Verlag

Die Geschichte des Manuskriptes des 'Ouroboros'-Werkes.

Vorwort des Herausgebers

 

Wer da glaubt, daß das Seiende durch Zufall und Ungefähr regiert und von körperlichen Ursachen zusammengehalten wird, der ist ferne davon, einen Begriff von Gott oder dem Einen zu fassen, und unsere Darlegung richtet sich nicht an solche, sondern an diejenigen, welche eine andere Wesenheit neben den Körpern annehmen und auf die Seele zurückgreifen... Wir reden und schreiben nur davon, um zu ihm hinzuleiten, aufzuwecken aus den Begriffen zum Schauen und gleichsam den Weg zu weisen dem, der etwas erschauen will; denn nur bis zu dem Wege, bis zum Aufbruch reicht die Belehrung, die Schau muß dann selbst vollbringen, wer etwas zu sehen gewillt ist... Darauf sollen sie den Geist erfassen lernen als etwas anderes als das, was in uns denkt (das sogenannte Denkvermögen) und einsehen, daß bereits die Denkakte gleichsam auseinandertreten und in Bewegung sind, und daß die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Seele befindliche Vernunftinhalte sind, die dann als solche in Erscheinung treten können, weil der Geist als Verursacher der Erkenntnisse in die Seele eingetreten ist... Wir nennen es das Eine... wir wollen mit diesem Namen auf die Vorstellung des Ungeteilten hinleiten und die Seele zur Einheit führen... Diese Dinge sind jenen höheren immer nur ähnlich im Sinne von Analogien in Bezug auf ihre Einfachheit und ihr Freisein von Vielheit und Teilbarkeit... Was ferner vieles ist, bedarf so vieler Dinge als es ist; weiter existiert jedes der Dinge in ihm mit den andern verbunden und steht nicht auf sich selbst, weil es der andern bedürftig ist... (Plotin)

Ich hatte einen Traum: Eine mir weitläufig bekannte Dame, deren mir nicht ebenso bekannter Ehemann gerade verstorben war, rief mich zu sich, um sie in der Sache seines Nachlasses zu beraten, hinsichtlich dessen sie mir aus bestimmten Gründen eine gewisse Kompetenz zutraute. Er war ein Maler gewesen, der sich offenbar in seiner letzten Zeit mit einer nunmehr wohl abgeschlossenen Gemäldeserie befaßt hatte, über die er sich jedoch selbst immer nur sehr undeutlich und wortkarg geäußert hatte. Auch über seine Ver­öffentlichungs- oder sonstigen mit den Bildern verbundenen Absichten hatte er sich nicht geäußert, die Abgeschlossenheit der Serie wurde mir aber später klar, als ich erkannte, daß ihre Anzahl an 27 Bildern für ihn eine höhere Bedeutung hatte. Die Bilder unterschieden sich deutlich von seinen sonstigen Gemälden insofern, als es sich erkennbar nur um Illustrationen handelte, die bezüglich ihrer Bedeutung eines Erklärungstextes bedurften und wohl auch nur zu dessen Ergänzung gedacht waren. Das ergab sich auch aus den zitierenden und entsprechend realistischen Stilmitteln: Es ging hier tatsächlich eher um das Zitat als um den Selbstausdruck. Die bildnerischen Zitate als solche waren dagegen i.a. kunsthistorisches Allgemeingut, sodaß sich Zitathinweise eigentlich erübrigten und auch den Darstellungs- bzw. Erklärungsfluß beeinträchtigt hätten. Soweit es dennoch nötig erschien, waren aber Namenshinweise in die Bilder eingefügt. Was nun die Bedeutung der Bilder anging, so hatte die Witwe des Malers nur ein offenbar dazugehöriges recht umfangreiches Manuskript gefunden, von dem sie aber noch nicht einmal annahm, daß es von ihrem Mann selbst stammte. Er hatte mit mehreren Literaten recht intensiv persönlich verkehrt, sodaß es nahelag, daß einer von denen der Verfasser dieses Manuskriptes war. Demnach hatte er mit einem Coautor gemeinsam an seinem Bilderwerk gearbeitet, der sich aber bisher nicht zu erkennen gegeben hatte. Seine Witwe bat mich nun, das Manuskript genauer zu studieren und ihr zu raten, wie man mit dem Nachlaß verfahren sollte. Ich mußte leider kurz darauf verreisen und fand deshalb erst mit erheblicher Verzögerung Zeit, mich der Sache zu widmen. Unglücklicherweise verstarb auch die ohnehin kränkelnde Witwe in dieser kurzen Zeit. Sie hatte mir aber, da sie mich offenbar in ihren letzten Wochen noch zu erreichen versucht hatte und ihr das nicht gelungen war, in einer eigens dazu aufgesetzten Testamentsergänzung die Bilder und das Manuskript überlassen in der vertrauensvollen Annahme, daß ich damit nicht eigennützig verfahren würde, sondern treuhändlerisch so, wie es in der Absicht des Werkes selbst lag. Nachdem ich inzwischen zu der Überzeugung gelangt war, daß es sich bei dem Manuskript tatsächlich um den zu den Bildern gehörigen Text handelte, und daß man das Gesamtwerk, Bilder und Text, der Öffentlichkeit bekanntgeben sollte, stellte sich mir die Frage, wie ich das bewerkstelligen sollte, da ich ja über die Urheberschaft des Textes nichts näheres wußte. Auch über den Maler selbst konnte ich nun seine Witwe nicht mehr so eingehend befragen, wie mir das mittlerweile der Sache gemäß und an sich notwendig erschien. Ich hielt es deshalb für das richtigste, an Stelle der Autoren (bzw. des Autors) einfach nur selbst als Herausgeber des Werkes in Erscheinung zu treten.

