Thema Esoterik

Arcanum

 

 

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Das Arcanum (lat. Geheimnis, Geheimfach) war ein zentrales und mit einer mystischen Kraft versehenes Mittel der Alchemie. Da deren Rezepturen streng hermetisch waren und nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitervermittelt wurden, existiert keine direkte Überlieferung des Begriffs. Im Hintergrund stand dabei offenbar die Suche nach dem „Stein der Weisen“. Daß diese Suche vornehmlich der Umwandlung wertloser Metalle in Gold galt, wie es heute vielfach überliefert wird, entspricht wohl eher unserer heutigen materia­listischen Sichtweise, die aber kaum verständlich macht, warum die Alchemisten dieser Suche oft ihr ganzes Leben verschrieben haben. Selbst Isaac Newton, der uns heute als Ikone des naturwissenschaftlichen Rationalismus gilt, hat sich nach neueren Dokumenten den größten Teil seines Lebens hinter Tiegeln und Retorten dieser alchemistischen Suche gewidmet. (1) Viele Quellen weisen allerdings darauf hin, daß die Suche der Alchemisten eher einem spirituellen Ziel galt. In der Auslegung C.G. Jungs war sie ein Mittel zur Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung des Menschen. (2)

Daß die Methode oder das Mittel dazu eben als das „große Arcanum“ bezeichnet wurde, läßt sich indirekt durch die uns tatsächlich überlieferte darauf in Texten und Illustrationen bezogene nachfolgende interpretierende Tradition sowie durch Ableitungen gemäß der zugänglichen (besonders neuplatonischen) philosophischen Literatur folgern. (3) Aus dieser ergibt sich auch, daß die Einheit von Mensch und Kosmos, die die praktizierenden Alchemisten mit der Suche nach einer höheren Selbstidentität verbanden, ein durchgehendes Thema war. Daß diese auch im Labor mit Tiegeln und Retorten gesucht wurde, muß nicht unbedingt heißen, daß sie dabei im gleichen Sinne arbeiteten wie unsere modernen Chemiker und in diesem Sinne an die Umwandlung wertloser Metalle in Gold glaubten, sondern daß sie gewissermaßen – als Entsprechung von Yin und Yang - den Geist in der Materie (4) suchten, was in einem pantheistischen Rahmen weniger abwegig erscheint als wenn man in beiden völlig unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche sieht. (5)

 

Die Homunculus-Philosophie bei Paracelsus, Böhme, Fludd und Swedenborg

Das im Zusammenhang des Mensch-Themas stehende und später so bekannt gewordene ‚Homunculus’-Thema läßt sich zum ersten Mal bei Paracelsus (1493-1541) nachweisen, der sich selbst noch als Alchemist bezeichnete, obwohl er sich keineswegs mehr an deren hermetische Verschlossenheit gebunden fühlte, sondern uns ganz im Gegenteil ein äußerst umfangreiches Schrifttum hinterlassen hat. Gerade das kann ihn aber zu einem wertvollen Übergangszeugen machen, da er auch zeitlich noch der fraglichen Tradition am nächsten stand. Für Paracelsus war das Arcanum synonym mit den verborgenen Kräften der Natur, die sich nur dem systematischen Sucher erschlossen. Damit verbunden war bei ihm eben das Homunculus-Prinzip, das dem Kern eines beseelten Lebewesens entsprach, das mit Hilfe bestimmter alchemistischer Rezepturen in der Retorte zu einem künstlichen oder auch völlig natürlichen Menschen herangezüchtet werden konnte. Die Rezeptur dazu gab er in seiner Schrift ‚De natura rerum’ bekannt, der gemäß die Ingredienzien dazu unter anderem Urin, Sperma und Blut waren, aus denen innerhalb einer Frist von etwa 40 Tagen ein menschliches Wesen entstehen sollte. (6)  Es ist zwar umstritten, wie weit diese Rezeptur bereits auf vorausgehender alchemistischer Überlieferung beruhte, doch gibt es gute Gründe dafür – die hier im Folgenden erläutert werden -, daß zumindest die Homunculus-Philosophie als solche ein Grundelement der Alchemie war. Die bisweilen kolportierte gegenteilige Behauptung, daß sich die Alchemisten lediglich allegorisch mit der Herstellung von Homunculi befaßt hätten, läßt sich allerdings auch nicht belegen und wäre auch eher unwahrscheinlich, solange wir an der Überlieferung ihrer laborpraktischen Methoden festhalten.

