Thema Esoterik

Der grüne Mann

 

Die 'enzyklopädische' Fassung dieses Artikels wurde ursprünglich für Wikipedia verfaßt. Sie stammte ebenfalls von unserem Autor (siehe 'Wegweiser zu weiteren Redaktionsbereichen'). Was in dem Wikipedia-Artikel unterdrückt wurde, war zunächst vor allem der 'nicht enzyklopädische' Hinweis auf den Bamberger Reiter. Nach ca. 3 Jahren wurde dort der ganze Beitrag im Mai 2013 noch weiter verändert. Hat er dabei gewonnen? Offensichtlich waren dort einige der Meinung, der Artikel sei zu wenig "enzyklopädisch", da er lediglich auf Spekulationen beruhe. Dazu ist allerdings zu sagen, daß auch solche durchaus enzyklopädisch bedeutsam sein können, wenn sie als solche genügend verbreitet sind und nicht lediglich aus dem Kopfe des Autors kommen.


Der ursprüngliche Wikipedia-Artikel. (Hier - hier und hier).

 

Ursprung

  Grner Mann 1
 
Der Grüne Mann an einer Hausfassade in Zülpich.
(Es handelt sich um eine in 2001 selbst angefertigte
Skulptur am Hause unseres Admins).

Der sogenannte ‚Grüne Mann’ ist offenbar ein archetypisches Symbol, das in der zugänglichen Literatur (siehe Anhang) u.a. als ‚Archetypus der Erdverbundenheit’ bezeichnet wird. Im allgemeinen wird er lediglich als Kopf dargestellt, dessen Haare und Bart aus Blättern bestehen, die ihm aber auch aus dem Mund wachsen. Dieses Motiv findet sich immer noch recht häufig in christlichen Kathedralen in den Säulenkapitellen. Man hält im allgemeinen derartige Figuren in den mittelalterlichen Kirchen für vorchristlichen und heidnischen Ursprungs. Ggf. sind sie einfach aus Volksbräuchen oder -überliefe­rungen übernommen, doch es gibt keine schriftlichen Quellen dazu. Wenn auch der Begriff selbst aus jüngerer Zeit stammt, so ist er doch (wie noch gezeigt wird) nicht völlig neu erfunden und auch unmittelbar einleuchtend. Das auch heute noch übliche Wort ‚grünen’ im Sinne von „sympathisch sein“ hatte ursprünglich eine tiefere Bedeutung, die sich mit diesem Archetypus zu verbinden scheint. Bei älteren Autoren wie etwa dem sog. ‚Philosophus teutonicus’ Jacob Böhme wird er auch sehr häufig und in einem eher mystischen Sinn im Zusammenhang mit dem Tod verwendet:

So wissen wir, daß unsere Seele in Gott ist und grünet in Gott..  müssen sie wieder durch den Tod und Grimm des Zorns und Stachel des Todes grünen..  und durch ihn aus dem Tode grüneten in Gott seinem Vater…  sondern ohne Unterlaß grünen im Leben Gottes.. so werden wir alsdann leben und grünen in Gott.. dieweil unser irdisch Leben im Tod grünet, unser himmlisch Leben durch den Tod ausgrüne.. [1]

Das erinnert an eine Wortschöpfung Hildegard von Bingens - die sog. Grünkraft - viriditas -, eine Kraft, durch die das Göttliche Wort die Seele und den Körper durchdringt. Im übrigen müssen wir uns auf das verlassen, was uns diese Figuren unmittelbar ver­mit­teln. Der Grüne Mann ist in dieser Hinsicht allerdings sehr ergiebig, denn je länger man über ihn nachdenkt, desto mehr stellt man fest, wie gut sich seine Bedeutung bestimmen läßt. Auch in bürgerlichen historischen Gebäuden findet man den Kopf noch häufig – so etwa im Eingangsbereich des Lübecker Rathauses (‚Backsteingotik’). Da er in Gebäuden der Neuzeit nicht mehr auftaucht, hat man den Eindruck, daß er vor­übergehend an Bedeutung und Aufmerksamkeit verloren hatte, doch wird er in den letzten Jahrzehnten wieder häufiger erwähnt und kehrt somit in unser Allgemeinbewußtsein zurück. So ist seitdem eine besonders reichhaltige Literatur zu diesem Thema entstanden.

 

