Thema Euro-Krise

 

 

 

Parallelwährungen

 

Für eine ökonomisch überzeugende und politisch durchsetzbare Alternative sehen wir die Einrichtung einer Parallelwährung an, die auch mit Artikel 128 AEUV1 vereinbar ist. (Gemeinsame Erklärung einer Gruppe von Initiatoren zu Parallelwährungsvorschlägen.)

 

Wir sind zwar irgendwie in den Euro hineingeraten, aber - so wird uns jedenfalls gesagt - es gibt keine Möglichkeit mehr, ihm zu entrinnen. Wenn es aber immer offensichtlicher wird, daß es auch keine Möglichkeit gibt, in ihm zu bleiben, steuern wir unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Diese bricht dann so oder so über uns herein, und wenn wir der Sache nicht willentlich ein Ende bereiten mitsamt allen den Schrecknissen, die man uns dazu bereits vorhergesagt hat, dann kommt sie von selbst über uns - und das wäre insofern noch viel schlimmer, weil wir dann von vornherein jede Möglichkeit verlieren, das Finale noch irgendwie zu steuern. Lieber ein Ende mit Schrecken, wäre daraus zu folgern, als ein Schrecken ohne Ende. Dieses schreckliche oder noch schrecklichere Ende auszumalen, können wir uns hier ersparen, weil wir es an anderer Stelle schon zur Genüge getan haben.

Aber alle Schreckensszenarien beruhen letztlich auf zu abrupten Übergängen. Wenn wir von einem Tag auf den anderen von unserer Bank kein Geld mehr abrufen können, und wenn wir plötzlich nirgendwo mehr einen Kredit erhalten, auch kein Gehalt, dann läuft plötzlich überhaupt nichts mehr. Dann gehen überall alle Lichter aus, es kommt kein Wasser mehr, wir können uns unsere Nahrungsmittel nicht mehr besorgen und so weiter - alles, was in unserem Alltag sonst funktioniert und funktionieren muß, kommt dann plötzlich zum Erliegen, es ist wie der Tod der Gemeinschaft, in der wir so sehr zu leben gewöhnt sind, sodaß wir uns dann nicht mehr vorstellen können, wie es noch weitergehen soll. Aber bei näherer Betrachtung liegt das alles weniger an der Tatsache eines Wechsels, als daran, daß er zu plötzlich geschieht. Wenn wir gezwungen wären, aus einem fahrenden Zug zu springen, der nicht bremsen kann, wäre das lebensgefährlich. Wenn aber neben unserem Zug ein anderer fährt, auf den wir überspringen können und der dann allmählich sein Fahrtempo verringert, geht der Übergang ganz organisch und problemlos. Das Stichwort heißt hier: Organisch! Wenn der Übergang nicht abrupt, sondern eben organisch geschieht, bereitet er kein Problem - eine Tatsache, die auch bei der Art und Weise unbeachtet blieb, in der die deutsche Wiedervereinigung gehandhabt wurde. Das Rezept dafür wäre dann eben ein Parallelzug - oder in unserem Fall eine Parallelwährung. Eine solche kann aber nicht nur für eine Übergangszeit sinnvoll sein, sondern auch als Dauereinrichtung. Wer etwas gründlicher über die Funktion des Geldes nachdenkt, muß eine solche Lösung eigentlich in jedem Währungsraum für geradezu zwingend halten, und zwar deshalb, weil das Geld zwei unterschiedliche und kaum zu vereinbarende Funktionen hat, nämlich die eines Tausch- und die eines Wertaufbewahrungsmittels. In der Tatsache, daß diese beiden Funktionen eigentlich nicht miteinander vereinbar sind und sich sogar widersprechen, liegt das ganze Dilemma der Geldwirtschaft und des Kapitalismus. Das Geld entsteht, wie wir an anderer Stelle gezeigt haben, auf dem Realmarkt, und zwar ausschließlich, während das ganze an den Börsen und in den Kapitalmärkten zirkulierende Geld - auch wenn das normalerweise übersehen wird - lediglich virtuell ist, das heißt eine vom Realmarkt abgeleitete Abstraktion. Auf dem Realmarkt aber ist eigentlich nur das Geld als Tauschmittel nötig, und je schneller es dort zirkuliert, desto weniger davon muß die Zentralbank in den Markt hineingeben, was bei Licht betrachtet bedeutet, daß die Gesellschaft umso wohlhabender wird, je lebendiger sich der Markt entfaltet. Oder anders: Auf dem Realmarkt ist Geld nur dann und insofern Geld, als es zirkuliert. Nicht zirkulierendes Geld ist dagegen für den Realmarkt unrelevant, es sorgt nicht für Tauschakte, als deren Wertäquivalent es ja entsteht, sondern wird nur gehortet. Eine Gesellschaft, die aber nur hortet, sei es in Waren, Gold oder sonstigen Wertaufbewahrungsmitteln, kann davon noch so viel haben, wird so aber keine Marktgesellschaft entfalten und ist trotzt alles Besitzes so gesehen nicht reich. Als Dagobert Duck einmal mit seiner Rakete auf einem ganzen Planeten voller Gold Schiffbruch erlitt und nicht zurückkehren konnte, da war er plötzlich nicht mehr der reichste, sondern der ärmste Mensch und hätte mit jedem anderen getauscht, der wenigstens ein Brot zu essen hatte. Er hatte zwar unendlich viel Gold, konnte dessen Wert aber nicht auf einem Markt realisieren.