Auch für den ‚Philosophus teutonicus’ Jacob Böhme (1575-1624) war der Mensch als Spiegel des Kosmos und seine in diesem Sinne geleitete Selbstergründung das eigentlich zentrale Thema seiner Philosophie, und gerade in der Anweisung, wie er das zu vollbringen hatte und was dabei als Ergebnis für ihn entstand, lag bei ihm das ‚große Arcanum’: „Denn das Buch, in dem alle Geheimnisse liegen, ist der Mensch selbst. ... Das große Arcanum liegt in ihm. Allein die Offenbarung geschieht durch den Geist Gottes.“ (7) Wenn sich der Mensch damit begnügt, die Wahrheit ohne tiefere Ergründung allein in der Erscheinungswelt zu suchen, so wird er sie darin ebenso wenig finden wie sich selbst. Denn wie Goethe später sagte, kennt der Mensch sich selbst nur, indem er die Welt kennt – und umgekehrt. Böhme: “Es kann sich ein Mensch von Mutterleibe an im ganzen Laufe seiner Zeit in dieser Welt nichts fürnehmen, das ihm nützlicher und nötiger sei als dieses, daß er sich selbst recht lerne erkennen: 1) was er sei; 2) woraus oder von wem?; 3) wozu er geschaffen worden; 4) was sein Amt sei…“ (8)Wenn der Mensch es dabei beläßt, sich lediglich an die Außenwelt zu binden, so „läuft er in der Schöpfung hin und her und schaut sie an wie die Kuh eine neue Stalltür und betrachtet sich selbst niemals, nicht was er selbst ist“ .(9) So war für Böhme Mensch, Welt und Natur im Grunde eines: seine Selbsterkenntnis entspricht der Perspektive eines Hologrammtäfelchens, in dem man nicht nur einen Teilausschnitt, sondern die ganze Welt erblickt, wenn auch vielleicht etwas unklar. Das wiederum mag die Monadologie Leibniz’ beeinflußt haben.

 

Jakob Bhme 7

Die Verwandlung der Seele durch die Erkenntnis Gottes.
Jacob Böhme, "Theosophische Wercke", 1682

 

Ein ihm sehr geistesverwandter Zeitgenosse Böhmes war der englische Mystiker Robert Fludd (1574-1637), der in seinem Hauptwerk: Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris Metaphysica, physica atque technica Historia unter ständigem Bezug auf den Urvater der Alchemie, Hermes trismegistos, seine Lehre der Verbindung von Makro- und Mikrokosmos darlegte, wobei mit dem Makrokosmos das gesamte Universum und mit dem Mikrokosmos der Mensch gemeint war. Damit verbunden war bei ihm eine spezielle Numerologie in pythagoreischer Tradition, auf die sich auch Kepler bezog – allerdings in einer mehr mathematischen Methode, die er Fludd kritisch entgegenhielt. Auch für Fludd war der Mensch ein Spiegelbild des Kosmos, das er u.a. in anschaulichen Illustrationen dargestellt hat, die eine auffallende Ähnlichkeit zu bildlichen Darstellungen der sog. ‚Anima mundi’ haben. Dieses auch als ‚Weltseele’ benannte Prinzip geht auf Platon zurück und bezeichnet zumindest in Analogie die ganzheitliche Verbindung des Kosmos mit den irdischen Lebewesen und besonders dem Menschen.

 
Robert Fludd
Robert Fludd: Der Mensch als Mikrokos-mos. Robert Fludd, "Utrisque Cosmi", Band II, Oppenheim, 1619.

 

   

Diese Philosophie wirkte auch bei Emanuel Swedenborg (1688-1772) nach, der ebenfalls von einer Art Mensch-Prinzip ausging, das im Universum als Archetypus schon vor der Entstehung des Menschen existierte und lediglich in ihm seinen höchsten Ausdruck fand. Für Swedenborg, der einen großen Einfluß auf Goethe ausgeübt hat, waren Mensch und Universum im Grunde eines: „Daß der gesamte Himmel einen Menschen darstellt und daher der Großmensch genannt wird, und daß  Alles und Jedes am Menschen, sowohl Äußeres und Inneres, jenem Menschen oder Engel entspricht, ist ein in der Welt noch nicht bekanntes Geheimnis.“ (10) Bezeichnenderweise steht das in der neuplatonischen Tradition, der sich auch später die sog. ‚Deutschen Idealisten’ verpflichtet sahen, und findet sich bereits bei Plotin in dessen Schrift ‚Der geistige Kosmos’: „Da wir behaupten, daß dies All gleichsam nach dem Muster von jenem existiert, so muß in jenem Reich noch früher das All ein Lebewesen sein…“ Das alles entspricht der Grundüberzeugung, daß es im Universum eine Art Mensch-Prinzip von Anfang an gegeben hat, das sich erst später im Menschen vollendete. Wenn das richtig wäre, so läge es eben nahe, von Menschenkeimen auszugehen, die nicht nur in den menschlichen Genen verankert sind, sondern im Gegenteil erst zu deren Manifestierung führten.

 

Erzeugung Des Homunculus

Die Erzeugung des Homunculus in Goethes Faust II.
(Darstellung aus dem 19. Jahrhundert)

 

   

Ursprung in der Alchemie und die Bedeutung magischer Quadrate.

