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Die Katakomben

 

 

Die Sache mit meiner Doppeidentität hatte allerdings noch ein Nachspiel. Ich wurde nämlich nochmals auf den Amtssitz des Fürstbischofs gerufen und fragte mich gleich, was man dort davon wissen konnte. Zwar war es mir gelungen, ohne das Wissen des Bischofs auf dessen militärische Berater Einfluss zu nehmen, aber selbst das war betont unoffiziell geblieben. Möglicherweise hatte man aber dennoch dort bereits einige Unstimmigkeiten festgestellt, über die ich mich jetzt aus der Affäre zu ziehen hatte. Als ich dort eintraf, wurde ich in einen besonderen Trakt der Festung verwiesen, wo man mich zunächst in einen bestimmten Raum führte, in dem man mich bat, auf einer Bank Platz zu nehmen. Ich fragte mich aber, ob man hier von dem Schicksal meines Alter Ego wissen konnte, von dem ich vermutete, dass er längst im Verlies des Barons gelandet war.

Während diese Gedanken in meinem Kopf herum schwirrten, hatte ich offenbar das Gefühl für die Zeit verloren, und als ich plötzlich daran wieder dachte, wurde mir bewusst, dass ich hier bereits eine Stunde gewartet hatte, ohne dass ich weitergeführt wurde. Allmählich kamen mir auch die Gestalten, die in diesem Bereich der Bischofsfestung herumliefen, etwas merkwürdig vor. Daß es vor allem Mönche in ihren Kutten waren, hätte mich am Amtssitz eines Bischofs zwar nicht wundern müssen, aber sie hatten hier alle etwas an sich, dass mir irgendwie bedrohlich erschien. Es war nichts mehr von der üblichen Gemütlichkeit und Nachlässigkeit ihres Standes zu spüren, sondern sie hatten etwas sehr Bestimmtes an sich, das mich ganz unwillkürlich zur Vorsicht mahnte.

Endlich aber wurde mir mein Warten doch zu lange, und ich begab mich zu einer Person, die hier offenbar die Funktion eines Wachpostens innehatte, da ich diesen Mann immer wieder in meiner Nähe aufkreuzen sah und er auch in einem kurzen Gespräch mit einer anderen Person einmal mit seinem Kopf zu mir herübergedeutet hatte, so dass ich den Eindruck gewann, dass die beiden über mich gesprochen hatten und ich demnach jedenfalls nicht vergessen worden war. Ich wandte mich deshalb nun an ihn, um zu erfahren, weshalb ich überhaupt hierher gerufen worden war und wer mich sprechen wollte. 

Er reagierte aber darauf in einer Weise, die mir verständlich machte, dass meine Fragen hier als unangebracht erschienen. Ohne mir direkt zu antworten, gab er mir zu verstehen, dass ich bitte weiter warten sollte. Ich begab mich also wieder zu meiner Bank und war dabei merkwürdigerweise ein wenig beruhigt, vielleicht deshalb, weil mir dadurch klar geworden war, dass man mich noch nicht vergessen hatte, oder weil mich sogar dieser unfreundliche Kontakt wenigstens etwas entspannt hatte. Es dauerte dann auch wirklich nicht mehr lange, und mir wurde von diesem Wachposten bedeutet, ihm zu folgen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie groß auch dieser Bereich des bischöflichen Amtssitzes sein mußte, denn wie mir schien, nahm unser nun folgender Gang kaum ein Ende. Dabei fragte ich mich auch, welch merkwürdiges und mir unbekanntes Informationssystem es meinem Wächter ermöglicht hatte, den Zeitpunkt unseres Aufrufes über eine so große räumliche Entfernung zu erfahren, denn wir gingen über mindestens fünf Treppen und entsprechend viele Flure und kamen schließlich auf einen längeren Gang, an dessen Ende ich zum Betreten eines Raumes aufgefordert wurde. Auch dieser Raum war auffallend groß. Sein Charakter war der einer repräsentativen Amtsstube. Der Mann, der mich hier empfing und mir zum ersten Mal zu erkennen gab, dass er sich mit mir unterhalten wollte, war mir allerdings wirklich nicht unbekannt. Ich kannte ihn sogar so gut, dass ich mich wunderte, ihm erst in einem so entlegenen Bereich des Amtssitzes zu begegnen. Es war nämlich niemand anderes als jemand, der mir in den unterschiedlichsten und unerwartetsten Situationen immer wieder begegnet war, so dass ich darin schon fast einen schicksalsmäßigen Umstand sehen musste. Es war kein anderer als der mir bereits in meinem ersten Traum erschienene Priester Sedes, der hier eine überaus wichtige Funktion innehaben mußte. Die ganzen Umstände dieser plötzlichen Gegenüberstellung legten mir mehrere Dinge gleichzeitig nahe, nämlich zum einen, was mir allerdings teilweise schon bewusst war, dass seine Stellung gegenüber dem Bischof den eines normalen Priesters weit übertraf, und zwar so sehr, dass er hier nicht nur eine gelegentliche, sondern eine ständige Stellung einnahm, sowie zum anderen, dass seine eigene frühere Befragung durch den Bischof in Gegenwart des Barons mich keineswegs zu der Annahme veranlassen durfte, dass er sich dieser nicht auch hätte entziehen können, wenn er das gewollt hätte, sowie der damit verbundenen Tatsache, dass er sehr gut wusste und sich wohl entsprechend daran erinnern konnte, wer ihm dabei zugehört hatte. Wenn jemand überhaupt einen Verdacht hinsichtlich meines Doppelspiels haben konnte und bestimmte Hintergründe durchschaute, so war es nach allem dieser Priester Sedes. Das konnte mir auch meine Bestellung erklären, und darauf schienen auch die Fragen hinzudeuten, die er nun an mich stellte.

„Wie lange stehen Sie schon in den Diensten Ihres Barons?“ fragte er mich nach einem kurzen Vorgespräch, das vor allem dazu diente, nochmals meine Personalien festzustellen.

Ich rang immer noch nach Fassung, weil ich nie erwartet hatte, dass mir ausgerechnet dieser Mensch in einer amtlichen Funktion solche Fragen stellen durfte. Aber es war mir natürlich klar, dass es daran keinen Zweifel mehr gab und dass es ein großer Fehler gewesen wäre, das zu ignorieren. Ich antwortete also sachgemäß, dass das inzwischen etwas mehr als drei Jahre gewesen waren.

Er stellte daraufhin fest, dass ich in dieser relativ kurzen Zeit ja immerhin eine erstaunliche Karriere gemacht hatte, wenn ich es dabei erreicht hatte, so sehr das Vertrauen des Barons zu erwirken.

„Ist es Ihnen jederzeit erlaubt, den Amtssitz ihres Barons zu verlassen?“ wollte er dann wissen.

Ich antwortete, dass ich diesbezüglich eine gewisse Freiheit besaß, sofern die Umstände es erlaubten oder erforderten, da ich auch bestimmte Mittlerdienste für den Bischof zu erfüllen hatte.

„Gehört dazu auch der Verkehr in bestimmten Lokalen oder Kneipen?“

Ich ahnte bereits, worauf er hinaus wollte, und bemühte mich, einer diesbezüglich weiterführenden Frage insofern zuvorzukommen, indem ich ihn darauf verwies, dass ich in meiner Funktion als Agent natürlich auch solche Lokale aufsuchen musste, in denen nicht nur Standespersonen verkehrten.

