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Ein  perfektes Gefängnis

 

 

Marten, der älteste Sohn des Bauern Simon Koninck, hatte nach mir selbst ebenfalls die Aufforderung erhalten, auf der schlossartigen Festung des Fürstbischofs zu erscheinen. Er ahnte nichts Gutes und spielte schon mit dem Gedanken, die Flucht zu ergreifen, entschied sich aber dann anders, weil er befürchtete, dass man sich an seiner Stelle sonst seine Mutter oder seine restlichen Geschwister holte, und machte sich also auf den Weg. Was er später von diesem Besuch berichtete, kam mir natürlich sehr bekannt vor. Auch er wurde in jenen Gebäudetrakt geleitet, in den ich selbst bestellt worden war, auch ihn nötigte man entsprechend lange zu warten, und auch er wurde schließlich über viele Flure und Treppen zu jenem Menschen geführt, dem hier zu begegnen er möglicherweise noch weniger erwartet hatte als ich.

„Du wirst mich ja bereits kennen, Marten“, eröffnete der Priester, von dem sich der Junge inzwischen fragte, ob er wirklich ein solcher war, das Gespräch in dem gleichen väterlichen Ton, in dem er wie selbstverständlich schon bei seinem ersten Besuch im Hause seiner Eltern gesprochen hatte, bei dem Marten aber jetzt noch weniger wohl war als damals, zumal er ja nun auch über die Informationen verfügte, die ich ihm in der Maske des Moriz Grub gegeben hatte. Er war allerdings ein wenig erleichtert darüber, dass sich sein Gegenüber offenbar entschlossen hatte, in diesem Ton fortzufahren.

„Ja, ich kann mich erinnern“, antwortete er nur.

Der Priester Sedes schien ein wenig zu überlegen, wie er fortfahren sollte, und fragte ihn dann nur, ob er sich vorstellen könne, warum er ihn hierher vorgeladen habe. Als der junge Mann ihn nur ratlos ansah, wollte er wohl die Sache von einer anderen Seite her angehen. „Ich habe dich noch nicht oft in der Kirche gesehen“, sagte er dann in einem diesem Umstand entsprechenden vorwurfsvollen Ton. Als Marten auch darauf nicht antwortete, fuhr er fort: „Sage mir bitte einmal: glaubst du an Gott?“

Darauf fiel Marten eine passende Antwort ein: „Natürlich. Ich bete jeden Tag. Wir müssen das ja tun, weil wir so arm sind und nur auf Gottes Hilfe hoffen dürfen.“

„Ach ja“, stimmte der Priester ihm zu. „Das ist ein Grund. ---  Das ist sogar ein sehr guter Grund. --- Du hast, wie ich sehe, ein Talent dafür, klug zu antworten. --- Aber sagte mir einmal, ob du glaubst, dass es sehr gottgefällig ist, wenn du nie in die Kirche gehst. Glaubst du, Gott sieht das nicht?“

„Doch, natürlich sieht er das, aber ..“ Marten zögerte und fuhr dann plötzlich fort: „Hochwürden, ich bitte Euch, Euch in unsere Lage zu versetzen. Wir müssen von früh morgens bis abends spät arbeiten. Wann sollen wir da Zeit finden, in die Kirche zu gehen? Ich muß deshalb glauben, dass Gott es sieht, dass ich nur wenig Zeit dazu habe, und dass er deswegen mir auch verzeiht, wenn ich zwar nicht in der Kirche, aber dafür zu Hause umso aufrichtiger bete.“

„Umso aufrichtiger? Glaubst du, dass man es außerhalb der Kirche aufrichtiger tun kann als in ihr?“

Marten zögerte wieder mit der Antwort, und der Priester Sedes fragte ihn weiter: „Glaubst du denn wirklich, dass du ohne fremde Anleitung die Bibel richtig verstehen kannst?“ Er unterbrach sich ein wenig und fuhr dann fort: „Was hältst du eigentlich von den Protestanten? Dieser Martin Luther, von dem du sicher schon gehört hast, hat ja die Bibel in unsere Sprache übersetzt, und du würdest sie also wirklich lesen können, wenn du eine solche Luther-Bibel hättest, nehme ich an - vorausgesetzt allerdings, du könntest überhaupt lesen. Kannst du das denn?“

Marten musste das verneinen. Also fuhr der Priester fort: „Selbst aber die Protestanten gehen doch immer noch sonntags in die Kirche, auch dann, wenn Sie eine Bibel haben, in der sie alles lesen können, was darin geschrieben steht. Selbst sie glauben also nicht, alles von sich aus richtig zu verstehen. Selbst sie sind dabei auf die Hilfe und Predigt ihres Pfarrers angewiesen, oder sie glauben das wenigstens. Aber du, Marten, glaubst es nicht, oder? Du glaubst, dir alles selbst erklären zu können. Ist das so?“

„Nein.“

„Was soll das heißen: nein?“

„Nein, ich glaube, nicht, dass ich mir die Bibel allein erklären könnte. Ich kenne Sie ja noch gar nicht einmal wirklich.“

„Du kennst sie nicht! Das glaube ich dir allerdings. Aber du meinst offenbar, wenn ich dich richtig verstehe, dass es gar nicht so wichtig ist, dass man die Bibel kennt und was in ihr geschrieben steht, wenn man nur  ---  ich weiß nicht, ob ich mich da richtig ausdrücke --- ich meine: --- wenn man eben nur Gott versteht: Habe ich das richtig gesagt?“

Marten dachte tatsächlich ganz ähnlich, aber er wusste auch, dass es gefährlich sein konnte, sich so auszudrücken. Deshalb schwieg er lieber.

„Möchtest du mir nicht antworten, Marten, oder kannst du es nicht?“ Der Priester schwieg ein wenig und wartete. Er zeigte sich dabei weiterhin betont geduldig. Dann sagte er: „Sage mir einmal, was du glaubst, wozu dann die Priester da wären, wenn alle so dächten wie du? Wären die dann nicht völlig überflüssig? ---  Nun: wären sie es nicht? Wären nicht auch die Kirchen alle überflüssig, wenn jeder meinte, dass er sich seine eigene Privatreligion machen könnte? Was glaubst du, Marten, wie dann die Welt aussähe?“

„Nein, das ginge nicht. Es gäbe dann keine Ordnung in der Welt“, antwortete Marten zögernd.

„Aber komm, mein Junge! So denkst du doch nicht wirklich! Ich glaube dir auch nicht, dass du wirklich zu wenig Zeit hast, um in die Kirche zu gehen. Ist es nicht so, dass ihr bei euch insofern die Aufgaben etwas verteilt habt und dass ihr glaubt, dass es genügt, wenn euer jüngerer Bruder das für euch tut?“

Marten versuchte sich noch mehr zu ducken, denn jetzt fühlte er, dass sein Verhör zum Kern der Sache kommen sollte. Auch dieses Mal schwieg er also lieber, um keine falsche Antwort zu geben.

„Ich möchte einmal versuchen, Marten, mich in deine Gedankenwelt hineinzuversetzen. Vielleicht könntest du ja glauben, dass man auf andere Weise gottgefällig handelt, dass man Gott auf andere Weise dienen kann, als wenn man in die Kirche geht, dass man es auf andere Weise vielleicht sogar noch besser tun kann, als das zu tun, und dass man das dann lieber seinem jüngeren Bruder überlassen kann, der es noch nicht weiß, wie man es besser machen könnte als in die Kirche zu gehen. Ist es das, was du glaubst, mein Junge?“

Marten zuckte immer besonders dann zusammen, wenn der Priester Sedes ihn - besonders nach solchen Vorwürfen oder Unterstellungen - ‚mein Junge’ nannte. Das mochte er noch weniger als die oft bei Pfarrern übliche Ansprache mit ‚mein  Sohn’. Liebend gerne wäre er hochgesprungen, um diesem Menschen alles das ins Gesicht zu schreien, was er wirklich über ihn dachte, nämlich dass er ihn für ein Ausbund an Verlogenheit hielt. Aber selbst, wenn er glaubte, dass er jetzt endlich stattdessen irgendwas sagen musste, so fiel ihm doch immer noch nichts dazu ein. Und so schwieg er weiter. Hoffentlich ist das alles hier bald vorbei, dachte er nur.

