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 Die Tulpa

 

05. Februar 1518

Briefliche Nachricht des Barons Freiherr von C…   an den Fürstbischof Monsignore Basilus …… D…!

Euer Ehren, Wir möchten Uns in Unserer Sache noch einmal mit einem deutlichen Appell an Euch wenden. Die ganze Umgebung Unseres Landes bis weit in die Nachbarländer ist geschwängert von Empörung und Aufruhr. Gerade aber in unserer Nähe sind seine gefährlichsten Brutstätten, und man weiß nicht, welches Getier aus Ihnen ausschlüpfen wird. Es gibt dagegen bis heute immerhin noch an die 200 Klöster, Burgen und Schlösser in unserem Lande, die zwar meistens Bollwerke, oft aber auch nicht wehrhaft genug sind, um der Macht des Pöbels standzuhalten. Die Lage ist so, dass dieser Bodensatz nun nicht mehr zwischen unseren Festungen lose zerstreut ist, sondern sich zusammengeballt und bereits eigene Festungen gebaut hat. Diese mögen zwar noch zumeist sehr primitiv sein, aber es wird für unsere Sache immer dringender, sie niederzureißen, bevor sie sich zu wirklich ernstzunehmenden Gegenfestungen entwickeln. Mittlerweile haben sich, wie Wir aus zuverlässiger Quelle Unserer Zuträger wissen, die Dinge bis zum Äußersten entwickelt. Noch vor einer Woche ist es dazu gekommen, dass sich sogar die Bürgerschaft von X… Stadt (und sie ist darin, wie Ihr sicher wisst, nicht die erste) unter dem Druck des rebellischen Pöbels, der sich dazu durch ihre Führer hatte aufstacheln lassen und in seinem Wahn wohl selber nicht wusste, was er tat, gezwungenermaßen dazu hat bringen lassen, ihm es nicht zu wehren, dass dieser selbst in das Rathaus eindrang und dort zeitweise das Regiment übernahm. Die neuen selbsternannten Herren stellen alle Verhältnisse auf den Kopf und fordern für sich Rechte und Freiheiten, die Wir selbst den Patriziern nicht zugestehen könnten. Das ist das wohlbedachte Werk einiger Uns bekannter Prediger und Ketzer und sogenannter Reformatoren. Diese wühlen alles auf und haben dem Landvolk die Idee in den Kopf gesetzt, sie könnten sich selbst an die Spitze des Universums auf Gottes Thron setzen und göttliches Recht für sich in Anspruch nehmen, oder was dergleichen in ihren Köpfen spuken mag. Wenn es dahin kommt, werden selbst Ratten das Regiment übernehmen und der Edle in den Sumpf gestoßen. Ihr wisst selber, Hochwürden, wie Wir Euch schon berichteten, von dem Wahn selbst Unserer eigenen Bauern, deren einer neulich sogar sich anmaßte, selbst Jäger unter Unserem Wild zu spielen und es zu erschießen wie ein Herr. Es kommt dahin, dass sie gar keine Grenze mehr finden, und am Ende meinen, sie könnten es sich in Unseren Burgen bequem machen. Wenn wir Ihnen nicht Bollwerke der Ordnung entgegensetzen und diese ihnen nicht mehr standhalten, wird nicht nur unsere gesamte Christenheit, sondern alles, wofür der menschliche Geist und die menschliche Vernunft steht, mit Sicherheit untergehen. Unsere Kultur, Unser Recht und Unser Stand gründet sich darauf, dass Wir einst als Gefolgsmannen des Kaisers und der Fürsten ein Reich aufgebaut haben und es gegen fremde Barbarenvölker siegreich geschützt haben. Leider ist es schon dazu gekommen, daß Schwerter, Lanzen und Rüstungen immer mehr durch Feuerwaffen verdrängt wurden und unsere Ritter in ihren schweren Rüstungen sich im Kampfe als zu wenig wendig erwiesen, um gegen die neuen Landsknechtsheere noch bestehen zu können, obwohl diese sich vor allem auch aus ehemaligen Bauern und niederem Pöbel zusammensetzen, der allerdings militärisch bestens geschult und bewaffnet ist. Es kann auch von daher dazu kommen, daß Unsere Welt zusammenbricht und nie wieder aufzubauen ist. Mit der Hölle auf Erden, die dann entsteht, kommt auch die Macht des Teufels in die Welt, und  die Apokalypse des Johannes wird zur Realitä. Deshalb ist es notwendig zu erkennen, dass es kein dringenderes Ziel gibt, als diese Pest auszurotten, so schnell es geht, und jeden Aufruhr im Keim zu ersticken.

Wir haben Uns erlaubt, Euch dazu einige Pläne zu entwerfen und sie Euch durch Unseren Boten unterbreiten zu lassen. Wir hoffen auf Eure Güte, diese Eurer Kenntnis zukommen lassen zu dürfen.“ 

Hochachtungsvoll

Baron Freiherr von C

 

Es war übrigens nicht ganz klar, mit welchem Recht der so sorgenvolle Baron zu seinem Adelstitel und Besitz gekommen war. Es wurde manches darüber gemunkelt. Was aber seinen gesellschaftlichen Einfluss betraf, so beruhte der sicher zu einem Großteil auf seiner mit großer Beflissenheit gepflegten Nähe zu seinem Fürstbischof, dem er dieses Schreiben zugedacht hatte und bei dem offensichtlich die Fäden der angesichts der in letzter Zeit aufbrechenden Unruhen als notwendig erachteten strategischen Vereinigung zwischen Adel und Klerus zusammenliefen. Von dem Fürstbischof selber war es dagegen bekannt, dass er sich sein hohes Amt mit finanzieller Hilfe bürgerlicher Geldgeber regelrecht erkauft hatte und dass er demzufolge gezwungen war, das zur Rückzahlung dafür nötige Geld von den Bauern wieder einzutreiben, die ihm selbst und den ihm unterstehenden Klöstern hörig waren. Er war damit kein Einzelfall. Wie rigoros solche Herrschaften ganz allgemein dabei vorgingen, ließ sich unzweifelhaft an der Pracht ihrer Residenzen erkennen. Was die Burganlage des Barons betraf, so wirkte diese schon von Weitem wie eine regelrechte Zwingburg, deren prächtiges Gemäuer derartig einschüchternd wirkte, dass man es schon als seltsam betrachten musste, wenn der Baron sich veranlasst sah, sich persönlich überhaupt in eines der Häuser seiner Bauern zu begeben, was in dem erwähnten Fall aber sicherlich eher der Nähe zu seinem Jagdwild zu verdanken gewesen war. Kaum konnte man sich überhaupt vorstellen, dass einer der Bewohner dieses Adelssitzes sich herabließ, um über den Burggraben hinweg der Welt einen Besuch zu machen. In alle Richtungen des Himmels waren die Mauern der Anlage mit hoch aufragenden Türmen versehen, die wie das Gesetz des Himmels über die an den Berghang geschmiegten ärmlichen Bauernkaten zu wachen schienen, zwischen denen ärmliche Kreaturen herumgeschlichen, die sich beim Nahen fremder Besucher ängstlich verdrückten. Nur die Kinder dieser Menschen schienen eher neugierig als furchtsam; sie waren allerdings ebenso in ärmliche Lumpen gekleidet und wirkten dreckig und halb verhungert.

Ein Fremder, der über die Burgbrücke durch die prächtige Toranlage geritten kommt (und man kann sich kaum vorstellen, dass er hierher ohne Pferd oder Wagen kommt), findet sich danach im Vorhof der Burganlage und begegnet dort zuerst dem Personal, vielleicht dem Stallknecht, der ihm entgegenkommt, um sein Pferd in Empfang zu nehmen. Er gelangt danach über eine gewaltige Treppenanlage in das Hauptgebäude, um dort endlich, falls es ihm überhaupt so weit zu kommen gelungen ist, dem Hausdiener sein Begehren mitteilen zu können. Man lässt ihn allerdings lange warten, und er hat genügend Zeit, sich in diesem kalten Gemäuer umzusehen, das selbst von einem riesigen Kamin kaum insgesamt erwärmt werden kann und der deshalb eher der Dekoration oder der Repräsentation dienen  mag. Ganz unwillkürlich teilt sich dem Besucher unter dem dumpf hallenden Gewölbe auch die Kälte mit, die in den Bewohnern dieses Hauses selber überwiegt. Er kann nicht anders, als deren Hochmut in allem wahrzunehmen, was ihn hier räumlich umgibt. 

In dieser Welt gibt es eben noch eine strikte Ordnung die deutlich zwischen unten und oben unterscheidet. Nichts reicht von unten auch nur zur Mitte, und von dort ist der Weg noch ebenso weit nach oben. Wie es aber dem Baron selber gelungen sein mag, sich seine gesellschaftliche Stellung vor allem mittels seiner Devotheit nach oben zu sichern, so teilt sich dieses Prinzip natürlich auch seinen Untergebenen mit, und er kann nicht anders, als in jedem Wort, das ihm von dort mitgeteilt wird, einen unechten Klang zu vernehmen.

