Hintergrundstrukturen

 

Die Stärke eines Staates liegt in seiner Idee

 

Alle epochemachenden Umwälzungen..., die religiösen Revolutionen und mit ihnen die staatlichen, sozialen und häuslichen Verhaltensweisen der betroffenen Nationen, fielen mit dem Aufstieg und dem Untergang metaphysischer Systeme zusammen. (Samuel Taylor Coleridge.)

 

Die Funktion der drei Achsen

Eine starke Staatsidee bedingt zunächst als Ausgangsfundament Autarkie. Deshalb sind starke Staaten oft aus Revolutionen oder Protestbewegungen hervorgegangen. Der Autor V.S. Naipaul hat in seinem Buch ‚Die letzte Kolonie’ u.a. am Beispiel Zaire-Kongos dargestellt, wie aussichtslos es für ein Volk sein kann, eine tragbare Selbstidentitätsidee zu gewinnen, wenn es in jeder Hinsicht um seine geistigen Wurzeln und geistigen Fundamente gebracht wurde – nur unter anderem durch die Kolonisation und deren Nachwirkungen. Natürlich ist die von dem Despoten Mobutu betriebene Rückbesinnung auf die eigenen afrikanischen Wurzeln – und vor allem die Emanzipation von der unpassenden europäischen Religion - im Prinzip richtig, aber wie und wo soll man solche Wurzeln finden, wenn man von ihnen über Jahrhunderte abgetrennt wurde und sie offenbar schon lange verdorrt sind? Mobutu hatte u.a. plötzlich die Idee, sein Land benötige eine eigene Literatur und ordnete an, diese innerhalb zweier Monate pünktlich zu einem Kongreß herzustellen, aber daran wird eben deutlich, daß sich so etwas nicht erzwingen läßt und vor allem sehr viel Zeit benötigt. Es muß von selbst und aus sich heraus wachsen und ist dann auch nur Ausdruck anderer paralleler Aspekte. Das damit verbundene Problem ist identisch mit der Problematik der Selbsterschaffung und Selbstorganisation (siehe unseren gleichnamigen Artikel.)

Uns beschäftigt hier die Geschichte des Aufstiegs der Stadt Venedig vor allem deshalb, weil an diesem Beispiel anschaulich wird, wie eine große Zivilisation entsteht und welche Gründe für Aufstieg und Niedergang maßgeblich sind oder sein können. Wir verwenden dabei wiederum einige bestimmte Begriffe (Achsen, Exponenten) unseres Systems, das im Essay ‚Der archetypische Kugelwürfel’ vorgeschlagen wurde, weil diese Modelle eben auch zu deren praktischer Veranschaulichung dienen sollen. Was dabei deutlich werden soll, ist vor allem die Tatsache, daß es sich stets um organische Systeme handelt, die nach archetypischen Mustern strukturiert sind. Entgegen der offiziellen Sichtweise sehen wir hier also nicht einen sich optimierenden linear-kausalen Prozeß vor dem Hintergrund objektiv vorgegebener Kulissen etwa im Sinne eines Vulgär-Darwinismus, sondern einen Entwicklungsvorgang im Sinne universaler Prinzipien, der sich nicht auf andere Strukturen übertragen läßt. So ist es etwa kaum möglich, vertikale Strukturen auf horizontale Gesellschaften zu übertragen und diese an ihrem Maßstab auszurichten (übrigens ein Grundfehler aller christlichen Missionarisierungsversuche). Alle Vorgänge sind Teil eines Systems. So ist es andererseits auch nicht nur eine bedauerliche Fehlentwicklung, daß unsere Religion so bürgerlich-formalistisch ist, sondern einfach zwingend, daß in einer vertikalen Gesellschaft qualitative Bereiche entgeistigt‚ ‚säkularisiert’, quantifiziert und formalisiert werden. Organische Vorgänge lassen sich deshalb nur in beschränktem Umfang planen. Sie entstehen gewissermaßen schicksalhaft und werden erst in einem fortgeschrittenen Stadium von den daran beteiligten Individuen erkannt und fortzusteuern versucht. Stadtkulturen sind nicht das Werk und die Folge bürgerlicher Tüchtigkeit, sondern diese Idealvorstellung ist selbst Teil des Systems und aus ihm hervorgegangen - letztlich auch ein Selbstbetrug der Individuen, die ihre horizontale Omnipotenz für die kollektive Stärke des Systems opfern mußten, indem sie nur noch zu dessen spezialisierten Zellen wurden - ebenfalls ein bereits aus der Biologie bekannter Vorgang, der sich im Sinne eines universalen Prinzips nur wiederholt. Wie aber sind so große Kulturen wie etwa die Alt-Ägyptens entstanden? Eines wird immerhin deutlich: Ein Staat ist immer nur so stark wie seine Idee, wie immer diese auch entstanden ist.

