Hintergrundstrukturen

Amsterdam

 

 

Wie in dem Artikel über die Stadt Venedig, an den wir hier anschließen, beschäftigt uns auch die Geschichte des Aufstiegs der Stadt Amsterdam vor allem deshalb, weil an diesen Beispielen anschaulich wird, wie eine große Zivilisation entsteht und welche Gründe für Aufstieg und Niedergang maßgeblich sind oder sein können. Wir verwenden dabei wiederum einige bestimmte Begriffe unseres Systems, das im Essay ‚Der archetypische Kugelwürfel’ vorgeschlagen wurde, weil diese Modelle eben auch zu deren praktischer Veranschaulichung dienen sollen. Was dabei deutlich werden soll, ist vor allem die Tatsache, daß es sich stets um organische Systeme handelt, die nach archetypischen Mustern strukturiert sind. Entgegen der offiziellen Sichtweise sehen wir hier also nicht einen sich optimierenden linear-kausalen Prozeß vor dem Hintergrund objektiv vorgegebener Kulissen etwa im Sinne eines Vulgär-Darwinismus, sondern einen Entwicklungsvorgang im Sinne universaler Prinzipien, der sich nicht auf andere Strukturen übertragen läßt. So ist es etwa kaum möglich, vertikale Strukturen auf horizontale Gesellschaften zu übertragen und diese an ihrem Maßstab auszurichten (übrigens ein Grundfehler aller christlichen Missionarisierungsversuche). Alle Vorgänge sind Teil eines Systems. So ist es andererseits auch nicht nur eine bedauerliche Fehlentwicklung, daß unsere Religion so bürgerlich-formalistisch ist, sondern einfach zwingend, daß in einer vertikalen Gesellschaft qualitative Bereiche entgeistigt‚ ‚säkularisiert’, quantifiziert und formalisiert werden. Organische Vorgänge lassen sich deshalb nur in beschränktem Umfang planen. Sie entstehen gewissermaßen schicksalhaft und werden erst in einem fortgeschrittenen Stadium von den daran beteiligten Individuen erkannt und fortzusteuern versucht. Stadtkulturen sind nicht das Werk und die Folge bürgerlicher Tüchtigkeit, sondern diese Idealvorstellung ist selbst Teil des Systems und aus ihm hervorgegangen – letztlich auch ein Selbstbetrug der Individuen, die ihre horizontale Omnipotenz für die kollektive Stärke des Systems opfern mußten, indem sie nur noch zu dessen spezialisierten Zellen wurden – ebenfalls ein bereits aus der Biologie bekannter Vorgang, der sich im Sinne eines universalen Prinzips nur wiederholt. Wie aber sind so große Kulturen wie etwa die Alt-Ägyptens entstanden? Eines wird immerhin deutlich: Ein Staat ist immer nur so stark wie seine Idee, wie immer diese auch entstanden ist.

