Verlag

Prometheus

 

Das Gesetz der Vergangenheit

 

 

Zweiter Teil

 

 

 

Die Welt als Simulation

 

 

Neo: "Was ist das hier?"

Morpheus: "Viel wichtiger als die Frage nach dem Was, ist die nach dem Wann!"

Neo: "Wann?"

Morpheus: "Du glaubst, du bist im Jahre 1999, eher wahrscheinlich ist aber 2199! Ich kann dir nicht genau sagen, in welchem Jahr wir leben, da wir es ehrlich gesagt nicht wissen. Mit Worten läßt sich das nicht erklären, Neo. Komm mit mir, sieh es dir selbst an. Das hier ist das Konstrukt, unser Ladeprogramm. Wir können alles laden: Räume, Kleidung, Zubehör, Waffen, Trainingssimulationen... alles, was wir brauchen.

Neo: Das heißt, wir sind jetzt in einem Computerprogramm?

Morpheus: Ist das wirklich so schwer zu glauben? Die Anschlüsse an deinem Körper sind weg, du trägst andere Kleidung, deine Frisur ist ganz anders. Deine momentane Erscheinung nennen wir das Restselbstbild. Die mentale Projektion deines digitalen Selbst. (Dialog aus dem Film ‚Matrix’.)

„Alles Bisherige war nur der Anfang“, stellte Patraster fest: „Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht, aber wir wissen jetzt immerhin, dass jene Welt zumindest einen Grad von Realität besitzt, den wir bisher nicht für möglich gehalten hatten. Wir hatten sie ja zuvor wie eine Leiche betrachtet, aber sie lebt offenbar noch. Und wenn wir das, was Sie bereits mit jener alten Frau erreicht haben, durch intensive Übungen verstärken, ist nicht einzusehen, warum es nicht auch mit anderen dort lebenden Personen gelingen könnte. Ganz beiläufig möchte ich bemerken, dass sich durch solche Schritte das Realitätserlebnis successive steigern läßt. Daraus ließe sich übrigens schließen, dass es keine klare Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion gibt, sondern dass ein solcher Unterschied nur durch bestimmte Kriterien definiert wird, die für den jeweiligen Zustand bezeichnend sind. Wenn es aber so ist, dann ließe sich daraus folgern, dass jene Welt durch die Steigerung dieser Eigenschaften und Kriterien möglicherweise schrittweise erschlossen werden kann, und dass sich durch den Grad, in dem das jeweils gelingt, das Gesamterlebnis der Realität steigern wird. Das heißt, durch alle unsere Übungen könnten wir am Ende das erreichen, was in der Science-Fiction Literatur üblicherweise unter dem Begriff Zeitreisen verstanden wird. Der Realismus steigert sich dabei durch die Komplexität der Spielhandlung.“

„So wäre ich dann möglicherweise bereits in der Lage, mit den dortigen Menschen in einer Weise zu reden, dass sie darauf nicht nur reagieren, sondern gegebenenfalls auch Folgerungen daraus ziehen?“, fragte ich.

Mein Mentor zeigte sich prinzipiell zuversichtlich, warnte mich aber auch zugleich: „Warum nicht? Wie gesagt sollten wir uns dabei aber vor der Möglichkeit von Zeitparadoxien hüten, denn wir wissen nicht, was das für Folgen haben könnte.“

„Gerade an solchen Versuchen wäre ich allerdings interessiert“, sagte ich. „Wir haben ja gesehen, wie traurig die dortigen Zustände waren, und das hat bei mir den spontanen Wunsch ausgelöst, alles nur Mögliche zu tun, um auf diese Dinge in einer Weise einzuwirken, die das dortige Kräfteverhältnis ein wenig verändert.“

„Wobei Sie allerdings nur mit Ihrem historischen Wissen, das Ihnen größtenteils erst heute - also jedenfalls sehr viel später - zugänglich wurde, operieren wollen und hoffen, dass Ihre Ratschläge angenommen werden?“

„Ja, natürlich! Ich denke vor allem an meinen Freund Jörg Wagner, für den ich mir wirklich wünschen würde, dass er mit seinen Vorstellungen etwas mehr Erfolg hat.“

