Thema Esoterik

 

Vaudou

(Woodoo)

 

 

Die Rituale des Vaudou-Kultes sind Erkenntnis und Wissen. Wer sich in das Mysterium vertieft, kann nicht nur die Vaudou-loa des Mysteriums des Unbekannten erkennen, welche sich nicht nur in den geheimnisvollen Kräften wie Wodun, Mysterien, loa, Seelen, Heilige, Engeloffenbarungen, sondern auch in den Seelen der Anhänger und „Die­ner“ der loa verwirklichen. Nur die Rituale ermöglichen die wirkungsvolle Ausübung der Riten. Die umfassende Kenntnis des wo-du erschließt Möglichkeiten, durch die außergewöhnliche Dinge auf übernatürliche Weise erreicht werden können... Die eng mit den loa verbundene Rolle des houngan sprengt jeden Rahmen und geht über jede faßbare Vorstellung hinaus. Dabei darf man ihn nicht mit einem Priester in einer anderen Religionsform wie der katholischen vergleichen, sondern eher mit dem Papst... Die Autorität des houngan und der mambo ist so stark und gefestigt, da ihr Handeln direkt von den Kräften des Unsichtbaren, den Vaudou-loa, den Vaudou-Mysterien, bestimmt wird. Ihre Befehle oder Ratschläge sind Befehle oder Ratschläge der loa, der Mysterien, und im weitesten Sinne der Ahnenseelen, der Manen, da der Vaudou ein Ahnenkult ist. Da die Kraftentfaltung der Seelen ein astrologischer Vorgang ist, ist das Wissen auf die Gestirne ausgerichtet... (Milo Rigaud.)

Allzuleicht binden wir uns an das Paradigma der modernen vertikalen Welt und halten dieses für das Maß aller Dinge, das die Menschheit - wie wir meinen - erst in jüngster Zeit gefunden habe, wodurch sie sich im Sinne einer geistigen und kulturellen Evolution über die Naturvölker hinausentwickelte. Das ist aber wohl nur richtig, solange wir eben den aus unserer Stadtkultur entnommenen Maßstab anlegen. Wir können den Bereich der städtischen Kultur als Gegensatz zu dem Bereich der Volkskultur sehen, sofern es eine solche noch stellenweise gibt. Beide sind in einer bestimmten Weise kosmopolitisch: die inzwischen fast internationalisierte Stadtkultur, weil sie durch ein dichtes Kommunikationsfeld verbunden ist; und die (Natur-)Völker hinsichtlich ihrer in ihren Grundformen überall verwandten Mythologie. Diese Grundformen können wir noch sehr gut in der Volkskultur und -religion der Haitianer erkennen, die inzwischen von vielen Ethnologen untersucht wurde und deshalb recht bekannt ist. Die ursprüngliche Religion der schwarzen Haitianer ist auf der Insel auch heute noch sehr verbreitet. Angeblich sollen ihr mehr als 80% der Bevölkerung angehören, obwohl man sie bis vor einigen Jahrzehnten noch zu verbieten versucht hat.[1] Irgend etwas scheint also in der Mentalität dieser Menschen zu liegen, das aus ihnen keine Christen machen läßt, obwohl man sie lange Zeit im Sinne der christlichen Religion zu missionieren versucht hat. Interessanterweise ist allerdings der christliche Anteil in der sog. Mittel- und Oberschicht der Bewohner der Hauptstadt Port-au-Prince im Gegensatz zu dem in der einfachen Bevölkerung der ländlichen Regionen immer noch dominant. Die Städter haben demnach eine andere Mentalität: da es ihnen um ihr bürgerliches Ansehen geht, richten sie sich nach dem, was verbindlich ist; und der Vaudou ist dort deshalb verpönt - weniger wegen seiner teilweise düsteren Praktiken, sondern weil er keine offizielle Reputation genießt und weil die Städter sich dem Einfluß der katholischen Kirche weniger entziehen konnten. Sie sind eben auch in ihrer Religion eindeutig vertikal orientiert. Die Verbindungen sind dabei so sehr durchbrochen, daß viele Stadtbewohner den Vaudou überhaupt nicht kennen. Doch da sie die politisch tragende Klasse bilden, bestimmen sie auch die offizielle Politik in Gesellschaft und Wirtschaft. Wir haben es hier also mit dem klassischen Gegensatz zwischen einer vertikalen und einer horizontalen Kultur zu tun. So blüht der Vaudou weitgehend im Verborgenen und wird von offizieller Seite bewußt ignoriert und als existierend bestritten. Das, was die Stadtbürger offiziell glauben, ist offenbar auch eine Frage des Prestiges. Daß der Vaudou so verrufen ist, liegt auch daran, daß er bewußt diskriminiert und verzerrt dargestellt wird. Das soll nicht heißen, daß er nicht auch negative Seiten hat wie jede andere Religion, doch ist das nicht die ganze Wirklichkeit.