So ist es merkwürdig und kausal wenig verständlich, daß die große Zeit Amsterdams eigentlich noch nicht einmal hundert Jahre umfaßt hat: man rechnet das sog. „Goldene Zeitalter“ dieser Stadt nämlich nur von 1585 - 1672. Zuvor hatte sie erst seit ca. 150 Jahren das Stadtrecht besessen und war erst seit gut hundert Jahren von einer eigenen Stadtmauer umgeben gewesen. Sie war also verhältnismäßig jung und erinnert auch insofern in ihrem dann so plötzlich einsetzenden Aufstieg an die Rolle, die später die neue deutsche Hauptstadt Berlin im 19. Jahrhundert spielen sollte. Vor diesem Aufstieg hatte es allerdings schon eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung wegen seiner Beziehungen zu den Ländern und Städten der Ostsee gehabt, von denen es vor allem das Getreide bezog, das - jedoch in größerem Umfang erst nach 1585 - in manchen Hungerjahren bis zu den Mittelmeerregionen gebracht wurde, wodurch sich aber auch der allgemeine Handel zwischen diesen so entfernten Regionen durch die Vermittlerfunktion Amsterdams entfaltete. Im Jahre 1585 wurde dann Antwerpen durch die Spanier erobert, woraufhin es zu einer großen Flucht der Südniederländer in den Norden, vor allem nach Amsterdam, kam, das von da an an die Stelle Antwerpens trat. Denn Amsterdam war die reichste und mächtigste Stadt innerhalb jener Provinzen gewesen, die sich bereits 1579 in der Utrechter Union zu den Sieben Vereinigten Provinzen zusammengeschlossen hatten. 1672 war dagegen für Holland ein Katastrophenjahr, das durch Kriege mit England und Frankreich gekennzeichnet war. Danach hatte die Stadt offenbar ihren größten Schwung verloren. Aber innerhalb des genannten Zeitraumes verschob sich das politische und wirtschaftliche Zentrum Europas vom Süden in den Norden, von Venedig nach Amsterdam, das nicht nur wegen seiner Grachten eben auch das Venedig des Nordens genannt wurde und das man ebenfalls als ein modernes Babylon bezeichnet hat. (Übrigens hat man interessanterweise dagegen Brügge das Florenz des Nordens genannt - es ist klar, worin der Unterschied liegt: während Venedig und Amsterdam mehr wirtschaftsbetont waren, waren Florenz und Brügge mehr kulturbetont.) An Venedig erinnerte aber auch die geographische Lage Amsterdams, die es seinen Bewohnern möglich machte, das Umland durch Öffnung der Schleusen gegebenenfalls unter Wasser zu setzen und dadurch die Eroberung durch Feinde unmöglich zu machen. Insofern hatten die Stadtmauern eigentlich viel eher den Zweck, statt möglicher Feinde das Wasser am Eindringen zu hindern!

Der Aufstieg Amsterdams geschah ganz urplötzlich innerhalb weniger Jahre. In mancher Hinsicht erinnert das damalige Holland auch an den Attischen Seebund zur Zeit des Perikles, wobei Amsterdam unter den anderen holländischen Städten die Rolle des damaligen Athens einnahm. In der sog. Republik der vereinigten Provinzen waren alle Städte autonom - in der Rechtsprechung, Verteidigung, Verwaltung, im Geldwesen und im Steuersystem. Der Magistrat von Amsterdam kontrollierte aber auch die Religion und die Wirtschaft. Die Amsterdamer Wechselbank unterstand ebenfalls dem Magistrat, und sie war kein beliebiges, sondern ein obligatorisches Institut. Selbst die fremden Kaufleute, die ihre Geschäfte in Amsterdam betrieben, mußten dazu bei dieser Bank ihr Konto eröffnen und über dieses ihre Geschäfte abwickeln - ein sicheres System, alles von oben her im Blick und unter Kontrolle zu behalten. Andererseits hatte das aber auch für die Geschäftswelt den Vorteil, daß diese Bank die Festigkeit der Währung und einen bestimmten Zinssatz garantierte. Darin können wir die große Bedeutung der Vertikalachse für das Wirtschaftsleben erkennen, denn es führte in der Tat dazu, daß sich in Amsterdam immer mehr Kapital sammelte: Kapital ist an die Berechenbarkeit der Marktfaktoren gebunden und geht deshalb immer dahin, wo bereits welches ist, und wo es sicher aufgehoben ist. Mit Staatswirtschaft im sozialistischen Sinn hatte das deshalb noch nichts zu tun, denn die Kaufleute blieben bezüglich ihrer Investitionen und Versorgungsquellen relativ frei. Andererseits war das noch nicht das ganze Geheimnis des Wohlstandes dieses Landes und dieser Stadt, denn die Niederlande betrieben eine äußerst aggressive Kolonialisierungspolitik, die manchmal kaum weniger brutal war als die der Spanier und Portugiesen. So läßt sich auch gegenüber früheren Perioden nur bedingt von einem Schritt in Richtung auf mehr Zivilisation sprechen. Wir haben es hier eigentlich nur mit einer Sublimierung früherer Ziele zu tun: man betrieb statt Kriegen nun vorwiegend Handel, aber ebenfalls vornehmlich deshalb, weil man erkannt hatte, daß man dadurch im internationalen Vergleich physisch stark wurde. Dabei war die konkrete Politik nach innen ebenso wie nach außen äußerst rigoros. Das sind die bekannten Schattenseiten des Frühkapitalismus, die sich im „Früh-Hochkapitalismus“ des 19. Jahrhunderts lediglich der Menge nach noch verstärkten, nicht aber dem Prinzip nach. Auch im Goldenen Jahrhundert Amsterdams gab es Kinderarbeit, Ausbeutung und Unterbezahlung derjenigen, die wie etwa die Seeleute keine starke Lobby hatten. Besonders brutal ging man mit den Eingeborenen der Kolonien um, die massenweise abgeschlachtet wurden, wenn sie sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr zu setzen versuchten. Ganze Ernten und Wälder bestimmter Pflanzen wurden entschädigungslos vernichtet, wenn sie das Preisgefüge bedrohen konnten. Der Geisteszustand dieser frühbürgerlichen Gesellschaft war paradox: neben einer allgemeinen Bigotterie, die sich vor allem gegen Minderheiten und sozial Schwache richtete - insgesamt also solche, die dem kapitalistischen System nicht verfügbar waren - war das „höhere Geistesleben“ gleichzeitig sehr tolerant und kosmopolitisch. Das war andererseits wichtig für die Entfaltung des Geschäftslebens, und es erscheint fast wie eine ideale Konstruktion einer Wirtschaftsverfassung, wenn soetwas tatsächlich konstruiert und verordnet werden könnte. Tatsächlich hat man eher den Eindruck, daß hier alles aus einer gemeinsamen Quelle entstand - ebenso wie ja auch die einmalig bunte Vielfalt der Kunstszene.

