Thema Esoterik

 

 

Bedeutung des Symbols

William Anderson fragt: „Wie bringt man einen Archetyp dazu, zu einem zu sprechen? Eine Methode beruht auf der Erfahrung: das Bild in sich wachsen zu lassen, indem man sich ihm immer und immer wieder mit den Gaben bescheidener Aufmerksamkeit und des Schweigens nähert.“ Der Name Grüner Mann ist wie gesagt immerhin nicht völlig neu erfunden, sondern läßt sich aus mehreren Quellen ableiten. Es gibt vornehmlich viele Quellen in eben jenem Kulturraum, der ehemals keltisch besiedelt war, also in Frankreich, Süddeutschland und den britischen Inseln. Man kann ihn etwa mit Robin Hood identifizieren. Robin Hood heißt eigentlich Robin in the Wood; er ist also der Mensch aus dem Wald, in den er durch einen bösartigen Sheriff getrieben wurde und dort eine kleine Schar um sich sammelte, die nach dem Prinzip natürlicher und ausgleichender Gerechtigkeit lebte. Er beraubte die Reichen und verteilte seine Beute unter die Armen; er stand somit für eine ausgesprochen horizontale Gesellschaft, zumal auch für ein sorgenfreies Leben im Einklang mit der Natur. Es gibt aber auch noch ein mittelalterliches englisches Werk eines namentlich unbekannten Dichters mit dem Titel Sir Gawaine and the Green Knight, in dem eine Art Grüner Mann auftaucht. In neuerer Zeit taucht das Thema in Gustav Meyrinks Roman „Das grüne Gesicht“[5]wieder auf. Übrigens waren auch die Umstände dieser Titelwahl sehr mysteriös. Mey­rink sah sich nämlich gezwungen, seinen ursprünglich geplanten Titel „Der grüne Mann von Amsterdam“ wieder zurückzunehmen, weil dieser - doch wohl sehr ausgefallene! - Titel plötzlich auch als Kinofilm erschien! Evokation eines Archetypus? Jedenfalls behandelt der Roman, dessen Lektüre zur Ergänzung deshalb dienlich wäre, gerade das Thema des hier erörterten Archetypus. Der Mann mit dem grünen Gesicht, der niemals wirklich auftritt, sondern den handelnden Personen des Romans nur im Traum oder unwirklichen Situationen begegnet, wird dort von Meyrinck auch das Kopfwesen oder der ‘Urmensch’ genannt:

„... ein Wesen, dessen Ursprung weit in der Vergangenheit zurückliegt.. Daß das Phantom unter der Maske eines Urmenschen auftritt, bedeutet nichts anderes, als: ein Wissen, eine Erkenntnis, sogar vielleicht eine außerordentliche seelische Fähigkeit, die einstmals in längst vergangenen Zeiten des Menschengeschlechts existiert hatte, die bekannt war und in Vergessenheit geriet, will wiederum neu werden, und ihr Kommen in die Welt gibt sich als Vision einigen wenigen Auserlesenen kund... Ich sage nicht, daß das Phantom etwa kein selbständig existierendes Wesen sein könnte, - im Gegenteil,... Er - der Vorläufer - ist der einzige Mensch, der kein Gespenst ist.“

Das soll wohl bedeuten, daß dieser Mensch eben noch nicht von seinen Wurzeln abgeschnitten ist. Es liegt nahe, den ‚Grünen Mann’  als ein Symbol des in die Natur eingebundenen Menschen zu sehen. Der Kopf ohne Körper betont den geistigen Aspekt des Menschen, der somit für seinen naturgebundenen Geist steht. Einerseits verbirgt er sich hinter den Attributen der Natur, andererseits läßt er diese in den meisten bekannten Skulpturen eben aus seinem Munde hervorquellen, was wohl bedeutet, daß das, was er sagt und denkt, im Einklang mit den Gesetzen der Natur steht - eine Art Naturphilosophie demnach. Er ist aber scheu und zieht sich zurück, bleibt selbst nur noch als Pflanze sichtbar, wenn die äußere Welt ihm nicht mehr entspricht - also, wie wir leicht ableiten können, nicht mehr im Einklang mit den Gesetzen der Natur steht. Das kann einerseits erklären, warum er ausgerechnet zur Zeit des ausgeprägtesten Materialismus ganz aus unserem Bewußtsein verschwand (was man umgekehrt auch dadurch deuten kann, daß es für ihn als Metapher keinen Bedarf mehr gab); andererseits kann es aber auch bedeuten, daß man ihn nur dann und dadurch findet, daß man ihn durch eigene Bemühungen sucht. Man kann ihm auch alles Nicht-Benenn­ba­re zuordnen; alles, das nicht sichtbar werden darf, weil es auf die richtige geistige Einstellung der Menschen, durch die er nur wirken kann, angewiesen ist. Der (wagnersche) Fliegende Hol­län­der wäre ein solcher Fall. Lohengrin wäre ein anderer, der dann gehen muß, wenn er zu direkt befragt wird. Er ist also ein Halbgott, der sich nur dem Geist eröffnet, der sich für seine Aussagen empfangsbereit gemacht hat und der ihn ständig in sich selber suchen muß, ohne sich auf bürgerliche Benennungen, Zuordnungen, Titel und Würden verlassen zu können - inhaltsbetont also und jeder Formalisierung unzugänglich. Daß er nicht befragbar ist, bedeutet eben nichts anderes, als daß er ein wirklich religiöses Phänomen ist und sich somit jeder Benennung, jedem Zitat, aller Verbürgerlichung und Verkirchlichung entzieht. Der sich ihm öffnende Mensch wird allerdings auch ohne Worte verstehen, was er sagen will, wenn die Öffnung sich vollzogen hat, was bedeutet, daß er mit dieser Öffnung selbst identisch geworden ist. Wenn der Grüne Mann aber auch dann anwesend ist, wenn er nicht sichtbar ist, so bedeutet das, daß er nicht nur ein beliebiges Gei­stes­produkt ist, sondern eben ein fortwirkender Archetypus. Die Verborgenheit hinter den Blättern ist sogar eine sehr direkte Übersetzung der allgemeinen Bedeutung des Archetyp-Prinzips überhaupt! In vielen Fällen seiner Darstellung ist übrigens noch seine grüne Farbe erhalten, die sich oft nicht nur auf die Blätter, sondern auch auf sein ganzes Gesicht erstreckt.

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