Verlag

Prometheus

 

Das Gesetz der Vergangenheit

 

 

Erster Teil

 


                                                 

                      Ein merkwürdiger Traum    

…mit dem alles begann.

                                                                                                

Wenn ich die Dinge, über die ich hier reden will, nochmals rekapituliere, so begann für mich alles mit einem bestimmten Traum, an den ich mich seither immer noch derartig plastisch erinnere, als hätte ich ihn wirklich erlebt. Ich weiß nicht, ob Dir, lieber Leser, solche Träume aus eigenem Erleben auch bekannt sind. Es kann Dir geschehen, dass du mitten darin - ganz ähnlich wie in dem Polanski-Film ‚Rosemaries Baby’ - plötzlich weißt, dass es sich dabei nicht mehr nur um einen üblichen normalen Traum handelt, sondern dass das, was da vor deinen Augen oder mit dir selbst geschieht, eine besondere Realität ist. So war es auch hier - zumindest in der Nachwirkung. Ich verbinde dieses Erlebnis zunächst vor allem mit Orgelmusik, die den Blick auf einen Priester am Altar einer großen wunderbaren Kirche lenkte. Zwar war seine Predigt vor allem in lateinischer Sprache gefaßt, aber ich verstand sie trotzdem vollkommen. Er richtete ermahnende Worte an die Gemeinde, die er aber doch zugleich wie ein gütiger Vater anredete, vor allem nachher, als er mit uns vor die Kirche trat und nach Möglichkeit alle persönlich verabschiedete. Allerdings natürlich nur die, die die Messe besucht hatten. Denn er erklärte uns, dass das leider nicht bei allen der Fall war. Da er die aber auch zu seinen Schäfchen zählte, wollte er diese nun in ihrem eigenen Hause besuchen und forderte uns auf, ihn dabei zu begleiten. Obwohl ich nicht weiß, warum ich es mir gar nicht anders gedacht hatte, war es doch so, dass das vor allem diejenigen waren, die nicht zu den besonders Begüterten zu zählen waren, wenn ich auch nicht erwartet hatte, dass die Umgebung, in die uns der Priester dann führte, derartig trostlos sein würde. Er führte uns nämlich in eine Siedlung, in der es noch nicht einmal eine befestigte Straße gab und in der die Tiere völlig frei herumliefen, während die Menschen zumeist untätig vor ihren Häusern hockten oder, soweit das möglich war, auch lagen. Denn das war nur auf erhöhten Brettergalerien denkbar, unter denen der Schlamm kaum begehbar war. Da es seit einigen Tagen nicht mehr geregnet hatte, konnte es sich dabei eigentlich nur um Wasser aus den Abwasserkanälen handeln, die neben den Straßen träge flossen oder sickerten und neben denen besonders die Schweine überall den Boden durchwühlten. Vor oder hinter einigen der Häuser waren alte und verwitterte Gitterwagen zu sehen, die ansich von Pferden zu ziehen waren, von denen ich aber kein einziges zu sehen bekam. Unser Pfarrer war ein würdiger Mann, der uns mit bedeutsamer Geste, aber sonst beredt schweigend, auf alle diese Dinge hinwies, als wolle er ein Ausrufezeichen dahinter setzen. Er war ein strenger und asketischer Typ, ganz das Gegenteil übrigens zu den im allgemeinen in dieser Umwelt als beleibt vorgestellten Mönchen. Und seine jetzt recht wortkarge Strenge brachte zum Ausdruck, dass man von solchen Menschen, wie man sie hier sah, wohl kaum erwarten konnte, dass sie wie die übrigen Bürger auch zur Kirche gingen. Hatte er hier oder später noch gesagt: „wie anständige Bürger“, oder legte ich ihm das unbewußt so aus, weil es mir hier ganz selbstverständlich erschien?

Der Priester wollte uns ja zu einigen seiner hier wohnenden Gemeindemitglieder führen. Zwar war es nicht leicht, über die verschmutzten Gräben überhaupt in deren Häuser zu gelangen, aber bei einem etwas abseits gelegenen und weniger verwahrlost wirkenden, in dem zuvor ein Kind verschwunden war, gelang es uns dennoch. Wir waren dabei in einen recht großen Raum eingetreten, der wohl das ganze Haus ausfüllte, sodass es darin auf ebener Erde wohl keinen Nebenraum mehr gab. Der Priester hatte sich nicht die Mühe gemacht, anzuklopfen, als wir den Raum betraten, denn er unterstellte wohl als selbstverständlich, dass er danach hier nicht zu fragen brauchte. Schließlich klopft man auch nicht an einem Kuhstall an: das wäre eindeutig unpassend gewesen. Inzwischen war auch sein zuvor so väterlicher Ton eher einer grundsätzlichen Strenge gewichen. So, wie er sich nun verhielt, konnte man allerdings schließen, dass er nicht nur diese Menschen missbilligte, sondern auch seine eigene Einstellung zu ihnen. Sein Anliegen war nämlich ein pädagogisches - und dieses natürlich nicht nur uns, seinen Begleitern, gegenüber, denn dazu hatte er uns ja mitgekommen, sondern natürlich auch jenen gegenüber, die er ansich nur im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe zu belehren versuchte. Natürlich wollte er ihnen ja nur helfen, aus ihrer selbstgewählten Lage herauszufinden. Diese schien allerdings derartig, dass man sich fragen musste, wie das überhaupt geschehen sollte.