Er schwieg eine Weile und fragte dann: „Welcher Art sind denn die Informationen, die man dort erhalten kann?“

„Der Bischof interessiert sich natürlich für konspirative Entwicklungen.“

„Und haben Sie darüber etwas erfahren?“ Die Stimme des Priesters klang keineswegs bedrohlich, sondern erstaunlich sanft, und seine Art der Befragung wirkte auch nicht bohrend, sondern er verstand es, ihr einen betont privaten Charakter zu verleihen. Ich wunderte mich über diesen Menschen inzwischen immer mehr, denn ich lernte allmählich, wie viele unerwartete Facetten er hatte. Wo waren die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, fragte ich mich auch hier, denn auch in meinen Träumen, wenn es solche überhaupt gewesen waren, war er mir immer jeweils so erschienen, dass dadurch das Gesamtbild auf stimmige Weise ergänzt wurde, so als seien mir damit noch wichtige ergänzende Informationen erteilt worden. Irgendwie hatte ich ihn aber bereits von Anfang an richtig beurteilt, und mein Erstaunen war nur das Erstaunen meines Intellekts, nicht aber das meines Unterbewusstseins.

Meine Antwort umging den Kern seiner Frage, und er tat so, als hätte er das nicht bemerkt. Ich wusste allerdings nicht, ob mich das beruhigen durfte, denn dieses Gespräch hatte einen ausgesprochen indirekten Charakter. Ich vermutete auch, dass der so augenscheinliche Kontrast seiner Höflichkeit vor dem Hintergrund der vorhergehenden langen Wartezeit bewusst inszeniert worden war. Vielleicht hatte sogar der Wärter von vornherein die Anweisung gehabt, mich solange warten zu lassen. Aber wie auch immer: alle Fragen waren so an mich gerichtet worden, dass ich nicht umhin kam, in ihnen Hinweise zu entdecken, was dieser Priester Sedes schon alles über mich wusste. Er stellte aber ausgerechnet dort keine Fragen mehr, wo es für ihn so leicht gewesen wäre, mich in Verlegenheit zu bringen, dass er diese schon ohnehin in mir erzeugt hatte, und die Weiterführung der Befragung sich dadurch für ihn erübrigte. Hätte er diese dann auch tatsächlich noch gestellt, so hätte er damit den Eindruck erweckt, dass er ihre Beantwortung noch nötig hatte, woran ich jetzt allerdings nicht mehr zweifeln konnte.

So als habe es sich tatsächlich nur um ein privates Gespräch gehandelt, das lediglich dem gegenseitigen Kennenlernen diente, wurde ich auch plötzlich von ihm wieder entlassen und von dem vor der Tür wartenden Wächter nach draußen geführt, dieses Mal allerdings, wie mir schien, absichtsvoll durch bestimmte Abteilungen dieses Gebäudetraktes, der mir nun wirklich keinen Zweifel mehr darüber ließ, wo ich mich befunden hatte. Dieses war zweifellos der Bereich der ‚Heiligen Inquisition’.

Das zeigte mir, welcher Natur unsere Gegenseite war und dass wir sie auf gar keinen Fall unterschätzen durften. Wir hatten es mit einer gefährlichen Intelligenz zu tun. Und wenn wir bisher schon vorsichtig gewesen waren, so waren wir es noch viel zu wenig gewesen. Nicht nur wir, sondern auch der Gegner hatte überall seine Ohren. Zwar konnte ich mir selber sagen, dass ich mich aus jeder Situation am Ende immer noch befreien konnte, aber das galt nicht gleichermaßen für meine Mitstreiter, die ich ihrerseits durch unüberlegte Operationen in Gefahr bringen konnte. Das zwang mich zu ganz neuen Überlegungen. Trotz einiger gegensätzlicher Auffassungen, auf die ich später noch zu sprechen komme, befanden Jörg Wagner und ich uns in den wichtigen Hauptpunkten unserer Strategie immerhin bisher auf einer Linie. Diese betrafen vor allem die grundsätzliche Strategie unserer weiteren Vorgehensweisen, über die wir uns im Großen und Ganzen schnell einig wurden - vor allem vor dem Hintergrund unserer bisherigen Erfahrungen, wobei ich allerdings nochmals darauf hinweisen muß, dass ich ja hier meine Anwesenheit noch einmal einige Monate zurückdatiert hatte. Zwar war es Wagner auch zu diesem Zeitpunkt  bereits klar, hinsichtlich welcher Umstände besondere Vorsicht nötig war, nur konnte ich ihn dieses Mal noch rechtzeitig auf ganz bestimmte Dinge hinweisen, die er aus seiner Sicht im ersten Akt noch gar nicht hatte vorhersehen können. Ich erinnerte ihn vor allem noch einmal an seinen eigenen Strategiegrundsatz, den Kreis unserer Eingeweihten so klein wie möglich zu halten, denn je kleiner dieser war, desto weniger konnte von unseren Plänen nach draußen dringen. Darum hatten wir uns zwar bisher auch immer schon bemüht, aber aufgrund unserer neueren Erfahrungen konnten wir inzwischen noch besser beurteilen, wie viele Mitwisser wir für jede Tätigkeit jeweils benötigten. Brauchten wir tatsächlich ein ganzes Heerlager? Wir wollten ja unseren Gegnern nicht in einer offenen Schlacht gegenüber treten, der wir ohnehin nicht gewachsen waren, sondern waren uns bereits darüber im Klaren, dass wir ihn nur nach Guerillataktik mit gezielten Sticheleien bekämpfen wollten. Und dazu waren ansich jeweils immer nur wenige ausgewählte Mitkämpfer nötig. Wenn wir dieses Prinzip noch verbesserten, konnten wir uns dabei eigentlich nur auf eine ganz kleine Gruppe beschränken.

„Es ist nur nötig, dass wir die richtigen Leute finden“, sagte ich. „Und je weniger wir dann sind, desto geringer ist auch die Gefahr, entdeckt und verraten zu werden.“

Allerdings benötigten wir auch alle möglichen Zuträger, die jeweils die speziellen Ortskenntnisse hatten, die wir dabei immer brauchten. Und je länger unsere Wege waren, wenn wir als einzelne an verschiedenen Orten operieren wollten, desto mehr Zeit benötigten wir dazu und desto größer waren auch wiederum die Gefahren, unterwegs entdeckt zu werden. Wir erkannten so allmählich, dass es vielleicht das beste war, verschiedene derartige Kernzellen zu bilden, die jeweils nur regional begrenzt operierten, bei denen aber nur die jeweiligen Anführer überregional miteinander Kontakt hatten und überhaupt voneinander wussten. Je mehr wir darüber nachdachten und diskutierten, desto klarer wurden unsere Vorstellungen von einem optimalen Verbund. Dabei blieb die Möglichkeit späterer sukzessiver Änderungen erhalten. Ich dachte unter anderem auch schon recht früh daran, solche überregionalen Kontakte auf verschiedenen Ebenen herzustellen, die sich gegenseitig ergänzten, aber sich auch nur soweit gegenseitig kannten, wie das absolut nötig war. So konnte es etwa überregionale Versorger für Waffen geben, die aber nichts über die jeweils anderen Strukturen, Personen und deren Kompetenzen wussten. Es war dabei in dem Falle nur nötig, dass man ihnen sagte, an welche Orte sie wann welche Waffen liefern sollten und welches dabei ihre Kontaktleute vor Ort waren. Hätte man sie erwischt, so hätten sie selbst unter der Folter nichts weiteres sagen können, als wo sie diese Leute getroffen hätten, denn es war auch nicht nötig, dass sie mehr über diese wussten, als ihr Äußeres beschreiben zu können. Und so war es im Prinzip möglich, einen ganzen Apparat aufzubauen, in dem alle einzelnen Organe nur über das Bescheid wussten, was sie unbedingt wissen mussten. Allerdings musste es Funktionäre geben, die alles richtig koordinierten, doch auch diese sollten nur das wissen, was für ihre jeweilige Funktion unabdingbar war. Wir wollten einen Apparat herstellen, der wie eine Maschine funktionierte. Was weiß ein Zahnrad in einem Getriebe, wie der Motor funktioniert, dessen Teil es ist? Je besser es aber das kennt, was es kennen muss und je mehr es darauf spezialisiert ist, desto besser funktioniert es an seinem Platz.

