Thema Astrologie

 

Was kann man lesen?

 

 

Das vorangegangene Deutungsbeispiel gibt uns Anlaß zu weiteren allgemeinen Fragen bezüglich der Aussagen eines Horoskopes. Zunächst ist dazu zu sagen, daß nicht nur Menschen ein Horoskop haben, sondern auch Ereignisse, Länder, Vereine und Unternehmungen aller Art. Praktisch alles, was eine gewisse Bedeutung besitzt, ist durch ein Horoskop bestimmt. In der Praxis ergibt sich dabei nur das Problem, auf welchen Zeitpunkt und welchen Ort man es ausstellen soll. Das ist in der Regel eine Ermessensfrage, die durch Erfahrung und Intuition bestimmt ist. Wir werden etwa kaum ein Horoskop einer unbedeutenden Begegnung mit irgendeinem anderen Menschen machen, den wir kaum kennen und auch später kaum wiedertreffen bzw. dessen weiteren Begegnungen wir keine besondere Bedeutung beimessen. Wir werden auch kein Horoskop von einem bedrohlichen Ereignis machen, das für uns noch glimpflich ausgegangen ist.[1] Wohl aber gibt es einen Sinn, ein Horoskop zu erstellen, wenn eine Begegnung wichtig für uns war oder wenn ein Unfall eingetreten ist, der Auswirkungen auf unser weiteres Leben hat. Die Frage ist dann nur, ob wir das wollen. Alle derartigen Horoskope haben nämlich eine Aussage, deren Bedeutsamkeit sich aber nicht je nach unterschiedlicher Wichtigkeit ein- oder ausstellt, sondern graduell zu- oder abnimmt. Je unwichtiger das Ereignis ist, desto verschwommener ist auch die Aussage des Horoskopes. Das ist aber nur gefühlsmäßig zu bewerten. Intuition ist also das A und O der Auslegungskunst, und nur Positivisten halten diese für unerheblich. Wir sollten erkennen, daß sie auch sonst eines unserer wichtigsten Erkenntniswerkzeuge ist. So können wir auch nur intuitiv über den Sinn einer Interpretation entscheiden, wobei aber auch die Erfahrung eine wichtige Rolle spielt. So ist es etwa eine bloße Erfahrungstatsache, daß der richtige Zeitpunkt für die Erstellung eines Geburtshoroskopes der erste Schrei des Säuglings ist. Natürlich könnten wir auch unter Umständen wichtige Aussagen aus dem Horoskop erhalten, das auf den Zeitpunkt seiner Zeugung ausgestellt ist, doch kennen wir diesen üblicherweise nicht. So scheitert diese Möglichkeit schon an der Praxis, was aber auch bedeuten kann, daß sie prinzipiell ausgeschlossen ist, weil sie es sein soll. In der Astrologie gewinnen wir unser Wissen nur aus der Erfahrung, denn sie ist eben eine Naturwissenschaft im erweiterten Sinne des Begriffes „Natur“.

