ländern ganz ähnlich abgelaufen, je mehr auch dort der Thatcherismus um sich griff. Noch 1993, als sie also in England bereits boomten, gab es nur wenige Ringe in Deutschland (der erste entstand hier wohl erst 1992). Schon 1994 aber gab es Ringe in Chemnitz, Dresden, Dortmund, Magdeburg und München. 1995 entstanden viele Systeme, u.a. in Berlin, Celle, Duisburg, Erfurt, Frankfurt, Freiburg, Göppingen, mehrere in Hamburg, Hannover, Hildesheim, Kassel, Köln, Leipzig, Nürnberg, Oldenburg, Rostock und Tuttlingen. In 1996 kamen Tauschringe u.a. in Gladbeck, Heidelberg, Leichlingen, Paderborn, Bonn, Reutlingen und drei in Stuttgart dazu. Diese Entwicklung hat sich seither noch verstärkt fortgesetzt.

Bezeichnend ist übrigens die Tatsache, daß es sich bei den Tauschringen - ganz im Gegensatz zu den Kommunen - weniger um Ereignisse des ländlichen als des städtischen Raumes handelt, vermutlich deshalb, weil sich in ländlichen Kreisen die Menschen ohnehin besser auf völlige Selbstversorgung einstellen können. Wir wollen kurz ein paar Beispiele aus den 1990er Jahren nennen. Diese Liste ist zwar nicht mehr ganz aktuell, zeigt aber die Entwicklung zu der Zeit, als die Bewegung noch ganz neu war:

  • Das Talent-Projekt Magdeburg wurde im Mai 1994 gegründet.
  • Der Kreuzberger Tauschring in Berlin startete im Februar 1995.
  • In Köln gibt es eine sog. „Talentskulptur“ seit März 1995 mit ca. 40 Teilnehmern vornehmlich aus der Kunstszene. Es ist aus einer Reihe von Kunstaktionen unter dem Namen „Hefe + Knete“ hervorgegangen, die auf die Probleme des gegenwärtigen Geldsystemes aufmerksam machen sollten.
  • Die Tauschbörse Dresden gibt es seit 1994. Sie steht mit Ökobauernhöfen in der Umgebung in Verbindung, um eine sog. „Koope­rativ-Struktur“ zwischen dem Tauschring und den Bauernhöfen anzustreben. Die öffentliche Resonanz auf diese Idee soll sehr gut gewesen sein! Man legt hier auch viel Wert auf Öffentlichkeitsarbeit.
  • Der schon erwähnte Wittenberger Tauschring wurde Mitte 1996 durch eine Privatinitiative initiiert und hatte bereits ein halbes Jahr später mehrere hundert Mitglieder. Das Projekt soll vor allem sozial benachteiligten Gruppen wie Sozialhilfeempfänger zugutekommen. Der Sozialreferent hatte bereits in der Vorbereitungsphase des LETSystems ein Programm entworfen, um die Stadt als Mitglied in den Tauschring einzubinden. Darin wird vorgeschlagen, daß sämtliche Dienstleistungen der Stadtverwaltung, die mit Gebühren und Entgelten beglichen werden, mit der alternativen Währung „Neutraler“ verrechnungsfähig sein sollen. So sollen z.B. Wohnberechtigungsscheine, und sonstige Gebühren für kommunale Verwaltungsleistungen, aber auch der Eintritt in Freibäder und Kulturveranstaltungen, Beglaubigungskosten und Hundesteuer in LETS-Geld bezahlt werden können. Guthaben könnten wieder in den Tauschring-Kreislauf eingebracht werden, indem die Stadtverwaltung davon z.B. die Pflege öffentlicher Anlagen, Zustellung des Amtsblatts und andere Leistungen bezahlt. Für die Verwirklichung dieses Projektes hat der Tauschring einen Arbeitskreis mit dem Arbeitsamt, dem Finanzamt und der Stadtverwaltung gebildet. Sogar zwei AMB-Stellen wurden zwischenzeitlich dafür bewilligt, allerdings später wieder zurückgezogen, da das Finanzamt die Unbedenklichkeitsbescheinigung verweigerte.
  • Es gibt auch noch verwandte Systeme - etwa die sog. Wissens-, Interessen- und Kontaktbörsen. Da­bei werden aber keinerlei Gegenleistungen für ein vermitteltes Angebot erwartet. D.h. hier werden rein ehrenamtliche Tätigkeiten erbracht.

 

[1]Ganz nebenbei: die Einrichtung von Tauschringen kann deshalb auch das Grüne oder linke Wählerpotential steigern, weil dadurch die Teilnehmer von ihren falschen Wirtschaftsvorstellungen loskommen und erkennen, daß Wirtschaft nur ein anderer Aspekt menschlichen Zusammenlebens ist. Alternative Wirtschaftssysteme entsprechen immer dem organischen Denkrahmen.
[2]Inzwischen erscheinen uns Außenstehenden etwa die Verhältnisse in den USA vergleichbar mit den vorrevolutionären Verhältnissen in Frankreich im 18. Jahrhundert, nur wird es dort nicht zu einer Revolution kommen, weil die Amerikaner Gefangene ihres eigenen Paradigmas sind: da ihr ganzer Wohlstand niemals auf originalen Leistungen aufbaute, in denen nicht ein überproportionaler Raubanteil enthalten war (anfänglich im Übermaß Seeräuberei, Übernahme fremder Kulturgüter, Ausbeutung und Vertreibung der Indianer und Aneignung ihres Landes; Ausbeutung der Bodenschätze; Imperialismus usw.), haben sie dieses Prinzip derartig verinnerlicht, daß sie es für ein Naturgesetz halten müssen, wenn sie selbst zu dessen Opfer werden. Aus diesem Grunde - eben weil eine entsprechende historische Tradition fehlt - gibt es dort kein revolutionäres Potential.
 

 

 

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