Der Sekretär und Schreiber des Barons, der gerade den vorgenannten Brief in dessen Namen geschrieben hatte und den wir bereits als einen seiner beiden ständigen Begleiter kennengelernt haben und von dem wir auch wissen, dass er nicht nur schreiben, sondern auch unter Umständen, wenn es erforderlich war, kräftig zupacken konnte, war nun zu seinem hohen Herrn getreten, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten: „Wenn ich mir hier eine Bemerkung gestatten darf, Euer Gnaden, so sollte es vielleicht bedenkenswert erscheinen, dass wir mit den wenigen Söldnern, die uns selbst momentan zur Verfügung stehen, gegen diese Massenheere des Bauernpöbels nur dann bestehen können, wenn wir auf alle Informationen zurückgreifen, die wir durch unsere Verbindungen allerdings haben.“

„Wir schätzen Ihren Rat, mein lieber Gründel“, antwortete der Baron, „aber Unser Brief war ja ansich gerade darauf gerichtet, zu erreichen, dass der Fürstbischof endlich unter seiner Oberleitung größere Heere zusammenbringt.“

„Meint Ihr nicht auch“, fragte der Sekretär, „dass es uns vor den Augen der anderen gut stehen könnte, wenn wir bereits alleine in dieser Sache etwas erreichen könnten?“

„An was denken Sie dabei?“

„Ich habe zufällig erfahren, dass es in unserer Nähe ein schlecht bewachtes und chaotisch geführtes Bauernlager gibt. Und ich habe, Eure gnädige Erlaubnis vorausgesetzt, auch Erkundigungen darüber eingeholt, wie die dortigen sonstigen Verhältnisse sind. In einem solchen Fall wäre es wohl ganz überflüssig, mit einem ganzen Heer anzurücken, denn es wäre sehr leicht, den Bauernhaufen auch nur mit wenigen Söldnern militärisch zu überwältigen. Das wäre zwar so leicht, dass es sicherlich keiner Ruhmestat gleichkäme, aber es diente doch der eigenen Profilierung im bischöflichen Lager.“

Auch die Berater des Fürstbischofs waren aber wachsam und hatten ebenfalls ihre Pläne entwickelt. Deren zuständiger Söldnerführer hatte seinerseits unter den fraglichen Rebellenhaufen schon genügend eigene Leute eingeschleußt und erfahren, dass es in diesem Fall sogar möglich war, das Lager ganz zu übernehmen. Damit wäre allerdings der ursprüngliche Plan des Barons insoweit abgewandelt oder relativiert worden, als man sich auf diese Weise immerhin einen subversiven Zugang auch zu den anderen Bauernlagern verschaffen konnte.

Dem listenreichen Helfer des Barons sollte ich übrigens noch wenig später an einem anderen Ort begegnen. Kurze Zeit darauf fühlte sich nämlich bei einem unserer regelmäßigen Treffen Patraster bemüßigt, mich, wie er sagte, ernsthaft ins Gebet zu nehmen.

„Ich muß Sie nochmals daran erinnern, dass ich es nicht akzeptieren kann, dass Sie in unseren Experimenten ohne mein Wissen eigenmächtig handeln“, sagte er. „Wenn Sie das tun wollen, kann ich Sie natürlich nicht daran hindern. Aber ich werde dann jede weitere Verantwortung für  unsere Zusammenarbeit ablehnen. Dann müssen sie eben ohne mich weitermachen, wir werden uns  dann gegebenenfalls trennen. Sie haben  offenbar noch immer keine Vorstellungen von den damit verbundenen Gefahren. Wenn Sie also bei ihren Trips, wie ich sie nennen möchte, weiterhin meine Hilfe und Begleitung wünschen, dann sollten Sie alle Experimente, die Sie möglicherweise vorhaben, auf jeden Fall zuvor mit mir selber absprechen.

Seltsamerweise rückte er nicht damit heraus, worauf er damit einspielte, ich konnte es mir aber denken, denn das wurde mir aus der folgenden Geschichte klar, über die er mir allerdings erst einige Tage später in einem ganz anderen Zusammenhang berichtete:

Die beiden jungen Männer jener Bauernfamilie, deren Vater so übel mitgespielt worden war, befanden sich meines Wissens in einer sehr bedrohlichen Situation. Das wurde ihnen allerdings erst klar, als sie in ihrem regelmäßigen Treffpunk in der Wirtschschaft des Mauer- Schrankwirtes Klas Luckenberg, in der auch die Boten des Rebellenhauptlagers verkehrten, einen der Helfer des Barons wiedererkannten, der gerade noch in dessen Begleitung vor zwei Tagen in ihr Haus eingedrungen war.

„Ist Ihnen der bekannt?“, fragte Marten, der ältere der Brüder, den Schrankwirt.

„Nein, der ist hier zum ersten Mal“, antwortete der. Doch als sie ihm erzählten, was sie über den wussten und wie sie ihn kennengelernt hatten, wollte er das nicht akzeptieren. „Das kann ich mir nicht denken“, sagte er, „denn ich habe mich längere Zeit mit ihm unterhalten und habe einen ganz anderen Eindruck von ihm.“ Er begab sich dann zu seinem neuen Gast und sprach längere Zeit mit ihm, wobei er wiederholt auf die beiden Brüder deutete, die noch an seiner Theke standen. Endlich kam er dann zu diesen zurück und riet ihnen, sich mit ihm zusammenzusetzen und sich gegenseitig näher kennen zu lernen. „Er ist jedenfalls zu einem Gespräch bereit“, sagte er, „und ich würde Ihnen sehr raten, davon Gebrauch zu machen, im Interesse ihres Vaters zumindest, denn vielleicht kann er ja für den doch noch etwas erreichen.“

Er führte die beiden also an den Tisch, an dem der andere bereits saß und machte sie gegenseitig miteinander bekannt.

„Ich kann natürlich eure Vorbehalte mir gegenüber verstehen“, erklärte ihnen ihr neuer Gesprächspartner, „aber ich bitte euch ebenfalls um euer Verständnis dafür, dass ich mich gar nicht anders verhalten konnte, als ich es tat, um nicht das Misstrauen des Barons zu erwecken. Ich bin übrigens noch nicht lange in seinen Diensten, und ich hätte es vermutlich noch nicht einmal so lange bei ihm ausgehalten, wenn ich ihn so kennengelernt hätte, wie bei dieser letzten Gelegenheit. Denn er ist sonst an sich ganz umgänglich. Der eigentliche Grund, weshalb ich in seine Dienste trat, bestand aber darin, dass ich durch ihn Informationen über die Umgebung des hiesigen Bischofs erhalten wollte, bei dem viele Fäden jenes Zusammenschlusses zwischen Adel und Klerus zusammenlaufen, die zur Zeit gegen die ihnen immer bedrohlicher erscheinenden Bauernaufstände geknüpft werden. Der Bischof ist dabei wie eine Spinne im Netz und hat viele Zuträger, von denen man sich normalerweise gar keine Vorstellung macht.“

„Können wir das so verstehen, dass Sie tatsächlich ein Agent unserer Sache sind?“

„Ihr meint: die Sache der Bauern?“

„Ja, natürlich.“

„Nun, hier können wir darüber reden, aber normalerweise solltet ihr damit vorsichtig sein. Ich weiß ja nun, dass ich euch vertrauen kann, sonst würde ich mich euch gegenüber nicht so offen darüber erklären. Ich selber habe mich jedenfalls immer damit sehr versteckt gehalten, und deswegen könnt ihr mich natürlich auch gar nicht kennen.“

„Wenn Sie aber auch unser Wirt nicht kennt…?“

„Ihr meint, dann kennt mich keiner bei euch? Das wird wohl so sein. Aber wer kann schon wissen, wer zu welcher Seite gehört? Es gibt viele Queragenten, und ich sehe mir die Menschen immer erst ganz genau an, bevor ich mich selber zu erkennen gebe. Was zum Beispiel könnte ich sonst über euch wissen, wenn ich nicht zufällig selber Zeuge dieser Szene geworden wäre, was mir aber nur deswegen gelungen ist, weil man mich auf der anderen Seite als einen der ihren betrachtet? Wie auch immer, ich habe jetzt meine Gründe, warum ich mich euch gegenüber zu erkennen gebe, denn ihr befindet euch an einem wichtigen Punkt eures Informationsnetzes, der zurzeit ohne euer Wissen gerade durch euch sehr gefährdet ist.“

„Das müssen Sie uns näher erklären.“

„Deswegen bin ich auch hier zu euch gekommen. Ich wusste ja, dass ich euch hier antreffen würde. Um euch aber klarzumachen, worum es geht, möchte ich euch bitten, dass wir gemeinsam jetzt in euer Elternhaus zurückkehren. Dort werde ich euch dann weiteres zeigen. Ich hoffe allerdings, daß dann zumindest auch euer jüngerer Bruder dabei ist, den ihr gelegentlich als Boten einsetzt, wie ich weiß. Das, was ich euch nämlich zeigen möchte, hat etwas damit zu tun.“