Als der Priester merkte, dass er auf seine Frage keine Antwort bekommen würde, fuhr er also fort: „Du bist ja jetzt schon richtig erwachsen, Marten, nicht wahr.“ Er machte eine bedeutsame Pause. „Dein kleiner Bruder aber noch nicht…. Ja, wenn dein Bruder schon so erwachsen wäre wie du, könnte er ja vielleicht auch etwas Besseres tun, meinst du nicht? Wenn man erwachsen wird, kann man ja die Welt viel besser verstehen als ein Kind, ist es nicht so? Dann kann man vielleicht auch verstehen, dass sie so, wie sie ist, gar nicht in Ordnung ist, oder? Und wenn man das begriffen hat; ich meine, wenn man das mit seinem erwachsenen Verstand begriffen hat, weiß man ja vielleicht auch, dass das, was in allen den Büchern steht, vielleicht gar nicht stimmt, nicht wahr? Vielleicht gilt das ja auch sogar für das, was in den heiligen Büchern steht oder stehen müßte oder was einem darüber in der Kirche gesagt wird. Könnte es nicht so sein? Und wenn man dann mit anderen redet, die auch schon erwachsen sind und zu denen man Vertrauen hat, kann man mit denen zusammen vielleicht sogar auf bestimmte Gedanken kommen, wie man alles besser machen kann. Könnte das nicht wirklich so sein, Marten?“

Der junge Mann schwieg immer noch.

„Möchtest du mir nicht antworten?“

„Doch, das könnte alles so sein, aber was hat das mit mir zu tun? Ich glaube doch gar nicht,  die Welt besser zu verstehen als andere. Wenn ich es glaubte, würde ich ja vielleicht anderen Menschen davon erzählen.“

„Ach, meinst du das wirklich? Du denkst da sicher an alle die merkwürdigen Propheten, die jetzt überall durch die Lande ziehen. Aber ich denke, dass du nicht wirklich glaubst, dass ich dir das unterstellen könnte. Ich denke vielmehr etwas ganz anderes, nämlich dass du durch diesen Hinweis mich nur ablenken möchtest. Man kann ja schließlich noch besser als mit Worten vielleicht sogar mit Taten dazu beitragen, die Welt zu verbessern, nicht wahr?“

„Wollt Ihr mir unterstellen, Hochwürden, dass ich so etwas getan hätte?“

„Ich unterstelle überhaupt nichts, ich frage ja nur.“ Als Marten daraufhin weiter schwieg, sagte der Priester endlich: „Nun, ich denke, wir belassen es heute dabei und setzen unser Gespräch an einem andern Tage fort. Ich glaube, es gibt noch sehr viel, was wir zusammen besprechen müssen, nicht wahr?“

Danach schwiegen beide eine Weile, bis Marten endlich fragte: „War das alles? Kann ich jetzt gehen?“

Der Priester bestätigte das wortlos mit einem beiläufigen Kopfnicken und rief dann jemanden, der ihn hinausbegleiten sollte. Auf seinem Rückweg durch das Haus wurde es auch Marten sehr deutlich, dass er sich hier in einer Festung der Inquisition befand. Die Bibel, dachte er, ausgerechnet die Bibel! Zwar konnte er die wirklich nicht lesen, nicht nur, weil sie nur in Latein geschrieben war, sondern er konnte ja eben tatsächlich überhaupt nicht lesen, und wenn der Priester Sedes darauf angespielt hatte, so war das recht deutlich mit der Frage verbunden gewesen, wieso er denn überhaupt meinte, zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können, wenn er nie etwas gelesen hatte. Aber er brauchte ja nach seiner eigenen Meinung nichts zu lesen; es genügte, wenn er alles und besonders die Menschen beobachtete. Und wenn er sah, was diejenigen, die sich wie dieser Priester auf die Bibel beriefen, daraus folgerten und rechtfertigten, so verging ihm wirklich jedes Interesse daran, zu erfahren, was darin wohl stand. Hätten sie sich in einer Weise verhalten und geäußert, die seine Anerkennung und Bewunderung hervorrufen hätte, so hätte er sich ganz von selbst für das interessiert, auf das sie sich beriefen, aber wenn sie so waren, wie er sie erlebt hatte, konnten sie seine Neugierde nicht erwecken. Wie konnten sie nur glauben, dass sie ihn dennoch zwingen konnten, das wissen zu wollen, was ihnen selbst wichtig erschien? In der Tat genügte es ihm, zu erleben, wie bestimmte Menschen sich gegenüber solchen verhielten, die ihm nahe standen, und wenn er sich dann mit diesen unterhielt, denen Unrecht getan worden war, brauchte er keine weiteren Informationen, um zu wissen, wie er richtig denken und handeln sollte.

Auch ihm wurde nun aber klar, dass der Priester Sedes ihn vorerst ganz bewusst im Unklaren darüber gelassen hatte, worauf seine Fragen wirklich zielten. Aber es war ihm zugleich klar geworden, dass der viel mehr wusste, als er sich äußerlich anmerken ließ. Und nach allem, was er über die Inquisition gehört hatte, zweifelte er nicht daran, dass ihm das reichen konnte, um ihn schon auf der Erde in die Hölle zu schicken. Aber was soll ich jetzt tun, fragte er sich, was soll ich nur tun? Es war ihm nur klar, dass er es auf weitere Befragungen nicht ankommen lassen dürfte, denn dieser Inquisitor - er nannte ihn jetzt nicht mehr Priester - würde dabei immer mehr zum Kern der Sache kommen. Das war ihm jetzt schon völlig klar. Dieser Mensch spielte mit ihm bereits wie die Katze mit der Maus und hatte daran wahrscheinlich einen infamen Spaß. Vielleicht aber tat er es nicht nur deswegen, sondern weil er auf diese Weise noch mehr aus ihm herausholen wollte, als er schon wusste. Schließlich würde er aus ihm möglicherweise einen Verräter machen, und es war ihm klar, dass er es dazu nicht kommen lassen durfte.

In dieser Nacht fand Marten keinen Schlaf. Unruhig wälzte er sich in seinem Bett hin und her. Er hatte seinem Bruder Kristan schon vorher den Rat gegeben, das Haus zu verlassen, und es war ihm auch klar, wo der sich jetzt befand, aber er dachte zugleich, dass er dahin jetzt nicht auch gehen durfte, denn wenn die Inquisition ohnehin schon so viel erfahren hatte, würde sie ihm auch dahin folgen, und er könnte damit alles verraten. Dort würde man ihn auch selber finden, und deshalb dachte er, dass er sich in eine ganz andere Richtung begeben musste, um alle seine Spuren zu verwischen. So wie er diesen Priesterinquisitor inzwischen beurteilte, wusste der so viel und war der auch so raffiniert und intelligent, dass es kaum in seinem Interesse und auf seiner Linie gelegen hätte, sich einfach nur an seiner Familie zu rächen, so dass er diese durch seine Flucht nicht in Gefahr sah. Nein, dieser Mensch fand sicher nicht nur sein Vergnügen darin, andere Menschen zu quälen, sondern der hatte höhere Ziele. Der glaubte trotz allem an sich, der glaubte wirklich an seine Ziele, wie immer diese auch sein mochten. Als ihm das völlig klar wurde, suchte er noch in gleicher Stunde in der Dunkelheit alle Dinge zusammen, die er vorerst zu benötigen meinte, und verließ sein Elternhaus auf leisen Sohlen. Er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen, zu wissen, wohin er sich nun begab und wann und ob er überhaupt möglicherweise wiederkam. Darüber wusste er in diesem Moment auch selber nichts. Im Stall eines Nachbarn band er den kleinen Esel los, der ihm gehörte, denn den würde er unterwegs gebrauchen, auch deshalb, weil ihn dessen Begleitung eher als einen harmlosen Bauernjungen erscheinen ließ. Andernfalls wäre er vermutlich aufgefallen, weil er noch nicht einmal auf überzeugende Weise als Landstreicher oder Bettler gelten konnte.