Wenn wir uns die geschichtliche Entwicklung des Kapitalismus vergegenwärtigen, können wir noch sehr deutlich beobachten, daß dieser sich in geschlossenen autarken Systemen entwickelte - vergleichbar biologischen Zellen, deren Zellwände erlauben, bei allen grenzüberschreitenden Versorgungsbewegungen stets deutlich zwischen solchen Dingen zu unterscheiden, die passieren können, und solchen, denen man das nicht gestattet. Gemeint sind damit natürlich die mittelalterlichen Städte, in denen sich der frühkapitalistische Wohlstand entfaltete. Offenbar ist aller Kapitalismus immer an eine städtische Zivilisation gebunden, und das gilt auch noch heute, denn die moderne Industriegesellschaft ist die Gesellschaft einer internationalen Magalopolis, einer einzigen riesigen Großstadt. Das gilt zumindest bezüglich der nahezu totalen Vernetzung durch alle möglichen Medien-, Informations- und Verkehrssysteme. Daß dieses System aber überhaupt funktioniert, ist offenbar dem Umstand zu verdanken, daß es zugleich von allen möglichen Grenzsetzungssystemen überlagert ist, denen die Kontrolle über die jeweilige Durchlässigkeit ihrer Wände überlassen bleibt. Dieses Prinzip: überregionale Vernetzung bei gleichzeitiger Abgrenzung ließ sich auch schon im Mittelalter beobachten. Dort gelangten gerade diejenigen Städte zu Wohlstand, die einerseits autark waren (durch eigene Verwaltung und Verteidigung, Stadtmauern oder topographische Abgrenzung) und andererseits in regem Handels- und Informationskontakt zu anderen Städten standen. Wir können diese Prinzipien wieder sehr gut unserem Achssystem (siehe ‚Der archetypische Kugelwürfel’) zuordnen, indem wir die Autarkie der Vertikal­achse (gefestigtes System staatlicher Art - Stichwort: Kontrolle und Sicherheit) und die Vernetzung der Geistachse zuweisen (Information, gegenseitige kulturelle Anregung, komplexer Austausch und Bedarfsweckung - Stichwort: Exotik, Lebendigkeit). Je besser diese beiden Achsen ausgeprägt sind, desto besser kann sich auch der Markt auf der Sensualachse entfalten.

Wie sehr diese drei Achsen aufeinander bezogen sind und sich aus einer gemeinsamen Quelle entwickeln, hat der Autor H.G. Wells in seinem bekannten Roman Die Zeitmaschine sehr bildhaft verdeutlicht. Der Zeitreisende begibt sich darin u.a. bis in ein fernes Zukunftsjahr, in dem die Menschheit in zwei Gesellschaften gespalten ist, die sog. Eloi und die Morlocks. Die Morlocks sind gewaltsame Ausbeuter der Eloi. Zwar sind auch sie sehr primitive neandertalerähnliche Wesen mit einer primitiven Technik, dennoch sind sie den Eloi überlegen, bei denen es sich offenbar um die völlig degenerierten Reste einer früheren Hochzivilisation handelt. Diese sind auf ein infantiles Stadium zurückgefallen und scheinen alle ihre Tage wie in einem großen Kindergarten zu verbringen, bar aller komplexen gegenseitigen Beziehungen, bar jeder Kultur oder Geschichte. Der Zeitreisende wird von einem dieser Wesen zu einem verfallenen Gebäude geführt, das offenbar früher ein Museum war. In diesem befinden sich noch spärliche Reste früherer Kunstgegenstände und Bücher, mit denen sein Begleiter allerdings nicht das geringste anfangen kann. Was uns an dieser Geschichte deutlich wird, ist die Tatsache, daß es einen modernen Staat nur als Funktion einer hochentwickelten Kultur geben kann, und daß eben aus dem kollektiven kulturellen Informationsverbund und dem dadurch bedingten allgemeinen Bewußtseinsstand - der immer auch ein Bewußtsein der eigenen kollektiven Identität sein muß, die durch die „Feti­schisierung der Kunstobjekte“ gesteigert und gefestigt wird - unter anderem auch die physische militärische und die wirtschaftliche Stärke resultiert – wohlgemerkt des Kollektivs, in das das für sich hilflose Individuum nur als dessen Zelle eingebunden ist. Dieser Gedanke erscheint fast trivial, doch scheint er unseren modernen Wirtschaftsplanern und Politikern fern zu liegen, denn diese leben offenbar in einer Vorstellungswelt, derzufolge die Bereiche Staat, Wirtschaft und Kultur völlig getrennt sind und insbesondere der letztere lediglich von der Subvention durch erstere existiert. Im übrigen ist ihr Evolutionsmodell nur rein linear, indem es als Funktion der in den Individuen liegenden hochentwickelten genetischen Stärke gesehen wird. Solchen Menschen ist auch der Staat nur ein lästiges Übel, das eigentlich ebenso wir der kulturelle Bereich von den „Geldverdienern“ mitgetragen werden muß, dessen Notwendigkeit man aber noch eher einsieht, weil man an diese permanent durch praktische Erfahrungen erinnert wird. Das ist wichtig bei Menschen von derartig geringem Abstraktionsvermögen, denn sie denken offenbar stets nur durch Anlaßerregung. Die Kultur gilt ihnen als bloße Freizeitgestaltung, deren Wert höchstens dann wieder berücksichtigt werden kann, wenn er sich vermarkten läßt oder zur Vermarktung anderer Güter beiträgt. Daß gerade ein solches einseitiges Denken aber letztlich auch irgendwann die Wirtschaft schädigen muß, ergibt sich aus dem vorgenannten Beispiel der Eloi, weil es zur Infantilisierung der Gesellschaft beiträgt. Da sich derartige Ergebnisse aber immer nur mit einem Zeitverzögerungsfaktor einstellen, wird ihr kausaler Zusammenhang kaum gesehen. Wir können solche Entwicklungen aber in der Geschichte gerade am Beispiel berühmter Städte wie Venedig, Florenz oder Amsterdam erkennen, in denen sich sehr deutlich die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung gegenseitig bedingten.

 

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