Die drei verabschiedeten sich also aus der Wirtschaft und begaben sich zum Elternhaus der beiden Jungen, in dem sie auch deren jüngeren Bruder antrafen. Verständlicherweise wurde der Begleiter der beiden älteren Brüder von deren restlicher Familie zunächst kaum freundlich aufgenommen, und es bedurfte längerer Erklärungen, um deren Akzeptanz für ihn zu erreichen. Er stellte sich hier unter seinem Namen Melchior Gründel vor und setzte sich schließlich mit den drei Brüdern in einer separaten Ecke des Hauses zusammen, um ihnen verschiedene Fragen zu stellen. Dort saßen sie also alle vier zusammen - der Gast Melchior, ein Mann im mittleren Alter, den wir noch später näher kennenlernen werden, und die drei Söhne des Bauern Simon Koninck, Marten, der älteste, ein sehr ernsthaft und leider auch schon recht traurig wirkender junger Mann, sein fast gleichaltriger Bruder Kristan, ebenfalls sehr ernsthaft, aber gelegentlichen Scherzen nicht abgeneigt, und ihr etwa sechs Jahre jüngerer Bruder Sebastian (er mochte ungefähr 13 oder 14 Jahre alt sein), der allerdings auch noch nicht der jüngste der Jungen dieser Familie war, denn sie hatten noch zwei etwa fünfjährige Brüder, bei denen es sich offenbar um Zwillinge handelte. Neben den fünf Söhnen gehörten noch vier Schwestern zur Familie, zu der außerdem noch drei weitere Kinder gehört hatten, die inzwischen aber verstorben waren. Eine so relativ große Kinderzahl war in dieser Zeit auch unter den armen Bauern fast normal, es war aber auch normal, daß eigentlich nur jedes zweite Kind überhaupt das Alter von 20 Jahren erreichte und nur die wenigsten ihr 50. Lebensjahr erlebten. Jedenfalls galt das für die Bauern, die kaum eine nennenswerte ärztliche Versorgung hatten. 

„Meines Wissens hattet Ihr hier noch vor kurzem Besuch von einem Pfarrer“, eröffnete Gründel das Gespräch. „Erinnert ihr euch noch an den?“

Alle drei bestätigten das.

„Nun - darf ich euch fragen, was ihr von dem haltet?“

Die drei Brüder sahen sich gegenseitig an, als käme ihnen diese Frage zum ersten Mal. Es war Sebastian, der sich als erster dazu meldete. „Nun, der ist sehr streng“, meinte er, „und sehr gewissenhaft.“

„Meint ihr das auch?“, fragte Melchior die beiden älteren.

Diese drucksten etwas herum; Kristan griente ein wenig, während Marten überhaupt nichts zu entnehmen war.

„Kristan, du scheint mir davon nicht ganz so überzeugt zu sein, wenn ich deinen Gesichtsausdruck richtig interpretiere.. oder irre ich mich da?“

„Ich weiß nicht..“

„Was heißt das? Was weißt du nicht?“

„Also, der kommt mir doch sehr scheinheilig vor.“

„Was heißt hier scheinheilig?“ fragte Sebastian ihn etwas konsterniert. „Laß das einmal Mutter hören.“

Diese war tatsächlich aufmerksam geworden und hatte vielleicht auch ein wenig davon mitgehört, worum es hier ging, wandte sich aber wieder betont ihrer eigenen Arbeit zu, als sie die abwinkende Geste ihres Besuchers bemerkte, der sie jetzt nicht dabei haben wollte.

Er fragte stattdessen den Jungen betont leise und ein wenig verschwörerisch, sodaß sie das nicht mithören konnte: „Deine Mutter ist wohl sehr fromm?“

„Aber ja!“

„Und deine Brüder weniger?“

Der Junge sah zu denen hin, die das natürlich ebenso gehört hatten wie er selbst. Deshalb überließ er ihnen lieber die Antwort, von denen der Besucher sie wohl auch ebenso erwartet hatte.

Es war Marten, der jetzt antwortete: „Natürlich sind wir auch religiös. Was soll denn diese Frage? Aber Kristan hat schon Recht, was diesen Priester Sedes betrifft. Wie kam denn der hier bei uns in das Haus? Das war schon ganz ähnlich wie bei Ihnen.“

„Was mich betrifft, so habe ich euch das ja schon erklärt. Aber das mit dem Priester verstehe ich noch nicht ganz. Was wollte der denn hier?“

„Er wollte seinen Leuten, die er mitgebracht hatte, offensichtlich zeigen, wie arme Leute so wohnen, und dass die selber schuld an ihrer Armut waren. So habe ich es jedenfalls verstanden.“

„Du auch?“ fragte Herr Gründel an Sebastian gewandt.

„Ja schon  - aber meine Mutter hat mir das später anders erklärt. Sie hat mir gesagt, das sei ein frommer Mann, und solche Leute sind eben oft sehr wunderlich. Oder so in dieser Art meinte sie das.“ Er sah wieder zu seiner Mutter hinüber, als wünschte er, dass sie das mit ihren Worten selber erklärte.

Gründel hielt ihn bei der Stange: „Ja, ich sehe, daß du das gerne deine Mutter selber erklären ließest, aber mir geht es jetzt nicht darum, was deine Mutter denkt, sondern ich möchte gerne wissen, wie du selber meinst, dass sie darüber denkt.“

„Und warum?“

Melchior Gründel antwortete nicht darauf, sondern schien das Thema wechseln zu wollen, indem er die nächste Frage an alle drei Brüder richtete: „Ich möchte euch einmal etwas anderes fragen: geht ihr alle sonntags in die Kirche?“

„Was soll das denn?“ fragte jetzt Kristan, der Zweitälteste, etwas ungehalten. „Jetzt kommen Sie mir wirklich vor wie dieser Priester Sedes.“

„Wenn man sehr viel zu tun und wenig Zeit hat, kann man da doch schon auf den Gedanken der Arbeitsteilung kommen, oder? Ich meine, wenn einer von euch die lästige Pflicht des Kirchenganges erledigt, kann man es so auffassen, dass der das stellvertretend für alle macht und sich die anderen dann anderen wichtigen Arbeiten oder Aufgaben zuwenden. Die Umstände können das manchmal erzwingen. Ich hätte dafür jedenfalls Verständnis. Und vielleicht sieht das eure Mutter auch so und denkt, wenn einer das tut, erledigt er damit eine wichtige Pflicht.“

„Was heißt hier wichtige Pflicht?“ fragte Marten. „Ich denke, dass das die Absicht dieses Priesters war, diesen Eindruck einer Pflicht zumindest bei unserer Mutter zu erreichen. Aber ich sehe das anders.“

„Und wie?“

„Ich verbinde meinen Glauben nicht mit der Kirche. Und besonders nicht mit diesem Priester. An sich haben wir für so etwas gar keine Zeit.“

„Das solltest du aber nicht zu laut sagen“, riet ihm Gründel. „Wenn das in falsche Ohren kommt… Am Ende kann man damit sogar auf dem Scheiterhaufen landen:“

„Natürlich, und das gilt besonders für die Ohren dieses Priester Sedes.“

„Das ist ein hartes Urteil, mein Junge“, stellte der Besucher fest. Und an der jüngsten der drei gewandt fragte er diesen: „Denkst du das auch?“

„Das weiß ich nicht. Wie soll ich das wissen? Ich kenne ihn schließlich nicht.“

„Nehmen wir einmal an, du würdest ihm in der Kirche beichten. Dann dürftest du es doch nicht wagen, ihm so etwas anzuvertrauen, wenn du nicht weißt, ob er das für sich behält?“

Sebastian zögerte etwas. „Sie meinen, dass ich ihm sagen würde, dass mein Bruder so etwas geäußert hat, also, dass er meint, er habe besseres zu tun, als in die Kirche zu gehen? Vielleicht wäre das so gesehen gefährlich. Das stimmt.“

„So hattest du es aber bis jetzt noch nicht gesehen?“

„Nein, für mich war das harmlos. Aber es gibt natürlich Menschen, das habe ich auch schon gelernt, die einem das Wort im Munde umdrehen und vorsätzlich alles falsch verstehen wollen.“

„Du meinst also, dass man aufpassen muss, was man sagt?“

„Natürlich.“

„Auch was man einem Priester im Beichtstuhl sagt?“

„Was für eine Frage!“, antwortete jetzt Kristan. „Gerade bei diesem!“

„Siehst du das auch so, Sebastian?“ fragte der Besucher.

Der Junge machte jetzt plötzlich einen sehr betroffenen Eindruck. „Warum nicht?“ fragte er nur, aber seine Stimme war deutlich leiser geworden. Er sah den Besucher auf eine merkwürdige Weise an, als ahnte er nichts Gutes von ihm. Dieser wandte sich aber wieder an seine beiden älteren Brüder und wollte von denen wissen, ob sie schon einmal etwas über das Beichtgeheimnis gehört hätten.