Schon am ersten Tage kam er an einer Baustelle vorbei, an der er glaubte, sich mit seinem Esel nützlich machen zu können. Tatsächlich gab man ihm dort auch eine Arbeit. Er sollte aus der Umgebung Äste herbeischaffen, die man für ein Feuer benötigte, und das hätte er ohne seinen Esel kaum so gut geschafft. Damit war er dort einer der vielen Handlanger und ging so in der Masse der Bauarbeiter auf, und wenn die Arbeit auch unter Umständen sehr anstrengend war, so war ihm das in den nächsten Tagen nur recht, denn er dachte, dass man ihm umso weniger Fragen stellen würde, je nützlicher er sich hier machen konnte. Er konnte seinen Esel auch noch für andere Arbeiten einsetzen, etwa zum Steineschleppen oder zum Ziehen eines flachen Bottichs und dergleichen. So war er sehr froh darüber, dieses treue Tier mitgenommen zu haben. Nach etwa einer Woche dachte er aber, dass man ihn hier vielleicht doch noch finden konnte, wenn er hier noch lange weiter blieb. Er meinte, je öfter er seinen Ort wechselte, desto weniger konnte man seine Spur verfolgen. Er hatte auch Angst, dass die hier anwesenden Arbeiter ihm mit der Zeit zu nahe rücken konnten und dass er dann mehr über sich verraten würde, als gut war. Bis jetzt war er für sie immer noch ein Fremder geblieben, aber je länger er hier blieb, desto neugieriger wurden die anderen, weil er jeden näheren Kontakt vermied. Zudem brachte ihm diese Arbeit auch nicht so viel Geld ein, dass er etwas davon zurücklegen konnte. Er lebte an sich nur für Kost und Logis und musste sich auch hier wieder wie ein Tagelöhner fühlen. Obwohl das zuhause für ihn nie anders gewesen war, hatte er da doch immerhin seine Familie um sich gehabt. Bei seiner reservierten Verhaltensweise durfte er sich auch nicht darüber wundern, dass die anderen Arbeiter ihm nicht gerade mit Freundschaft begegneten, und sie ihm beim Essen die schlechteren Fleischstückchen zuschoben, und das waren in der Regel nur Schlachtabfälle.

Und so begab er sich weiter, bis er in einen Vorort einer größeren Stadt kam, von dem man ihm gesagt hatte, dass man dort möglicherweise auch Arbeit für ihn hätte. Tatsächlich sollte es sich dabei um das örtliche Gefängnis handeln, in dem man jemanden für allgemeine Reinigungsarbeiten benötigte. Es war auch nicht schwer, für diese Arbeit angenommen zu werden, allerdings wohl deshalb, weil sie kein anderer haben wollte. Vor allem gehörte dazu das Reinigen der Latrinen. Der Gestank, der da herrschte, und der Dreck, mit dem er es dort nicht nur oberflächlich zu tun hatte, sondern mit dem er auch ganz zwangsläufig unmittelbar in Berührung kam, waren ihm allerdings nicht unbekannt, da er schon zuvor bei den Tunnelarbeiten der anderen Rebellen mitgearbeitet hatte und dort sogar tagelang überhaupt keine Chance gehabt hatte, ihnen zu entgehen. Er betrachtete es auch als einen Vorzug, hier direkt mit den Gefangenen in Berührung zu kommen, weil er meinte, dass er dadurch nur lernen konnte. Vielleicht würden sie ihm von sich aus ihre Geschichten erzählen oder er würde sonst irgendwie etwas darüber erfahren, wer sie waren und wessen man sie beschuldigte. Nur wenige von ihnen, das wurde ihm schnell klar, waren wirkliche Verbrecher, wie er solche sah. Die meisten wurden nur der gleichen oder ähnlicher Dinge beschuldigt wie die, die ihm vermutlich auch selbst von dem Inquisitor vorgeworfen wurden oder zumindest vorgeworfen werden konnten. Er sah hier also direkt, wohin ihn das selber auch führen konnte. Wieder dachte er: wozu soll ich lesen können? Ich brauche doch nur zu sehen, was los ist. Wenn diese mir hier sagen würden, was ich lesen sollte, dann wüsste ich, dass das richtig wäre, wenn mir aber die anderen, die sie hierher gebracht haben, sagen, was ich lesen soll, dann weiß ich, dass ich das nicht lesen muss. Aber diese hier können mir auch so sagen, was sie für richtig und falsch halten, und ich weiß aus Erfahrung, dass ich das dann ganz gut nachvollziehen kann. Wozu soll ich also lesen? Diese Welt vermittelt mir auch so eine klare Vorstellung von unten und oben.

Er wurde bei diesen Arbeiten nicht ständig überwacht, und so fand er zwischendurch immer wieder Gelegenheiten, sich zumindest durch bestimmte Gesten mit den Gefangenen zu unterhalten. Bei einem von ihnen vermutete er, dass er ein Mitglied der Bauernrebellen war, und er hatte den Eindruck, dass man mit diesem besonders streng umging. Selbst der Klerus hatte die Rebellen zur Zeit mehr aufs Korn genommen als die üblichen religiösen Häretiker. Wenn man sie nicht direkt tötete, sondern hier noch einsperrte, so vermutlich deshalb, weil man an ihnen ein Exempel statuieren wollte, und das hieß, dass Ihnen ein Schauprozess und eine anschließende öffentliche Hinrichtung, ein sogenanntes Autodafe, bevorstand. Marten überlegte, was er seinerseits tun konnte, um diesem Menschen, in dem er schließlich einen Mitstreiter sehen musste, vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Noch bevor er allerdings einen Plan hatte, wie er dazu vorgehen sollte, gab er ihm mehrfach Zeichen, dass er mit ihm sprechen wollte. Einmal versuchte er ihn sogar direkt anzusprechen, stellte aber zu seinem Erstaunen fest, dass der Mann offensichtlich kein Interesse an einem Kontakt zu haben schien. Vielleicht, dachte Marten, war ihm sein bevorstehendes Schicksal noch gar nicht bewusst, denn es gab wirklich unter den Rebellen trotz aller Kampfbereitschaft immer noch sehr einfältige Leute, die einfach nur glaubten, dass ihnen nichts Böses passieren konnte, weil sie sich auf dem richtigen Weg wähnten. Ihr gutes Gewissen war ihnen wohl genügend Garantie für das Gelingen ihrer Absichten. Er fragte sich noch einmal, was er in diesem Fall nur tun konnte. Aber ohne das Mitwirken des Mannes musste seine ohnehin gefährliche Hilfe aussichtslos sein. Nachdem er nochmals mehrfach Kontakt aufzunehmen versucht hatte, trat der Mann endlich hinter seinem Gitter ganz dicht an ihn heran und flüsterte ihm etwas zu:

„Hast du immer noch nicht gemerkt, dass ich von dir in Ruhe gelassen werden will?“ fragte der aber nur, und als Marten ihn daraufhin verständnislos anblickte, sagte er noch: „Bitte störe uns nicht. Wir wissen sehr genau, was wir tun.“

„Wir? Bist du denn nicht allein?“

„Denkst du das wirklich? Unsere ganze Abteilung hier gehört doch zu unserem Lager! Hast du das denn noch nicht gemerkt?“

„Nein, ich dachte bisher, du seiest allein. Und wisst ihr denn nicht, welches Schicksal euch dann bevorsteht?“

„Lass das unsere Sorge sein, und tue uns bitte einen Gefallen: halte dich da heraus.“

Und als Marten ihn immer noch fragend ansah, wiederholte er nur: „Bitte!“ …und gab ihm beschwichtigende Zeichen, die ihm wohl andeuten sollten, sich zukünftig so weit wie möglich von ihnen fernzuhalten. Da er aber auch sonst von keiner Seite Informationen bekommen konnte, was das auf sich haben mochte, so hielt er sich zwar aus diesem Bereich zurück, achtete aber von da an umso mehr darauf, ob es irgendwelche Hinweise gab, die ihm mehr verraten konnten. Inzwischen hatte er tatsächlich gehört, dass die ganze fragliche Abteilung demnächst in ein größeres Gefängnis verlegt werden sollte. Er wusste auch bereits, dass das hiesige Gefängnis nur ein kleines Gefängnis war, in dem nur die örtlichen Gefangenen einsaßen, und dass sie alle nur vorübergehend hier blieben und am Ende in ein großes Zentralgefängnis kamen, das, so sagte man, eine richtige Stadt sein sollte, in der es verschiedene Abteilungen für unterschiedliche Inhaftierte gab. Es gab Gefangene, die dort nur für eine beschränkte Zeit einsaßen und andere, die wussten, dass sie nie mehr herauskommen würden, vielleicht deshalb, weil sie zum Tode verurteilt worden waren oder weil sie dort bis an ihr natürliches Lebensende bleiben sollten. Es gab auch Kinder darunter, und unter diesen auch solche, die ebenfalls nie mehr herauskommen würden. Und dann gab es eine Abteilung für diejenigen Delinquenten, denen eine öffentliche Hinrichtung bevorstand. Und wenn auch nicht alle Bauernrebellen hierher geschickt wurden, da man viele von ihnen nur für harmlose Mitläufer hielt, war sich Marten doch ziemlich sicher, dass die ganze Abteilung, in der sein Gesprächspartner einsaß, dort untergebracht werden würde. Er fragte sich zu diesem Zeitpunkt bereits, ob er dann seine momentane Arbeit verlieren würde, weil danach das hiesige restliche Lager nur noch halb besetzt war.

Es war dann auch wirklich so, es wurde ihm allerdings gesagt, dass in dem großen Gefängnis noch Leute für das dortige Reinigungspersonal gesucht wurden. Man versprach ihm, sich dort für ihn einzusetzen, wenn er das wünschte. Ihm konnte das nur recht sein, denn er sagte sich gleich, dass er dort noch besser an wichtige Informationen für seine Mitstreiter kommen würde, und er versprach sich auch gerade dort eine genügend große Anonymität, um der Verfolgung durch den Priester Sedes entgehen zu können.

So wechselte er fast zeitgleich mit der Überführung der Rebellen seinen Arbeitsplatz und landete damit tatsächlich in einer Welt, von der er bis dahin außer vom Hörensagen noch gar keine Vorstellung gehabt hatte. Die hier herrschende Logik war ihm zunächst entsprechend fremd. Es war einem Außenstehenden nur schwer verständlich, welchen Zweck man hier mit der Inhaftierung der Insassen verband - ob man das tat, um sie zu bestrafen oder um sie umzuerziehen oder beides. Was die Strafe betraf, so hieß es darüber jedoch in den Gefängnisricht­linien, dass diese nicht um ihrer selbst willen erfolgte, sondern auch der Erziehung dienen sollte. Erziehung war dabei allerdings etwas anderes als Umerziehung, denn die Erziehung diente einem höheren Ziel, während die Umerziehung nur dazu dienen sollte, dass die Delinquenten wieder zu Menschen wurden, die gelernt hatten, dass es Gesetze gab, die eingehalten werden mussten. Während die Umerziehung der Besserung der Täter dienen sollte, was normalerweise so geschehe, dass diese sie auch verständen, werde die Erziehung dagegen oberflächlich leicht als Strafe empfunden, weil sie eine Zwangsmaßnahme sei, deren Sinn die Delinquenten vielleicht nicht verstehen könnten, die aber im Sinne allgemeiner Prinzipien durchgeführt werden müsse. Sie habe gegenüber der Umerziehung nicht von vornherein die Einsicht zum Ziel, aber ohne diese, so hieß es in den Richtlinien, könne man einen Täter nicht dazu bringen, die Strafwürdigkeit seines Verbre­chens zu begreifen und ihn dadurch vom Bösen zum Guten zu bekehren. Sie folge also dem Prinzip, ihn zum Verstehen zu bringen - einem Verstehen eben allerdings, dass er als solches nicht unbedingt begreifen müsse.

Dieses war, so überlegte Marten, indem er sich die darin liegende Logik verständlich zu machen suchte, ein nicht unbedingt begriffenes Verstehen. Es mochte vielleicht etwas merkwürdig klingen, es war aber ganz einfach und - nebenbei gesagt - sehr zynisch und auch unter Umständen recht pervers. Es mag, so dachte er, zwar Wärter geben, deren Natur das so sehr entspricht, dass sie es auch ohne es zu verstehen gewissermaßen reflexhaft praktizieren können, doch die Logik dieser Anwendungen ergibt sich schon aus den Begriffen selber: während eine Umerziehung nämlich davon ausgeht, dass bereits eine grundsätzliche Erziehung vorliegt und bisher nur in eine falsche Richtung gegangen ist, kann die Erziehung dabei auf gar nichts zurückgreifen. Davon gehen natürlich auch die Wärter aus: Sie wissen, dass sie in solchen Fällen überhaupt erst einmal ein Fundament schaffen müssen. Die Wärter, denen die Durchführung solcher Maßnahmen obliegt, folgen diesem Prinzip, so könnte man sagen, gleichermaßen achsel- wie faustzuckend. Sie wissen außerdem, denn so stand es auch in den Richtlinien, dass die Erziehung ihrerseits vor allem auf zwei untergeordneten Maßnahmen beruht, nämlich dem der Entbehrung und dem schwerer körperlicher Arbeit. Sowohl mit der Erziehung wie auch mit der Umerziehung soll eben, so hieß es, letztlich eine kulturelle und ideologische Einbindung in die Gesellschaft erfolgen. Das geschieht bereits im Gefängnis selber dadurch, dass die Delinquenten zu produktiver Aktivität veranlasst werden. Lernen und Arbeiten, Erziehung und Umerziehung, Begreifen und Verstehen seien dabei nur verschiedene Seiten der gleichen Medaille.