Die Bedeutung des Begriffes Vaudou ist etwa „allmächtiges und übernatürliches Wesen“. Es handelt sich dabei um einen Komplex von Vorstellungen und Zeremonien, die ihren Ursprung in Afrika haben, in die aber auch katholische Elemente eingegangen sind. Besonders auch französische Einflüsse sind erkennbar. Viele der vermeintlich afrikanischen Vorstellungen und Praktiken kommen aus der Normandie. Dabei zeigt sich etwas, was die meisten Europäer inzwischen vergessen haben, nämlich daß die abendländische Magie während vieler Jahrhunderte ebenso lebendig war wie diejenige Afrikas, Neuguineas oder Tahitis noch heute. So ist bemerkenswerterweise ein besonderer und wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes auf Tahiti noch erhalten geblieben, während es bei uns schon längst ausgerottet wurde. Die Magie ist also keineswegs eine spezifisch afrikanische Angelegenheit. Metraux: Von den aus Frankreich importierten Büchern beziehen die houngan einen Teil ihres magischen Wissens... Die Zaubereien an den Wegkreuzungen, die Spuren von mysteriösen Zeremonien, die man auf den Friedhöfen entdeckt, die anläßlich der Kampagne gegen den Aberglauben beschlagnahmten Gegenstände in den humfò und die seltsamen, unerklärlichen Verbrechen, die man von Zeit zu Zeit beobachten kann, beweisen, daß „schwarze Magie“ praktiziert wird.

Die eigentliche Offenbarung, auf die sich der Vaudou gründet, hat astrologische Wurzeln. Es wird dabei sogar eine Verbindung bis zurück zu chaldäischen Astrologen und den Gelehrten des Turmes zu Babel (!!) behauptet. Die eigentliche Tradition und die meisten Rituale sind aber doch afrikanischen Ursprungs und sollen auf eine legendäre Stadt namens La Ville aux Camps zurückgehen, die auch als die himmlische Stadt der Macht des Feuers bezeichnet wird. Sie ist nach wie vor in der Vorstellung das eigentliche mystische Zentrum des Kultes. In der Realität ist der Vaudou ein sehr ausgeprägter Ahnenkult. Die Ahnen sind die eigentlichen Autoritäten und stehen sogar über den Göttern, da alle Vaudou-Götter früher selbst Menschen waren. Auch der Name des Priesters bedeutet ‘der Ältere’. Milo Rigaud[2]:

Da König und Staatschef immer Vertreter Gottes auf Erden sind, setzt die Vaudou-Tradition La Ville aux CampsIfe und La Ville aux Camps wird der Sonne gleichgesetzt... Daher heißt der Punkt am Himmel, an dem die Sonne aufgeht, Legba-Ji oder Lihsa-Ji; dieses bedeutet allgemein Loa der Schöpfung. Legba - das allumfassende Mysterium des Vaudou - ist also der Orient oder der Osten, d.h. die wichtigste Himmelsrichtung oder der Fixpunkt im Osten, auf den sich alles bezieht und nach dem das magische templum ausgerichtet ist. Daraus folgt, daß mit Blick auf Ife oder die himmlische Ville aux Camps der Ursprung des Vaudou in erster Linie astrologischer und erst in zweiter Linie irdischer Art ist... mit dem Platz der Sonne am Himmel und der Sonne selbst gleich. Folglich sind König und Sonne gleich. So gesehen ist der übernatürliche Ursprung des Vaudou-Kultes astrologisch.

