Thema Euro-Krise

 

 

Der Teufelskreis der Globalisierung


Wer oder was ist eigentlich verantwortlich für die weltweite Finanz- und die damit verbundene Eurokrise? Die Frankfurter Rundschau zum Beispiel nennt dazu: "Missmanagement, rücksichtsloses Gewinnstreben, schwere Fehler bei der Marktregulierung." Aber das ist noch sehr allgemein und übersieht auch, daß es sich hier um das Scheitern eines ganzen Systems handelt: In den verschiedenen Diskussionsrunden im Fernsehen saß bis vor dem Desaster im Jahre 2008/09 jedesmal noch mindestens ein Lobbyist oder geistiger Mitläufer bzw. Trittbrettfahrer, der fast unwidersprochen die Volkswirtschaft mit einer Betriebswirtschaft gleichsetzte. Inzwischen werden allerdings die daraus resultierenden Normen wie Deregulierung, Sozialabbau und Globalisierung sehr in Zweifel gezogen, und allgemeiner Katzenjammer hat sich breit gemacht. Als Schuldige werden nun vor allem die "Banker" und Spekulanten genannt. Aber damit wäre das Problem viel zu sehr personalisiert, denn tatsächlich war es eher ein allgemeiner Denkrahmen, der zuletzt den Charakter einer regelrechten Konsensdiktatur angenommen hatte. Da hat sich über die Jahre und Jahrzehnte etwas aufgeschaukelt, dessen Konsequenzen offensichtlich erst in letzter Zeit allen deutlich geworden sind, obwohl man sie schon längst hätte vorhersehen können. Besonders katastrophal haben sich - neben den hausgemachten Fehlern - auch unter dem allgemeinen Paradigma (siehe dazu den Beitrag: 'Die Politik des IWF' und den Modellfall Argentinien) die Zustände in Griechenland entwickelt, während in Deutschland noch alles einigermaßen in Ordnung zu sein scheint und mancher hierzulande bereits meint, daß am deutschen Wesen auch das griechische genesen könnte. Dabei wird allerdings übersehen, daß auch wir nicht nur seit der Euro-Krise ein riesiges Staatsdefizit hatten und haben - und das, obwohl wir immerhin sehr häufig Exportweltmeister waren.

Das Stichwort für das damit verbundene Paradigma lautet ‚Globalisierung’. Darunter verstand man einen angeblichen weltweiten Zwang zum internationalen Wirtschaftskrieg aller gegen alle. Zwar ist dieses Thema seit der erwähnten Krise inzwischen in den Hintergrund getreten und macht einem allgemeinen Katzenjammer Platz, der immerhin auch einige maßgebliche Leute zum Umdenken gebracht hat, aber immer noch gibt es viele andere Wirtschaftsfachleute wie zum Beispiel den Chef des Münchner Ifo-Institutes Hans Werner Sinn, die davon offenbar unberührt blieben. Auch deshalb und vor allem, um zu verstehen, was zu der Krise geführt hat, lohnt es sich, sich nochmals mit den Implikationen und Widersprüchen dieses Themas zu befassen.

Zwei Fragen drängen sich angesichts unserer heutigen Wirtschaftsdebatte auf. Nämlich zum einen, wie es möglich ist, daß trotz der Tatsache, daß wir weiterhin gute Exporter­geb­nisse haben und die Gesellschaft insgesamt zweifellos immer reicher wird, es dennoch einem stetig wachsenden Anteil unserer Bevölkerung immer schlechter geht. Und zum anderen, wie es möglich ist, das gleichzeitig immer noch einem Großteil unserer Bevölkerung als Ergebnis einer notwendigen und sinnvollen Wirtschaftspolitik zu verkaufen. Daß selbst von den unmittelbar Betroffenen darüber kein wirklich nachhaltiger Protest erfolgt, mag teilweise dadurch zu erklären sein, daß sie entweder noch nicht richtig begriffen haben, was vor sich geht, oder aber daß sie nicht genügend organisiert sind. Die Dinge haben offenbar ein großes Beharrungsvermögen und benötigen eine lange Zeit, bis sie geistig nachvollzogen werden.

Wie ist es möglich, daß sich derartig elementare Denkfehler so sehr in einer Gesellschaft etablieren? Was soll der Unsinn, in Portugal oder Tschechien Produkte herzustellen, obwohl sie nicht dort, sondern hier wieder verkauft werden sollen? Der einzelne Unternehmer mag zwar durch die Konkurrenz der anderen dazu gezwungen werden, gleichfalls so zu handeln, aber allen gemeinsam muß doch klar sein, daß sie sich damit den hiesigen Nachfragemarkt zerstören. Deshalb müßten sie ansich in ihrem Eigeninteresse Verträge schließen, die sie alle gemeinsam verpflichten, dort zu produzieren, wo sie auch ihre Güter verkaufen wollen. Denn nur so kann ja ein Markt funktionieren. Produktion und Absatz dürfen nicht entkoppelt werden, sonst folgt auf die Not der Konsumenten unweigerlich auch die Not der Produzenten. Die Industriegesellschaft ist schließlich nur eine Fortentwicklung des mittelalterlichen Marktes, auf dem alle auf Gegenseitigkeit wirtschafteten und sich zuarbeiteten - im Sinne eines gegenseitigen Gebens und Nehmens, Verkaufens und Kaufens. Es ist demnach unmöglich, dieses alte Gesetz plötzlich zu ignorieren, ohne daß das den Markt zerstört. Die neoliberalen Glaubensbrüder haben aber dieses Gesetz nicht nur ignoriert, sondern die entsprechende Ignoranz zu einem ihrer Ziele gemacht: Statt Regulierung setzen sie sogar allen Ernstes auf Deregulierung. Aus der Marktgesellschaft im Sinne aller für alle wurde dadurch eine solche im Sinne aller gegen alle gemacht. Während sich sonst Reibungsverluste des Systems selbst kurieren, führen sie unter dieser Maßgabe zu permanenten Blockaden. Aber solange das noch nicht alle Menschen persönlich betrifft, bleiben immer noch genügend Profiteure des Systems übrig, die sich ihre Argumente zurechtsuchen, es zu rechtfertigen. Während unsere Gesellschaft immer noch insgesamt sehr wohlhabend ist, wird aber dieser Wohlstand immer ungleicher und ungerechter verteilt, sodaß immer mehr Menschen davon ausgeschlossen werden. Das führt zu der paradoxen Situation, daß die Wirtschaft (vorläufig) immer noch teilweise wächst und die tech­nologische Entwicklung fortschreitet, während gleichzeitig immer mehr Menschen im gleichen System verarmen.

 

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