Thema Euro-Krise

   
 

 

 

 

Die virtuelle Kanzlerin

(Entstehung des Artikels im Jahr 2012)

 

"Dieses wird gleichfalls mit Hängen en­den. Doch welche Aussicht für mich, die das Hängen nicht liebt." (Katharina die Große, deren Portrait angeblich über dem Schreibtisch der Kanzlerin Merkel hängt. Das Zitat stammt aus einem Brief an Voltaire im Jahr 1769 anläßlich des sog. Pugatschow-Aufstandes.)

 

Das Nicht-Tun ist in den Lehren des Schamanen Don Juan, von denen uns der Anthropologe Carlos Castaneda berichtet, eine der östlichen Zen-Philosophie nahestehende Enthaltsamkeitslehre. Unsere Kanzlerin Angela Merkel hat uns neuerdings eine Vorstellung davon vermittelt, daß diese eher esoterische Weisheit auch die höchste praktisch anwendbare Logik in der inzwischen völlig virtuell gewordenen westlichen Welt sein kann. Der ferne Osten kommt uns so auch auf einer eher unerwarteten Ebene näher. Das zwingt zu einer Neubesinnung, denn: „entweder halten wir alles für gesichert und real - oder eben nicht“, heißt es bei Castanedas Don Juan... „Wenn wir das erstere tun, dann enden wir in tödlicher Langeweile an uns selbst und der Welt. Wenn wir das letztere tun und unsere persönliche Geschichte auslöschen, dann schaffen wir einen Nebel um uns her, einen sehr erregenden und geheimnisvollen Zustand, bei dem niemand weiß, wo der Hase hervorspringen wird.“ Das alles könnte ebenso über dem Schreibtisch unserer Kanzlerin stehen, doch sie lehrt uns, diese Weisheit nicht zu weit zu treiben und sich selbst eben nicht der Unberechenbarkeit solcher Hasen auszuliefern. Wie in der bekannten Geschichte des Wettlaufes zwischen Igel und Hase kommt es dabei darauf an, daß man dennoch stets als Erster am Ziel ist und allen noch so eifrigen Hasen entgegenruft: „Ich bin schon lange da!“ Alle diese Hasen mit ihrer Ostereierhucke voll lästiger und störender Grundüberzeugungen und ihrer viel zu ausgeprägten und tödlich langweiligen Selbstbewußtheit auf dem Rücken, statt ihre eigene Herkunft und Geschichte zu vergessen und in einen virtuellen Nebel zu verbannen, haben in den Augen unserer Kanzlerin eben nicht Physik studiert und kennen deshalb nicht das Prinzip der Quantenphysik, daß die Dinge erst durch den Beobachterakt an Realität gewinnen – in ihrer Variante eben in den Augen des Wählers, auf deren Urteil es ihr deshalb alleine ankommt. Nichts will sie mehr in dieser Welt, als mit deren Hilfe auf dem höchsten Stuhl zu sitzen und möglichst lange darauf zu verbleiben - nicht gerade dem der ganzen Welt, wie ihr einige gehässige Kommentatoren schon unterstellten, sondern lediglich der Welt, die sie begreift. Ihr begrenzter Horizont ist somit zugleich ein Trost wie die darin liegende Gefahr, daß ihr die Frage des Wozu nie in den Sinn gekommen ist. Was zumindest die Faktizität betrifft, so kann ihr der gegenwärtige Stuhl auch genügen, denn wie von Zauberhand wurde er unter ihr plötzlich wirklich wichtig. Aus purer Ratlosigkeit, so scheint es, haben die Journalisten aus ihr nämlich inzwischen die „mächtigste Frau der Welt“ gemacht. Was sollen sie auch sonst aus ihr machen? Irgendetwas muß sie ja schließlich sein, und insofern erinnert sie an den Bäcker, der über seinen Laden ein Schild mit der Aufschrift hängte: „Ich bin der beste Bäcker der Welt“ - woraufhin dann der benachbarte Bäcker (Rösler) über seinem Laden ein Schild mit der Aufschrift hängte: „Ich bin der beste Bäcker dieser Straße.“ Denn was bedeutet diese Mächtigkeit einer Regierungschefin, die sich noch nicht einmal in ihrer eigenen Koalition durchsetzen kann? Dabei ergibt sich ein interessantes Wechselspiel gegenseitiger Verdrängung. Der Koalitionspartner hat nämlich einerseits gute Gründe, sich im eigenen Haus alternativ zu profilieren, da die Kanzlerin das ihrerseits draußen vor derem Außenminister tut - wenn auch offensichtlich aus bloßer Verlegenheit, weil sie sich so am besten vor innenpolischen Entscheidungen drücken kann. Dabei ist er aber andererseits mitschuldig daran, daß sie vor die Tür entflieht, wenn er ihr im eigenen Haus nichts mehr zu sagen übrig läßt - wenn er ihr damit auch nur einen Vorwand zur Verschleierung ihrer ohnehin bestehenden Ratlosigkeit gibt.