Irgendwann kamen wir dann auch darauf, dass wir als subversive Organisation auch ein subversives Verkehrssystem brauchten. Ich erinnerte mich dazu an die Kriege aus meiner Gegenwart und speziell an das Tunnelsystem der Vietcong im Vietnamkrieg.

„Was wir brauchen“, sagte ich, „wäre ein unterirdisches System von Gängen, durch die wir überregional verbunden wären.“

„Wie stellst du dir das vor? Wer soll das herstellen? Machst du dir klar, wie viel Arbeit das wäre?“ fragte Jörg Wagner.

„Ja natürlich, aber wir haben ja genügend Mitstreiter dazu.“

„Widerspricht das denn nicht unserem Konzept, nur möglichst wenige einzuspannen? Ein solches System wäre doch deshalb auf doppelte Weise gefährdet, nämlich zum einen, weil wir dazu wieder viele Mitwisser benötigten, und zum anderen, weil auch ein so weit verzweigtes Netz leichter entdeckt werden kann als ein regional beschränktes.“

„Es kommt eben darauf an, wie man es macht“, antwortete ich und hatte dabei wieder die Vietcongtunnel im Auge. „Sowohl was die Arbeiter, als auch, was die Verzweigung der Tunnel angeht, sollten diese immer nur regional operieren und hergestellt werden. Nur wenige von uns wissen dann überhaupt, wie weit verzweigt das System dennoch ist. Und es muss dann eben so gebaut werden, daß sich überall jeweils nur bestimmte Verbindungstüren öffnen lassen, von denen aber nur ausgewählte Leute wissen.“

„Wir müssten es also dabei in Kauf nehmen, dass sich einige unserer Mitkämpfer darin vor Ort verrennen oder von unseren Gegnern in Sackgassen getrieben werden, obwohl es für sie dort noch Verbindungstüren gegeben hätte, durch die sie sich hätten retten können, die sie aber nicht kannten?“

„Ja, das müssten wir im äußersten Fall tun. Anderenfalls könnte ja sonst auch der Gegner diese Geheimtüren selbst oder durch Nötigung unserer Mitkämpfer in Erfahrung bringen. Es wäre sogar möglich, dass sich bereits unter den Arbeitern Spitzel befänden, die so das ganze System verrieten. Nein, es ist nicht möglich, ein solches Wissen über den überregionalen Verbund des Systems allen unseren Leuten mitzuteilen, sondern wir müssen auch dabei nach dem gleichen Prinzip vorgehen wie bei unseren sonstigen Operationen. Das Prinzip sollte stets lauten, dass wir eine strikte Hierarchie herstellen, die darüber entscheidet, wer nur was wissen darf.“

Voller Wehmut dachte ich dabei an die Mittel der modernen Technik, auf die wir hier leider verzichten mussten. Damit war ich wieder bei meinem vorerwähnten Hierarchiegedanken angelangt und dachte, dass eine Organisation bei wachsender Größe gar nicht anders funktionieren kann. Wie leicht wäre es aber auch gewesen, alles über eine zentrale Schaltstelle per Funk und Computersysteme zu regeln, in denen ein paar Techniker vor ihren Monitoren saßen und alles im Blick hatten! Aber mit solchen müßigen Überlegungen durfte ich mich nicht befassen. 

Hier kam uns jedoch ein anderer erstaunlicher Umstand zu Nutze, den ich sonst nie für möglich gehalten hätte, und ich sagte mir, dass es manchmal immerhin doch sehr vorteilhaft war, wenn man auf das Wissen vieler Leute zurückgreifen konnte, denn anderenfalls hätten wir möglicherweise nie erfahren, dass es ein solches Tunnelsystem in einem gewissen Umfang tatsächlich schon gab. Ich fand darüber auch in meiner Gegenwart in einer Bibliothek unter anderem den folgenden Bericht in einem uralten Buch unbestimmter Herkunft, das angeblich nur von Sitten und Sagen handelte, wobei mir einiges aber ganz realistisch und gar nicht unglaubhaft klang, und dem nachzugehen ich für durchaus erfolgversprechend hielt, da einiges davon auch sogar bereits bekannt war. Der Sprache nach musste es etwa im frühen 19 Jahrhundert verfasst worden sein:    

Darf man dem Volke glauben, so ist die ganze Gegend …  von Gängen, welche oft stundenweit durch Berg und Tal, durch Fels und Sand, selbst unter Wasser in der Erde sich fortziehen, unterminiert. Wer hat sie gebaut? Darüber schweigt die Urkunde. Das Volk schreibt sie den Zwergen zu, dann den Rittern, welche von ihren Burgen aus solche Gänge durchbrechen liessen, theils zur Verbindung mit andern Schlössern, theils um heimliche Ausgangspunkte für die Zeit der Gefahr zu haben. Spätere Zeit trug nun auf die Klöster über, was früher von den Rittern galt, und setzte diese in Verbindung, um ungesehen sich zu treffen und die Schätze, welche sie aufgehäuft haben sollen, zu verbergen. Diese Gänge gleichen unterirdischen Heerstrassen und münden sich an uralten Mittelpunkten frühern Lebens; in Schachten führen sie gerade hinauf an das Licht des Tages aus dem Dunkel der Erde, so hoch durch den härtesten Felsen, daß man staunt, wie die Vorzeit solche Kunst, solche Ausdauer, so ungeheure Kosten aufbieten konnte. Liegt der Zweck dieser Gänge bey Burgen, Klöstern, Städten, auch vor Augen, so fragt sich wieder, ob sie nicht schon dagewesen sind zu einer Zeit, wo jene noch nicht waren, ob sie nicht vielmehr als schon vorhanden benutzt wurden. Am räthselhaftesten erscheinen die Zwergengänge: ihr Daseyn ist verbürgt, wozu aber dienten sie, da sie eben nur für Zwerge groß genug sind? Wozu die Kammern, von denen sie unterbrochen werden? … Die Sage schreibt sie einem Urvolke zu, welches von den jetzigen Bewohnern des Landes besiegt, in diese Behausungen unter der Erde sich zurückzog, und weil klein von Gestalt, auch darin leicht Raum fand. Dieses Urvolk ist jetzt zu kleinen bösen Wesen herabgesunken, welchen übermenschliche Kräfte zur Seite stehen. Es ist ferner interessant, wie Zwergengänge neben Gängen aus Burgen sich finden. So ist in A…  der Marktplatz vom Rathhause aus voll solcher Gänge und Kammern; links und rechts von ihnen befinden sich kleine Keuchen, an denen noch die Eisenringe hängen; eine grössere Kammer zeigt noch den Folterherd und an der Decke den Ring für den Aufzugsgalgen. … Von den Burgen ist es etwas Bekanntes, daß von ihrem Innern unterirdische Gänge nach Aussen führten oder Verbindungen herstellten. Gewöhnlich gehen diese Gänge im dichten Walde zu Tage und ein geheimer Pfad darin führt zur Mündung des zweyten Ganges, der von der benachbarten Burg hergeleitet ist. Vielleicht ward auch Wasser, Holz, Speise auf diesem Weg in das Innere der Burg geschafft, besonders zur Zeit der Belagerungen.