In diesem Gefängnis, das lernte Marten sehr schnell an seinem neuen Arbeitsplatz, wurde aber abgesehen von diesen Maßnahmen rein äußerlich kaum zwischen den Gefangenen unterschieden. Sie waren in drei Dimensionen neben- und übereinander gestapelt. Alle waren in räumlich identischen Einzelzellen untergebracht, die nur so groß wie unbedingt nötig und insgesamt in Blöcken zusammengefaßt waren. Wegen der Einfachheit dieses Systems war es für das Überwachungssystem wie das Fach- und Reinigungspersonal nicht schwer, über alles die Übersicht und Kontrolle zu behalten. Ansich hatten die Wachmannschaften somit nicht viel mehr zu tun, als dafür zu sorgen, dass die Unterbringung der Gefangenen absolut sicher war und niemand daraus ausbrechen konnte. Der Ordnung und Übersicht dienten auch alle Verhaltensmaßregeln, die man den Gefangenen zur Pflicht machte. So war es ihnen zum Beispiel verboten, zu sprechen oder sich auch nur mit Gesten verständlich zu machen. In unserer Gegenwart würde man eine solche Maßnahme vermutlich als behavioristische Reduktion bezeichnen, aber solche pervers-abgehobenen Begriffe kannte man zu dieser Zeit natürlich noch nicht. Das Prinzip war aber demnach sehr einfach und beruhte nur darauf, dass die hier einsitzenden Menschen zwar denken und fühlen konnten, was ihnen beliebte, sie durften es sich nur nicht anmerken lassen. So konnten sie zum Beispiel auch negative Gedanken über die Wärter haben, sie durften sie nur nicht zeigen. Auch den Wärtern selber war das allerdings normalerweise verboten, sofern die Delinquenten sie nicht zu bestimmten Äußerungen zwangen; auch sie sollten also nicht mit den Gefangenen sprechen, so dass eine Kommunikation im Prinzip ganz grundsätzlich ausgeschlossen war, zumal alle Anweisungen auch durch Bildsymbole dargestellt wurden, die man den zumeist schriftunkundigen Gefangenen nach Bedarf immerhin zeigte.

Es versteht sich, dass die Neuankömmlinge immer erst eine gewisse Zeit brauchten, bis sie diese Logik begriffen hatten. Somit ging bei ihnen dem Stadium der Ruhe und zumindest des scheinbaren Friedens fast notwendigerweise ein Stadium der Unruhe und des Unfriedens voraus, das je nach Veranlagung bei dem einen kürzer und bei dem anderen länger sein konnte. Mancher Delinquent beschrieb alle diese Zustände später so, daß er sich gefühlt hatte wie ein Tier behandelt zu werden. Viele Delinquenten mochten unter diesen Zuständen sicher leiden, aber es war ihnen in keiner Weise gestattet, solches Leiden zu zeigen. Sie mochten sogar sehr intelligent sein, aber sie hatten ihre Intelligenz für sich selbst zu behalten, so dass man ihnen äußerlich nichts davon anmerken konnte. Sie mussten begreifen, daß Intelligenz nicht etwas ist, was man von einem Element erwartet, das einfach nur als solches funktionieren soll, um die Übersichtlichkeit des Gefängnisses zu gewährleisten. Tatsächlich vermittelte dieses Gefängnis den Eindruck, dass es gewissermaßen nur vom Reißbrett her geplant war und mitsamt den Insassen wie eine Maschine funktionieren sollte, so dass man bestimmten Delinquenten, bei denen das nicht der Fall war, gewissermaßen eher mit dem blauen Monteuranzug als mit dem weißen Kittel begegnete.

Ein solches Gefängnis würde in meiner Gegenwartswelt sicher über eine vollkommen computerisierte Zentrale gesteuert. Davon war man hier allerdings noch weit entfernt, aber es funktionierte alles dennoch bereits ganz ähnlich. Die damit verbundene Logik wurde den Gefangenen bereits von Anfang an durch einen militärischen Drill beigebracht, durch den sie sich in die Gefängnismaschinerie eingliedern sollten. Eine der Maßnahmen dieses militärischen Drills war das frühe Aufstehen, bei dem sie sich bereits nach sehr strikten Regeln zu verhalten hatten. So sollten sie dabei gleich mehr oder weniger nackt antreten und jedenfalls da schon keine Schlafanzüge mehr anhaben, weil diese nach dem Schlaf normalerweise zerknittert waren und deshalb dem militärischen Eindruck nicht entsprachen. Allenfalls wurde ihnen dabei gestattet, ihre Scham zu verdecken, und es war auch ratsam, bereits die Haare einigermaßen frisiert zu haben, denn wenn man das noch während der Musterung versucht hätte, hätte das eine unmittelbare Strafmaßnahmen zur Folge gehabt.

Einer der Insassen, mit dem sich Marten später noch darüber unterhalten konnte, schilderte ihm diese Verhältnisse noch drastischer: Wenn der Wächter dabei einen Delinquenten beobachtete, war er gehalten, diesem geradezu automatisch mit einem kräftigen Fausthieb ins Gesicht zu schlagen. Für andere Unregelmäßigkeiten konnten ähnliche Maßnahmen die Folge sein. So wurde etwa jedem, der mit seinen Füßen die Ausrichtungslinie überschritt, an der sich alle morgens zu orientieren hatten, kräftig auf diese getreten, was angesichts der Tatsache, dass ihnen die Wächter natürlich nur mit Schuhen  gegenüberstanden, die durchaus an heutige schwere Militärstiefel erinnerten, unter Umständen auch dazu führen konnte, dass dem Delinquenten zumindest die Zehen empfindlich gequetscht oder deren Knochen sogar gebrochen wurden.

„Aber konnte denn so jemand danach an den folgenden Übungen noch teilnehmen?“

„Natürlich nicht. Das kam aber auch nur selten vor. Man versuchte das wohl schon im Interesse des Systems zu verhindern. Denn der Drill war ja damit noch nicht beendet.“

Nach dieser Ausrichtung nämlich hatten sich alle um eine Viertelwendung so zur Seite zu drehen, dass sie danach hintereinander standen, und mussten dann mit zackigen Hüpfbewegungen allmählich aus dem Stand in einen koordinierten Vorwärtslauf übergehen und dabei äußerst streng darauf achten, dass sie keine falschen und nicht dazugehörigen Bewegungen machten. Auf diese Weise kamen sie zuerst in ihren Ankleideraum, dann in den Frühstücksraum und danach in ihren Arbeitsraum, in dem sie nach bestimmten Tätigkeitsgruppen unterteilt wurden.

Die Insassen durften mit keiner Geste daran irgendetwas aussetzen, sie durften noch nicht einmal aufblicken und sich erst recht nicht unterhalten. Ihre Bewegungen hatten ganz genauen Vorschriften zu folgen und wirkten deshalb - im Gegensatz zu den eher willkürlichen Strafmaßnahmen der Wärter - roboterhaft.

„Wir durften uns auch zu keiner Reaktion provozieren lassen“, berichtete einer später. „Das wurde genau geprüft und geübt, etwa dadurch, dass jemand plötzlich aufgefordert wurde, vor ihren Augen wie ein Huhn zu gackern und sich zu bewegen.“

„Mußte er denn dazu nicht auch ein gewisses Talent haben?“

„Das war wohl nicht so wichtig, denn es sollte eben ein Huhn sein, vielleicht ein neu erfundenes. Wenn aber einer der übrigen auch nur einen einzigen Blick zu ihm hin warf, konnte das mehrere Tage Sonderhaft bedeuten, oder er musste etwa im Winter eine Weile lang viel zu leicht bekleidet bei offenem Fenster stehen, ohne sich zu rühren.“