Nun: so weit mein Traum. Ich muß allerdings ergänzen, daß zwischen Traum und Wirklichkeit eine Person getreten ist, deren Auftritt in beiden gleichermaßen Sinn macht, sodaß ich inzwischen gar nicht mehr weiß, ob ich ihr auch bereits im Traum begegnet bin oder nicht. Es handelt sich um die Person des Verlegers, dem ich schließlich das Werk vorstellte und der mir nicht abnehmen wollte, daß es sich bei diesem Bericht nur um einen Traum gehandelt hat. Das war insofern noch verständlich, da ich ihm ja nun die Werke sehr konkret unterbreitete und ich mich ihm gegenüber aus bestimmten Gründen nicht weiter äußern konnte, er unterstellte mir jedoch außerdem, daß ich tatsächlich selbst der Autor des Textes wie der Bilder sei. Letzteres glaubte er auch aus der Uroborus-Signatur schließen zu können, in die zufällig meine eigenen vorgesetzten Initialen eingefügt waren. Das konnte ich allerdings leicht damit erklären, daß diese bereits in der am häufigsten zitierten Uroborus-Darstellung des Codex Casselianus enthalten sind und sicher von da übernommen wurden.

Uroboros 9

Aus dem Codex Casselianus.

Er verlangte, daß ich ihm zumindest mein Recht an dem Werk zusichern oder wenigstens die Verantwortung auf mich nehmen müßte, wenn es diesbezüglich zu einem späteren Rechtsstreit käme. Ich sagte, da sich der Autor bisher nicht gemeldet habe, sähe ich darin ein kalkulierbares Risiko, und er könne insofern davon ausgehen, daß ich quasi der Verfasser selbst sei. Ich vermute sogar, daß der verstorbene Maler selbst, über dessen Rechte ich nicht nur dem Traum (er möge das wörtlich nehmen oder auch nicht), sondern auch der Wirklichkeit gemäß verfüge, der eigentliche Verfasser auch des dazugehörigen Textes sei. Einerseits nämlich sei ein derartiges Doppeltalent durchaus keine Seltenheit - es sei meiner Kenntnis gemäß sogar so, daß es zwischen keinen zwei anderen Künsten eine derartig enge Beziehung gebe wie zwischen der bildnerischen und der literarischen, sodaß viele Maler sich auch literarisch betätigt hätten und umgekehrt - und andererseits seien hier Text und Bilder derartig intensiv aufeinander bezogen, daß die personale Identität der beiderseitigen Autorschaft als nahezu sicher angenommen werden könne. Ein völliger stilistischer Vergleich malerischer und literarischer Stilmittel ist natürlich immer schwierig, es sei denn hinsichtlich der Dramaturgie. Wie auch immer und wer es auch sei: Da ich ja nicht wisse, ob es in der Absicht des Verfassers gelegen habe, sein Werk zu veröffentlichen, wolle ich seinen eigentlichen Namen und dessen spätere Bekanntgabe möglichen späteren Biografen und der Wirkungsgeschichte des Werkes anheimstellen, die ja bekanntlich jeder tatsächlichen Kausalität spotte und insofern nie vorhersehbar sei, sodaß nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden könne, daß daran überhaupt einmal ein allgemeines Interesse bestehen würde.

