Thema Euro-Krise

 Die deutschen Stärken und Schwächen

 

Das europäische Grundproblem, das sich besonders in der Fehlkonstruktion der Gemeinschaftswährung ausdrückt, liegt in der Tatsache, daß es zwei verschiedene Ansätze zum Verständnis der Art und Weise gibt, wie gemeinsam zu wirtschaften ist. Beide Ansätze haben gemein, daß sie von den historischen volkswirtschaftlichen Theoretikern Adam Smith und David Ricardo nicht in ihrer Gleichzeitigkeit gesehen wurden. Während diese beiden nämlich in wohl allzu optimistischer Sicht nur eine organische Zusammenarbeit der Völker im Auge hatten, scheint es nicht nur im Sinne einer bedauerlichen Entartung, sondern durchaus selbst aus archetypischer Sicht so zu sein, daß den Menschen eben auch ein hohes aggressives Potential innewohnt, das sie früher in Kriegen abreagiert haben und heute eben in die Art und Weise ihres Wirtschaftens hineintragen. (Siehe dazu unsere Ausführungen im Essay ‚Der archetypische Kugelwürfel’.)  So entspricht den germanischen Völkern das aggressive innovatorische Prinzip, während den romanischen das bewahrende Element zukommt. Beide Prinzipien gehören zum kosmischen Chor und haben durchaus ihre Grundberechtigung im Zusammenwirken der Dinge. Aber besonders das aggressive Element ist dabei auf eine strikte äußere Regulierung angewiesen, die heute offenbar fehlt. Das zeigt sich sowohl in den angelsächsisch dominierten Finanzmärkten wie auch den nordeuropäischen allzu exportorientierten Wirtschaftsstrategien. Initiative ist etwas, was der menschlichen Natur innewohnt und auch zur Regelung ganz alltäglicher Dinge notwendig ist, wenn sie aber in Aggression umschlägt, ist sie nur noch in einer Krisensituation zur Selbstverteidigung förderlich. Überall, wo sie in eine ansich friedliche Umwelt eingreift, erscheint sie als Fehlhandlung. Während der Unterschied zwischen schädlicher Aggression und nützlicher Initiative früher deutlich als Gegensatz von Krieg und Frieden erkennbar war, wird er heute, wo er auch in die Wirtschaftsmethoden hineingetragen wird, nicht mehr so klar gesehen. Dabei gerät auch aus dem Auge, daß das Leistungsprinzip ansich besser auf höherer Ebene realisiert werden könnte und daß die Wirtschaft dafür nur die Basisvoraussetzung liefern könnte oder sollte. Erinnert sei dabei an das perikleische Athen, in dem die Wirtschaftstätigkeiten nur den sog. Metöken zukamen, während die freien Vollbürger das unter ihrer Würde erachteten und sich lieber kulturellen Tätigkeiten zuwandten. Daß darunter keineswegs die physische Stärke litt, zeigte die Auseinandersetzung mit dem zu einseitig militärisch ausgerichteten Sparta. Nie mehr hat eine nachfolgende Gesellschaft diese Vollendung und kulturelle Stärke erreicht. Unsere einseitige Ausrichtung auf wirtschaftliche Ziele macht uns dagegen eher mit dem dekadenten Sparta vergleichbar. Allerdings gilt das nur für die im Vordergrund stehenden Dinge, nicht jedoch für die noch lebendigen Kräfte im Hintergrund, die aber von unseren Wirtschaftsstrategen und Politikern kaum richtig gesehen werden. Daß unsere Gesellschaft und Wirtschaft immer noch auf einem bisher von ihnen noch nicht untergrabenen Fundament steht, und sie mit ihr, kommt ihnen nicht wirklich in den Sinn. Ihre Sicht der Dinge ist dagegen von sehr simplen Schablonen bestimmt, wie sie besonders die Bildzeitung als Gegensatz von fleißigen Deutschen und faulen Griechen propagiert.