„Ihr wißt doch sicher, dass es so etwas gibt. Und ihr wisst ja wohl auch, dass es selbstverständlich ist, daß ein Priester sich daran hält - oder?“

„Allerdings“ antwortete jetzt wieder Kristan.

„Marten, was meinst du?“

„Davon sollte man jedenfalls ausgehen.“

„Das klingt aber so, als wenn du nicht ganz sicher wärest – oder?“

„Würden Sie uns endlich einmal sagen, was diese ganze Fragerei soll?“ Marten war jetzt offenbar der Kragen geplatzt: „Hören Sie gut zu! Wir haben Ihnen bisher, obwohl wir Sie ansich gar nicht richtig kennen und Sie zuerst auch ganz anders kennengelernt haben, soweit vertraut, dass wir Sie sogar in unser Haus eingeladen haben. Aber diese Ausfragerei wird mir jetzt doch allmählich sehr unangenehm. Ich wüsste wirklich gerne, worauf Sie hinaus wollen.“

„Nun, ich habe den Eindruck, dass euer jüngerer Bruder das inzwischen schon besser versteht. Denn der weiß ja offensichtlich auch besser, was man in einem Beichtstuhl sagen darf und was nicht.“

„Wie kommen Sie darauf ?“ fragte Sebastian leise und fast flüsternd.

„Das ist doch eine logische Feststellung, die sich daraus ergibt, dass man es dir auferlegt hat, hier für alle anderen in die Kirche zu gehen. Und ich denke, dann hast du darin einfach mehr Übung. Ich meine, auch was die Beichte betrifft, denn die gehört ja nun einmal dazu, denke ich.“

„Nicht unbedingt“, sagten die beiden älteren Brüder wie aus einem Munde.

„Was denken Sie darüber, fragte der Besucher nun die Mutter, da er sah, dass sie sich Ihnen endlich doch genähert hatte und schon eine Zeitlang neben ihnen stand.

„Wenn Sie damit fragen wollen“, antwortete diese, „ob ich Sebastian gebeten habe, in der Kirche eine Beichte abzulegen, so kann ich Ihnen das bestätigen. Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir auf den Segen Gottes vertrauen können. Wir haben schließlich nichts zu verbergen. Der Priester Sedes kann alles von uns wissen.“

„Sie meinen, Sie haben keine Geheimnisse vor Gott?“

„Nein“, antwortete sie in einem etwas fragenden Ton, als argwöhnte sie, dass er ihr etwas anderes unterstellen wollte.

„So seht ihr es doch wohl auch, oder?“ fragte Herr Gründel die beiden älteren Bruder.

„Allerdings“, versicherten beide gleichzeitig.

„Vor Gott?“

„Ja, wir haben keine Geheimnisse vor Gott.“

„Auch nicht vor den Menschen?“

Die beiden sahen sich gegenseitig fragend an, doch jetzt nicht nur ungeduldig, sondern eher unangenehm berührt.

Der Besucher erhob sich aber plötzlich von seinem Platz und gab für die anderen etwas unerwartet vor, dass er heute keine Zeit mehr habe und vorschlage, dieses Gespräch bei anderer Gelegenheit fortzusetzen. Nun aber müsse er sich darum kümmern, in der Sache ihres Vaters etwas zu tun. Das könne er aber nicht alleine machen und bitte deshalb um die Begleitung der beiden älteren Söhne der Familie. Nachdem sie das Haus verlassen hatten, gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her. Endlich schien Herr Gründel an einem Hang einen ihm geeignet erscheinenden Platz gefunden zu haben und bat die beiden Jungen, sich dort neben ihn zu setzen, denn er habe ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Nach einer Weile begann er wie folgt mit einer längeren Erklärung:

„Ihr wollt wissen, worauf ich mit meinen Fragen hinaus wollte? Nun gut, ich will es euch sagen. Es gibt Dinge, die man zwar guten Gewissens vor Gott vertreten kann, nicht aber unbedingt vor allen Menschen. Dabei kann es aber auch eine Sünde vor Gott sein, dass man einem anderen zu viel von den eigenen Sünden verrät und es diesem überlässt, ob er sein Gewissen darüber erleichtern möchte oder nicht. Ich denke etwa, wenn ihr euren jüngeren Bruder als Boten für eure geheimnisvollen Aktivitäten einsetzt, die der möglicherweise falsch verstehen kann, weil ihr ihm nichts Sonstiges darüber berichtet habt, dann dürft ihr es ihm auch nicht vorwerfen, wenn das sein Gewissen belastet, und er darunter mehr leidet als ihr. Und wenn es außerdem so ist, dass er zugleich durch seine Mutter verpflichtet wird, sich davon in der kirchlichen Beichte zu befreien, so bringt ihr ihn in einen schweren Konflikt, aus dem er sich unter Umständen dadurch befreit, dass er dessen Lösung einem anderen überlässt, an den ihn seine Mutter deshalb verwiesen hat. Habt ihr also nicht etwas leichtsinnig gehandelt, wenn ihr euren kleineren Bruder zu viel wissen ließet und zugleich dem Priester Sedes misstrautet, von dem ihr wissen müßtet, dass euer Bruder sich diesem möglicherweise in der Beichte anvertrauen könnte? Ich meine, auch was die Dinge betrifft, von denen ihr eigentlich wissen müsstest, dass ihr darüber noch nicht einmal ansatzweise eurem Bruder eine Ahnung hättet vermitteln dürfen, weil die nicht nur euch, sondern alle eure Mitwisser betrifft, und die dadurch möglicherweise in eine Gefahr um Leib und Leben geraten? Glaubt ihr wirklich, dass der Priester Sedes - wohl gemerkt als ein Angehöriger des Klerus, von dem ihr ja wisst, dass der insgesamt auch zum Bund eurer Gegner gehört -, immer noch selbst dann sein Beichtgeheimnis wahren wird, wenn ihm eine Sache zugetragen wird, die das Interesse seiner Seite ganz elementar betrifft?“

Melchior Gründel sah jetzt seine beiden sehr blass gewordenen Zuhörer nacheinander bedeutsam an: „Ihr wollt sicherlich wissen, wieso ich darauf komme und woher ich weiß, was euer Bruder dem Priester gebeichtet hat. Nun, das kann ich euch sagen. Ich weiß es von dem, der die damit verbundene Schweigepflicht gebrochen hat.“

„Sie wollen sagen, dass der Priester Sedes Ihnen verraten hat, was Sebastian ihm gebeichtet hat?“

„Mir selber natürlich nicht, und das wäre auch - abgesehen von der unglaublichem Tatsache einer solchen Treueverletzung - sonst nicht weiter tragisch, denn ich hätte es ja für mich behalten. Ich wurde aber Zeuge, dass er es ausgerechnet seinem Bischof weitergetragen hat und dass der unverzüglich alles nur Mögliche in die Wege geleitet hat, um eure Organisation und deren Rädelsführer auszuheben. Ihr seid also auch selber nun sehr gefährdet, und das war der Grund, weshalb ich überhaupt mit euch Kontakt aufgenommen  habe. Wir müssen euch unverzüglich in Sicherheit bringen und alle eure wichtigen Verbindungsleute warnen. Daraus, dass sie noch nicht bei euch waren, läßt sich immerhin schließen, dass es jetzt noch nicht zu spät dafür ist. Deren Seite braucht auch vermutlich noch ein paar Tage, bevor sie zugreift. Das gibt uns eine Möglichkeit, rechtzeitig alles abzubrechen und im Untergrund zu verschwinden.“

Marten wirkte inzwischen wieder sehr gefasst, zögerte aber noch: „Gestatten Sie mir noch eine Frage: Wie war es möglich, dass Sie Zeuge jenes Gesprächs zwischen dem Priester Sedes und dem Bischof wurden?“

„Du misstraut mir also? Das ist gut, denn man muss immer vorsichtig sein, gerade bei Operationen der Art, von denen wir hier reden. Nun, nicht nur ich, sondern auch der Baron, eben jener, der vor ein paar Tagen euren Vater geholt hat, war anwesend, und ich als dessen Begleiter. Dieser Baron ist nämlich gewissermaßen der Kontaktmann zwischen dem Klerus und den Adeligen, und der Bischof hat gerade in diesen Dingen zu ihm volles Vertrauen, auch was dessen Begleitung angeht, in diesem Falle also mich. In der Tat hatte ihn der Priester Sedes zwar zuvor um ein Gespräch unter vier Augen gebeten, aber nachdem der Bischof ihn gefragt und gehört hatte, worum es ging, hatte er ihn über die Anwesenheit des Barons beruhigt und ihm gesagt, dass der das auf jeden Fall mithören sollte. Der Pfarrer Sedes konnte sich allerdings in unserer Gegenwart nicht darüber äußern, auf welche Weise er von den Dingen Kenntnis erhalten hatte, aber ich hatte es mir ungefähr gedacht. Die endgültige Gewissheit darüber erhielt ich aber heute erst durch eure Befragung. Es tut mir leid, wenn ich euch damit etwas lästig geworden bin. Aber auch ich muß schließlich vorsichtig sein und wollte mir dessen sicher sein. Ich habe nämlich den Verdacht, dass dieser Priester beileibe nicht der einzige ist, von dem der Bischof auf diese Weise seine Informationen erhält, und vermute, dass er damit ein ganzes Netzwerk aufgebaut hat.“

 

Hier endete diese Geschichte zunächst, die mir Patraster auf betont beiläufige Weise erzählte. Sie war offenbar allerdings noch nicht ganz zu Ende, denn es ging daraus nicht hervor, was die drei in der Sache des Vaters der Jungen, zu der sie ja gemäß der Aussage des Melchior Gründel aufgebrochen waren, weiterhin unternehmen wollten. Ich hatte aber noch ganz andere und viel grundsätzlichere Fragen dazu.