Selbst wenn jemand verletzt war, wurde darauf keine Rücksicht genommen. Das hatte Marten von verschiedenen Seiten gehört und teilweise auch selbst mitbekommen. Wenn etwa nach der oben beschriebenen Maßnahme jemand seinen gequetschten Fuß mit einem Verband versah, galt das bereits als weitere Regelwidrigkeit und konnte hart bestraft werden. Diese Strafe konnte etwa aus mehreren Schlägen ins Gesicht bestehen, und wenn er dann auch nur einmal schützend eine Hand davor hielt, konnte es geschehen, dass gleich mehrere Wärter sich auf ihn stürzten und ihn in einen Sonderraum zerrten, wo sie ihn derartig verprügelten, dass er davon für dauernd gezeichnet war. Eine beliebte Strafe bestand auch darin, dass der Delinquent mit seinem Kopf so lange unter Wasser getaucht wurde, dass er dabei fast ertrank. Dass das des Öfteren bereits durchaus geschehen war, war bekannt und wurde dabei in Kauf genommen. Solche Torturen waren aber bereits von der Inquisition bekannt und hier möglicherweise noch gar nicht einmal so grausam wie dort, mit der Ausnahme allerdings, dass hier die Betonung eher auf der Entwürdigung der Delinquenten als der Schmerzzufügung lag, was sich aus der unterschiedlichen Zielsetzung ergeben mochte. Während bei der Inquisition Torturen auch in der Regel immer nur zeitlich begrenzt waren, waren die hier angewendeten Maßnahmen insofern kaum beschränkt. Eine beliebte Strafe war nämlich etwa die, dass man einen Gefangenen derartig zusammenschnürte, dass er sich nicht mehr bewegen konnte, wonach man ihn dann an einer bestimmten Stelle mehrere Tage liegen ließ und sich nicht mehr weiter um ihn kümmerte. Perfiderweise geschah es aber auch, dass man ihm dabei immerhin noch so viel Bewegungsfreiheit ließ, dass er sich bis an einen bestimmten Ort irgendwie robben konnte, etwa um dort bessere und frischere Luft zu bekommen, die er, wie seine Folterer natürlich wussten, dringend benötigte. Man konnte es auch so einrichten, dass er sich vielleicht erst nach mehreren Tagen endlich wieder selbst auswickeln und sich dann möglicherweise auch aus seinen in der Bandage unvermeidlicherweise angesammelten eigenen Fäkalien endlich befreien konnte. Das war eine der hier typischen Torturen, bei denen die Scham noch den Schmerz übertraf. Diese Steigerung und Entwürdigung war ohnehin der Normalfall, denn auch ohne Sonderbestrafung wurde es den Delinquenten zugemutet, ihren eigenen Kot in ihrer Zelle tagelang zu ertragen, bevor man ihnen gestattete, ihn selbst zu entsorgen. Dazu gehörte auch die Tatsache, dass es ihnen nicht erlaubt war, sich alle Tage zu waschen. Man hätte meinen können, daß es der sonstigen Zucht und Ordnung widersprach, wenn man sie andererseits zwang, mit ihren eigenen Ausscheidungen so direkt in Kontakt zu kommen, aber man konnte natürlich auch das als weitere disziplinierende Maßnahme verstehen. Oft genug wurde dabei die Logik auf den Kopf gestellt, so dass alles in völliger Willkür mündete. Wer konnte schon verstehen, dass die gleichen Gefangenen, die man gezwungen hatte, unter solchen Umständen zu vegetieren, zu einer anderen Zeit genötigt wurden, auf die Sauberkeit ihrer Zelle derartig strikt zu achten, dass man praktisch kein Staubkorn mehr daran finden konnte?

Wir hatten bereits Kenntnisse über dieses Gefängnis und uns auch unserseits schon lange Gedanken über dieses System gemacht, denn es hätte die Stärkeverhältnisse entscheidend verändert, wenn wir es in unsere Hand bekommen hätten.

„Wie sollten wir das erreichen?“ fragte mich Wagner, als ich ihn darauf ansprach.

„Wäre es nicht möglich, vielleicht eine Gefangenenrevolte darin anzuzetteln?“

„An diese Möglichkeit haben die doch zuerst gedacht. Das können wir vergessen. Die Maschinerie ist insofern perfekt. Sie würde sofort zuschlagen und das schon im Ansatz verhindern.“

Vielleicht aber war sie in mancher Hinsicht zu perfekt, und das fiel irgendwann auch ihren Betreibern auf. Der dafür zuständige Landesfürst befragte dazu eines Tages seinen Verwalter:

„Wieviele Gefangene können in diesem Gefängnis normalerweise untergebracht werden?“ wollte er wissen.

„Es ist für eintausend Insassen ausgelegt:“

„Aber wir überführen doch seit Jahren fast alle dahin, und es müssen schon sehr viel mehr darin sein.“

„Ich wollte Euch schon lange darauf hinweisen, Eure Hoheit, denn ich denke auch, dass es mittlerweile schon erheblich überbelegt sein muß. Es könnten schon gut dreimal so viele darin sein.“

Also gab der Fürst die Anweisung, eine Delegation mit der Untersuchung der dortigen Verhältnisse zu beauftragen. Diese wurde noch am gleichen Tage losgeschickt, kam aber erst in der Abenddämmerung an und wurde zu dieser Stunde nicht mehr eingelassen. Erst am nächsten Morgen wurden sie empfangen und verlangten dann gleich, dass man sie in allen Abteilungen und Einrichtungen herumführte, damit sie sich von den Zuständen überzeugen konnten. Sie wurden dann von ihren Begleitern in dem Gebäude herumgeführt, erhielten aber nie irgendwo weiteren Kontakt.

„Wir hatten erwartet, in ein völlig überbelegtes Gefängnis zu kommen. Aber wo sind denn nun eigentlich die Gefangenen?“ fragte endlich der Anführer der Delegation.

Er erhielt darauf aber keine Antwort. „Nanu“, sagte er zu seinen Begleitern, „wo sind denn unsere Führer plötzlich? Ich habe den Eindruck, dass wir uns hier jetzt ganz allein befinden.“

So schien es tatsächlich. Niemand, der sich in diesem Gefängnis auskannte, war mehr bei ihnen, und es war auch sonst niemand außer ihnen selbst noch da. Sie hatten zuletzt nur ziemlich verwahrloste Räume besichtigt, wie sie solche hier auf gar keinen Fall erwartet hatten, aber keine Menschen darin vorgefunden, weder Personal noch Inhaftierte. Was hatte das zu bedeuten? Sie legten plötzlich einen Schritt zu und durcheilten die anderen Bereiche. Doch das Bild war jetzt überall gleich. Als sie schließlich zum Eingangsbereich zurückkehrten, fanden sie auch dort niemanden mehr vor. Man hatte sie anfänglich offenbar nur darüber hinweggetäuscht, dass das ganze Gebäude eigentlich den Eindruck machte, als sei es mindestens seit zwei Jahren verlassen worden und als habe sich niemand mehr seitdem noch darum gekümmert. Die Bilder an den Wänden, sofern noch welche da waren, hingen schief, die Möbel waren verrückt, Schranktüren standen offen, Schubladen ragten heraus, Spinnweben hingen von allen Ecken und Kanten herunter, die Papierkörbe quollen über, und erst jetzt stellten die Besucher fest, dass das ganze Bauwerk bei näherer Betrachtung fast wie eine Ruine wirkte.