Umgekehrt nimmt die Aussage des Horoskopes zwar nicht quantitativ (denn das ist dabei ohnehin nicht möglich, sodaß hier nichts gemessen oder Ignoranten bewiesen werden kann), aber qualitativ zu, je wichtiger der Vorgang war. Dabei spielt also immer die Frage der Bedeutsamkeit eine Rolle, die jedoch eine Angelegenheit subjektiver Würdigung, Erfahrung und Auslegekunst ist. Es liegt deshalb auch auf der Hand, daß wichtige Persönlichkeiten ein bestimmenderes Horoskop haben als offiziell unwichtige. Doch da die Frage der Wichtigkeit eines Menschen schon sehr problematisch ist, führt uns das unweigerlich in den Bereich der Philosophie. Jedenfalls ist jeder noch so „unbedeutende“ Mensch in seinem Horoskop zu erkennen, allerdings nur von denjenigen, die ihn näher kennen und sich auch auf die Deutung verstehen. Da hier in jedem Fall Qualitäten statt Quantitäten gesehen werden, läßt sich auf deren allgemeine Bedeutung schließen. Es relativiert bereits die Bedeutung der bürgerlichen Bühne. Die Bedeutsamkeit eines Menschen wird demnach „von oben“ permanent gesehen und gewürdigt: er selbst bestimmt sie letztlich durch seine Bewußtseinsformungen. Der Mensch ist das, was er aus sich macht. Selbst bei einem König können wir aus seinem Horoskop nur das erkennen, was wir mehr oder weniger ohnehin von ihm wissen, während seine private Seite uns verborgen bleibt. In diesem Sinne enthält das Horoskop der Queen natürlich noch sehr viel mehr, über das wir offiziell nichts wissen (und das uns auch nichts anzugehen hat). Das heißt - wie wir sahen - andererseits aber nicht, daß ein Horoskop nur rückwirkend gelesen werden kann, sondern es heißt eher, daß hier zwei Informationskomponenten zusammenkommen müssen, um die Aussagen präzisieren zu können. Es ist wie mit zwei Tresorschlüsseln, die nur gemeinsam den Tresor öffnen können. Um ein anderes Gleichnis zu verwenden, können wir an einen Stadtplan denken, den wir von einer uns fremden Stadt besitzen. Was wir über diese Stadt aus dem Plan lesen können, ist die Art und Weise ihrer Straßenführung und die Anordnung ihrer Stadtteile, ihre städtebaulichen Schwerpunkte, die Idee ihrer Gesamtanlage, und wenn wir mit der allgemeinen Städtegeschichte vertraut sind, ist es uns auch möglich, aus ihrer Struktur Vermutungen über ihre historische Entstehung anzustellen usw. Das sind immerhin schon eine Menge Informationen, die durchaus nicht beliebig sind. Was wir aber nicht kennen, ist die wirkliche Atmosphäre der Stadt. Diese lernen wir erst kennen, wenn wir uns wirklich in sie hineinbegeben. Dabei ist es möglich, daß wir Bewohnern begegnen, die zwar in der Stadt aufgewachsen sind, aber noch niemals einen Plan von ihr in der Hand gehabt haben. Es liegt nun auf der Hand, daß ein gegenseitiges Gespräch für beide Seiten überaus nützlich ist und beiden zusätzliche Informationen bringt, die das gemeinsame Wissen erheblich erweitert. Schliemann gewann seine Überzeugungen über den Sinn seiner Ausgrabungsarbeiten aus der Odyssee und begab sich eines Tages an Orte, an denen er noch nie zuvor gewesen war, um dort mit Hilfe dort ansässiger Arbeiter mit den Ausgrabungen zu beginnen. Als diese in der Tat erfolgreich waren, stellte einer dieser einfachen Menschen fest: „Seit Generationen wohnt unsere Familie schon hier, und niemals hat irgendeiner meiner Vorfahren irgendetwas davon gesagt, daß unter diesem Hügel eine alte Siedlung liegt. Da mußte erst ein völlig Fremder zu uns kommen, um uns zu sagen, daß wir das hier finden würden!“ So etwa ist auch unter Umständen das Erstaunen eines Menschen, der zum ersten Mal von einem Astrologen etwas über sein Horoskop gesagt bekommt. Was er dabei erkennt, sind gegebenenfalls äußerst wichtige Informationen über seine besondere Lebensaufgabe - den Sinn und Plan seines Lebens -, und was er daraus gewinnt, ist zumindest eine größere Zielgenauigkeit bei seinen weiteren Entscheidungen. Vor allem aber gibt es seinem Leben einen viel höheren Sinn.