Sowohl die Lehre des Paracelsus wie die Böhmes, Fludds und Swedenborgs basierten wie gesagt auf den bis in die Antike zurückgehenden Lehren der Alchemie und der praktizierenden Alchemisten, die auch den 'magischen Quadraten', in denen alle horizontalen, vertikalen und diagonalen Quersummen den gleichen Wert haben, einen mystischen Wert beimaßen. Das läßt sich bildhaft verstehen – insofern in ihnen in vielfacher Weise das immer gleiche Prinzip in Erscheinung tritt und wie Mikro- und Makrokosmos die gegensätzlichen Bereiche miteinander verbindet.

 

Die Zahl 19

Alle diese Themen lassen sich übrigens und bemerkenswerter Weise mit rein mathematischen Methoden hinter der mystischen Zahl 19 nachweisen, die auch aus anderen Gründen als die Zahl des Menschen gedeutet wird - sie ist u.a. die Summe von 12 und 7, und nach astrologischer Interpretation ist das archetypisch 84-jährige Leben des Menschen in 12 Siebener-Jahresperioden (11) untergliedert (wie auch in unserem Körper etwa alle 7 Jahre unsere sämtlichen Zellen ausgetauscht werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter der Zahl 19 ein echtes magisches Quadrat, in dem auch die diagonalen Quersummen den horizontalen und vertikalen entsprechen. Wenn wir nämlich irgendwelche Zahlen durch 19 teilen, kommen wir etwa bei der nächsthöheren Zahl 20 zu dem Ergebnis: 1,052631578947368421 usw. Nach 18 Stellen wiederholt sich die gleiche Reihe hinter dem Komma. Die nächste Zahl 21 : 19 ergibt: 1,105263157894736842. Wenn wir diese Reihen hinter dem Komma folgerichtig immer übereinander schreiben, bis wir 18 Reihen mit jeweils 18 Stellen erreicht haben (denn danach muß ja mit der nächsten 19-Vielfachen, wenn wir auch die durch 19 teilen, eine uns hier nicht interessierende Nullenreihe hinter dem Komma erscheinen), so erhalten wir ein Zahlenfeld, das einem magischen Quadrat entspricht.

Der Autor G.V. Pedes, der dieses Quadrat zum ersten Mal vorgestellt hat, sagt dazu:

In diesem Feld scheint sich auch die Quintessenz der Fluddschen Kosmologie darzustellen, der gemäß sich Ober- und Unterwelt wie Tag und Nacht gegenüber stehen, denn wenn man die obere Hälfte des Feldes über die mittlere Horizontalachse klappt, ergänzen sich jeweils zwei Zahlen zur Komplementärzahl 9 (die auch als kosmische Ergänzungszahl gilt), während dazu aber über der Erde eine bloße Verschiebung, also eine Übereinanderschiebung der Feldhälften, genügt. In diesem Zahlenfeld wird entsprechend dem Weltenbaum-Motiv oberhalb der Horizontalachse die Tag- und unterhalb von ihr die Nachtseite dargestellt, während unser Weg auf der Erde (ein Gleichnis für unseren Lebensweg) durch eine ständige persönliche Vorwärtsbemühung gekennzeichnet ist. Wir wandern auf der Erde physisch vorwärts, müssen aber stets eine Kreuz­wegentscheidung treffen, wie wir das tun.“(12)

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1) Siehe dazu: Harro Heuser: Der Physiker Gottes. (ISBN 3-451-05591-0)
2) C.G. Jung: ‚Studien über alchemistische Vorstellungen’ (ISBN-10:3-530-40713-5)
3) Darauf wird im Folgenden hingewiesen.
4) Jean Charon: Geist und Materie. (ISBN-10: 3548340741)
5) Siehe dazu Carlos Castaneda: Eine andere Wirklichkeit. (ISBN: 3-596-21616-8)
6) Paracelsus: De natura rerum. Auch moderne Physiker wie etwa Paul Davies (‚Der kosmische Volltreffer: Warum wir hier sind und das Universum wie für uns geschaffen ist.’ - ISBN-10 3593385406 ) legen in ihren Theorien eine Art Mensch-Prinzip zugrunde. Dieses wird auch als sog. ‚Anthropisches Prinzip’ bezeichnet.
7) Jacob Böhme: Theosophische Sendbriefe (1618.1624), von Ludwig Feuerbach zitiert.
8) Jacob Böhme: De tribus prinzipiis („Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens“.)
9) Jacob Böhme: Sendbrief 20.
10) Emanuel Swedenborg: „Die Erdkörper im Weltall.“
11) Sie entsprechen den sog. Septaren gemäß der Lehre des Astrologen Wolfgang Döbereiner.
12) G.V. Pedes: Ouroboros..   Siehe dazu auch: Die Prometheus-Zahl; die 19 als die Zahl des Menschen.’
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