Ich war nach unseren ersten Nachprüfungen immer mehr überzeugt, dass es sich bei diesen Berichten keineswegs nur um Sagen und Märchen handelte, sondern dass das meiste davon wahr war, auch deshalb, weil ich etwas Ähnliches auch schon früher gehört und gelesen hatte. Ich war auch überzeugt davon, dass diese Gänge größtenteils in eine noch fernere Vergangenheit zurückgingen als die, in der ich mich jetzt befand. Wenn also unsere Nachforschungen die Existenz dieser Tunnel wirklich bestätigten und wir sie wiederfanden, so mussten wir sie uns nur zu Nutze machen und das System erweitern. Das Wort ‚System’ muss dabei allerdings mit Vorsicht verwendet werden, denn es hatte offensichtlich nur regional diesen Charakter. Doch es war auffällig, dass es tatsächlich solche regionalen Systeme von unterirdischen Gängen und Tunneln über das gesamte Land verstreut bereits gab. In manchen Gegenden waren sie dichter vernetzt und in anderen weniger, aber im Prinzip gab es sie überall. Selbst unter Flüssen gingen sie hindurch. Teilweise wußte man zwar, wer sie gemacht hatte, aber größtenteils waren die ursprünglichen Erbauer inzwischen unbekannt. Bei einigen hatte man sie nie gekannt, und selbst in den ältesten Berichten war nichts mehr darüber zu finden, weshalb sie gemacht wurden. Man wußte nur, dass sie da waren. Viele existierten vielleicht auch noch darüber hinaus, die man gar nicht kannte, die man vielleicht nie gekannt hatte oder nicht mehr kannte, weil man sie bisher nicht gebrauchen konnte. So war es nicht einmal auszuschließen, dass wir diese bei unseren Erweiterungsarbeiten noch zusätzlich entdecken konnten. Viele von ihnen waren aber bereits einigen wenigen Menschen bekannt, die aus ihrem Wissen um sie einen großen Vorteil zogen. Einige der Tunnel dienten, wie es der erwähnte Bericht wiedergab, als Fluchtwege aus oder Verbindungswege zwischen Burgen und Klöstern. Die meisten von diesen wurden sicher von deren Bewohnern eben zu diesem Zweck geschaffen, andere aber nur zuvor oder später vorgefunden.

Auf jeden Fall gaben sie Anlass zu Spekulationen oder Nachforschungen, die viel über die Vergangenheit aussagen konnten, und zwar nicht nur über begrenzte Zusammenhänge, sondern über dunkle Zeiten, in denen die Menschen sich vielleicht lieber unter der Erde versteckten als am Tageslicht zu leben. Es erschließt sich einem dadurch eine ganze Parallelwelt, von der man zuvor gar keine Vorstellung hatte. An ihren Knotenpunkten konzentrierte sich dieses Leben, und man findet an solchen Stellen tatsächlich immer noch unzählige Räume, die den sehr deutlichen Eindruck vermitteln, dass sie früher einmal genutzt wurden, vielleicht als Aufenthalts- oder Lagerräume für Lebensmittel oder gar irgendwelche Schätze. Der Aufwand, mit dem sie nur gemacht werden konnten, lässt viel über ihre Notwendigkeit oder den Reichtum derer erahnen, die dafür verantwortlich waren. Es gibt unter ihnen allerdings auch Gänge, die so niedrig sind, dass man sie wirklich nur als Zwergengänge bezeichnen kann, was aber nicht verwundert, denn es ist bekannt, dass es im frühen Mittelalter bereits Bergwerke gab, in denen nach seltenen Metallen oder sonstigen Bodenschätzen gesucht wurde, und für die man vor allem besonders kleinwüchsige Menschen einsetzte, weil man für diese eben nur so kleine Gänge anzufertigen brauchte. Einige Historiker gehen davon aus, dass auf diese kleinwüchsigen Bergleute unsere Zwergensagen zurückgehen, da sie zu ihrem Kopfschutz mit Vorliebe Zipfelmützen getragen haben sollen.

Nicht immer ist es aber eindeutig, dass es sich bei diesen Gängen um das Werk von Menschen handelt, denn es ist auch möglich, dass sie durch unterirdische Flüsse oder durch Erd- oder Felsverschiebungen entstanden sind. Vielleicht aber sind sie auch von fremden Völkern geschaffen worden, die vor der jetzigen Bevölkerung hier gelebt haben und von ihr vertrieben wurden, wobei es auch wiederum verschiedene Möglichkeiten gibt, nämlich entweder, dass sie diese Gänge bereits vor dem Eindringen der heutigen Bevölkerung geschaffen hatten, oder dass sie sie schufen, um sich erst danach vor ihnen zu verstecken. Wiederum ist es denkbar, dass die nachfolgenden Völker diese dabei gar nicht zu Augen bekamen, sondern ihre Anwesenheit nur spürten, und dass sie ihnen auf diese Weise unheimlich wurden und sie ihnen deshalb möglicherweise magische Kräfte zusprachen. Auch war der Fall gar nicht selten, dass man solche bisher unbekannten Gänge unmittelbar neben neu errichteten vorfand, und dass man sie dann gerne für diese mitbenutzte. Die neuen Nutzer waren dann wohl nicht wenig erstaunt, dass sie in einigen der vorgefundenen Gänge uralte Benutzungsspuren und Werkzeuge vorfanden, bisweilen sogar, wie es auch in dem Bericht schon erwähnt wurde, Eisenringe in den Wänden, die möglicherweise darauf schließen ließen, dass an ihnen Menschen festgekettet wurden. Wenn man solche unter oder in der Nähe von Burgen fand, war das allerdings weniger erstaunlich, weil dadurch eine immer noch bestehende Tradition auf frühere Wurzeln zurückgeführt wurde. Warum sollten denn die heutigen Folterpraktiken nicht auch schon in grauer Vorzeit ausgeübt worden sein? Wir fanden an mehreren Orten sogar etwas, von dessen Existenz nördlich der Alpen zumindest in diesem Umfang selbst unseren heutigen Historikern kaum etwas bekannt war, nämlich wirkliche Katakomben mit Hunderten oder Tausenden von Gräbern oder offen liegenden Toten, die teilweise die Ausdehnung ganzer Dörfer besaßen und auf unbekannte Zeiten, Umstände und sogar Kulturen zurückgingen. Diese Entdeckungen inspirierten uns zu weiteren Plänen, wie wir unser System ausbauen konnten. Jörg Wagner entwickelte ein Szenario, in dem er darstellte, was dabei seiner Ansicht nach schief gehen konnte:

„Wenn unsere Mitstreiter alle nur ein wenig zu viel wissen, kann alles zusammenbrechen wie eine Reihe nebeneinander stehender Flaschen, bei denen eine die andere umkippt. Über das zu umfangreiche Wissen des ersten, den unsere Gegner schnappen, können sie andere ergreifen und über diese die nächsten und so fort. Und wenn sie erst einmal das Prinzip verstanden haben, können Sie uns von allen Seiten angreifen. Dann fliegt alles auf. Die logische Folge davon scheint mir zu sein, dass es eine eindeutige Informationshierarchie geben muss, an deren oberster Stelle wir selber stehen, da wir zweifellos die Köpfe dieses Systems sind. Das heißt, dass kein Angehöriger der nächstunteren Stufe unserer Mitstreiter so viel über uns wissen darf, dass er unsere Identität und unseren jeweiligen Aufenthaltsort, unserer Pläne und überhaupt alles Wichtige über uns verraten kann.“

„Und wie stellst du dir das vor?“ fragte ich ihn.