Wir alle haben unser Horoskop und müssen uns fragen, inwiefern es uns determiniert und welche Freiheit es uns läßt. Die astrologische Erfahrung zeigt, daß die Zeichenstellung der Planeten in einem Horoskop vor allem das Temperament des Menschen bestimmt, während deren Häuserstellung eher die Betätigungsfelder betrifft. So können wir aus der Horoskopstruktur schon von vornherein eine ganze Menge über einen Menschen sagen, denn wir erkennen daraus einerseits sein ungefähres Temperament und andererseits seine allgemeine Veranlagung. Doch kann diese sich auf allen möglichen Bedeutungsebenen realisieren, sodaß es scheint, als sei diese Voraussetzung trotz allem viel zu vage, um irgendetwas Bestimmtes zu sagen. Es ist auch möglicherweise etwas verantwortungslos, einen Menschen aus seinem Horoskop von vornherein festzulegen und zu sagen, er sei so und so, weil das nun einmal deutlich aus seinem Horoskop hervorgehe. Trotz allem und bei aller gebotener Vorsicht ist es aber nicht gar nichts, was wir so in der Hand haben. Wenn wir an das Beispiel des Stadtplanes denken, so stehen wir mit diesem vor der Stadt und kennen in diesem Moment zunächst allerdings noch nichts Näheres über ihre wirkliche Atmosphäre, doch ist es einem erfahrenen Städtehistoriker immerhin möglich, aus der Struktur der Stadtarchitektur unter Umständen auch etwas über die Ebene auszusagen, auf der sich ihre Atmosphäre verwirklicht. Wenn wir in diesem Sinne vor dem Horoskop eines uns unbekannten Menschen stehen, so können wir dieses etwa mit der Anordnung der Instrumente eines Orchesters vergleichen. Zwar sind die Musiker noch nicht auf der Bühne erschienen, und wir wissen deshalb noch nicht, ob uns ein hoher oder geringer Musikgenuß erwartet, doch immerhin können wir bereits etwas über die Art der Musik aussagen oder zumindest unsere Vermutungen darüber anstellen: ist es ein Blasorchester oder läßt die Art der Instrumente und ihre Anordnung  ein Popmusik-Konzert oder eine Jazz-Darbietung erwarten - geht es um Volks- oder eher um klassische Musik? Wenn wir statt des Orchesters an ein einziges Trommelarrangement denken, so können wir uns die Häuser als die Membranen der verschiedenen Trommeln denken und die Tierkreiszeichen als die Trommelbecken: auf den Membranen wird demnach gespielt, während die Klangkörper die Art des Schalles bestimmen. Wir sehen dann also schon aus dem Horoskop, ohne daß wir dessen Eigentümer näher kennen, welche Trommeln durch Planeten besetzt sind, wo sie stehen, wie die Oberfläche und wie der Körper ist. Je erfahrener nun der Musikkenner oder eben der Astrologe ist, desto eher wird er wissen, welche Musik er etwa zu erwarten hat. Das ist immerhin schon sehr viel, aber es gibt nichts, was es nicht gibt. Manche Musiker können auch auf Kämmen blasen, während andere mit den besten Instrumenten nichts anzufangen wissen. Das ist bekannt, aber dennoch vermuten wir eigentlich nicht, daß wir es mit einer Laiendarbietung zu tun bekommen, wenn schon das Instrumentarium sehr speziell angeordnet ist. Mit anderen Worten: irgendwie gibt doch wohl das Horoskop eines Menschen einen Sinn, und es steht zu vermuten, daß er im Laufe seines Lebens gelernt hat, damit irgendwie umzugehen (obwohl es auch bei manchen Horoskopen einen Sinn gibt, daß sie von ihrem Eigner mühevoll in ihrem tieferen Sinn erfaßt werden - daß also da die Aufgabe der Selbstfindung besonders betont wird -, vielleicht eben gerade deshalb, weil er nicht für den üblichen Trott vorgesehen ist). Wir sollten auch eigentlich jetzt reif für den Schluß sein, daß niemand zufällig zu seinem Horoskop kommt und deshalb schon irgendwie früher darauf hingewirkt haben muß, was wohl heißt, in einer früheren Inkarnation. Aber das sind Spekulationen, mit denen wir uns hier nicht weiter beschäftigen wollen. Es ist aber anzunehmen, daß die Seele ihrem Horoskop entspricht, wie auch jedes Instrument der besonderen Eigenart des Spielers angepaßt ist, auch wenn der Spieler sich wieder eingewöhnen muß. Das Horoskop gibt also immer einen Sinn. Jedenfalls ist offenbar jeder Mensch für eine ganz bestimmte Musik bestimmt, die wir aus der Gesamtheit seiner Lebensäußerungen zu erkennen versuchen müssen, um zu einer angemessenen Bewertung seiner Person zu kommen. Allgemeinverbindliche Maßstäbe kann es deshalb nur eben in sehr allgemein verbindlicher Form geben. Kants kategorischer Imperativ behält natürlich seine Gültigkeit, und danach muß auch jeder Mensch seine Handlungsweisen bewerten lassen, aber in welcher Weise er in das kosmische Lied einstimmt, ist damit noch nicht gesagt und muß ihm selbst bzw. seinem Horoskop überlassen bleiben. Es gibt eine offizielle Meßlatte und eine individuelle. Insofern ist jeder Mensch eine ganz besondere Pflanze, die einem ihr innewohnenden besonderen Entwicklungsplan folgt und zu folgen hat; dennoch gibt es auch allgemeine Regeln, die vor allem das ökologische Zusammenspiel aller Wesenheiten oder Monaden bestimmen.

