Thema Esoterik

   
   

Evokationen

 

Die Tür flog krachend auf, und ich taumelte in ein Zimmer, das so voll war von erstickendem, in schweren Schwaden emporwölkendem Rauch, daß ich zunächst bloß eine Anzahl riesenhafter Schatten erkennen konnte, die sich in all dem Nebel hin und her bewegten. Erst nach und nach gewahrte ich, daß das spärliche Licht von einer einzigen roten Lampe kam, die auf dem Kaminsims stand, und daß der Raum, den ich nun erstmals von innen sah, so gut wie keine Möbel aufwies. Der Teppich lag zusammengerollt in einer Zimmerecke, und auf den weißgescheuerten Dielenbrettern erblickte ich einen großen, mit einem schwärzlich glosenden Material gezeichneten Kreis, von dem jener Rauch aufstieg. Innerhalb wie außerhalb dieses magischen Zirkels waren in regelmäßigen Abständen seltsame Zeichen angeordnet, die mit derselben schwärzlichen und rauchenden Substanz auf den Boden gemalt waren und gleichfalls von sich aus zu glosen schienen. Mein erster Eindruck beim Betreten des Zimmers war, daß es - nun ja, fast hätte ich gesagt, es sei voll von LEUTEN gewesen. Doch das gibt ein falsches Bild. Vielmehr war es eine Ansammlung von WESEN, was sich da im Raume drängte, und sogleich überkam mich die absolute Gewißheit, daß diese Erscheinungen außermenschlichen Ursprunges waren! Es steht für mich zweifelsfrei fest, daß ich damals einen Blick auf lebende, intelligenzbegabte Wesen geworfen habe, doch nicht minder bin ich überzeugt - obschon ich es nicht beweisen kann -, daß diese Wesen fremden Evolutionsgesetzen unterworfen waren und nichts mit menschlichem Leben zu tun hatten, in keiner seiner Formen, weder vor noch nach dessen Tode. Doch was immer jene Schatten gewesen sein mögen - ihr Erscheinungsbild war in fortwährend ineinanderfließendem Wandel begriffen. Es war mir nicht möglich, eine dieser Formen länger ins Auge zu fassen, wiewohl ich mir ihrer Gegenwart unabläsig bewußt blieb. Offenbar hatte ich es mit Wesenheiten der nämlichen Art zu tun, wie ihrer eine mir schon mehrere Nächte zuvor in meinem Zimmer nachgestellt hatte, und das Bewußtsein, nunmehr einer Vielzahl von ihnen so beängstigend nahe zu sein, erfüllte mich mit überwältigendem Entsetzen. Ich begann aufs heftigste zu zittern, und der Schweiß brach mir in Strömen aus Stirn und Wangen. Rings um mich war alles in fortwährender Bewegung. Bald stand es ganz nahe neben mir, bald trat es hinter mich, strich mir die Schultern entlang, fuhr mir durch das Haar, kurz, es umkreiste mich, ohne jemals handgreiflich zu werden, und übte dennoch einen wachsenden Druck auf mich aus. Besonders mir zu Häupten schien es sich in unaufhörlichem Wirbel zu drehen und war insgesamt begleitet von einem verworrenen, seufzenden Geflüster, das schon im nächsten Moment sich verdichten mochte zu artikulierter Rede. Doch zu meiner unaussprechlichen Erleichterung kam es nicht dazu, und jenes raunende Seufzen blieb weiterhin bloß dem Steigen und Fallen des Windes vergleichbar. Das Kennzeichnende an jenen Schattenwesen aber, das mich damals zutiefst beeindruckte und dessen ich mich auch heute noch am lebhaftesten entsinne, war der Umstand, daß jedem von ihnen etwas innewohnte, das ich nur als SCHWINGUNGSZENTRUM bezeichnen kann - nämlich als ein Zentrum, von dem eine immense Kraft ausstrahlte, die bei jedem Vorüberstreichen jene eigentümliche Wirbelbewegung hervorrief. Die Luft im Zimmer war übervoll von solchen Wirbelzentren einer schwirrend rotierenden Kraft, und so oft mir eins von ihnen allzu nahe kam, hatte ich das Gefühl, als würden mir an der betreffenden Stelle die Nerven buchstäblich aus dem Körper gezogen, ihrer Lebenskraft radikal beraubt und danach wieder eingesetzt - doch nun in totem, schlaffem, gänzlich unbrauchbarem Zustand. Erst jetzt ergab es sich, daß mein Blick auf Smith fiel. Er stand zu meiner Rechten gegen die Wand geduckt und nahm eine so offenkundige Abwehrhaltung ein, daß ich sofort erkannte, in welch verzweifelter Lage er sich befand. Doch wie jämmerlich sein entsetzensverzerrtes Gesicht auch wirken mochte - der Zug um seine zusammengebissenen Zähne zeigte mir, daß Smith noch nicht alle Selbstkontrolle verloren hatte: vielmehr lag eine Entschlossenheit auf seinen Zügen, wie sie mir auf keinem Menschengesicht je wieder begegnet ist, und obschon er sich gegenwärtig in der fürchterlichsten Bedrängnis befand, erweckte er