Thema Euro-Krise

Die griechische Euro-Tragödie

 

Der Erinnyen schwarze Schar raubt dem, der glücklich ohne Recht, in rückgewandtem Schicksalsgang des Glückes Glanz. (Aischylos: Agamemnon 461)

 

 

Ja, die Griechen mußten am Ende die Rechnung dafür vielfach zurückbezahlen, daß sie sich mit nicht ganz lauteren Mitteln ein allzu leichtes Glück zu verschaffen versucht hatten. Es gibt dabei aber auch falsche Schuldzuweisungen, und es ist für das Verständnis der Euro-Krise wichtig, zu erkennen, was da wirklich geschah – vor allem aber auch, weil die schwarze Schar der Troika-Erinnyen nach derartig falschen Rezepten zu ihrer Rettung angetreten ist, daß man sich fragen muß, was sie damit wirklich im Schilde führt.

 

Die Vorgeschichte

 

Vielleicht war die Tatsache, daß Griechenland von 1957 bis 1974 unter einer faschistioden Militärdiktatur zu leiden hatte, der Grund dafür, daß von den zuständigen Politikern danach ein politischer Kurs gefahren wurde, der gemeinhin als links bezeichnet wird und der jedenfalls dem sonst in Europa seit dem Ende der siebziger Jahre vorherrschenden neoliberalen Trend völlig entgegenstand. Es ist allerdings schon etwas merkwürdig, daß diesem Land heute von einigen Kritikern ausgerechnet das als derjenige Grundfehler vorgehalten wird, der zur gegenwärtigen Katastrophe geführt hat. Wenn man das als die bekannte Methode ‚Haltet den Dieb!’ bezeichnet und meint, daß damit der Spieß genau umgedreht wird, dann deshalb, weil die griechische Situation nur ein Symptom ist, während der eigentliche Grund der Krise eine Folge der allgemein bisher vorherrschenden wirtschaftspolitischen Entscheidungen ist, die eben unter dem entgegengesetzten Zeichen von Deregulierung und allzu bedenkenloser Privatisierung standen, wie wir sie mit dem Neoliberalismus verbinden. Das hat zu einer Entfesselung der Finanzmärkte geführt, die kaum noch zu beherrschen ist und nicht nur Griechenland, sondern  letztlich die ganze Eurozone wie auch mehr oder weniger direkt nahezu die ganze Welt in den wirtschaftlichen und politischen Abgrund zu stürzen droht. Daß im Gegensatz dazu die Verstaatlichung in Griechenland übertrieben worden ist, mag zwar sein, aber zwischen den beiden Alternativen von Verstaatlichung und Privatisierung gibt es kein richtig oder falsch, sondern es kommt immer darauf an, wie und in welchem Verhältnis man es durchführt. Im Übrigen war Griechenland wie gesagt nicht der Grund der Krise, sondern nur der Auslöser. Irgendwann wäre sie so oder so gekommen, denn die ganze Idee der Gemeinschaftswährung war zumindest in der Form wie sie gestaltet wurde und auch aufgrund der unterschiedlichen Mentalität der europäischen Völker wohl auch nicht anders hätte gestaltet werden können, von vornherein nur eine überspannte Kopfgeburt.

Aber dazu an anderer Stelle. Bleiben wir hier beim Thema Griechenland. In diesem Land wurden seit den späten 1950er Jahren bis zuletzt im Jahr 2012 die höchsten politischen Ämter von wenigen Ausnahmen abgesehen, die insgesamt kaum mehr als sieben Jahre ausmachten, in fast regelmäßigem Wechsel von Angehörigen der Familien Karamanlis und Papadopoulos besetzt. Das wirft die Frage auf, ob es sich hier noch um eine Demokratie oder eine dynastische Oligarchie handelt. Der letzte Papandreou, Giorgios Andreas Papandreou, kann darauf verweisen, daß bereits vor ihm sein Vater und sein Großvater das höchste Regierungsamt innehatten. Sein letzter Vorgänger Kostas Karamanlis konnte seinerseits bereits einen Onkel namens Konstantinos Karamanlis vorweisen, der nicht nur zwischen 1955 und 1980 viermal nacheinander Premierminister, sondern außerdem nach seinem Ausscheiden anschließend von 1980 bis 1985 und von 1990 bis 1995 griechischer Staatspräsident war, während gleichzeitig zwei Papandreous, der Großvater und der Vater des letzten Giorgios, als Premierminister amtierten. Neben diesen beiden Familien spielen und spielten aber noch einige andere eine wesentliche Rolle und tauchen in allen wichtigen Ämtern immer wieder auf, so unter anderem die Mitsotakis und Bakogiannis. Wer aber nicht zu einer dieser Familien gehört, hat offenbar keine Chance. Führt das nicht ganz zwangsläufig zu einer politischen und geistigen Degeneration? Es scheint auch kaum eine Rolle zu spielen, daß bereits der eine oder andere Vorgänger in erhebliche Skandale verwickelt war, ja sogar wie der Premier Andreas Papadreou sich vor einem Sondergericht wegen Amtsmißbrauchs und Korruption verantworten mußte. Das alles setzt sich bis heute fort, weil offenbar bereits wieder einigen ehemaligen Amtträgern solche Vorwürfe gemacht werden.