„Woher haben Sie diese Geschichte?“ wollte ich zunächst von ihm wissen.

„Bestreiten Sie, dass es so war?“

„Nein, durchaus nicht. Warum sollte ich das auch? Es hat alles seine Richtigkeit. Es würde mich nur interessieren, wieso Sie davon wissen. Ich habe Ihnen ja meines Wissens davon nichts erzählt.“

„Und warum nicht?“

„Also bitte! Sie wissen doch, dass ich meine eigenen Übungen absolvieren muss, und zwar auch in Ihrer Abwesenheit. Ohne das geht es nicht:“

„Übungen ja, aber bitte keine Experimente, insbesondere nicht solche von dieser Tragweite.“

Er wiederholte dann nochmals seine schon eingangs erwähnten Vorwürfe, schloß dann aber mit den Worten: „Ich muss bei allem Vorbehalt immerhin sagen, dass Sie dabei schon recht weit gekommen sind, und ich frage mich, wie Sie das überhaupt geschafft haben.“

„Und ich frage mich, wie Sie mich entdeckt haben.“

„Wie Sie wissen, bin ich ja schon verschiedentlich Gast in Ihrer Welt gewesen. Und ich bin auch in der Lage, mir zu denken, in welchem Bereich Sie sich in Verfolgung ihrer momentanen Pläne vor allem aufhalten. Es war nicht schwer, darauf zu kommen, dass ich Sie ausgerechnet in jener Wirtschaft treffen würde. Und als ich Sie dort erst einmal entdeckt hatte, konnte ich Ihnen leicht folgen. Haben Sie meine Anwesenheit denn nicht gespürt?“

„Vielleicht: Ich hatte schon bisweilen solch ein Gefühl, aber ich konnte es nicht bestimmen. Sie haben sich mir ja nicht zu erkennen gegeben. Offenbar haben Sie darauf verzichtet, Ihre frühere Larve zu verwenden, in der sie mir zum ersten Mal erschienen sind.“

„Damit sehen wir immerhin, wie die anderen jener Welt uns normalerweise erleben, wenn wir es ohne das tun. Das ist das Problem. Sie sehen uns nämlich überhaupt nicht, und wir können auch nicht zu ihnen sprechen oder uns ihnen sonst auf andere Weise bemerkbar machen. Aber ich wusste ja, woran wir in letzter Zeit gemeinsam gearbeitet haben, und ich wusste auch von ihren bisherigen Fortschritten. Ich hatte mir auch gedacht, dass Sie so weit gehen würden, so etwas ohne mein Wissen tatsächlich zu tun. Ich ahnte es bereits, und deswegen habe ich mich dorthin begeben. Sie dürfen mir das nicht übel nehmen, denn ich muss wissen, was hier geschieht. Sie müssen mir wie gesagt auch gestatten, dass ich darüber die Kontrolle behalten möchte, und so befriedigt ich über die Entwicklung ihrer Fähigkeiten bisher bin, so erschrocken bin ich doch gleichzeitig über das Ausmaß Ihrer Eigenmächtigkeit. Das kann und werde ich in Zukunft nicht dulden -  das müssen Sie sich merken.“

„Ich muss mich dafür wirklich entschuldigen“, räumte ich ein. „Aber es hat sich einfach spontan so ergeben. Ein Schritt folgte dem anderen, und plötzlich war mir selbst bewusst, dass ich damit bereits zu weit gegangen war. Ich hätte es Ihnen sowieso offenbaren müssen, denn ich bin mir der darin liegenden Gefahr durchaus bewusst gewesen. Allerdings bitte ich Sie auch um Verständnis dafür, dass mir plötzlich klar wurde, wie sehr die Dinge dort mein Einschreiten erforderten.“

Diese hatten sich nämlich wirklich überstürzt, und wenn ich auch grundsätzlich in Rechnung stelle, dass für mich der Zeitpunkt meines Einschreitens nicht absolut zwingend war, da ich ja bei meinem Wiedereintritt in jene Welt ohnehin zeitlich wieder zurück gesprungen war und diesen generellen Eintrittszeitpunkt auch unter Umständen hätte korrigieren können, so wäre das allerdings meditativ sehr kompliziert geworden. Es ist äußerst schwierig, sich in der Meditation auf einen bestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit so einzustellen, daß dieser dabei eine gewisse Eigenmächtigkeit gewinnt. Je öfter man sich in sie zurückbegibt, desto intensiver wird sie dabei und steigert sich erst allmählich zu einer Quasi-Realität. Es wäre deshalb illusionär, zu meinen, ich könne darin einfach vor und zurück springen, denn das würde mich derartig über diese alternative Realität stellen, dass sie dadurch wieder ihren mühselig erworbenen Realitätsstatus verlöre. Es ist alles nur eine Frage der intensiven Visualisierung, und je fester die dortige Realität für mich wird, desto weniger kann ich sie deshalb manipulieren. Es wäre also sehr schwierig gewesen, einfach noch ein paar Wochen zurück zu springen. Ich hatte das alles erwogen und mich dafür entschieden, das, was Patraster hier als meine Eigenmächtigkeit bezeichnete, nämlich in diesem Moment darin ohne seine Anleitung und Begleitung vorzugehen, zu riskieren, weil ich auf ihn und seine Vorübugen nicht warten konnte. Ich war mir dabei der darin liegenden Gefahren durchaus bewusst, aber anderenfalls hätte ich in dem Stadium meiner Meditationen und Visualisierungen derartig zurückgehen müssen, dass dadurch mehrere Monate Arbeit verloren gewesen wären.

Allerdings konnte ich mir auch sagen, dass ich zu dieser Zeit in meinen Experimenten und Fähigkeiten schon sehr fortgeschritten war. Durch meine lange meditative Übung war es mir ohne weiteres möglich, stundenlang die gleiche Position beizubehalten, ohne dabei noch an die vorübergehende Zeit zu denken. Ich hatte kein Gefühl mehr für die übliche Zeit, sondern lebte nur noch in einem einzigen Moment der permanenten Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft waren in diese Gegenwart eingeflossen. Ich saß da, und mein Atem war nicht mehr der Atem meines Körpers, sondern es war der Atem der Welt. Meine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf einen Punkt vor mir, der allerdings nur ein geistiger Punkt war. Hätte sich an dieser Stelle ein Objekt befunden, so hätte ich es nicht mehr gesehen. In diesem Moment war ich nur noch Subjekt ohne jedes Objekt, ich war nur noch Geist. Ich hatte zwar noch Gedanken, aber diese waren ohne Inhalt. Sie waren jetzt das Objekt, auf das sich mein Geist konzentrierte. Ich sah die Gedanken fließen, und nahm sie nicht mehr als meine eigenen wahr, sondern wie einen Fluss außer mir. Ich sah sie dabei auf einen Punkt zuströmten, in den sie durch einen unglaublich starken Strudel hineingezogen wurden. Ich hätte es selbst durch die höchste Konzentration nicht mehr verhindern können, dass sie darin verschwanden. Ich wusste aber, dass es auch gar nicht darum ging, das zu verhindern, im Gegenteil, ich musste es geschehen lassen. Der Strudel hatte für mich nichts Bedrohliches, aber es war klar, dass er etwas außer mir war, das ich nicht beherrschte. In diesem Moment hatte ich ein seltsames Erlebnis: die Tatsache nämlich, dass ich keine Kontrolle mehr über das Geschehen hatte, bewirkte, dass ich schwebte. Ich konnte dieses Schweben nicht verhindern, aber ich hatte das dringende Gefühl, dass die Gesetze der Schwerkraft auf dieses Geschehen, mit dem ich ja identisch war, keinen Einfluss mehr hatten. Die Gravitation gehörte zur Außenwelt, das heißt zu jener äußeren Welt der Materie, von der ich mich in diesem Zustand völlig gelöst hatte. Ich weiß allerdings nicht, ob ich wirklich in diesem Moment keine Bodenberührung mehr hatte, die ein Außenstehender auch so wahrgenommen hätte, es war aber so, dass ich es tatsächlich so empfand. Ich war, so erlebte ich es wenigstens, unabhängig von den Gesetzen der Materie geworden. Es war für mich ein außerordentliches Erlebnis, als mir das bewusst wurde. Obwohl mich dieser Zustand nicht erschreckte, war mir doch klar, dass ich damit praktisch mich selbst verloren hatte. Ich war jetzt reiner Geist ohne Grenze und ohne körperliche Beschränktheit, ich war Raum und Zeit zugleich, aber ich war weder Subjekt noch Objekt. Und ich kann nicht anders, als das nachträglich wie ein Todeserlebnis wahrzunehmen. Einerseits war es großartig, andererseits auch schrecklich, beides aber nur, wenn ich darüber nachdachte, und dazu war ich eigentlich erst nachträglich wieder in der Lage.