„Sie sprechen, was den betrifft, von Ihrem Freund. Aber wie es aussieht, kann diese Freundschaft ja bisher nur erst sehr einseitig sein. Ich nehme an, dass Sie Ihre neuen interkommunikativen Fähigkeiten zunächst an diesem Menschen, falls Sie ihn wiederfinden, ausprobieren wollen, und ich kann Ihnen dabei nur Erfolg wünschen. Aber denken Sie daran, daß manche Menschen komisch sind. Sie wissen nicht, wie er reagiert, wenn Sie sich ihm ganz real vorstellen. Sie können nicht sicher sein, dass sich der anschließende Dialog dann als Fortsetzung des bisherigen gestaltet.“

„Vielleicht haben Sie Recht. Aber ich weiß, dass er ein sehr kluger Mensch ist, und ich kann mir deshalb nicht denken, dass er sich aus reiner Bockigkeit oder Egomanie Ideen gegenüber verschließt, die sich tatsächlich als zukunftsträchtiger erweisen als die bisherigen - die also auf der Voraussicht von Fallstricken beruhen und diese berücksichtigen, die er selbst jedenfalls noch nicht erkannt hatte, und die sich dann dennoch schrittweise als richtig erweisen.“

Ganz passend zu unserer Überlegungen über den schrittweisen Übergang von einer Realitätsstufe zur anderen hatte ich übrigens zu dieser Zeit wieder ein Erlebnis, über dessen Natur ich mir nicht ganz klar war, weil ich nicht wirklich entscheiden konnte, ob es sich dabei nur um einen der Träume handelte, wie ich sie auch schon früher hatte, oder ein wie auch immer geartetes wirkliches Erlebnis. Das kann auch dadurch begründet sein, dass es inhaltlich an meinen ersten Traum anschloss, der mich überhaupt in dieses ganze Abenteuer gebracht hatte. Die Tatsache, dass es zeitlich gegenüber den zuletzt erlebten Dingen zurückging, könnte sich vielleicht auch als eine gewisse Aufforderung deuten lassen, insofern, daß ich vielleicht tatsächlich alles noch einmal von vorne aufrollen sollte, um dort gegebenenfalls korrigierend einzugreifen. Ich hatte nämlich bereits überlegt, dass ich das ohnehin tun musste, denn anderenfalls wäre an den Ereignissen nicht mehr viel zu retten gewesen. Ich hätte sonst auch auf die Begegnung mit bestimmten Menschen verzichten müssen, wie etwa Jörg Wagner, der für mich zuletzt ebenso unerreichbar geworden war wie für seine Häscher.

Die Dinge, die ich in jener Vergangenheitswelt erlebt hatte, diese unfaßbare Ungerechtigkeit und barbarische und perverse Brutalität, mit der sich die einen an den anderen vergriffen, hätte ich zuvor niemals für möglich gehalten, wenn ich es nicht selbst miterlebt hätte. Natürlich hätte ich mir sagen können, dass das alles Probleme von gestern waren, Probleme also einer längst vergangenen Zeit, die mich nicht mehr berühren mussten. Aber ich fasste sie anders auf. Wenn sich irgendwo bestimmte Dinge ereignen, die mir als prinzipiell unakzeptabel erscheinen, dann kann ich nicht ausschließen, dass sie immer wieder passieren. Solche Dinge machen mich krank und zwingen mich einfach, alles mir Mögliche zu tun, um sie nach meinen Maßstäben in Ordnung zu bringen.

In diesem Erlebnis, das insofern wieder einen regelrechten Aufforderungscharakter für mich hatte, sah ich wieder die Familie des Jungen, den ich bereits im Beichtstuhl beobachtet hatte, wobei ich ja wusste, was diese Beichte am Ende bewirkt hatte. Augenscheinlich aber war es hier noch nicht so weit, denn ich erlebte wieder seine ganze Familie so, wie ich sie zum ersten Mal in der Begleitung des Priesters kennengelernt hatte. Ich kannte ja das Haus seiner Eltern, wenn ich auch jetzt alles aus einer ganz anderen Perspektive sah. Ich erkannte es bereits von draußen an seinen von großen, nachträglich wieder zugeschmierten, Rissen und Abplatzungen durchzogenen Lehmwänden und an der daneben liegenden Scheune, deren Dachbalken unter der notdürftig geflickten Ziegelbedeckung nach vorne und seitlich herausragten. Dieses Dach war augenscheinlich auch schon oft repariert worden, und man sah, dass das nicht sehr fachmännische geschehen war, obwohl die Reparatur wohl ihren Zweck erfüllt hatte. Ich sah nun aber plötzlich alles mit ganz anderen Augen als bei ersten Mal unter dem Einfluß des Pfarrers. Mit bescheidensten Mitteln war hier alles in einen gebrauchsfähigen Zustand gebracht worden. Das galt auch für das Innere des Hauses, das zwar äußerst spartanisch eingerichtet war, worin aber bei aller sichtbaren Armut tatsächlich alles seine Ordnung hatte und durchaus sauber war. Auch alle Möbel waren aus Brettern und abgesägten Ästen roh zusammengefügt. Das gleiche galt für die Kleidung der Bewohner des Hauses, bei der alles selbst gemacht wirkte, was ich auch daraus folgerte, dass alle Familienmitglieder mit Arbeiten beschäftigt waren, die zum Erhalt des Gesamtzustandes nötig erschienen.