Allerdings war das nur der oberflächliche Eindruck, denn tatsächlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht nur, wie bereits von den Besuchern vermutet, gute dreitausend Inhaftierte in dem Gefängnis, sondern schon weit über zehntausend. Und bei kritischer Betrachtung hätte man von vornherein wissen können, dass das die Folge der Kehrseite der ganzen Anlage sein konnte. Alles in allem war diese Maschinerie in ihrer beabsichtigten Perfidie nämlich derartig perfekt, dass sie nahezu automatisch funktionierte. Sie benötigte also keine Intelligenz, und wo diese nicht nötig ist, geht sie selbst dann unweigerlich im Laufe der Zeit verloren, wenn sie ursprünglich noch vorhanden war. Dass das ein grundsätzliches Manko dieses Systems war, wurde seinen Planern wohl erst dann klar, als es dafür zu spät war. Auch den Betroffenen selber, also den hier einsitzenden Gefangenen, sowie auch dem gesamten Personal, wurde das erst in einem relativ späten Stadium deutlich. Als man es aber nachträglich betrachtete, schien es wohl den meisten, zumindest nach ihren späteren Äußerungen darüber zu urteilen, schon des Längeren so gewesen zu sein, dass sich die Stimmung allmählich immer mehr änderte. Viele wollten da bereits etwas gemerkt haben, ohne es aber richtig zuordnen zu können. Auch Marten begriff es erst relativ spät, obwohl er ja gewissermaßen immer mittendrin in der Entwicklung der Dinge war, und da wurde ihm dann auch wohl endlich klar, was ihm der Insasse im Vorgefängnis hatte sagen wollen. Denn wie es aussah, mußte der bereits von vornherein wissen, dass sich die Dinge jedenfalls nicht so entwickeln würden, wie es sich diejenigen gedacht hatten, die ihn dort eingesperrt hatten. Diese Entwicklung ging allerdings zunächst vom Wachpersonal aus - das heißt natürlich nur von einigen der dazugehörigen Wärter und ziemlich sicher auch von der Besatzung der zentralen Leitstelle. Da alles hier derartig auf Automatisierung ausgerichtet war und eigentlich auch jede zweckdienliche Kommunikation selbst des Personals untereinander als überflüssig betrachtet wurde, musste jeder annehmen, dass der andere befugt war, so zu handeln, wie er es tat, denn jeder hatte ja der Weisung zu folgen, alles fraglos hinzunehmen und lediglich an seiner Stelle vorschriftsgemäß zu funktionieren. Jeder, der das tat, wusste auch, dass er es tat, konnte aber nicht wissen, ob das auch für den anderen galt, mit dem er es gerade zu tun hatte.

„Wir können daraus nur lernen, dass wir nicht die gleichen Fehler machen, denn das ist die Kehrseite unseres Prinzips, wenn es falsch angewandt wird.“, erklärte Jörg Wagner diesen Vorgang seinen Mitstreitern später. „Man stelle sich eine Reihe von Arbeitern vor, die sich gegenseitig Steine zureichen, so dass jeder den Stein, den er von seinem linken Nebenmann bekommen hat, an den zu seiner Rechten weiterreicht. Wenn das alles so automatisch funktioniert, hört jeder irgendwann auf, darüber nachzudenken. Und wenn ich dabei nur den ersten Mann auswechsele und ihn anweise, dass er von nun an eine andere Sorte Steine an seinem Nebenmann weiterreichen soll, wird diese Sorte ebenso wie die früheren ihren Gang nehmen. Je automatischer dieses System funktioniert, desto mehr verliert sich dabei eben sein Sinn. Und da es hier keinem der Mitarbeiter erlaubt ist - und es auch in diesem Fall gar nicht in derem Interesse liegt -, über einen solchen auch nur Fragen zu stellen und nachzudenken, wird er bei geänderten Vorgaben ebenso gut weiter funktionieren wie zuvor. Man braucht also praktisch nur an einem Ort einen Hebel umzustellen, ohne dass dadurch das System selbst infrage gestellt wird.“

Marten Koninck hatte sich allerdings bereits gedacht, dass der Insasse, den er im Vorgefängnis vergeblich angesprochen hatte, unter den hier gegebenen neuen Umständen vielleicht anders reagieren würde, und er wurde darin nicht enttäuscht, als er es nochmals versuchte. Er war allerdings überrascht, daß die Gefangenen, bei denen man normalerweise ohnehin nicht erwartete, dass sie lesen konnten, auch über Dienstanweisungen des Hauses verfügten, denn der Mann beklagte sich darüber, dass er die in seinem Besitz befindliche zwar lesen, aber nicht verstehen konnte. Er stellte ihm dazu einige Fragen, die Marten selbst nicht spontan beantworten konnte, und bat ihn dann, die von ihm selbst darin angekreuzten Punkte nochmals zu erklären.

„Nicht hier bitte“, sagte er betont bedeutsam, indem er sie ihm durch das Gitter zureichte. „Nehmen Sie es bitte mit zu sich. Ich habe nämlich darin noch einige Notizen gemacht.“

„Ich kann aber nicht lesen“, antwortete Marten bedauernd

„Versuche es trotzdem einmal.“                           

Es war nicht ungeschickt, für die darin befindliche Nachricht eine solche Anweisung zu nehmen, weil diese rein äußerlich bei Marten nicht auffiel, und es war dann in der Tat auch so zu verstehen, was gemeint war. Als er sie dann in seiner Kammer genauer betrachtete, fand er nämlich darin Zeichnungen, die ihm alles erklärten. Er begriff jetzt auch, warum der andere sich ihm jetzt erst erklärte und welche Funktion er ihm übertragen wollte.

„Es war auch kein Zufall gewesen, dass du diese Anschlußstellung hier erhalten hast“, erklärte man ihm später.

„Und die erste Stellung?“

„Die erste hattest du tatsächlich selbst gefunden. Aber unsere Leute haben uns von dort mitgeteilt, dass du da warst, und wir haben dich dann gleich in alles eingeplant.“

So war es wohl gewesen, und das, was er jetzt vorfand, teilte ihm alles weitere mit. Es stand darin, dass ihm von dem Übergeber der Broschüre ein von diesem eingeschleustes Bündel mit der Anstaltskleidung gegeben werden sollte, die ihn vor den anderen Wärtern als einen der ihren auswies, und dass er, wenn er diese in einem bestimmten Umkleideraum angezogen hatte, in den unmittelbar anschließenden Raum gehen sollte und danach in diesem mit einem schon bei der Kleidung liegenden Schlüssel eine bestimmte Tür öffnen sollte. Das war alles kaum sehr riskant, denn bei der Kleidung handelte sich nur um eine Vorsichtsmaßnahme, und vom Umkleideraum aus war es bis zu der fraglichen Tür nur ein sehr kurzer Weg, auf dem ihm wahrscheinlich keiner begegnen würde. Falls es dem Kontaktmann nicht gelungen wäre, die Kleidung einzuschleusen, hätte es wohl auch so gehen können, und von dem fraglichen Schlüssel hatten gleich drei von dessen Mitgefangenen ebenfalls Duplikate. Es gab aber tatsächlich keinen Zwischenfall, und nachdem er die Tür geöffnet hatte, war seine eigene Mitwirkung vorerst erledigt. Die Tür führte nämlich auf einen Gang, zu dem die Rebellen bereits einen Anschluss von ihrem Tunnelsystem hergestellt hatten. Da es von dem Raum, in dem sich die Tür befand, nicht weit bis zur Zentrale war, konnten die vorgesehenen und dafür besonders geeigneten Rebellen schnell bis dahin vordringen und nach einem kurzen Scharmützel die gesamte Regie der Anlage übernehmen. Das war aber nur der erste Schritt, denn sie beabsichtigten, die Übernahme so reibungslos zu gestalten, dass sie von den ursprünglichen Betreibern des Gefängnisses möglichst lange gar nicht bemerkt wurde. Tatsächlich wurde es von der Delegation des Fürsten ja auch wie bereits geschildert erst zwei Jahre später entdeckt. Doch zu diesem Zeitpunkt war die ganze Anlage schon völlig umgestaltet worden. Das galt auch für das inzwischen fast vollständig ausgewechselte Personal.

„Schließlich möchte niemand wirklich das alte Personal übernehmen. Diese Leute werden wir also Stück für Stück ersetzen“, hatte Wagner dazu gleich von Anfang an festgestellt.