„Das Problem dabei ist im Augenblick, dass mich bereits zu viele kennen. Von jetzt ab muss ich mich noch mehr verbergen und in den Hintergrund treten. Und über unsere neuen Pläne, die wir jetzt hier entwickeln, bewahren wir strengstes Stillschweigen. Es muss absolut unter uns bleiben. Wir kommen allerdings nicht umhin, gewisse Instruktionen weiterzugeben, und dabei ergeben sich zwei Probleme, nämlich zum einen das, wie wir das tun können, ohne unsere Identität über das absolut notwendige Mindestmaß hinaus bekannt werden zu lassen, und zum anderen, wie wir es dennoch erreichen, die nächstuntere Stufe zur Ausführung unserer Aufträge zu veranlassen. Und es bleibt nicht nur dabei, denn es muss sich auf allen weiteren Stufen so wiederholen: die zweite Stufe muss es ebenso an die Dritte weitergeben - d.h. ohne wiederum erkannt zu werden und dennoch diese dazu zu bringen, das an ihrem Platz Notwendige zu tun - und so fort. Im Endergebnis weiß dann jeder, was er an seinem Platz tun muss, und er weiß auch, dass er dazu von höherer Stelle den Auftrag hat, aber er weiß nichts über die Identität der nächsthöheren Stelle.“

Ich fand es sehr interessant, diese Ideen von Wagner zu hören, denn das zeigte mir, dass solche Vorstellungen schon zu seiner Zeit entwickelt werden konnten. In meiner Gegenwart war das weniger schwer, denn nach dem gleichen Prinzip arbeiteten meines Wissens bestimmte Mafiaorganisationen, über die ich schon oberflächlich etwas gehört hatte - nicht zuletzt allerdings schien auch Patrasters Tempelgesellschaft so aufgebaut zu sein. Aber an sich lag dieses System vor allem für jeden auf der Hand, der mit einer so gefährlichen Macht zu tun hatte wie wir, der wir auf gar keinen Fall in die Hand fallen durften. Die ganze Organisation musste zwar effektiv arbeiten können, jedoch gleichzeitig so anonym, dass über sie und ihre Hintergründe absolut nichts verraten werden konnte. Wenn irgendwo jemand erwischt wurde bei einer Aktion, die unseren Gegnern verdächtig vorkam, durften sie immer nur diesen einzelnen zu greifen bekommen, aber nicht über diesen auch andere. Selbst unter der Folter konnte er nichts verraten, weil er ganz einfach nichts wusste.

Das Grundprinzip unseres Strategiesystems lag nach meiner Vorstellung in einer Art Mafia-Vietkong-Guerilla. Wir wollten wie die Teufel oder Geister plötzlich an irgendwelchen Orten aus dem Boden schießen und unseren Gegner an empfindlichen Stellen treffen, um danach sofort wieder an den gleichen Stellen zu verschwinden. Sie sollten überhaupt keine Ahnung davon haben, dass wir direkt unter ihren Füßen in der Erde lauerten und sie von dorther gegebenenfalls sogar in ihrem Zentrum beobachteten, während sie weit und breit niemanden sahen und sich völlig unter sich wähnten. Ich erinnere mich dazu an einen Zeitungsbericht über die Vietkong-Parti­sa­nen:

Immer wieder schlug der Vietcong aus dem Hinterhalt zu, anscheinend aus dem Nichts kommend, und war ebenso schnell wieder verschwunden. Als die Patrouillen verstärkt wurden, fand man schließlich kleine Löcher oder Falltüren in Bodenwellen oder Hügeln, die sehr gut getarnt waren. Ganze Gruppen von Soldaten wurden dort hineingeschickt und fanden den Tod. So waren manche Tunneleingänge Attrappen, die mit einer Sprengfalle ausgestattet waren. Durch die Druckwirkung in geschlossenen Räumen reichte eine Granate aus, um alle im Tunnel zu töten. Zusätzlich waren die Eingänge der Tunnelkomplexe mit Dornen und Pfählen gesichert. Eine der heimtückischsten dieser Fallen befand sich meist am Tunneleingang, dort wo man sich am Rand festhalten musste, um hinunterzuspringen. In Augenhöhe war ein kleiner Schlitz eingebaut, durch den ein Vietcong oder eine Fangschnur einen Bambusspeer ins Gesicht des Opfers stieß. War es ein echter Tunnel, so gerieten viele US-Soldaten bei Feindkontakt oft in Panik und schossen unkontrolliert um sich, wobei sie nicht selten mehr eigene Kameraden töteten als Gegner.

Vielleicht konnte es auch bei uns eine Staffelung des Schreckens geben, den wir je nach Notwendigkeit steigerten, um sie davor zu warnen, uns in unser System zu folgen, indem wir etwa zu Anfang alles ganz harmlos verlaufen ließen, so dass sie möglicherweise erst mit Verspätung merkten, dass ihnen irgendetwas Wichtiges fehlte, und sie dadurch aus ihrem Konzept gebracht wurden. In den nächsten Stufen könnten diese wichtigen Dinge immer entscheidender werden, bis schließlich sogar Menschen verschwanden - zunächst einfach nur irgendwelche Soldaten, bis hin zu strategisch notwendigen Führern ihres Lagers. Es wäre sogar denkbar, unter ihren Lagern und Festungen unsere eigenen Lager einzurichten, möglicherweise sogar in mehreren Etagen, so dass selbst in dem Fall, wo sie einen Teil des Tunnelsystems entdeckten, sie dennoch nicht wussten, dass darunter ein weiteres war, und es somit unseren Mitstreitern immer möglich war, ihrem Zugriff zu entkommen. Die Zwergengeschichte brachte mich auch auf den Gedanken, dass es denkbar war, teilweise auch nur sehr niedrige Gänge zu schaffen, die nur von sehr Kleinwüchsigen unserer Mitstreiter zu passieren waren, so dass deren Verfolgung durch Normalwüchsige kaum möglich war. Wie Zwerge müssen auch den amerikanischen Soldaten die Vietcong- Partisanen erschienen sein, die ein ähnliches Tunnelsystem unter ihren Lagern errichtet hatten und plötzlich und für sie selbst überraschend mitten unter ihnen ihren Kopf aus einem Bodenloch steckten, wo man bis dahin gar kein solches vermutet hatte, weil es durch einen sehr gut getarntem Deckel verborgen war. In den meisten Fällen waren dabei natürlich die Vietcong schneller wieder verschwunden, als dass man sie greifen konnte, weil ihre Überraschung weniger groß war. Dann immerhin hatten US Soldaten zwar einen Tunnelzugang entdeckt, nur konnten sie damit wenig anfangen, weil sie einfach zu groß waren, um sich darin bewegen zu können. Und selbst wenn Sie es gekonnt hätten, wären sie auch dabei nicht weit gekommen, weil sich das System als ein unübersichtliches Labyrinth entpuppte, dessen Gänge überall plötzlich endeten und nirgendwo hinzuführen schienen, während die wirklich weiterführenden Gänge nur durch unsichtbare Türen zugänglich waren. Diese Zugänge konnten durchaus auch plötzlich nach unten oder oben führen, so dass es kaum möglich war, sich darin wirklich zurechtzufinden, wenn man sie nicht sicher kannte. Es war zudem auch sehr gefährlich, sich darin umzusehen, nicht nur, weil man sich dabei verlaufen konnte, sondern weil auch alle möglichen Fallen aufgestellt waren, die eine Verfolgung nicht ratsam erscheinen ließen. Zwar versuchten die Amerikaner solche Tunnel teilweise mit Sprengstoffen zu zerstören, aber sie waren dabei kaum erfolgreich. In einem Zeitungsbericht hieß es dazu:

Trotz mehrmaliger Versuche der amerikanischen Streitkräfte gelang ihnen nicht die Zerstörung der Tunnel - weder durch Beflutung, noch durch starkes Bombardement mit B-52-Bombern, noch durch Einführen von Giftgas in die Anlage. Die Zerstörung des gesamten Tunnelsystems war nach Aussagen eines amerikanischen Kommandeurs wegen seiner Tiefe und Ausdehnung nicht möglich

Wenn es aber schon die moderne Amerikaner nicht schafften, wäre das in der vergangenen Zeit, für die ich jetzt solche Überlegungen anstellte, schon überhaupt nicht möglich gewesen. Zwar verfügten unsere Gegner hier auch bereits über gewisse Sprengmittel, aber die reichten an moderne noch nicht heran. Das erschien mir immerhin als ein beruhigender Gedanke, weil er unser System umso sicherer erscheinen ließ.

Die Arbeiten an dem Tunnelsystem wurden regional verteilt, und zwar so, dass die Arbeiter vor Ort jeweils gar nicht wussten, dass sie an einem Gesamtsystem arbeiteten. Sie kannten immer nur einen örtlich beschränkten Rahmen und waren weit davon entfernt, einen generellen Überblick zu gewinnen, der ihnen die Dimensionen ihrer Arbeiten wirklich vor Augen führte. So konnten sie auch keine Vorstellung davon gewinnen, wozu ihre Teilarbeiten letztlich dienen sollten, es sei denn über den jeweils beschränkten Zweck, über den man nicht umhin kam, sie aufzuklären. Sie konnten einerseits der Anlage eines Abwasserkanalsystems dienen, oder aber der Errichtung eines Fluchttunnels, oder eines unterirdischen Verbindungsganges zwischen zwei Festungen oder gar nur einem unterirdischen Bergwerk zum Abbau bestimmter Bodenschätze. Da die Arbeiter also über diesen jeweiligen Zweck hinaus keine Informationen bekamen, hatten sie auch keine Vorstellung darüber, wer sie angeordnet hatte. Alles, was sie wussten, war, dass das irgendwie zur Verfolgung ihrer Ziele diente, denen sie sich als Rebellen gegen die Obrigkeit verschrieben hatten. Dieses Grundvertrauen an ihren gemeinsamen Endzweck in ihnen wachzuhalten, war allerdings absolut notwendig. Es musste so groß sein, dass sie auch verstanden und akzeptierten, warum man ihnen nur so spärliche Informationen über ihre unmittelbaren Tätigkeiten gab. Es sollte auch reichen, den bisweilen aufkommenden Zweifel an einen übergeordneten Sinn zu dämpfen, denn nicht immer leuchtete es jedem ein, warum er etwa ausgerechnet in einem Bergwerk arbeiten sollte, wenn es ihm doch darum ging, sich endlich ganz unmittelbar für sein früheres Leid oder seine frühere Schmach an denen zu rächen, die ihm das angetan hatten. Wenn sie hin und wieder darauf gerichtete Fragen stellten, konnte man ihnen nicht mehr sagen als: „Wartet nur ab! Wir haben ja alle das gleiche erlebt und wollen auch alle die gleichen Antworten darauf geben. Alles was wir hier tun, dient letztlich diesem Endzweck. Es geht ja auch nicht nur um unsere jeweils persönliche Rache, sondern vor allem darum, dauerhaft die bestehenden Missstände zu verändern. Wir können euch jetzt aber nicht mehr sagen, als euch zu bitten, darauf zu vertrauen, dass alles einen Sinn ergibt.“ So blieb ihnen nichts, als daß sie wenigstens nachträglich ungefähr erkannten, wozu die Dinge wirklich dienten, an denen sie selbst zuvor so ahnungslos mitgearbeitet hatten.

Sie benötigten aber für die ihnen abverlangten Arbeiten eine ständige psychologische Betreuung. Besonders unangenehm waren die Erweiterungsarbeiten an alten Gängen, die bereits wissentlich oder unwissentlich als Abwasserkanäle dienten. Selten waren diese von vornherein zu diesem Zweck angelegt gewesen, sondern hatten sich nur zufällig dazu als nützlich erwiesen. Heute sieht man schon nach, wenn man merkt, dass die Abwässer im Boden versickern, aber in der Vergangenheit war man wohl nur froh darüber und nahm es einfach als glücklichen Umstand hin, dass sie damit fort waren und nicht mehr die Luft so verpesteten wie üblicherweise, wenn sie im Straßengraben landeten. Aber der Gestank war ja damit nicht wirklich weg, sondern lediglich unter Tage gelandet und konnte dort auch viel weniger verschwinden. Man musste schon sehr abgehärtet sein, wenn man hier arbeitete. Dieser Bereich unter Tage war nicht nur ekelhaft, sondern auch wegen der Ratten und sonstigem Ungeziefer und der Möglichkeit, sich hier ansteckende Krankheiten zu holen, sehr gefährlich. Die geringste Verletzung, der kleinste Kratzer, konnte zu einem schlimmen Geschwür werden, wenn man damit in dem hier üblichen dreckigen und stinkenden Sickerwasser arbeitete. Die arbeits- und kleidungsmäßige Ausrüstung der Rebellen war zudem sehr primitiv. Von wasserfester oder sonst widerstandsfähiger Kleidung konnte keine Rede sein, an Gummikleidung und Gummistiefel war noch nicht zu denken, und auch ihre Werkzeuge waren größtenteils für den jeweiligen Zweck nicht besonders geeignet.

Unter diesen Voraussetzungen und in der herrschenden Dunkelheit war es äußerst mühselig, mit der Arbeit voranzukommen. Oft kam man in Bereiche, die früher schon einmal benutzt gewesen waren und in denen bestimmte Zugänge für private Zwecke verbarrikadiert wurden. Gelegentlich waren diese durch verrostete Eisengitter versperrt, die zwar meistens aufgebrochen werden konnten, bisweilen aber ernstzunehmende Hindernisse darstellten. Es war nicht nur nötig, dabei geschickt zu sein, sondern oftmals war auch eine schlanke Figur oder geringe körperliche Größe erforderlich, um sich durch bestimmte Ritzen und Spalten zu drängen, wobei man sich immer vergewissern musste, dass man auf dem gleichen Wege wieder zurückkehren konnte. Man durfte aber auch nicht ängstlich sein und musste ein gutes Vertrauen auch zu seinem geistigen Zustand haben, denn unter den hier gegebenen Umständen war es durchaus möglich, dass der Atemmangel und der Gestank die Sinne derartig beeinträchtigten, dass man oft nahe daran war, in Ohnmacht zu versinken. Wachsamkeit, Gesundheit und allgemeine Fitness waren deshalb unbedingte Voraussetzungen, aber alle diese Eigenschaften und Fähigkeiten waren hier auch sehr gefährdet. Angst und Übelkeitsempfinden waren ihre ständigen Begleiter, die selbst nach vielen Wochen nicht verschwanden. Sie waren aber auch notwendig, um rechtzeitig vor äußeren Gefahren oder eigener Selbstüberschätzung zu warnen. Unter diesen Umständen mussten alle mehr oder weniger autonom funktionieren, denn die Verständigung unter den Arbeitern war dabei oft kaum möglich. Gerade die Neulinge waren aber auf bestimmte Hinweise angewiesen.