Zugleich aber unterhielten sie sich über bestimmte Dinge, die offenbar gerade im Umlauf waren. Der älteste Sohn berichtete von schlimmen Vorzeichen, von denen er gehört hatte, und die noch schwerere Zeiten als die gegenwärtigen ankündigen. Solche Dinge waren, wie ich wusste, auch anderswo im Umlauf, denn überall sah man in dieser Zeit nur schlimme Vorzeichen und böse Omen. Wie zur Bestätigung dieser Vorahnung sollte das auch jetzt für sie selber stimmen, denn im gleichen Moment öffnete sich die Tür, und der Vater des Hauses betrat den Raum. Er war sichtlich sehr erregt und ganz außer sich, und obwohl er den Eindruck machte, dass er mit­teilen wollte, was geschehen war, fand er dafür im Moment keine Worte. Er trug einen bluti­gen Spieß bei sich. Endlich fasste er sich und beantwortete die unausgesprochene Frage der auf ihn gerichteten Blicke dadurch, dass dieses Blut allerdings nicht von einem Menschen, sondern von einem Wildschwein stammte, das er gerade getötet hatte. Die Anwesenden schien das aber nicht zu beruhigen, denn ihnen war sofort klar, dass er damit etwas getan hat­te, was einem schlimmen Frevel gleichkam und ihm die Wut ihrer Herrschaften zuziehen musste. Denn alles Wild in ihrer näheren Umgebung betrachtete ihr Herr, der Baron, als sein persönliches Jagdwild.

„Was sollte ich denn machen?“ fragte der Vater. „Es zerstört uns ja alle Äcker. Die Tiere wissen doch inzwischen ganz genau, dass sie niemand daran hindert. Man muss ihnen doch klar machen, dass sie hier nichts zu suchen haben. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, rauben sie uns unsere Existenz und ersticken uns unseren letzten Lebensfunken. Neulich waren es die Jagdgäste des Barons, die mit ihren Pferden rücksichtslos über unsere Felder setzten, und jetzt dieses. Gleichzeitig besteht der Herr aber weiterhin darauf, dass wir ihm die üblichen Abgaben leisten. Wir können es nicht wagen, ihm zu sagen, dass wir das unter diesen Umständen nicht mehr tun können.“

„Dennoch….“, hielt ihm seine Frau vor, „Hast du nicht bedacht, was das für Folgen haben könnte?“

„Ich hatte keine Zeit zum Denken, ich kam nur zufällig aus dem Unterholz hinzu und habe dann ganz spontan gehandelt. Eigentlich wollte ich das Tier nur vertreiben, aber es reagierte so, dass ich mich verteidigen musste.“

„Und hat man dich dabei gesehen?“

„Möglicherweise. Ich sah jedenfalls danach einen der Leute des Barons ganz in der Nähe.“

Er hatte das kaum gesagt, als man schon von weither Reiter herankommen hörte. Wenig später wurde die Tür von draußen aufgestoßen, und der Baron trat leibhaftig in den Raum. Er war nicht weniger erregt als zuvor der Herr des Hauses selber, fand aber sehr viel schneller seine Worte.