Diese wiederum ergab sich vornehmlich aus der geistigen Toleranz der Stadt. Diese bezog sich auch auf den Buchdruck, denn in Amsterdam konnte alles gedruckt werden, was im übrigen Europa teilweise inquisitorisch verfolgt wurde. So sammelten sich hier auch die intellektuellen und religiösen Emigranten anderer Länder, was das geistige Leben ungemein bereicherte. Die Freigeister ganz Europas waren hier versammelt - besonders auch einige „Ostexponenten“, zu denen wir - wenn wir uns vor Augen führen, daß er in Frankreich verfolgt wurde - in diesem Fall Descartes rechnen können, aber auch den von seiner jüdischen Gemeinde exkommunizierten und in einer Exklave lebenden Philosophen Baruch Spinoza. Wenn wir in einem bestimmten Sinn alle Verfolgten als solche diesem Exponenten zurechnen wollen, so wimmelte die Stadt davon - namentlich auch von Juden aus allen möglichen anderen Herkunftsländern. Diese zeigten sich aber bald von einer anderen Seite, indem sie die Sensualachse belebten. Das allgemeine Gemenge aller möglichen Kultursplitter, Sprachen, Kenntnisse und Anregungen belebte die Atmosphäre in jeder Weise. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie alles durcheinander wieselte und dadurch natürlich auch den Markt belebte, zumal viele Flüchtlinge nicht mit leeren Händen gekommen waren. So wurde Amsterdam zu einem Zentrum des internationalen Geistes- und Wirtschaftslebens: wenn man irgendwo informiert über die wichtigen Weltereignisse war, dann hier. Je deutlicher das wurde, desto mehr wurde die Stadt zum Magneten der Finanz und des Geisteslebens. Nicht nur die Freigeister und Verfolgten, sondern auch die Gelehrten und protestantischen Theologen ganz Europas sammelten sich hier. Das wiederum lockte die Abenteurer an, die sich vielleicht auch versprachen, mit den Schiffen der Handelskompanien von hier aus nach Indien oder Amerika zu gelangen. Auch für Rentner und reiche Reisende wurde die Stadt interessant. Letztere berichteten später in ihren Heimatländern von ihren Erlebnissen oder verbreiteten diese in Reisetagebüchern, wodurch Amsterdam in die Welt der Literatur Eingang fand. Hier kam also alles zusammen. Das hätte so niemand planen können, es ergab sich nur, daß alles zusammenpaßte. Auch die das Stadtbild so bereichernden Grachten hatten eigentlich ursprünglich eine ganz nüchterne Funktion; sie sollten nämlich den sumpfigen Boden entwässern.

 

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