„Sieh dich vor!“ konnte etwa ein lebenswichtiger rechtzeitiger Hinweis lauten, „Hier musst du dich sehr rechts halten, denn links kannst du im Schlick versacken.“

„Wenn mir das passiert, dürft ihr es mir aber nicht übernehmen, wenn ich dann wieder an das Tageslicht muss.“

„Wenn du es dann noch kannst.“

„Deswegen sind wir hier aber doch schließlich nicht allein, denke ich. Da müssen einem dann die anderen helfen.“

„In manchen Fällen ist es dazu aber zu spät. Es gab noch kürzlich einen Fall, da war einem unserer Leute nicht mehr zu helfen.“

„War er tot? Ist er ertrunken in diesem Dreckwasser?“

„Vermutlich.“

„Was heißt hier vermutlich?“

„Wir haben ihn nicht mehr gesehen. Du machst dir keine Vorstellungen über die Tiefe mancher dieser Löcher, es können ganze unterirdische Seen darunter sein.“

Demjenigen, dem das zum ersten Mal als Möglichkeit eröffnet wird, kann dabei schon allein vor Angst übel werden. Das einzige, was einem hier hilft, ist das Vertrauen zu den Genossen und in die eigene Beherrschung der Umstände. Aber hier war oft alles neu. Hinter jeder Biegung, hinter jeder Ecke, konnten sich die Umrisse der Schächte plötzlich völlig anders darstellen. Sie konnten enger oder niedriger werden, so dass es manchmal nur schwer war, überhaupt darin voranzukommen. Dazu war dann sehr viel Kraft nötig. Besonders schwer war es, wenn man bei zu wenig frischer Luft und zu großer nötiger Anstrengung in so große Atemnot geriet, dass man schon befürchten musste, hier überhaupt wieder herauszukommen. Es war auch nicht auszuschließen, daß es plötzlich draußen zu regnen begann und das Regenwasser durch das Erdreich oder alle möglichen Zuflusskanäle in diese Gänge eindrang und darin plötzlich den Wasserstand so stark ansteigen ließ, dass man darin ertrinken konnte, falls es einem nicht gelang, möglichst schnell wieder an eine höhere Stelle zu kommen. Eine weitere Gefahr bestand darin, dass der Sauerstoffmangel auch die Fackeln zum Erlöschen brachte, so dass man in der dann entstehenden Finsternis jede Orientierung verlor. Solange das Wasser, wo es vorhanden war, seinen normalen Pegelstand behielt, fand man die an dem Geräusch, das sein Fließen erzeugte. Oft aber wusste man nicht, ob man sich dieses nur einbildete, weil es sich in den Ohren festgesetzt hatte und nichts anderes war als das Rauschen des eigenen Blutes. Dieser Zustand war mir oft als ein hier völlig üblicher beschrieben worden, ich konnte ihn mir aber auch gut selbst vorstellen, weil er mich an meine eigenen Visionen erinnerte, in denen es mir auch nicht möglich war, zwischen dem äußeren und inneren Zustand zu unterscheiden. Solche Grenzerfahrungen sind wichtig, um einem die Bedingtheit der Realität vor Augen zu führen. In solchen Momenten ist man auch dankbar für alles, was einem das Gefühl für feste Konturen verleiht. Die Seele braucht die Materie ganz einfach als äußeren Rahmen. Man ist darauf angewiesen, daß man hier feste Wände mit den Händen zu fassen bekommt, am besten solche aus Felsgestein. Diese machen einem dann aber auch wieder klar, wie viel Gewicht des darüber liegenden Erdreiches auf ihnen ruht, und die Erleichterung kann dann wieder in die Sorge übergehen, dass die Tunneldecke bei nächster Gelegenheit über einem zusammenbricht.

Du willst dann weiter, und plötzlich merkst du, dass dich dieser Gang immer tiefer in die Erde führt. Dort ist oft alles derartig brüchig, verwittert und vermodert, dass du bei jedem Schritt aufpassen musst, wohin du trittst. Du kommst in nie geahnte Bereiche, in die ältesten bisher überhaupt. Hier haben sich die Rückstände und der Gestank der Jahrhunderte übereinander abgelagert. Kot und Dreck, verwitterte Ziegel und Schlamm bilden einen gemeinsamen dickflüssigen Brei, bei dem einem schon übel wird, wenn man ihn nur sieht. Die Luftfeuchtigkeit ist außerdem oft so hoch, dass man dabei trotz der hier herrschenden Kälte sofort ins Schwitzen gerät. Dort ist auch der Boden derartig glitschig, dass du sehr leicht ausrutschen kannst, und wenn du dir hier ein Bein brichst und keiner in der Nähe ist, der dir helfen kann, dürfte das wohl dein Ende sein: Wie leicht aber kannst du hier deinen Halt verlieren und in diesem Schlick versinken! Deshalb muss man hier besonders aufpassen, daß man nur dort hingeht, wo kein Wasser ist. Man kann sich schlecht noch eine unangenehmere Arbeit vorstellen als die, die man hier zu verrichten hat. Hier unten hat man es allerdings mehr mit toten als mit lebendigen Tieren zu tun. Anstatt lebenden Ratten, die sich lieber in den oberen Bereichen in der Nähe menschlicher Behausungen aufhalten, treiben hier in den Rinnsalen und Bächen auch tote Katzen und Hunde sowie sonstiges Getier vorbei.

Die meiste Arbeit bereiten allerdings die neu zu bauenden Tunnelschächte, die wie Bergwerksstollen neu vorangetrieben werden müssen und in denen zumindest die Gerüche weniger streng sind. Allerdings ist es auch da bisweilen recht feucht und kalt, und wenn man nicht genügend Zuluftschächte baut, ist auch dabei für die anstrengende Arbeit der Sauerstoffmangel viel zu groß. Hier ergibt sich aber vor allem noch ein anderes Problem dadurch, dass man das ausgehobene Erdreich in nicht allzu großen Abständen nach oben bringen muss. Man muß dabei darauf achten, dass dieses dort nicht entdeckt werden kann, denn wenn man für den Aushub nicht einen nur schwer zu entdeckenden Ort findet, an dem man ihn dauerhaft so gut einplaniert, dass keiner mehr auf die Idee kommt, daß darunter ein Tunnelschacht verlaufen könnte, ist sein eigentlicher Zweck, nämlich seine Unsichtbarkeit, verfehlt. Er kann dann sogar zur Falle werden.

Übrigens war der Bau solcher Tunnelanlagen gerade dort am problematischsten, wo sie für die Zwecke der Rebellen am sinnvollsten waren, nämlich unter den Städten. Hier konnten sie am ehesten solchen Bürgern begegnen, bei denen es nicht sicher war, auf welcher Seite sie standen. Es war zwar nicht anzunehmen, dass sich ausgerechnet Angehörige der höheren Stände auch im Untergrund einer Stadt herumtrieben, auch war es wenig wahrscheinlich, dass Angehörige der ausgegrenzten Stände sie verraten würden, aber es war möglich, dass sie hier von Leuten entdeckt wurden, die sich keinem dieser Stände zuordneten und die sich gegebenenfalls durch Spitzeldienste persönliche Vorteile zu verschaffen versprachen. Hier konnte man demnach eigentlich nur ein paralleles Tunnelsystem einrichten, das so beschaffen war, dass jemand, der hier unbefugt eindrang, sich darin kaum zurechtfinden konnte. Wo sie ein solches Spezialtunnelsystem geschaffen hatten, ließen sie es zwar von eigenen Vertrauensleuten überwachen, benutzten es aber nur im äußersten Fall. Normalerweise galten diese Tunnelbereiche also als tot, und sie hatten auch nur solche Verbindungen an das sonstige System, die ein Fremder kaum entdeckt hätte.