„Haben Wir es nötig“, fragte er an diesen gerichtet, „Uns hier in einen Streit von Schweinen einzumischen? Aber das eine gehörte eben uns, und das andere hier vor Uns stehende meint offenbar, dass es sich nach eigenem Gutdünken darüber hermachen kann. Haben wir nichts anderes zu tun, als ihm zu zeigen, dass das nicht richtig sein kann?“

Mittlerweile waren auch zwei seiner Begleiter in den Raum vorgedrungen und gaben durch ihr Verhalten zu verstehen, dass sie sich hier als Herren und nicht als Gäste fühlten, und es war auch so gewesen, als habe der Baron seine letzten Worte mehr an diese als an die Bewohner des Hauses gerichtet. Zwar befanden sich unter denen zwei offensichtlich sehr kräftige junge Männer, aber wie um zu demonstrieren, dass er das kaum zu berücksichtigen habe, wandte er diesen seinen Rücken zu, um sich mit seinen Begleitern in dem ganzen Raum umzusehen. Er hatte es offensichtlich darauf angelegt, den Anwesenden zu demonstrieren, wie sehr er sie verachtete, und als er sich diesen wieder zuwandte, zeigten seine umherschweifenden Blicke, dass sich seine Verachtung auch auf ihre häusliche Umgebung richtete.

„Holt ihn aus diesem Stall hier raus“,  sagte er an seine Helfer gerichtet; „Wir brauchen frische Luft und möchten mit ihm draußen reden.“

Die beiden Söhne des Bauern wollten zwischen die Begleiter des Barons und ihren Vater treten, aber der hinderte sie daran und gab ihnen zu verstehen, dass er keine Angst davor hatte, dem Baron vor der Tür alleine gegenüber zu treten. Zwar versuchte er, auch die Begleiter des Barons daran zu hindern, ihm zu nahe zu kommen, doch diese zeigten sich davon weniger beeindruckt, fassten ihn an den Armen und zerrten ihn regelrecht vor die Tür. Der Baron stand dort mit gespreizten Beinen und blickte ihm nur herausfordernd wartend entgegen. Als die beiden Helfer den Bauern genügend dicht vor ihn gestellt hatten und dieser sich noch immer nicht äußerte, sondern dem Baron ebenso abwartend begegnete, platzte diesem endlich der Kragen.

Als in diesem Moment das Blöken einer Kuh aus dem Stall zu ihnen drang, fiel es ihm ein, den Bauern zu fragen: „Wie würde es dir gefallen, wenn Wir mit deiner Kuh genauso umgingen wie du mit Unseren Schweinen?“:

Der so Angesprochene befürchtete offenbar, dass sein Herr tatsächlich auf den Gedanken kommen könnte, damit ernst zu machen. Er sah ihn nur flehend an, denn es war wirklich ihre einzige Kuh und auch ihr einziges Kapital.

 „Er will Uns also nicht antworten“, stellte der Baron wieder mit einem vielsagenden Blick auf seine Begleiter fest. Und während diese offenbar verstanden hatten, dass damit die Aufforderung verbunden war, ihm etwas nachzuhelfen, und ihm entsprechend äußerst schmerzhafte Schläge versetzen, die ihn fast dazu brachten, zu Boden zu fallen, fragte der Baron nach. „Du hältst es also für unnötig, deinem Herrn zu antworten?!“

Inzwischen war die Bäuerin ebenfalls aus der Tür gekommen und warf sich ihm vor die Füße. Flehend bat sie ihn für alles Geschehene um Entschuldigung und versprach ihm, daß Ähnliches sicherlich nie wieder passieren würde. Sie war ihm dabei allerdings wohl etwas zu nah gekommen, und er wäre dabei fast gestolpert, was ihn jetzt derartig aus dem Konzept brachte, dass er sie wütend mit seiner Reitgerte über den Kopf schlug. Er hatte es wohl in Kauf genommen, dass dieser Schlag so stark war, dass er sie damit ernsthaft verletzte. Auch der Bauer selbst hatte das bemerkt und reagierte darauf spontan in einer Weise, dass der Baron den Eindruck haben musste, er wollte ihn persönlich angreifen. Um ihm klarzumachen, worauf er sich damit einlassen würde, schlug er auch den Bauern gleich kräftig mit seiner Gerte an den Kopf, so dass er diesen ebenso verletzte. Es war schwer auszumachen, ob der Baron diese Situation hatte bewusst herbeiführen wollen, oder ob sie ihm über den Kopf wuchs. Sie schien ihm jedenfalls plötzlich unangenehm zu sein, und er drängte darauf, sie zu beenden.