den Eindruck eines Mannes, der, noch immer voll Selbstvertrauen und unerachtet aller hereinbrechenden Furcht, auf die Gelegenheit zum Angriff wartet. Was mich selbst betrifft, so sah ich mich einer Situation gegenüber, die sich meinem Wissen und Verstehen dermaßen entzog, daß ich mich hilflos und unnütz fühlte wie ein Kind. "Helfen Sie mir zurück - rasch! Zurück in den Kreis!" hörte ich Smith durch die wogenden Dämpfe sagen, und es war wie ein gehauchter Schrei. Das einzig Brauchbare an mir scheint damals der Umstand gewesen zu sein, daß ich bei meinem Tun keine Angst empfand. Da ich nichts von den Mächten wußte, welche rings um mich entfesselt waren, hatte ich auch keine Angst vor den tödlichen Gefahren, denen ich mich aussetzte, und so sprang ich einfach vorwärts, um Smith an den Armen zu packen. Er warf sich mir mit seinem ganzen Gewicht entgegen, riß sich dank unserer vereinten Anstrengungen von der Wand los und taumelte auf den magischen Zirkel zu. Doch schon sank aus der leeren Luft des rauchgeschwängerten Zimmers eine Kraft auf uns hernieder, die ich einzig mit der stoßenden, treibenden Gewalt eines auf engstem Raume zusammengepreßten Sturmwindes vergleichen kann. Fast war es wie die Druckwelle einer Explosion, die sich da gleichmäßig auf meinen Körper auswirkte. Das stürzte über uns herein mit einem sausenden Laut, der mir die Ohren überschwemmte und mich sekundenlang glauben machte, das gesamte Haus müsse schon im nächsten Moment zu Trümmern zerbersten. Der erste Ansturm schleuderte uns gegen die Wand zurück, und mir war sofort klar, daß eine Macht uns abhalten wollte, den Kreis in der Zimmermitte aufs neue zu betreten. Schweißüberströmt, atemlos und unter letzter Anspannung aller Muskeln brachten wir es schließlich zuwege, uns bis an den Rand des magischen Zirkels vorzukämpfen, doch schwoll in jenem Augenblick die feindliche Kraft zu solcher Gewalt, daß ich mich urplötzlich von Smith losgerissen, des Bodens unter meinen Füßen beraubt und gegen die Fenster gewirbelt fand, als hätte das Schwungrad einer ungeheuren Maschine schon meine Kleider erfaßt und wäre nun drauf und dran, mich samt ihnen in Stücke zu reißen. Doch noch während ich zerschlagen und atemlos gegen die Mauer flog, sah ich, daß Smith nun inmitten des Kreises Fuß gefaßt hatte und seine aufrechte Haltung wiedergewann. Während der nächsten Minuten ließ ich ihn nicht einen Atemzug lang aus den Augen. Jetzt erhob er sich zu seiner vollen Größe - jetzt strafften sich seine breiten Schultern - und jetzt warf er den Kopf zurück, so daß ich sehen konnte, wie rasch sein Mienenspiel sich vom Ausdruck der Angst zu jenem der unumschränkten Befehlsgewalt wandelte. Ruhig blickte er um sich - und stimmte danach einen langgezogenen, vibrierenden Ton an: zunächst noch leise, nahm dieser Ton mehr und mehr an Stärke zu, bis er schließlich das gleiche Volumen und die nämliche Intensität erlangt hatte, wie ich sie in jener Nacht vernommen, da Smith über die Treppe zu mir hinaufgerufen hatte. Es war ein sonderbar anschwellender Klang, der nicht so sehr an eine menschliche Stimme, sondern vielmehr an den Ton eines Instruments gemahnte. Und während dieser Ton an Mächtigkeit zunahm und mehr und mehr das ganze Zimmer füllte, wurde ich gewahr, daß sich rings um uns langsam aber sicher ein großer Wandel vollzog: die Wirrnis der Geräusche und des Sausens in der Luft sänftigte sich zu dem stetigen Vibrieren, wie es etwa von den tiefen Registern einer Orgel hervorgebracht wird. Auch die Luftwirbel nahmen an Heftigkeit ab, wurden fühlbar schwächer - und erstarben schließlich vollends. Das seufzende Geflüster ward leiser und leiser, bis ich es zuletzt nicht mehr vernehmen konnte. Das Befremdlichste von allem aber war der Umstand, daß jener glosende Schimmer, der sowohl von dem Kreis als auch von den magischen Zeichen rundum ausstrahlte, zu einem hellen Glühen anwuchs, dessen Strahlung den Zügen von Smith einen unbeschreiblich gespenstischen Ausdruck verlieh. Und einzig durch die Kraft seiner Stimme, hinter der unzweifelhaft ein echtes Wissen um okkulte Klangmanipulationen stand, gewann dieser Mann langsam wieder die Herrschaft über jene Mächte, die aus ihrer eigenen Sphäre ausgebrochen waren, ja, drängte sie zurück in ihre Schranken, bis das Zimmer in völliger Ruhe und Ordnung dalag wie zuvor. (Algernon Blackwood: 'Ein gewisser Smith'.)