Ebenso wie für die städtischen Bereiche waren in den übrigen über das Land verteilten Bereichen jeweils immer nur bestimmte Überwacher zuständig. Das waren Spezialisten unter den Rebellen, sogenannte Lotsen, die nichts anderes zu tun hatten, als diese Bereiche permanent auf Funktionsfähigkeit und Sicherheit zu kontrollieren, und die sich darin so gut auskannten, dass sie den anderen, die sich nur ausnahmsweise hier bewegten, immer als Führer dienen konnten. Es war unmöglich für einen einzelnen Menschen, das ganze System auch nur ansatzweise zu überblicken. Die Rebellen konnten das nur als Kollektiv, nicht aber jeweils als Einzelne. Bei genügender Übung konnten sie aber ein Gespür dafür entwickeln, um die Logik des Systems zu begreifen und wie sie sich gefahrlos in seinen verschiedenen Bereichen und Ebenen bewegen konnten. Sie mußten dabei immer wissen, wann man das überhaupt wagen durfte und wie lange man dort vernünftigerweise bleiben konnte. Nichts war auch hier gefährlicher, als auf seinen Schutz zu sehr zu vertrauen, denn der Feind konnte überall eindringen und plötzlich vor einem stehen. Es kam auch tatsächlich immer wieder vor, dass dieser einige Eingänge und Abschnitte eroberte, aber er scheiterte an den Dimensionen des riesigen Netzes, das die Rebellen im Laufe der Zeit zu einem regelrechten Spinnennetz ausgebaut hatten, das für sie selbst nur ausnahmsweise verständlich war, für Fremde aber völlig unübersichtlich und voller versteckter Fallen und Finten blieb. Dabei wurden unter anderem viele Verzweigungen eingebaut, die die gegnerischen Söldner oder Agenten irreführten und in Fallen laufen ließen. Das geschah dadurch, dass man etwa die Räume dieser Tunnelsysteme untereinander mehrmals miteinander verband, aber niemals so weit, dass ihr Ausmaß und Prinzip zu überblicken war. Durch die hohe Anzahl der Räume war eine wirkungsvolle Bekämpfung somit praktisch wirkungslos, da sich seine Verteidiger stets in Nebenräume zurückziehen konnten. Es wäre höchstens durch den Einsatz von gegnerischen Söldnern mit Spezialkenntnissen möglich gewesen, die dieses System erkundeten und es verstanden, hier einigermaßen sinnvoll zu operieren und die Rebellen zu bekämpfen, doch diese wären auch dabei immer im Vorteil der besseren Kenntnisse gewesen. Man konnte die Tunnel oft auch nur auf dem Boden kriechend durchqueren, und dabei wäre ein gegnerischer Söldner auch dann verloren gewesen, wenn er diese Gänge entdeckt und sich in sie vorgewagt hätte. Denn er hätte sich darin fast unweigerlich in eine buchstäblich ausweglose Situation gebracht. Selbst wenn der Gegner aber auf Rebellen stieß, so konnte er nur einen davon bekämpfen, aber nicht wie sonst gleich mehrere.

Diese Vorzüge galten aber nicht nur innerhalb des unterirdischen Systems, sondern mit seiner Hilfe auch über der Erde. Man konnte es in alle gewünschten Richtungen ausweiten. Es war nicht lange möglich und auch eigentlich nicht notwendig, wenigstens das Prinzip des gesamten Netzwerkes vor unseren Rebellen zu verbergen. Nachdem unsere Mitstreiter das erst einmal richtig erkannt hatten, war es ihnen klar, wofür sie ihre Vielzahl auch wirklich benötigten, nämlich nicht als Frontkämpfer gegen feindliche Landsknechtsheere, sondern vor allem als Bauarbeiter für ihr immer weiter verzweigtes Tunnelsystem und die immer häufigeren Bastions- und Festungsbauten, die sie dadurch miteinander verbanden.

Das war das Prinzip, auf das wir uns in unserem neuen Führungsstab geeinigt hatten, innerhalb dessen sich bestimmte Männer als maßgeblich profilierten. Jörg Wagner musste dabei natürlich vor allem seine eigene Durchsetzungsfähigkeit und Kontrolle im Auge behalten, weil damit alles stand oder fiel. Er hatte die Leitung des ersten Lagers und unserer neuen Bastion vor allem Kogelbacher und dessen Leuten überlassen und sich deshalb selbst wieder mehr auf die Organisation des Gesamtsystems verlegt, während ich mich völlig frei hielt und ihm nur von Fall zu Fall Hinweise geben wollte. Bis wir für unsere weiteren noch zu errichtenden Bastionen und das Tunnelsystem weitere Funktionäre fanden, übernahmen wir selbst noch deren Oberleitung. Auf jeden Fall hatten wir somit ein einigermaßen klares Konzept für unsere weiterführende Strategie. Die Nachteile unserer vornehmlich bäuerlichen Rebellengruppen, nämlich ihre mangelnde überregionale Organisation, ihre schlechte Bewaffnung, mangelnde kriegerische Ausbildung und ganz einfach ihre zu große Gutgläubigkeit und Unerfahrenheit hatten wir damit vor allem dadurch kompensiert, dass wir eine klare Entscheidungshierarchie geschaffen hatten und unsere Mitstreiter nur noch nach ihren jeweiligen Fähigkeiten einsetzten. Unsere Befehlshierarchie war mit Hilfe des Tunnelsystems sehr einfach und wirkungsvoll durch eine Informationshierarchie ersetzt worden. Demgegenüber konnte der Gegner seine Vorteile und Stärken, die in seiner militärischen Disziplin und Kampffähigkeit sowie seiner guten Bewaffnung und vor allem auch in seiner Hintertücke lagen, kaum noch zur Geltung bringen. Wir boten ihm auf unserer Seite einfach niemanden an, den sie im unmittelbaren Kampf besiegen oder durch falsche Versprechungen übervorteilen  konnten. Wir wollten es auch nicht ermöglichen, dass ihre Söldnerführer mit einem unserer Unterführer irgendwelche Vereinbarung trafen, und boten ihnen deshalb nichts an, was den Charakter einer Kontaktstelle haben konnte, denn alle unsere wichtigen Gemeinschaftsfunktionen befanden sich nach deren Ausbau nur noch in unseren Bastionen und unterirdischen Tunnelsystemen. Das galt auch für alle Lager für unsere Verwundeten, das heißt Lazarette und allgemeine Heilstätten, die anderenfalls leicht von der Gegenseite hätten überfallen werden können und sich zum Beispiel zur Geiselnahme angeboten hätten. Jeder Einzelne, den sie verdächtigen konnten, zu uns zu gehören, und den sie möglicherweise durch Zwang oder freiwillig auf ihre Seite brachten, wurde ihrem Zugriff schon durch den dann folgenden Informationsabbruch entzogen. Sie sollten es nur noch mit einer unsichtbaren Armee zu tun haben, die zwar zugleich an allen möglichen Orten zugreifen konnte, aber stets ebenso schnell wieder verschwunden war.



[1] Wiedergegeben in ‚Sitten und Sagen der Oberpfalz ’ von Franz Schönwerth

 

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