Woher sollte sie auch konkretere Vorstellungen ihrer Aufgaben haben? Das setzt eine gewachsene Persönlichkeit und Biografie voraus. Ihre Geschichte kann sie ja schon deshalb nicht vergessen, weil sie gar keine hat - ebenso wenig wie eine Familie. Nichts bei ihr ist wirklich greifbar, so sehr ihre Biografen auch danach suchen - ihre Jugend und frühen Aktivitäten verschwinden in einem konturlosen Nebel. Nirgendwo hat sie sich wirklich engagiert und nirgendwo ist sie deshalb auch angeeckt. Daraus ist ihr vielleicht notwendigerweise ein Prinzip entstanden. Sofern sie doch etwas getan hat, ist es jedenfalls nicht wahrgenommen worden, weil alles das Ergebnis von Taktiererei war. Jedenfalls wird dabei keine Linie erkennbar. Es ist, wie wenn ein Holzfäller an dem Baum, den er fällen möchte, einmal hier und ein anderes Mal dorthin schlägt. Das erschöpft sich in bloßem Aktionismus. Ihr politischer Stil erinnert insofern an den des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., der auch nur Denkmäler einweihte. Allerdings ist es nicht ganz richtig, daß diese unbefrachtete Meisterin der Taktik überhaupt keine Grundüberzeugungen hat. Diese haben bei ihr aber nicht der Grad völliger Bewußtheit errungen, sie sind eher unreflektiert in früher Kindheit erworben, und ihr übervoller Terminkalender läßt ihr nicht die Möglichkeit, sie wirklich zu hinterfragen. So steht sie offensichtlich immer noch völlig unter dem Bann ihrer kindheitlichen DDR- Perspektive und der daraus folgenden Bewunderung all dessen, was aus ‚Amerika’ kommt oder was sie damit in Verbindung bringt, wie man etwa an ihrer unkritischen Haltung gegenüber der IWF-Politik erkennen kann. Aber auch ihre Amtsvorgänger Kohl und Schröder haben sie zumindest in ihrer politischen Taktik sehr geprägt. An die Stelle der kohlschen Kombination des Aussitzens aller nötigen Entscheidungen im Verbund mit einem rücksichtslosen Ellenbogen-Einsatz und des schröderschen Basta-Prinzips setzt sie aber ihre eigenen Variationen, die zumindest eines mit diesen gemein haben: die Ignoranz gegenüber dem eigentlichen Wählerinteresse und den Verlust jeder moralischen und sinnvollen, das heißt intelligenten, Perspektive.

Wenn Margaret Thatcher vor der ihr unheimlichen deutschen Wiedervereinigung noch meinte: „Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da!“, so hatte sich das damals noch nicht unmittelbar bewahrheitet, denn diese schossen sich mit der Treuhand-Politik zunächst einmal ein gewaltiges Selbsttor, von dem sie sich immer noch nicht wirklich erholt haben. Dennoch ist Deutschland allerdings spätestens unter seiner Kanzlerin mittlerweile tatsächlich eine der drei größten Störzonen der westlichen Welt geworden - neben den angelsächsischen Ländern und der Brüsseler EU. Daß die angelsächsisch dominierten Finanzmärkte und die Brüsseler EU-Politik außer ihren übrigen weltpolitischen Einflüssen auch  maßgeblich zur Euro-Krise beigetragen haben, brauchen wir hier nicht nochmals zu wiederholen (siehe dazu unsere anderen Essays), wie sehr daran aber auch die deutsche Politik mitbeteiligt war, ist noch nicht allzu sehr ins öffentliche Bewußtsein gelangt. Ebenso wie einst Maggie Thatcher liebt auch unsere Kanzlerin das Hängen angeblich gar nicht, sie sieht nur ebenso keine Alternative dazu – und leider gibt es auf europäischer Ebene keinen gleichermaßen dramaturgisch begabten Politiker, der die Wählerschaft dieser Kanzlerin vom Gegenteil überzeugen könnten - zumal nicht der französische Staatschef Hollande, der ihr gegenüber seine Position fast ebenso unglücklich vertritt wie ihr innenpolitischer Kontrahent Steinbrück.

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