So weit diese Geschichte, die wir mit dem finstersten Mittelalter assoziieren und von der wir natürlich zu wissen meinen, daß es sich dabei um puren Aberglauben handelt. Allerdings gibt es verblüffende Taschenspielertricks, bei denen wir wissen, daß sie lediglich auf manueller Geschicklichkeit und der Anwendung aller möglichen rational erklärbarer Täuschungsmanöver beruht. Aber echte Magie? Gott sei Dank haben wir uns von solchen Dingen befreit, denn es wurde damit bekanntlich sehr viel Unsinn getrieben. Die Frage ist nur, ob das an dem damit verbundenen Weltbild lag oder an der Art und Weise, was bestimmte Menschen daraus ableiteten. Es ist die ewig gleiche Frage nach der menschlichen Substanz. Aber was ist das eigentlich: 'Substanz'? Scheinbar handelt es sich dabei um einen äußerst schwammigen Begriff, und dennoch: in letzter Konsequenz haben wir nichts anderes, worauf wir uns beziehen können. Das wird uns nicht nur an der Gestalt des Mr. Smith deutlich, sondern auch ständig in unserem Alltagsleben. Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, wie die Menschen im Allgemeinen miteinander umgehen und wie sie sich etwa im Bereich der Politik oder der Wirtschaft verhalten, wobei es sich letztlich auch nur um Paradigmen handelt, unter denen wir die Komplexität unserer Realität geistig zu erfassen suchen und nach denen wir dann handeln. Vielleicht werden unsere Nachfahren diese Dinge und die damit verbundene Weltsicht ebenfalls für Aberglauben halten, denn wohin hat uns das inzwischen geführt? Es ist also eigentlich weniger das Weltbild, das richtig oder falsch ist, sondern das, was die Menschen daraus machen. So gesehen könnten wir es auch als ungeheure geistige und kulturelle Verarmung empfinden, daß wir uns um Dinge gebracht haben, die einmal Quelle unserer Märchen und Mythen waren.

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