Während er dem einen seiner Männer einen Wink gab, die Frau wieder ins Haus zu schaffen und die Haustür so zu verrammeln, dass die restliche Bauernfamilie darin eingeschlossen war, offenbar weil er befürchtete, dass die beiden ältesten Söhne die Schmach ihrer Eltern nicht unbeantwortet hinnehmen würden und ihm doch noch ernsthaft gefährlich werden konnten, gab er dem anderen ein Zeichen, ihm zu helfen, dem Bauern seine Hände auf den Rücken zu binden und ihn danach festzuhalten, bis er ein weiteres Seil aus einer seiner Satteltaschen geholt hatte, dessen eines Ende er mit einer Schleife versah, die er dem Bauern um seinen Hals band, während er das andere freie Ende des Seiles am Sattelknauf eines der Pferde seiner Begleiter befestigte - schließlich, so wollte er wohl damit sagen, sei es unter seiner Würde, das an sein eigenes Pferd zu binden. Als alle drei ihre Tätigkeiten beendet hatten, bestiegen sie wieder ihre Pferde und zwangen dann den Bauern, hinter dem letzten Gaul nachzulaufen.

Was noch weiter geschah, vermittelte mir dieses Geschehen zunächst zwar nicht, es veranlasste mich aber dazu, dieser Sache weiter nachzugehen, um hier vielleicht als eine Art Geschichtspolizist dazwischen zu treten. Hier war offensichtlich dringende Hilfe nötig, denn ich vermutete, dass man den guten Mann danach einfach, wie das in dieser Zeit oft so praktiziert wurde, in ein tiefes Kellerverlies gesperrt - oder richtiger gesagt: geworfen - hatte, um ihn darin verschmachten zu lassen. Es wurde mir allerdings zugleich bewusst, dass ein solcher Eingriffsversuch in mehrfacher Hinsicht leider völlig naiv war - zum einen schon deshalb, weil ich gar nicht wusste, wie ich ausgerechnet in dieses Geschehen einigermaßen leibhaftig hineingelangen konnte, und zum andern auch deshalb, weil ich ja noch gar nicht wusste, ob und inwieweit eine solche Interaktion sonst überhaupt möglich war, zum dritten aber auch deshalb, weil ich mir klarmachte, dass ich damit etwas tat, was mir auf unserer Seite wohl mit gutem Recht prinzipiell verboten gewesen wäre. Schließlich kann sich nicht jeder einfach selbst Polizeirechte anmaßen, auch wenn er noch so sehr an die höhere Gerechtigkeit seines Eingriffs glaubt. Andererseits konnten Menschen, die sich so verhielten wie dieser Baron, sich nicht auf eine höhere Fairness berufen, um andere daran zu hindern, in gleicher Weise gewaltsam gegen sie selber vorzugehen.

 

02. Dezember 2038

Ich sagte mir, dass ich mit solchen Überlegungen eine vorgegebene Welt in vielleicht anmaßender Weise zu meiner eigenen Spielwiese machen wollte. Und das brachte mich zurück zu meiner Ausgangsfrage, ob ich nicht doch damit Recht hatte, mir jene Vergangenheitswelt solipsistisch vorzustellen - dass es sich bei ihr nicht also doch nur in gewisser Weise um eine Ausgeburt meines eigenen Geistes handelte. Das wiederum veranlaßte mich, über die eigentliche Natur unserer auch gegenwärtigen Welt ganz grundsätzliche Gedanken anzustellen. Was diese allerdings anging, so erschien mir das zwar als eine falsche Vorstellung, doch hielt ich die Beschäftigung mit solchen Fragen für durchaus sinnvoll, denn es konnte ja nicht ohne Interesse sein, wie unsere Welt funktioniert, und ich fragte mich, ob nicht abgesehen von dieser Idee dennoch die ganze Welt ein einziger Schwindel war. Andererseits aber fragte ich mich dann auch, ob uns das nicht dennoch einerlei sein konnte, sofern es keine Konsequenzen für uns hatte. Aber hätte es das denn tatsächlich nicht? Das war offenbar ein weiteres interessantes Problem: Vielleicht ergaben sich aus den alternativen Möglichkeiten zwar keine praktischen, aber doch ethische und perspektivische Unterschiede!

 

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