Ich weiß nicht, ob andere Meditierende etwas Ähnliches empfunden haben, denn es gibt in diesen Dingen keine objektive Wirklichkeit. Obwohl es identische Entwicklungen und Zustände gibt, über die man sich verständigen kann, gibt es dabei dennoch viele Dinge, die vermutlich jeder anders erlebt. Aber immer wieder wird besonders in der indischen Literatur übereinstimmend darüber berichtet, dass in diesen Momenten das Gefühl der Existenz eines intelligenten Lebens oder Lebensstoffes überwältigend gegenwärtig wird. Es gibt dafür meines Wissens sogar einen gängigen Begriff, nämlich Prana. Das ist weder Geist noch Materie, Bewusstsein oder Intelligenz, sondern ausschließliche Energie. Diese Energie wohnt in allem und bewirkt alle Phänomene der Welt. Sie bewegt die Materie und bringt alles in ein kosmisches Gleichgewicht. Gäbe es sie nicht, so würde die Welt sofort in sich zusammenfallen. Sie bestimmt den Lauf der Sterne und Planeten und setzt sie alle in ein richtiges Verhältnis zueinander. Ich kann sie nicht anders beschreiben als das Lied der Welt, sie ist Musik, die ganze Welt ist in diesem Moment nur Musik, Musik-Energie. Das erfährt man,  wenn man ein fortgeschrittenes Stadium der Meditation erreicht hat. Dazu muss ich aber, wie ich meines Wissens schon früher sagte, klarmachen, dass das so gut wie gar nichts mehr mit den üblichen Entspannungsübungen zu tun hat, die man in unserer heutigen westlichen Welt  normalerweise damit verbindet.

Aber woher kommt diese Energie? Es ist eine geistige Energie, die als schnelle Schwingung von außerhalb des Körpers kommend wahrgenommen wird. Das führt zu einer Steigerung der allgemeinen Wahrnehmungsfähigkeit, die dadurch enorm erweitert wird und sich dabei über die normalen körperlichen Empfindungen erhebt, zugleich sich aber dennoch auf die wahrgenommenen physikalischen Daseinsformen erstreckt. Das ist vielleicht der grundsätzliche Mechanismus, der bei der Visualisierung von sogenannten Tulpas in Erscheinung tritt. Dabei hat man sehr deutlich das Gefühl, dass die bereits erwähnte von außen kommende Intelligenz alles steuert und auch die Lenkung der eigenen Körperfunktionen übernimmt. Alles ist in diesem Moment von gedanklicher Aktivität durchdrungen. Es ist das eigentliche kosmische Schöpfungsprinzip, das in den eigenen Geist dringt und ihn dazu bringt, wie ein göttlicher Schöpfer zu handeln.

„Ist das vielleicht das, was die indischen Mystiker als das Kundalini-Yoga-Prinzip bezeichnen?“ fragte ich einmal dazu Patraster, und der antworte dazu: „ Sie verwenden außerdem auch noch andere Begriffe dafür wie Yogasutra, Dharana und so weiter. Aber wir sollten besser nicht mit solchen Begriffen arbeiten, weil sie nur in ihrem jeweiligen kulturellen Gesamtzusammenhang verständlich werden.“ So ist mir also deren Bedeutung nicht vollkommen klar. Ganz allgemein gesagt geht es dabei wohl darum, durch Bewusstseinskonzentration in einem selbst Fähigkeiten zu entwickeln, die einen unter anderem in die Lage versetzen, Gedanken zu manifestieren, also buchstäblich manifeste Gedankenformen zu schaffen, die aus der eigenen Willenskraft entstehen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn diese spezielle Willenskraft kann nur durch allmähliche intensive Steigerung entwickelt werden. Vielleicht ist der Begriff Willenskraft auch nicht ganz richtig, weil es nicht genügt, in einem bestimmten Moment irgendetwas möglichst intensiv zu wollen, sondern weil dieser Wille in Permanenz bei der Durchführung der Übungen nötig ist und eingesetzt werden muss.

„Sie können die Willensenergie im Laufe der Zeit entwickeln“, erklärte mir Patraster. „Neben einer Steigerung Ihrer Fähigkeiten wird dabei auch diese Energie im Laufe der Zeit addiert. Sie können das mit der Energie in einem gespannten Bogen vergleichen. Das heißt, dass die gesamte Energie, die Sie in einen einzigen Augenblick bringen wollen, dort also den Moment des Pfeilschusses, zuvor in einem längeren Zeitraum aufgebaut werden kann, wobei die in den vorangegangenen Momenten aufgebauten jeweils schwächeren Einzelenergien einfach bis zu diesem Gesamtergebnis addiert werden.“

„Das erinnert mich ein wenig an die Pilgerphilosophie ‚Der Weg ist das Ziel’. Kommt damit nichts also auch ein ethischer Aspekte in den Prozess hinein?“ 

„Das ist ja das Prinzip unserer ganzen Bemühungen. Wir müssen uns klar machen, dass es darin um religiöse Dinge geht und dass wir dabei auf jeden Fall auf einen Akt der Gnade angewiesen sind. Alles, was die Menschen sich üblicherweise selber zurechnen, kommt in Wirklichkeit von außen. Dieses zu begreifen führt zur Bescheidenheit, und ohne Bescheidenheit gibt keine wirkliche Klugheit. In jeder wirklichen Kraft und Fähigkeit, auch in jeder physischen Kraft, liegt so gesehen ein ethisches Moment. Das müssen Sie wirklich begreifen. Sie werden nichts erreichen, was außerhalb dessen liegt, was man leichthin als geistigen Horizont bezeichnet - ein Begriff, der allerdings missverständlich ist, weil er im allgemeinen nur mit der Informationsmenge gleichgesetzt wird. Darin liegt der Irrtum, dass es eine Welt gäbe, die außerhalb unseres Verständnisses liege, die wir uns aber nur noch nicht erschlossen hätten. Ich halte das für einen Irrtum, denn ich meine, dass die Welt immer nur das ist, was wir von ihr begriffen haben. Das ist auch der Kern der Monadenlehre, wie ich sie verstehe. Eine Maus imaginiert nur das Käsestück in ihrem Geist, für das sich interessiert, es ist dabei aber ein Irrtum zu glauben, dass es außerhalb dieses Käses für sie noch mehr zu verstehen gäbe. Denn alles darüber Hinausgehende gibt es für ihre Monade gar nicht, weil es dieser nicht bestimmt ist, mehr als das, was für sie notwendig ist, zu emanieren. Aber bitte verstehen Sie: sie ist damit natürlich unendlich weiter als selbst der komplizierteste Computer, der vielleicht den Anschein vermittelt, viel zu verstehen, der aber überhaupt nicht in der Lage ist, irgendetwas zu emanieren, weil er keine Seele hat.“

Ich will diesen Vortrag, den er mir dazu weiterhin machte, ein wenig abkürzen, denn das wurde alles etwas kompliziert. Im Prinzip meinte er nämlich, dass es eben wie schon gesagt keine Welt außerhalb des Geistes gebe und dass es etwa ein Irrtum sei, zu meinen, erst der Mensch habe eine bereits vorher objektiv bestehende Welt erkannt. Denn eine Welt außerhalb des erkennenden Subjektes sei nicht nur unvorstellbar, sondern die könne es auch gar nicht geben. Kein Geringerer als Arthur Schoenhauer hat das schon fast hundert Jahre vor der Erkenntnis der sogenannten Beobachterbedingtheit unserer modernen Quantenphysiker gesagt:

[1] Die Grundabsurdi­tät des Materialismus be­steht darin, daß er vom Ob­jekti­ven ausgeht, ein Ob­jektives zum letzten Erklä­rungs­grunde nimmt […] und es als an sich und ab­so­lut existie­rend voraussetzt, um daraus die orga­ni­sche Natur und zuletzt das erken­nende Subjekt hervorge­hen zu las­sen und diese da­durch vollständig zu erklären; - während in Wahrheit alles Objektive, schon als sol­ches, durch das er­kennende Sub­jekt, mit den Formen seines Erkennens, auf mannig­faltige Weise bedingt ist und es zur Vor­aussetzung hat, mithin ganz verschwindet, wenn man das Subjekt wegdenkt. Der Ma­terialis­mus ist also der Versuch, das uns unmittelbar Ge­gebene aus dem mit­telbar Gegebenen zu erklären. Alles Ob­jektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles Mate­rielle, welches der Materialismus für ein so solides Fundament seiner Erklä­rungen hält, daß eine Zurückführung dar­auf... nichts zu wünschen übrig lassen könne, - alles dieses ist ein nur höchst mit­telbar und bedingterweise Gegebenes, demnach nur relativ Vorhandenes: denn es ist durchge­gangen durch die Maschinerie und Fabri­kation des Gehirns und also ein­gegangen in deren Formen, Zeit, Raum und Kausali­tät, vermöge wel­cher allererst es sich dar­stellt als ausgedehnt im Raum und wirkend in der Zeit: aus einem solcherma­ßen Ge­gebenen will nun der Materialis­mus sogar das unmittelbar Gegebe­ne, die Vor­stellung (in der jenes al­les dasteht), und am Ende gar den Willen erklären, aus welchem viel­mehr alle jene Grundkräfte, welche sich am Leitfaden der Ursa­chen und daher ge­setzmäßig äußern, in Wahrheit zu erklären sind. – Im Grunde ist das Ziel und das Ideal aller Natur­wissenschaft ein völlig durch­geführ­ter Ma­terialismus. Daß wir nun diesen hier als of­fenbar unmög­lich erkennen, be­stätigt eine andere Wahrheit, die aus unserer fer­neren Be­trachtung sich ergeben wird, daß nämlich alle Wissenschaft im ei­gentlichen Sinne... nie ein letztes Ziel erreichen noch eine völ­lig ge­nügende Erklärung geben kann; weil sie das innerste Wesen der Welt nie trifft, nie über die Vor­stel­lung hinaus kann, viel­mehr im Grunde nichts weiter, als das Ver­hältnis einer Vorstellung zur ande­ren ken­nen lehrt... (Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.1, § 7)

“Ich verstehe also den Begriff des geistigen Horizontes regelrecht physisch“, folgerte Patraster im Anschluß an sein Maus-und-Käse-Beispiel. „Jeder erschafft die Welt, die er versteht, wenn auch nur nach einem vorgegebenen Muster, erst in seinem eigenen Geist. Man sollte nie meinen, dass es nur an den unzureichenden eigenen Möglichkeiten liege, dass man ein bestimmtes Ziel nicht erreichen kann, denn tatsächlich ist uns immer sehr viel mehr möglich, als wir normalerweise annehmen. Wir müssen es nur wirklich wollen, und zwar nicht nur in einem kurzen Moment wollen, sondern in Permanenz. Die Gesamtheit unserer Fähigkeiten ist das Produkt unseres permanenten Wollens.“

„Kann ich also alles, was ich nur mit der nötigen Entschiedenheit will, am Ende auch erreichen:“

„Sie müssen begreifen, dass wir alle nur eine bestimmte Stimme im Chor des Universums haben. Sie werden also, wenn Sie das verstehen, niemals etwas wollen, was Ihnen nicht entspricht oder Ihnen nicht zukommt. Doch wenn Sie ihre Stimme richtig begriffen haben, werden Sie auch verstehen, was zu wollen Ihnen zukommt. Aber dieses Wollen darf sich nicht auf ein äußeres Ziel richten (es sei denn vorübergehend hilfsweise als ‚Arbeitsthema’), denn alles, was sich technisch so erreichen lässt, kann jeder Dummkopf außerhalb jeder Moral erreichen. Aber glauben Sie mir, solche Menschen werden es noch nicht einmal theoretisch für möglich halten, was Sie erreichen können, wenn Sie dazu ihren Geist geeignet machen."  

„Also auch solche Dinge, die wir üblicherweise dem Bereich der Magie zuordnen?“

„Was ist Magie? Bezeichnen wir nicht alle Dinge so, die außerhalb dessen liegen, was unseren Denkgewohnheiten entspricht? Die Dinge, über die wir hier reden, liegen ganz grundsätzlich außerhalb dessen, was sich mit den normalen Kategorien verstehen lässt. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Dinge, an die der normale Verstand nicht heranreicht. Dieser normale Verstand versteht eben nur das, was ihm vertraut ist. Und die Einordnung in das bereits Vertraute nennt er sein Verstehen.“

„Aber ich bitte um Ihre Nachsicht, dass ich mich selbst von diesem Verständnis ebenfalls nicht befreit habe, denn ich weiß nicht, wie ich ein Ziel erreichen soll, das ich eigentlich noch nicht einmal physisch ins Auge fassen darf. Um es kurz zu machen“, platzte ich dann heraus, weil ich mich vor ihm einfach nicht mehr verstecken wollte, „es geht mir hier darum, bestimmte Fortschritte zu machen, und diese richten sich auf spezielle Zwecke in jener Parallelwelt, die wir uns ja bereits teilweise erschlossen haben. Es mag sein, dass es sich dabei um letztlich konstruierte Zwecke handelt, aber ich habe sie klar ins Auge gefasst, nur sehe ich keine Möglichkeit, darin voranzukommen, wenn ich meinen Geist auf ganz andere Dinge richte, die mir hier offen gesagt etwas zu hoch sind.“

Ich muß hier einfügen, dass dieses Gespräch, über das ich hier berichte, bereits vor dem Zeitpunkt stattgefunden hatte, als Patraster mir zum ersten Mal in der Anderswelt gewissermaßen als Larve erschienen war. Was aber den Moment dieses Gespräches betraf, so war ich jetzt damit an jenem Punkt, auf den ich hinaus wollte. „Da wir gerade von Magie reden:“, fuhr ich fort, „halten Sie es für möglich, dass man unter Umständen, eine dafür notwendige mediale Begabung vorausgesetzt, schließlich sogar fähig sein kann, Menschen zu erzeugen, die nichts anderes sind als Visualisierungsprodukte des eigenen Geistes.“

Ich greife nunmehr auf das zurück, was er mir dazu damals bereits erklärte, nachdem er mir zum ersten Mal unter seiner Larve oder Maske erschienen war. „Es handelt sich dabei um die sogenannten Tulpas“, hatte er mir da bereits gesagt. „Das sind gewissermaßen geistgeschaffene Menschen, die nichts anderes als eine Manifestation von Gedanken und lediglich willenserzeugt sind. Diese Menschen sind zunächst nur eine Art Zombies, können aber allmählich durch Visualisierungen derartig intensiviert werden, dass sie ein Eigenleben gewinnen. Ist dieses Stadium erreicht, so nennt man sie Tulpas.“

„Wenn ich das richtig verstehe“, antwortete ich. „handelt es sich bei dieser Sache offenbar um eine fernöstliche Variante der Humunculus-Schöpfung der abendländischen Alchimisten.“

„Ich weiß allerdings nicht, welche Realität sich wirklich hinter diesen Homunculi befand, aber die Dinge, über die wir hier reden, sind etwas, das in der indischen Mystik schon seit Jahrhunderten bekannt ist, jedoch auch dort nur von wenigen Gurus oder Yogis beherrscht wird.“

Ich hatte darüber auch schon etwas gelesen. Im Westen hat darüber wohl zuerst die Autorin und berühmte Tibet-Reisende Alexandra David Neel berichtet. Ihrer Angabe gemäß war sie unter der Leitung eines Lehrers selbst ebenfalls dazu fähig, ein solches Tulpa-Wesen zu erschaffen. Es habe sich, so sagte sie, dabei um einen kleinen, dicken, freundlichen und harmlosen Mönch gehandelt, der sich aber allmählich von ihr emanzipierte und nicht mehr von ihr beherrscht werden konnte. Dabei habe er sein Wesen völlig geändert und geradezu bösartige Charakterzüge angenommen. Sie habe diese Entwicklung als derartig bedrohlich empfunden, dass sie ihre ganze visuelle Energie dazu eingesetzt habe, um dieses Wesen wieder verschwinden zu lassen, wozu sie ebenso viel Energie aufwenden musste, wie zu dessen vorheriger Erzeugung. Danach sei sie derartig geschwächt gewesen, dass sie ernstlich erkrankte. Alexandra David Neel schrieb dazu:

„Mein gewohnheitsmäßiger Unglaube hatte mich dazu gebracht, Experimente für mich selbst zu machen, und meine Anstrengungen wurden zunächst mit etwas Erfolg belohnt…  Nach ein paar Monaten wurde der Geister-Mönch gebildet. Seine Form wurde allmählich fester und lebensechter. Der Geist führte verschiedene Handlungen der Art durch, die für Reisende natürlich sind, obwohl ich sie nicht befohlen hatte. Das Trugbild war größtenteils visuell, aber manchmal fühlte ich mich, als ob seine Robe leicht an mir rieb oder seine Hand mich an der Schulter zu berühren schien. Die Eigenschaften, die ich mir vorgestellt hatte, als ich meinen Geist baute, erlebten allmählich eine Änderung. Der fette rund-wangige Gefährte wuchs und wurde mager, sein Gesicht wurde spottend mit einem schlauen bösartigen Blick…“

An anderer Stelle erläuterte sie: 