Übrigens war mir selber in diesem Coup ebenfalls eine wichtige Rolle zugefallen, aber ich durfte selbst Wagner nicht sagen, wie mir das gelungen war. Denn ich hatte dieses Mal ohne Maske das Gefängnis zuvor völlig unbemerkt von unten bis oben untersucht. Und erst nachdem ich wusste, wie es aufgebaut war, konnten wir alles Weitere bis ins Einzelne vorausplanen. Es verstand sich von selbst, dass wir die früheren Wärter nicht mehr haben wollten, denn deren Funktionen stellten wir uns natürlich ganz anders vor. Außerdem waren wir auf die unbedingte Solidarität aller Beteiligten angewiesen.

Vielleicht hätte man fragen können, wozu wir dazu ausgerechnet ein Gefängnis benötigten, aber das war aus bestimmten Gründen für uns viel wichtiger als für die Gegenseite. Natürlich sollte dabei die ganze Anlage nicht so bleiben, wie sie war. Im Laufe der Zeit haben wir sie später auch so komplett umgebaut, dass wir sie insofern an anderer Stelle vielleicht sogar besser ganz neu hätten errichten können, aber es war uns wichtig, einen möglichst unbemerkten Übergang dafür zu schaffen, einerseits nämlich, weil ein völliger Neubau vermutlich eher entdeckt worden wäre, zum anderen aber auch, um allen unseren Mitkämpfern den Kontrast zwischen dem alten und dem neuen Geist durch den Umbau so plastisch wie nur möglichst zu verdeutlichen. Außerdem konnten bis zu dem Zeitpunkt, bis zu dem die Übernahme des Gefängnisses von den ursprünglichen Betreibern entdeckt wurde, deren eingelieferte Gefangene von uns übernommen und einer eigenen und völlig anderen Prüfung unterzogen werden, und da die meisten der eingelieferten Gefangenen fast ohne weiteres wieder durch unser Tunnelsystem entlassen wurden, hätte insofern das Fassungsvermögen des Gebäudes durchaus ausgereicht. Daß die Zahl der Insassen inzwischen allerdings dennoch ein Mehrfaches betrug, lag daran, dass dem Gefängnis auf gleichem Wege wieder erhebliche Neuzugänge zugeführt wurden. Diese wurden an den verschiedensten Orten möglichst unauffällig gewissermaßen „eingesammelt“, das heißt durch sukzessiv erfolgende Guerillaattacken dort entführt, wo sie für den gegnerischen Bund eine wichtige Funktion hatten und entsprechend fehlten. Das feindliche System sollte dadurch zunehmend ausgehöhlt werden, dass immer mehr seiner wichtigen Funktionäre von ihren Plätzen in unser Gefängnis überführt wurden. Es lag dabei in erster Linie nicht in unserer Absicht, sie zu bestrafen oder völlig auszuschalten, sondern wir hofften und hatten dafür eben besonders dieses Gefängnis geschaffen, durch sie und ihre jeweiligen Spezialkenntnisse entscheidungswichtige Informationen zu bekommen. Wir erfuhren deshalb auch sehr viel über die innere Kommunikation und das gegenseitige menschliche Verhältnis unter den Vertretern des gegnerischen Systems, da wir auch sahen, wo unsere Entführungsakte nicht weiter bekannt gegeben wurden, weil man dort möglicherweise an deren Vertuschung interessiert war. Es gab auch mehrere Fälle, in denen es deshalb möglich war, ohne großes Aufsehen wichtige Leute der Gegenseite einfach durch eigene zu ersetzen, sei es eben, dass die Bekanntgabe dieser Umstände an höhere oder zuständigere Stellen deren unmittelbarer Umgebung nicht ratsam sein mochte, oder sei es auch, dass es uns gelang, den Austausch vor Ort so gut zu erklären, dass er ohne weiteres akzeptiert wurde.

Da wir aber so oder so unser Gefängnis wesentlich zu erweitern beabsichtigten, standen wir vor der Frage, wie wir das baulich durchführen sollten. Eine Untersuchung des Baugrundes ergab nämlich, daß dabei zu drei Seiten hin nur mit äußerst massivem Felsgestein zu rechen war, das wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln kaum durchbrechen konnten. Wir kamen deshalb zu dem Ergebnis, eine Erweiterung nur auf eine sehr ungewöhnliche Weise erreichen zu können, nämlich in die Tiefe. Wegen des umgebenden Felsgesteines erschien uns dabei die Gefahr eines möglichen seitlichen Grundwassereinbruches beherrschbar, und diese Felswände boten uns außerdem die Möglichkeit, die Fundamente des bestehenden Gebäudes darin seitlich so weit abzustützen, dass wir darunter weiterhin in die Tiefe graben konnten, während wir das auszuschachtende Erdreich durch ein großes seitliches Loch an der einzigen Seite ermöglichen konnten, die frei von Felsgestein war. Als wir diese Arbeiten durchführten, sahen wir uns nicht unter Zeitdruck, denn der Übergang von der früheren Funktion zu der neuen konnte dabei durchaus schrittweise erfolgen. Ein nahe an unserem Gelände sehr stark fließender Bach ermöglichte uns die Einrichtung eines Wasserrades, mit dessen Hilfe wir vor allem den Lastenaufzug in dem immer tiefer werdenden Erdloch betreiben konnten. Da wir bis zuletzt keinen Wassereinbruch hatten, konnten wir den Bau bei gleichzeitiger seitlicher Abstützung statt von unten nach oben jetzt umgekehrt von oben nach unten treiben, so dass das Bauwerk schließlich bis zu sechzig Meter unter die Erde reichte und nicht weniger als zwanzig Geschosse hatte - mit der Option, es gegebenenfalls nach späterer Anforderung noch weiter in die Tiefe bauen zu können. Erst ziemlich spät überlegten wir, was wir danach noch mit dessen über der Erde liegenden Teilen anfangen sollten, mit denen wir nach unseren Vorgaben kaum viel anfangen konnten, und wir kamen schließlich zu dem Ergebnis, es nicht abzureißen, sondern einfach so stehen zu lassen, damit die Änderung der Verhältnisse im Inneren möglichst lange nach außen unbemerkt bleiben konnten. Die bauliche Grundstruktur der neuen Anlage ließ sich am ehesten als ein riesiges Atriumbauwerk bezeichnen, denn wir hatten darin ein Loch gelassen, das in der Mitte der neuen Gesamtanlage lag und bis auf die unterste Etage hinunter reichte. Durch dieses Loch kam das gesamte Tageslicht in alle Teile des Gebäudes. Diese Struktur hatte den großen Vorzug, dass das ganze Bauwerk einerseits zumindest hinsichtlich seines neuen Bereiches völlig unsichtbar blieb, zumal es auch aus den Fenstern des alten Gebäudes keinen Einblick in das neue große Atriumloch gab, und dass es andererseits auch leicht zu verteidigen war. Denn tatsächlich hatten wir dafür gesorgt, dass  bei einem ernsthaften militärischen Angriff im Gegensatz zum Besuch der kleinen Inspektionsgruppe auch niemand in das alte Gebäude hätte eindringen können. Zur Not war sogar das Atrium noch nach oben hin durch eine massive Barriere so zu verschließen, dass ein Eindringen von außen kaum noch möglich war, während aber gleichzeitig die Belüftung des darunter liegenden Gebäudes durch spezielle Kanäle gesichert blieb. Durch den Anschluss an unser unterirdisches Kanalsystem waren zugleich dessen ohnehin auch im Normalfall fast ausschließlich benutzte Ein- und Ausgänge durch eine oberirdische Belagerung nicht betroffen. Wir wären also in der Lage gewesen, diese nahezu völlig zu ignorieren.

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