Also auch hier wieder - wie in allen horizontalen Kulturen - die hervorgehobene Bedeutung des Ostens! Die Anhänger des Vaudou erwarten sich von ihrer Religion vor allem ganz praktische Dinge zur Bewältigung ihres besonders in der Sklaverei der Vergangenheit leidvollen Lebensalltages: Heilung ihrer Leiden, Befriedigung ihrer Bedürfnisse und die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tode. Musik und Tanz sind so eng mit dem Kult verbunden, daß man den Vaudou als eine „getanzte Religion“ bezeichnen kann. Die im ekstatischen Tanz sich vollziehende Zeremonie des Vaudou bringt die Bereiche der Unterwelt und des Himmels zu einer Einheit, so daß die finstersten und abgründigsten Dinge dabei unmittelbar neben den höchsten zum Ausdruck kommen. Diese Religion steht also jenseits von gut und böse; sie bringt das gesamte Leben in eine höhere Wirklichkeit. Insofern gibt es hier keine eindeutige offizielle Moral, sondern alles scheint möglich zu sein, wenn es nur richtig gemacht wird: man muß seine tieferen Anlagen richtig nützen. Dem einzelnen wird dabei kein allgemeiner Maßstab vorgegeben, sondern er muß in sich selbst den richtigen Weg finden. Der Haitianer betrachtet die Moral als das Ergebnis des menschlichen Bewußtseins, seiner Erfahrungen und seines Wissens, seiner Fähigkeit zu begreifen und sich selbst zu erziehen. Die Religion ist dabei in das Alltagsleben integriert und nicht von ihm zu trennen. Kultur, Alltag, Wirtschaft, Familienleben, Religion: alles ist eines. Niemand würde deshalb auf die Idee kommen, das zu trennen und etwa wie die meisten Christen alltags nach einer anderen Moral zu leben als am Sonntag, wenn man in die Kirche geht. Die katholische Beichtpraxis gäbe dabei also keinen Sinn, denn Tat und Bekenntnis sind eines; indem man lebt und dabei sich so oder anders verhält, praktiziert man bereits einen Teil seiner Religion. Alle Handlungen des Alltags sind zugleich immer auch religiöse Riten; das ganze Leben ist Rhythmus: so liegt es ja schon den Schwarzen im Temperament, aber das alles hat im Vaudou nicht nur eine kulturelle und psychologische Bedeutung, sondern auch eine religiöse. So kann aus ganz alltägli­chen gemeinsamen Handlungen plötzlich eine Zeremonie werden. Gewissermaßen ist alles mehr oder weniger zeremoniell, und der bedeutungsmäßige Umschlag ist Außenstehenden oft kaum erkennbar. In diesem Sinne nimmt das Leben bereits die Kinder voll in die Pflicht: sie werden praktisch automatisch dabei erzogen und haben in den wichtigen Dingen ein instinktives tieferes Wissen. Die ganze Gemeinschaft lebt ständig mit den Göttern, und diese sind immer anwesend und in den Menschen selbst vorhanden. Der gesamte Kosmos ist so immer in den irdischen Erscheinungen enthalten. Das, was die Menschen tun, ist auch eine Handlungsweise der in ihnen lebenden Götter. Deshalb kann es keine guten und bösen Handlungen der Menschen geben, obwohl es gute und böse Geister gibt. Wenn also ein Mensch etwas Böses tut, so ist das weniger ihm selbst als dem in ihm lebenden Geist zuzuschreiben. Da das aber immer auch eine Angelegenheit der gesamten Gemeinschaft ist, nehmen alle daran tiefsten Anteil. Tut ein Mensch Dinge, die gegen das Interesse der Gemeinschaft gerichtet sind, so ist er in der Regel wohl von einem bösen Geist besessen und deshalb krank. In ihm ist aber dann auch die Gemeinschaft krank. Es gibt hier also keine Vereinzelung, und der Egoismus ergibt keinen Sinn: alles ist Teil der Gemeinschaft, und alles hat immer auch eine religiöse Dimension. Es kann hier keine Selbstverwirklichung Einzelner zulasten anderer oder der Gemeinschaft geben. Diese Gemeinschaft ist deshalb ausgesprochen horizontal und steht damit in einem totalen Gegensatz zu einer vertikalen Gemeinschaft. Deshalb gibt es im Vaudou auch keine Hierarchie, er ist keine zentral organisierte Kirche und hat keine ausgesprochene Priesterschaft, die sich der Kontrolle der Gemeinschaft entziehen könnte. Die Moral der Gemeinschaft und ihr kollektives Gewissen ist die eigentliche höchste Instanz; diese muß gesund und bewußt sein und sich ständig selbst kontrollieren. In ihr lebt eine Kollektivseele, die über ihre eigene Gesundheit zu wachen hat, was sie nur durch einen stets lebendigen Kontakt mit dem Kosmos und dem Reich der Götter vollziehen kann. Auch dazu dienen die religiösen Zeremonien.

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