Allerdings ist es offensichtlich, daß der „nordisch-germanischen“ Aggression dabei als negativer Gegenpart auf der „südlich-romanischen“ Seite eine allzu große Bequemlichkeit und Pflichtvergessenheit gegenübersteht, die ihr eine gewisse Berechtigung zu geben scheint, doch liegt die Wahrheit wie immer in der Mitte. Wenn wir diese beiden konträren Prinzipien heute etwa in der Art und Weise der deutschen und der griechischen Wirtschaft sehen, dürfen wir nicht in den Fehler der meisten Wirtschaftskommentatoren verfallen, die sich damit selbst als parteiisch erweisen, daß wir lediglich die deutsche Exportwirtschaft idealisieren und ihr zu einseitig die vermeintliche Pflichtvergessenheit der sog. PIGS-Länder gegenüberstellen. Leider wird bei uns immer noch die nicht nur nach innen, sondern auch nach außen aggressive Einseitigkeit der ‚Agenda 2010’ als positives Kriterium gesehen, das uns angeblich vor dem wirtschaftlichen Desaster der Südländer bewahrt hat, statt daß gesehen wird, daß diese Agenda ebensosehr zum zwischeneuropäischen Ungleichgewicht beigetragen hat wie die zu große Bequemlichkeit und Korruption in den Südländern. Diese Kommentatoren machen sich offenbar nicht klar, wie die Welt aussähe, wenn alle eine derartig aggressive Exportwirtschaft betreiben würden wie Deutschland. Henry Ford soll einmal gesagt haben, seine ärmeren Landsleute seien an ihrer Armut selbst schuld, schließlich hätten sie auch alle Autofabriken gründen können wie er selbst.

Offenbar verstehen unsere Strategen gar nicht, daß das allerdings nicht ganz ernst gemeint sein konnte. Wenn man ihnen die Einseitigkeit ihrer Sichtweise vorhält, sprechen ihre Verbandsvertreter lieber von ‚Neidreflexen’, ‚Wachstumsfeindlichkeit’, ‚Innovationshemmnissen’ o. ä.  Und immer noch wird die Kanzlerin von ihnen (und sogar auch mehrheitlich in den Medien und der sonstigen Bevölkerung) für ihre sog. ‚Führungsrolle’ in der Eurokrise gelobt, statt zu sehen, daß diese mit ihrem Kurs alles andere tut, als auf einen Ausgleich zwischen den Nord- und Südländern hinzuwirken, sondern die Krise durch ihre Forcierung des Gegensatzes sogar noch verstärkt. Allerdings hat es diese Krise an sich, sich besonders bei uns erst latent zu zeigen.

Zwar hat sich inzwischen allgemein herumgesprochen, daß die führenden Großunternehmen in Deutschland überwiegend nur noch dem Namen nach deutsch sind, doch ändert das nichts an der Politik unserer Regierung, diese weiterhin auf Steuerkosten geradezu ungebührlich zu hofieren. Und das auch zum Nachteil unseres eigentlichen Wirtschafsmotors, der sich aber noch als stark genug erweist, sich dennoch dagegen zu behaupten, nämlich des deutschen Mittelstandes. Denn nicht in den Global Playern, sondern im deutschen Mittelstand liegt die wahre Stärke unserer Wirtschaft und Industrie: In keinem anderen Land gibt es im Bereich der mittelständischen Unternehmen so viele Weltmarktführer wie in Deutschland.  Hier und nicht in der Großindustrie liegt unser eigentliches Fundament. Diese bei unseren Politikern offenbar noch recht neue Erkenntnis scheint sie aber dennoch nicht zu einem Umdenken zugunsten unseres Binnenmarktes zu bringen. Denn daraus wird weiterhin selbst bei Wirtschaftsjournalisten gefolgert, daß diese ‚Hidden Champions’ ihren Absatz naturgemäß weniger im Binnenmarkt als im Export finden und daß demnach wie schon immer angenommen der Export und nicht die Binnenmarktnachfrage für unseren allgemeinen Wohlstand und die niedrige Arbeitslosigkeit verantwortlich sei. Doch muß dabei einerseits berücksichtigt werden, daß diese mittelständischen Unternehmen sich auch gegenseitig zuarbeiten und im Bereich der Halbfertigprodukte die Grenzen des Binnenmarktes oft nicht überschreiten und daß andererseits solche Überlegungen auch zu kurz gedacht sind, da viele ihrer Produkte Investitionsgüter sind und daß es nicht nur deshalb langfristig sehr riskant ist, allein auf den Export zu setzen. Was eine zu starke ausschließliche Betonung des Exports zulasten des Binnenmarktes nämlich sonst bewirken kann, lehrt das Beispiel Japan.

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