Die enge Verbindung zwischen Malerei und Literatur bzw. zwischen Bild und Text mag übrigens tiefere Gründe haben, die dann eine Rolle spielen, wenn es darum geht, mit ihrer Hilfe auf etwas zu verweisen, das sich mit keinem dieser Mittel in idealer Weise allein darstellen läßt – nämlich dann, wenn es um etwas geht, bei dem die räumliche und zeitliche Dimension gleich wichtig ist. Lessing hat darauf in seinem bekannten Laokoon-Essay verwiesen, der den bezeichnenden Untertitel ‚Über die Grenzen der Malerei und Poesie’ trägt. In dem antiken Mythos tritt für ihn die entsprechende Problematik deutlich zutage. Das Werk stellt nach seinem Empfinden einen dramatischen Moment dar - Laokoon und seine beiden Söhne stehen in einem verzweifelten Kampf mit einer sie bereits umwindenden Riesenschlange -, in dem in einem einzigen Augenblick eine ganze Geschichte zusammengefaßt ist. Denn ganz unwillkürlich verlangt auch hier der Betrachter nach einer Erläuterung des Geschehens, die ihm seine Phantasie dabei nur hilfsweise liefert. Er möchte aber mehr darüber wissen, und so tritt die Notwendigkeit des Kommentars ins Spiel, den er sich ggf. selbst liefern muß. In diesem Sinne sind Literatur und Malerei nicht vergleichbare, sondern vielmehr sich gegenseitig ergänzende Künste, wobei gemäß Lessing die Poesie ihre Worte „aufeinander folgend“ - also in der zeitlichen Dimension -, während die Malerei ihre Elemente „nebeneinander“ - also räumlich - ausdrückt. Die Malerei könne deshalb nur Gegenstände oder momentane Situationen darstellen, die Dichtung dagegen nur Handlun­gen. Unserer Tradition entspricht es allerdings, daß wir versuchen, selbst komplexe philosophische Inhalte lediglich mit Worten zum Ausdruck zu bringen. Ist eine philosophische Aussage aber eine Handlung oder ist sie eine geistige Momentaufnahme? Eigentlich weder das eine noch das andere oder aber beides zugleich: sie möchte einen Tatbestand, eine ewige Wahrheit, zum Ausdruck bringen, der über die Dimensionen von Raum und Zeit hinausgeht und sie beide in sich zusammenfaßt. Sie ist statisch, weil ewig, und dynamisch, weil prozessual sich im Geiste entfaltend. Da aber die meisten Menschen eher visuell und konkret veranlagt sind und sich ungern auf längere und ihnen als viel zu abstrakt erscheinende Texte einlassen (sie denken üblicherweise nicht prozessual, wie es etwa bei der Unterscheidung von gut und böse notwendig ist), gehen solche Aussagen an ihnen vorbei. Ich möchte deshalb darauf verweisen, daß der im folgenden gemachte Versuch, entsprechende Aussagen in einer innigen Verbindung von Text und Bild darzustellen, nicht von ungefähr kommt, sondern daß ihm eine tiefere Notwendigkeit zugrunde liegt, die bisher sträflich vernachlässigt wurde.

Allerdings geht es dabei um die letzten Dinge, die nicht einfach zu verstehen sind, sodaß mit der Lektüre einerseits ein hoher Anspruch an den Leser wie auch an den Betrachter verbunden ist. Ich will deshalb noch hinzufügen, daß ich den Eindruck habe, daß der Autor andererseits – für den Fall einer Veröffentlichung auch anderen gegenüber, so aber doch zumindest für sich selbst - sehr darum bemüht war, diese Dinge möglichst verständlich zu machen und daß ihm dazu nicht nur seine direkte und ungekünstelte Mitteilung in einer unmanierierten Sprache, sondern eben auch die Bilder dienen sollten. Sein eigentliches Manuskript und das, was ihm damit als mitteilungswürdig oder sogar -notwendig erschien, ist aber derartig umfangreich, daß dabei die Bilder nur noch als Begleitmedium erscheinen. Da es mir als dem Herausgeber aber in erster Linie um eine Fassung des Gesamtwerkes ging, in der beide Elemente sich in etwa gleichwertig gegenseitig ergänzen, mußte ich dazu die ursprüngliche Version sehr wesentlich – um etwa die Hälfte - kürzen. Ich kann mich dabei, wie ich meine, soweit es die Verständlichkeit nicht allzu sehr beeinträchtigt, auch auf den Autor selbst berufen, weil er in seinen Ausführungen nicht nur des öfteren die Auffassung vertritt, die sich eben auch in seinem klaren Stil äußert, daß eine Theorie nur soviel Wert besitzt, wie man davon - sich selbst und anderen - vermitteln kann[1], sondern weil diese sogar ein Grundpfeiler seiner Philosophie ist, die sich insofern stark auf Berkeley bezieht. (Es gibt die Welt nur im Geiste, woraus folgt, daß sie nur das ist, was wir von ihr erkennen. Theorien, die prinzipiell unverständlich sind, verlieren dadurch ihre tiefere Berechtigung.)