Als seinen größten politischen Erfolg verbuchte es der erwähnte Konstantinos Karamanlis, es 1979 erreicht zu haben, daß sein Land für das Jahr 1981 in die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft aufgenommen wurde. Die selbst heute noch durchklingende, wenn auch inzwischen getrübte, Begeisterung der Griechen für die Europaidee mag auch historische oder besser gesagt mythologische Gründe haben, sie erklärt sich aber auch aus ihrer geographischen und nicht zuletzt wirtschaftlichen Lage. Obwohl die Drachme in Griechenland eine lange Tradition hat (es gab sie schon im frühen 19. Jahrhundert zum ersten Mal, später nochmals kurzfristig seit 1944 und als moderne Drachme seit 1954), haben die Griechen ihre Währung nie geliebt. Ihre grundsätzlich pro-europäische Grundeinstellung machte sie dagegen schon von den frühen 1990er Jahren an, als der Euro erstmals in Rede stand, zu begeisterten Unterstützern der neuen Gemeinschaftswährung. Sie sahen darin zwar nicht unbedingt ein Wundermittel, das ihnen ohne Arbeit Reichtum verschaffen konnte, aber doch wohl eine Art Katalysator, der dazu führte, daß diese in ähnlicher Weise zum Erfolg führte wie etwa in Deutschlands Wirtschaftswunderzeit. Daß diese dort allerdings auch schon lange vorbei war und der Wohlstand der Nordeuropäer ähnlich wie der der USA inzwischen alles andere als organische Gründe hatte (dazu an anderer Stelle), und daß sie sich damit eine gefährliche Nachbarschaft ins Haus holten, wurde dabei übersehen.

Konstantinos Karamanlis war es vor allem, der nach der Militärdiktatur große Teile der Wirtschaft verstaatlichte, einschließlich vieler Banken und des Transportsystems. Wie schon erwähnt sehen viele Kritiker das heute gerne als Zeichen der griechischen Misswirtschaft. Das ist allerdings ein Vorwurf, der - sofern es nicht nur den Grad, in dem das geschah, sondern die Tatsache als solche betrifft (was sich aus der ins Gegenteil übertriebenen Privatisierungsforderung der Troika ablesen lässt) - gerade im Zusammenhang mit der Euro-Krise etwas erstaunt und auf solche Kritiker selbst zurückfällt.

Allerdings war an der Tatsache nicht zu zweifeln, daß das vielleicht keynesianisch gedachte griechische Verstaatlichungskonzept gründlich übertrieben wurde und zu einer entsprechenden Staatsverschuldung geführt hatte. Der Wunsch der Griechen nach einem Wundermittel war deshalb verständlich, da sie aus ihrer Sicht kaum eine Alternative hatten. In diesem Land funktionierte nämlich schon lange überhaupt nichts mehr. Es war aus der entgegengesetzten Sicht der Nordeuropäer hoffnungslos unmodern. Diese Sichtweise ist allerdings nicht unbedingt zwingend, denn man kann auch im ökologischen Sinn in einer vornehmlich agrarischen Wirtschaft durchaus etwas Modernes sehen, und vielleicht war es deshalb der zu sehr nach Norden gerichtete Blick der Griechen, der ihnen hier zum Verhängnis wurde. Denn das konnte einfach nicht ihre Logik sein. In Griechenland gab es keine nennenswerte eigene Industrie. Außer der Reederei, der Landwirtschaft  und dem Tourismus hatte es insofern nichts zu bieten. Aus kritischer Sicht müsste man aber sagen, daß hier die Betonung auf dem Wort ‚insofern’ liegen sollte. Denn wenn man sich dagegen die heute oft so sehr gelobte neuere Entwicklung in China ansieht, kann man vernünftigerweise kaum glauben, daß das ein wirklich sinnvolles und zukunftsfähiges globales Konzept sein kann. Von den dortigen Fragen der Menschenrechte einmal abgesehen müßte es da eher heißen: „Die neuen Zähne kamen gerade recht, um mit den alten ins Gras zu beißen.“[1] Von dieser Sichtweise sind aber die Weltbank und der IWF, dessen Hilfe die Griechen am Ende in Anspruch nehmen mußten, weit entfernt, denn danach scheint es keiner Frage bedürftig zu sein, daß letztlich die ganze Welt eine einzige Industriegesellschaft werden könnte und daß dann der globale Wohlstand ausbrechen müsste. Henry Ford hatte dazu ja bereits gesagt: „Die Menschen sind selbst schuld, wenn sie nicht alle so erfolgreich und reich sind wie ich. Sie hätten doch auch alle Automobilfabriken gründen können.“ Er meinte das aber im Gegensatz zu den IWF-Managern kaum ernst.

 

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