Andererseits möchte natürlich auch niemand auf die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel völlig verzichten, denn auch darin liegt zum Teil sein Wert, obwohl es diesen Wert nur in Bezug auf den Markt hat, auf dem es als Zahlungsmittel angenommen wird, doch das wiederum nur solange tut, wie es im allgemeinen Gebrauch als solches permanent bestätigt wird. Der Wert des Geldes entsteht zwar nur auf dem Realmarkt, doch dieser ist bekanntlich sehr abhängig vom seelischen und geistigen Zustand der Marktgesellschaft - ihrer Marktfreudigkeit, die in einer Depression ganz zum Erliegen kommen kann. Besonders die höheren Marktebenen sind davon abhängig, und auch diese bestimmen den Wohlstand der Gesellschaft.

Beide Verwendungsmöglichkeiten bedingen sich also gegenseitig und sind voneinander abhängig. Das ignorieren allerdings die meisten Modelle einer Alternativwährung. Kommen diese Konzepte von der Basis, also aus dem Volk, so werden sie fast stets als Gegenkonzept zum kapitalistischen System entworfen und beschränken sich dann ausschließlich auf die Tauschmittelfunktion. Werden sie aber als Regierungskonzept entworfen wie üblicherweise nach Währungsreformen, so steht im allgemeinen der Gedanke der Werterhaltung der Staatsmittel und des Geldes als Hortungsmittel der Besitzstände im Vordergrund, wobei die in erster Linie für die Normalbürger so wichtige Tauschmittelfunktion zumeist offenbar nur nachrangig gesehen wird. Das ist leider auch bei der Einführung des Euro so gesehen worden, obwohl es von amtlicher Seite immer noch geleugnet wird („Der Euro ist kein Teuro“.)

Ein ideales Wertverbundsystem müßte aber ansich insofern neutral sein, das heißt weder den einen noch den anderen Aspekt zu sehr betonen. Das ist jedoch ein Idealfall, der nur eine gewisse Zeitlang andauern kann und sich leicht zur einen oder anderen Seite hin verschiebt – zu welcher Seite hin, das hängt vom Entwicklungsstand der Marktgesellschaft ab. Handelt es sich um eine Naturalgesellschaft, so steht natürlich die Funktion des Geldes als Tauschmittel im Vordergrund, je mehr aber die Gesellschaft sich in Richtung zu einer modernen Industriegesellschaft entwickelt, desto mehr tritt schließlich die Funktion des Geldes als Hortungsmittel hervor und gibt der Gesellschaft am Ende den heute bei uns herrschenden kapitalistischen Charakter. Einige idealistische Utopisten berücksichtigen beide Aspekte gleichermaßen, wenn sie vom Gedanken des Geldes als reines Tauschmittel zwar absehen, aber eine Parallellwährung einführen möchten, deren beide Komponenten gegeneinander frei konvertierbar sind. In dem Fall, so lässt sich denken, würde nämlich der freie Markt darüber befinden, in welchem Wertverhältnis beide zueinander stehen sollen. Beide wären somit gegeneinander ein Tauschobjekt wie alle anderen Waren auch, und ihr gegenseitiges Wertverhältnis wäre permanent auf dem Markt verhandelbar, sodaß sich bei übermäßiger Betonung der einen Seite das Gewicht wieder zur anderen und umgekehrt verschieben ließe. Wenn nämlich zwei Währungen nebeneinander existierten, so wäre dann die eine als Tauschmittel konzipiert und die andere als Hortungsmittel. Sollte nun eine oligarchische Oberschicht zu sehr das Hortungsgeld betonen, so könnte sie das auch für die Normalverbraucher insofern unbeschadet tun, als diese sich dann ihrerseits mit der anderen Währung helfen könnten und sich dadurch beide Währungen voneinander lösen würden. Wenn dadurch das Hortungsgeld immer virtueller wird und immer mehr seinen Realmarktbezug verliert, so wird es sich notwendigerweise wieder auf diesen zurückbesinnen müssen, und es müsste ansich selbst für die Oligarchie einsehbar sein, daß das für ihr Geld nötig ist.

Wäre das nicht eine Idealgesellschaft, in der beide Bereiche friedlich nebeneinander existieren könnten und sich beide gegenseitig auf organische Weise justierten? Doch das erscheint wiederum insofern als unrealistisch, als der Reichtum immer das Gegenteil der Armut ist. Tatsächlich kann sich kein Reicher über seinen Reichtum freuen, wenn es nicht auf der anderen Seite dessen Negation, die Armut, gibt. Deshalb werden solche Utopien vermutlich auch nur solange existieren, wie sie vor dem Hintergrund einer gerade überwundenen Kapitalmarktkrise geduldet werden. Aber das könnte eben heute der Fall sein, und deshalb erscheint der Gedanke einer solchen Parallelwährung zumindest auf absehbare Zeit heute nicht nur als bloße Utopie, sondern als realistisches Modell zum Ausstieg aus der momentanen verfahrenen Situation. Wohlgemerkt nicht zum Ausstieg aus dem Euro, sondern ganz im Gegenteil zu dessen Rettung.

 

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