Wenn man versucht, das eigentliche Anliegen des Autors mit wenigen Worten zu charakterisieren, so geht es ihm wohl vor allem darum, die inzwischen mehr als 25o Jahre alte - prinzipiell rein utilitaristische - Aufklärungsphilosophie, deren Konsequenzen an die Grenzen der Belastungsfähigkeit unseres Planeten stoßen, mit einem ihm als dringend notwendig erscheinenden neuen Evolutionsschritt in der Philosophie zu überwinden, zu dem wir eigentlich erst heute auf der Grundlage des neueren Informationsstandes fähig sind. Da die derzeit noch vorherrschenden paradigmatischen Vorbehalte aus allen etablierten Richtungen dagegen erheblich sind, konnte er sich nicht mit Einzelausführungen begnügen, die man leicht hätte wegerklären und bald wieder vergessen können, sondern er mußte dazu ein nach allen Seiten einigermaßen abgesichertes System vorstellen. Die Möglichkeiten einer Einzelperson dazu sind allerdings beschränkt - obwohl einiges davon bereits atmosphärisch in der Luft lag, konnte hier zunächst nur tastend Neuland beschritten werden -, und so konnte er nur einen ersten vagen Kreis skizzieren, der anderen als Anregung dienen mag, weitere konzentrische Kreise anzufügen.

Ich möchte dazu noch einen kurzen Hinweis geben, der sich vor allem an philosophisch ungeübte, jedoch mit der notwendigen Aufnahmebereitschaft versehene, Leser richtet: Oft ist es auch bei um möglichste Klarheit bemühten philosophischen Texten ganz natürlich, wenn man sie zunächst dennoch nicht völlig versteht, weil alle verwendeten Begriffe und Erörterungen zu ihrem wirklichen Verständnis die Kenntnis des Ganzen voraussetzen, in das man sich ja erst hineindenken muß. Selbst wenn einige Ausführungen dem Leser zunächst als umständlich oder zu schwer verständlich und somit zunächst verzichtbar erscheinen, hatte ich doch meine Gründe, sie so zu belassen, weil sie zum Gesamtkanon gehören. Es genügt deshalb zunächst hilfsweise bereits, wenn man die bisweilen unvermeidbaren schwierigen Passagen gewissermaßen nur durch seine Poren aufnimmt, um sie allmählich ggf. nach einer zweiten Lektüre immer besser zu verstehen. Das ist ja der große Vorzug des geschriebenen Wortes vor dem gesprochenen: daß man immer wieder dorthin zurückgehen kann, wo man etwas noch nicht verstanden hat - ein Vorzug, den besonders nachdenkliche Menschen oft geradezu benötigen. Dabei ist also wenigstens das Bemühen um ein Verständnis immer wichtig und keinesfalls durch ein einmaliges Darüber-hinweg-Fliegen zu ersetzen. Insofern gibt das einleitende Plotin-Zitat nicht nur eine Einweisung in den folgenden Inhalt, sondern auch in die nötige Grundeinstellung des Lesers. Denn tatsächlich müssen hier beide Seiten zusammenfinden. Alles, was dem Leser hier mitgeteilt werden soll, kann eigentlich nur erst in seinem eigenen Geiste aufleuchten, und das setzt voraus, daß dort die dazu nötigen Reflektoren nicht nur grundsätzlich vorhanden sind, sondern auch mit der richtigen Seelenhaltung aufgestellt werden.

Die Ausführungen zum Laokoon-Thema sind übrigens gut geeignet, zum Thema des folgenden ersten Kapitels ('Die Natur des Raumes') überzuleiten, in dem aus einem ganz anderen Kontext zufällig auch versucht wird, die sehr abstrakte Verbindung von räumlicher und zeitlicher Dimension, insofern sie Attribute des Äthers sind, mit Hilfe dieses Motivs gewissermaßen zu vergegenständlichen.

 

G.V. Pedes.

 


[1] Eine Auffassung, die übrigens auch Albert Einstein vertrat und ihn veranlaßte, eine eigene Populärfassung seiner Theorie zu veröffentlichen.

Main page Contacts Search Contacts Search