Wenn wir in diesem Sinne ein Horoskop untersuchen, haben wir vielleicht schon von vornherein eine bestimmte Vorstellung des betreffenden Menschen, die wir noch weiter präzisieren können, wenn wir ihm persönlich begegnen. Dennoch müssen wir auch danach noch vieles abwarten, denn der in dem Horoskop enthaltene Plan erfordert oft, daß man sich mit ihm ein Leben lang beschäftigt. Er enthält nicht nur eine statische, sondern auch eine sich in zeitlicher Hinsicht entwickelnde Struktur. Teilweise kann man aber auch darüber etwas aus weiteren Unterhoroskopen entnehmen. In jedem Fall ist es erforderlich, sich mit der höheren Idee, die dem jeweiligen Plan zugrundeliegt, permanent zu beschäftigen und sie in seinem Bewußtsein ständig weiter auszuformen. Jeder Mensch tut das schon von sich aus, es scheint aber auch unsere höchste Aufgabe zu sein, das zu tun, denn wie wir schon feststellten, spielen Bewußtseinsformen eine ganz elementare Rolle bezüglich der Strukturierung des Universums. Jede Monade hat daran mitzuwirken, und diese Aufgabe ist umso verantwortungsvoller auch ihr selbst gegenüber, je höher sie entwickelt ist - was sie allerdings paradoxerweise erst aus dem Ergebnis ihrer Bemühungen schließen kann. So wird ein Mensch immer den Eindruck haben, nur das geworden zu sein, was er ohnehin werden sollte, sodaß er rückblickend seinen höchst eigenen Beitrag ebensowenig beurteilen kann, wie zuvor, als er noch vor einem Scheideweg stand. Mit dieser Tatsache müssen wir offenbar leben. Insgesamt aber gibt uns die Astrologie eine kaum zu überschätzende Möglichkeit der Orientierung und Lebenshilfe, während wir sonst doch sehr im Ungewissen wandeln; und insofern ist der Vorwurf der Determination ihr gegenüber nicht nur ein weitverbreitetes Mißverständnis, sondern auch eine vollkommene Verdrehung der Tatbestände. Das gilt übrigens auch für den Ablauf der Geschichte insgesamt. Das damit verbundene Mißverständnis kommt etwa bei Arnold J. Toynbee in seinem Essay „Wiederholt sich die Geschichte?“ auf folgende Weise zum Ausdruck:

So durchforschen wir heute mit einer gewissen Besorgnis die alten Schriften, ob sie nicht eine Lehre für uns enthalten könnten. Und wenn ja, was lehrt sie uns? Verkündet sie uns unerbittlichen Untergang, den wir nur mit gefalteten Händen erwarten können, indem wir uns wohl oder übel einem Schicksal überlassen, das wir aus eigener Kraft weder abwenden noch ändern können? Oder belehrt sie uns, zwar nicht über Gewißheiten, aber doch über Wahrscheinlichkeiten oder bloße Möglichkeiten unserer eigenen Zukunft? Der Unterschied für die Praxis ist groß, denn in diesem zweiten Fall sollten wir uns, weit davon entfernt, in Tatenlosigkeit dahinzudämmern, zur Tat aufraffen. In diesem Fall wäre ja die Lehre der Geschichte nicht etwa dem Horoskop der Astrologen gleich; sie gliche vielmehr einer Seekarte, die dem Steuermann, der sie zu lesen versteht, weit mehr begründete Hoffnung bietet, einem Schiffbruch zu entgehen, als wenn er blind segelte; gibt sie ihm doch, wenn er die Fähigkeit und den Mut besitzt, sie zu gebrauchen, die Mittel in die Hand, seinen Kurs zwischen den eingezeichneten Klippen und Riffen zu steuern.

Entgegen dieser Vermutung bietet uns gerade die Astrologie also derartige Seekarten, die erst im Zusammenhang mit dem Studium der Geschichte bzw. der Beobachtung eines Menschen dem Steuermann, der sie zu lesen versteht , eine wirkliche Orientierung erlaubt, während wir leider sonst doch nur allzu blind segeln. In der Tat geht es oft genug darum, Schiffbrüche zu vermeiden und stattdessen zwischen den im Horoskop eingezeichneten Klippen und Riffen zu steuern. Besser als Toynbee kann man gar nicht sagen, worauf es ankommt, doch leider ist er kein guter Ratgeber in Bezug auf die dafür zu verwendenden Karten. Er rät ab, wo man zuraten sollte. Doch dieses Mißverständnis ist ja allgemein verbreitet.

 


[1]Es sei denn, daß dieser Ausgang geradezu unwahrscheinlich ist - wie etwa im Falle Hemingways, der am 23.01.1954  innerhalb von 24 Stunden zweimal hintereinander mit dem Flugzeug abstürzte und beidemal mit dem Leben davonkam. Kein Wunder, denn es ergab sich, daß an diesem Tage der transistierende Jupiter exakt auf seinem Pluto stand. Dieser steht in seinem Horoskop sehr eindeutig auch für seine Flugleidenschaft.

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