Wenn unser Eintreten nicht gerade von der üblichen Höflichkeit geprägt war, so wurde mir auch bald bewusst, weshalb diese Mühe hier vergeblich gewesen wäre. Denn obwohl es sich bei den Hausbewohnern um eine vielköpfige Familie handelte, machte auch von dorther niemand Anstalten, uns zu begrüßen. Schweigend standen wir uns alle in diesem dafür viel zu kleinen Haus gegenüber. Unser Priester machte sich nun allerdings die Mühe, uns die einzelnen Mitglieder dieser Familie des Hauses vorzustellen, und ich fand es bemerkenswert, dass er nicht nur die Namen der Erwachsenen, zu denen neben den Eltern noch weitere drei Personen zählten, sondern auch die aller Kinder kannte. Erst als er damit fertig war, wollte er sich endlich an die Frau des Hauses wenden, die offenbar die Mutter der Kinder war und sich nur mühselig von dem Zuber erhoben hatte, in dem sie bis dahin die Wäsche des Hauses gerubbelt hatte. Doch fiel ihm dabei der Vater ins Wort, um ihm zu sagen, dass er noch einige Namen vergessen hatte.

„Ich hatte sie keineswegs vergessen, aber es fiel mir bereits auf, dass sie nicht anwesend sind. Und darf ich fragen, wo die sind?“

Der Blick der Mutter hätte ihm eigentlich die Antwort dazu geben können. Die anwesenden Kinder waren wohl etwa zehn an der Zahl, aber es waren, wie uns klar wurde, offenbar schon nicht mehr alle, weil einige schon gestorben waren. Das begriff auch unser Priester dann sehr gut auch ohne Worte, aber er wollte darauf nun wohl nicht mehr näher eingehen. Immerhin hüstelte er ein wenig verlegen und erklärte dann verhalten nur an uns gewandt, dass das ja auch kein Wunder sei, wenn die Eltern es versäumten, ihre Kinder richtig zu ernähren. 

„Es ist hier auch nicht gerade sehr viel besser mit der Ordnung beschaffen seit meinem letzten Besuch“, sagte er dann, nachdem er sich wieder gefasst hatte, mit betonter Strenge in den Raum hinein, der bereits wegen der anbrechenden Abenddämmerung so düster geworden war, dass er niemand direkt ansehen konnte. Denn so viel war hier immerhin noch zu sehen, dass hier nicht nur die gewohnte Andacht fehlte, sondern auch sonst das reinste Chaos herrschte. Er stellte es eher für sich selbst kopfschüttelnd fest, als wollte er sich damit die Frage stellen, ob er sich mit seiner Hilfe nicht doch zu viel vorgenommen hatte. „Ich hatte euch doch gesagt“, wandte er sich dann an die Mutter, „dass die Ordnung der Anfang aller Dinge ist.“

„Es ist eben alles eine Frage der Grundeinstellung“, ergänzte er mehr zu uns gewandt. Doch hatten das auch die sonst im Raum stehenden Anderen gehört, und von dorther kam nun eine böse und drohend klingende tiefe Stimme, die nur ein Wort sagte: „Genau!“

Der Priester sah in den Raum hinein und bemühte sich, den Zwischenrufer zu erkennen. Er blickte fragend in der Runde, als erwartete er eine Erklärung für diesen Ausruf, erhielt aber keine weitere Antwort.

„Das war es, was ich Euch hier zeigen wollte“, erklärte er uns später, nachdem wir das Haus und die Gegend verlassen hatten. „Einem unbefangenen Beobachter kann es wohl so erscheinen, als nähmen diese Menschen nur deshalb kein Essen zu sich, weil sie gar keines haben. Doch das ist nur vordergründig richtig, denn wie Ihr seht, machen sie ja auch nicht die geringsten Anstalten dazu, sich etwas zu bemühen, daran etwas zu ändern.“

In meiner Erinnerung erklang dann wieder die frühere Orgelmusik, während ich erwachte.

 

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