Keltische Wurzeln

Die Wurzel des Grünen Mannes scheint in der keltischen Mythologie zu liegen. Im Rheinischen Landesmuseum in Bonn befindet sich die sog. Pfalzfelder Säule, auf der ein Kopf mit Mistelblättern dargestellt ist, der bereits das Motiv des Grünen Mannes erahnen läßt. In dieser Darstellung sind zwei andere keltische Motive enthalten: nämlich zum einen der Kopfkult (Siehe Anhang-Linkliste) und zum anderen die Mistel. Der Kopfkult ist ein vergleichsweise dunkles Kapitel des Keltentums und geht seinerseits bis in die Steinzeit zurück. Die Kelten waren nämlich noch Kopfjäger und verehrten in den abgeschlagenen Köpfen von Feinden deren Lebenskraft, die auf den erfolgreichen Jäger überging. Der Kopf war für sie ein Mysterium; erst er machte den Menschen zum Menschen; er war der Träger aller Kraft. In gewisser Weise zeigen sich aber selbst in diesem barbarischen Brauch die Kelten als Mystiker, weil sie dem Kopf als Träger des Geistes eine größere Bedeutung zumaßen als dem Körper insgesamt. Sie waren es allerdings um so mehr in ihrer Verehrung der Mistel. Bekanntlich[2] schnitten die keltischen Druiden mit einer goldenen Sichel bei besonderem Mondstand diese geheimnisvolle Pflanze von Eichen und anderen Bäumen, um sie in weißen Tüchern aufzufangen. Sie war ihnen heilig, denn nach ihrer Überzeugung konnten die Druiden mit ihrer Hilfe alle Krankheiten heilen und die allgemeinen Lebenskräfte stärken und anregen. Die Mistel ist ein Halbparasit, denn sie wächst als selbständige Pflanze zwar nur auf Bäumen und braucht diese demnach als Wirte, aber sie kann selbst Chlorophyll erzeugen und damit aus Sonnenlicht und Kohlendioxid jene Substanz (Glukose) herstellen, aus der sich letztlich alle Lebewesen dieser Erde ernähren. Das ist insofern bemerkenswert, als sie das auch im Winter tut, wenn ihre Wirte selbst kein Laub mehr tragen. Im Sommer tut sie es auch dann, wenn sie unter dem dichten Blätterschirm ihrer Wirte verborgen ist. Nicht aber im Sommer, sondern im Winter trägt sie selbst Früchte. Bei ihr ist also offensichtlich alles anders, als wollte sie sich den äußeren Bedingungen entziehen und entgegen den Gesetzen der sog. „realen“ Welt eine mystische oder eher geistige Gegenwelt aufbauen. Das nimmt alles bereits sehr deutlich die Thematik des Grünen Mannes vorweg - besonders die Tatsache, daß sie selbst eher im Verborgenen blüht. Das Mistelblatt wird auch dem keltischen Gott Esus zugeordnet, dem alle Wachstumskräfte unterstehen.

Grner Mann 3 Grner Mann 5 Grner Mann 4

 

Schamanische Wurzeln

Der Autor William Anderson bringt seinen Ursprung mit einem anderen archetypischen Symbol, dem Ouroboros, in Verbindung:

Als Ouroboros, das Große Runde, schließt die Schlange, die sich in den Schwanz beißt[3], das erschaffene Universum, das männliche und das weibliche Prinzip, das Bewußte und das Unbewußte ein. Aus ihr kristallisieren sich die Bilder der Großen Mutter und des Großen Vaters heraus. Innerhalb des Kreises, den sie bildet, erscheint die vom Urozean umgebene Weltinsel, und im Zentrum der Insel wächst der heilige Baum des Universums. Aus der Vereinigung der beiden Gegensätze, Himmelsgott und Erdmutter, geht ein junger Gott hervor, der immer wieder geopfert wird, in die Unterwelt hinabsteigt und immer wieder geboren wird. Dieser junge Gott ist der Archetyp des Grünen Mannes. Er ist Sohn, Geliebter und Wächter der Großen Göttin, und wenn sie in der Geschichte wieder neu in Erscheinung tritt, so muß er als Teil desselben Nexus von Archetypen zwangsläufig ebenfalls auftreten. [4]

In diesem Zusammenhang erscheint der Typus des Grünen Mannes als Ableitung des Schamanen - also des „jungen Gottes, der immer wieder geopfert wird, in die Unterwelt hinabsteigt und immer wieder geboren wird“. Es ist aber bemerkenswert, daß sich diese Deutung offenbar erahnen läßt, was wiederum dafür spricht, daß sie zumindest in dafür sensibilisierten Menschen wirklich als Archetypus in uns wirksam ist.

Wenn wir den Grünen Mann auf die Kultur der Kelten zurückführen, können wir in ihm auch ein Symbol der Druiden sehen, durch das sich deren Weltsicht verkörpert. Die Druiden kommunizierten weniger mit ihrer Gesellschaft als mit den Göttern, bezogen sich also unmittelbar auf diese. Ihre Artefakte - wie auch die der Barden und Handwerker der Kelten - wurden oftmals nur für die Götter hergestellt und demnach anderen Menschen gar nicht erst gezeigt und gleich etwa ins Wasser geworfen. Ihre Kreativität war also nicht auf weltliche Zwecke gerichtet, sondern diente einer höheren Kommunikation: sie wurden auch deshalb den Göttern geopfert, um dadurch von diesen weiterhin die Gnade der Inspiration gewährt zu bekommen. In diesem Sinne entzieht sich auch der Grüne Mann aller weltlichen Logik und Zweckgerichtetheit. Er steht für die Wahrheit, weil er mit ihr identisch ist und gerade deshalb über alle weltlichen Ziele hinausweist. Das, was aus seinem Munde als Laub hervorkommt, ist also die Wahrheit selbst, es ist das Ergebnis der Verinnerlichung, der Kontemplation. Deshalb wohl ist er besonders häufig an Kreuzgängen zu finden. Er ist somit das Symbol der Kreativität und der Wahrheit selbst. Anderson: „Als kosmischer Mensch oder Personifizierung der Intelligenz des Lebensbaumes verkörpert der Grüne Mann den Punkt, an dem die Wahrheit in der Schöpfung manifest wird... Er ist das Medium, durch das die göttliche Inspiration das Werk der Zeit in der Fülle des Raumes anleitet und führt... Er bezeichnet den Punkt, an dem die Ewigkeit in die Zeit eintritt... Er könnte natürlich das Verlangen der gesamten Natur nach der Erlösung der Welt zum Ausdruck bringen; in diesem Falle wäre er der kosmische Mensch oder die Intelligenz, die der Schöpfung zugrunde liegt.“

 

 

Main page Contacts Search Contacts Search