„Tulpas sind ganz einfach ähnlich machtvolle, projizierte Gedanken und Emotionen, die sich zu einer physischen Gestalt verdichten. Je mehr Gedanken und Emotionen und Glaubwürdigkeit in solche Tulpas investiert werden, desto realer und lebendiger werden sie. Sobald sie angefangen haben, ein eigenes Leben zu führen und nicht mehr willentlich in ihrem Erscheinen kontrolliert werden können, existieren sie nicht länger nur in der geistigen Vorstellung. Es ist dann nicht einfach, sie unter Kontrolle zu halten oder wieder loszuwerden.“

Auch Patraster kannte das. „Ich weiß allerdings nicht, was ich davon halten soll“, sagte er. „Ich will dieser Autorin nichts Falsches unterstellen, kann aber nur sagen, dass das nicht meinen Erfahrungen entspricht. Wenn es auch angeblich dabei nur um geistige Manifestation geht, erscheinen sie mir jedoch offen gesagt bereits als zu physisch. Es übersteigt dagegen durchaus nicht den Bereich unserer Möglichkeiten, quasi-physische Visualisierungsergebnisse zu erreichen, die einen hohen Grad von Permanenz bekommen und dann als solche berechenbar werden. Aber diese bekommen damit noch lange kein Eigenleben. Sie haben sicher keine Seelen, sofern wir sie nicht mit unseren eigenen Seelen beleben.“

Damit war das Ziel meiner Weiterarbeit bereits umschrieben. Patraster selbst war mir darin ja bereits vorausgegangen und hatte mir demonstriert, was in diesem Sinne möglich war. Es ging also darum, eine derartige Larve zu visualisieren, um sie dann gewissermaßen als Vehikel in der Parallelwelt zu benutzen. Dabei gab es noch zwei weitere Probleme, nämlich zum einen die, wie ich diese Larve in die andre Welt hinein bringen sollte, und zum anderen die, wie ich dann in diese hineinschlüpfen konnte. Wie sich allerdings im weiteren Verlauf zeigen sollte, waren das nur Scheinprobleme. Denn selbstverständlich stand es mir frei, meine Visualisierungen auch direkt in die Anderswelt zu projizieren, da es sich insofern ohnehin nur um geistige Parallelräume handelte, und was das Hineinschlüpfen anging, so verhielt es sich damit ganz ähnlich. Mein Mentor hatte mir das ja bereits demonstriert und teilweise erklärt. Es gab keinen Grund, in dem Stadium, in dem ich mich bereits befand, es für weniger möglich zu halten, mich in eine solche ja nur selbst geistgeschaffene Larve hineinzuversetzen, wenn es mir sogar gelang, mich in objektiv existierende oder zumindest einmal früher existiert habende Räume hineinzuversetzen, die keineswegs nur ein eigenes Visualisierungsprodukt waren. Allerdings handelte es sich bei allen diesen Dingen um sehr schwierige und komplexe Vorgänge. Alle solche meditativen Übungen, Entwicklungen oder gar Experimente sollte man wirklich nur unter der Anleitung eines erfahrenen Lehrers machen. Patraster hatte mich von Anfang an auf die damit verbundenen Gefahren hingewiesen. Aber da das alles anfänglich noch für mich nur sehr theoretisch gewesen war, hatte ich es nicht so bewusst wahrgenommen und erinnerte mich erst später an seine Warnungen. Das wird immer wieder gesagt, das wusste ich und hatte es mit Patraster auch so vereinbart. Wie gesagt wusste ich auch bereits darüber Bescheid, welches Risiko ich einging, als ich das dennoch missachtete.

Er hatte aber eben auch von meinen Eigenmächtigkeiten etwas geahnt und auch genügend Informationen, um die Situation in der besagten Wirtschaft richtig so einzuschätzen, dass er wusste, wer sich hinter dem besagten Melchior Gründel tatsächlich verbarg.

„Ich habe mir auch den echten Melchior Gründel angesehen“, kommentierte er das jetzt relativ versöhnlich. „Und ich muss sagen, dass Ihnen diese Maske wirklich sehr gut gelungen ist.“

„Das war allerdings auch kein Wunder, da ich mir dessen Bild zuvor eingeprägt und bei meiner Visualisierung vor Augen hatte.“

„Immerhin aber: was werden Sie denn machen, wenn Sie dem wirklichen Melchior Gründel begegnen?“

„Das war ja genau meine Absicht“, erklärte ich ihm. „Denn es hätte mir frei gestanden, auch eine andere Maske zu verwenden, aber mit dieser verbinde ich eben einen bestimmten Zweck."

Übrigens brachte mich eine weitere Frage Patrasters noch nachträglich ins Grübeln. Er hatte mich nämlich zuerst auch noch gefragt, warum ich denn nicht meine eigene Maske verwendet hätte, da das doch wohl am nächsten gelegen hätte. Ich antworte darauf, dass mich das in den von mir beabsichtigten Dingen dort nicht weitergebracht hätte. Diese Frage machte mir aber noch in einem anderen Sinn zu schaffen, als ich über die damit üblicherweise verbundenen Nebenbedingungen nachdachte. Ich hätte sie ja auch so konditionieren müssen, dass sie bei einem längerfristigen dortigen Aufenthalt mitalterte, wenn ich dort nicht allmählich aus dem sonstigen Raster hätte fallen wollen. Daraus ergab sich für mich eine Frage, warum wir eigentlich altern und wie das geschieht. Ich denke nämlich bisweilen, dass das gewissermaßen nur dramaturgische Gründe hat, weil ja das ganze Leben eigentlich nur ein großes Theater ist. Ich empfinde meinen eigenen Alterungsprozess so, dass sich im Laufe der Jahre lediglich mein äußeres Szenario und natürlich auch mein körperlicher Zustand allmählich wandelt, nicht aber meine Seele. Die bleibt dabei alterungslos immer die gleiche.

Durch meinen so häufigen Wechsel zwischen den Welten veranlasst, empfinde ich auch unser diesseitiges Leben als eher traumhaft und meine deshalb, dass wir eigentlich gar kein richtiges Alter haben. Der alte Mensch, der wir gegen Ende unserer vorgegebenen Lebensspanne sind oder sein werden, ist so gesehen immer noch der gleiche, der wir schon als Kind waren, abgesehen davon, dass wir da natürlich noch nicht über alle die späteren Informationen verfügten und den vielen noch so neuen Dingen viel naiver begegnen mussten, aber auch konnten. Wenn ich mir das vor Augen führe, stellt sich mir mein ganzes Leben so dar, dass ich bereits im Augenblick der Geburt meinen ganzen Alterungskreis übergeben bekommen habe und dass mir lediglich vorgegeben wurde, darauf an einer bestimmten Stelle mit meiner kreisförmigen Wanderung zu beginnen, die mit den üblichen Jugendkriterien ausgestattet ist, dass aber zugleich alle anderen Alterstufen schon festgelegt und auch gewissermaßen für mich sichtbar gewesen wären, wenn ich nur darauf geachtet hätte. Daraus ergab sich für mich die Folgerung, dass es ansich keine Altersfrage im üblichen Sinn ist, an welcher Stelle dieses Kreises wir uns gerade befinden, sondern nur eine Bedingung des Spieles. Dabei sitze ich immer wie auf einem Pferd oder einer Kutsche eines Karussells, und um mich herum erklingt dann die übliche Kirmesmusik, und wenn ich am Ende wieder das Karussell verlassen will, hätte ich dazu (abgesehen davon, dass ich in jedem Moment an eine bestimmte gebunden bin) ansich vier Möglichkeiten: In der einen Richtung empfängt mich wieder meine Mutter, die mich zuvor hineingesetzt hatte, an der anderen kopfschüttelnd meine Frau mit meinen Kindern, die es alle etwas kindisch finden, dass ich mich offenbar selbst noch da hineingesetzt hatte, an der dritten schon meine Enkelkinder, die das wieder sehr schön finden, und an der vierten jener verständnisvoll lächelnde knochige Herr mit der unvermeidlichen Sense, der mir mitteilt, was ich da ohnehin schon weiß, nämlich, dass alles nur ein Spiel war. Ich war aber dabei immer der gleiche und bin auch immer eigentlich stets gleichalt geblieben, und wenn mir dann plötzlich meine eigenen Kinder und Enkel entgegenlaufen, weiß ich, dass auch das natürlich zu dem Theater gehört, weil es schließlich nicht sein kann, dass alles immer so bleibt, wie es ist. Mein Alterungsprozeß ist nur ein dramatischer Prozeß auf der Lebens- oder Seinsbühne. Aber ansich bin ich völlig alterslos. Das muß so sein, weil ich natürlich nur ein Mittel zum Zweck des kosmischen Dramas bin. Platon hat die daraus folgende uralte Weisheit in einem meiner Lieblingssprüche sehr gut ausgedrückt:

Auch das Teilchen, das du darstellst, ist immer mit seinem Blick, so winzig es ist, auf das All hin gerichtet. Du aber bemerkst es gar nicht, daß alles Werden um jenes willen da ist, auf daß dem Leben des Alls selige Wesenheit eigne - aber nicht um deinetwillen; nein, du wirst um seinetwillen.  (Gesetze 903.)


 
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