Hintergrundstrukturen

Babylon

 

Von der horizontalen zur vertikalen Religion

Die Formalisierung des Inhaltlichen als Begleiterscheinung der Staatenbildung

 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Da sie nun zogen nach Morgen, fanden sie ein ebenes Land im Lande Sinear, und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! Und nahmen Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk. Und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! Denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschen bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und haben das angefangen zu tun; sie werden nicht ablassen von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasset uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keines des anderen Sprache verstehe! Also zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, daß sie mußten aufhören die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, daß der Herr daselbst verwirrt hatte aller Länder Sprache und sie zerstreut von dort in alle Länder. (1. Mose, 11.)

 

Das Thema des Turmbaus zu Babylon hat die Phantasie der Menschen immer beschäftigt und die Künstler vielfach inspiriert. Es fällt auf, daß es zu bestimmten Zeiten eine gewisse Konjunktur hatte. So etwa in der Blütezeit der holländischen Malerei von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts - Bruegel malte den Turm 1563 und Valckenborch 1595 -, die wir auch als Aufbruchzeit des bürgerlichen Kapitalismus sehen können, was uns wiederum als Hinweis auf die tiefere Bedeutung dieses Themas dienen kann. Es ist die Thematik der vertikalen im Gegensatz zur horizontalen Gesellschaft. Die horizontale Gesellschaft aber ist in ihrer Mythologie und religiösen Thematik völkerüberschreitend in vieler Hinsicht auf eine, wie wir noch sehen werden, kausal kaum zu begreifende Weise identisch: es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen. In der Mythologie der archaischen und schamanischen Völker tauchen tatsächlich immer wieder ganz bestimmte Themen auf, so daß der Schamanismus als übergreifendes Phänomen erscheint, was sich nicht nur durch kulturelle Anregung und Weitergabe erklären läßt, sondern auf gemeinsame tiefere Wurzeln im kollektiven Unbewußten hindeutet.

Der archaische Mensch lebt in einer animistischen Welt, in der es keine strenge Grenze zwischen Innen- und Außenwelt gibt. Die ganze Welt ist in allen ihren Erscheinungen belebt für ihn, und alles, was ihm begegnet, hat offenbar eine tiefere Bedeutung. Er selbst mit seinen Empfindungen und Motiven ist ebenfalls nur Ausdruck dieser umfassenden Bedeutung. Wenn er bei anderen nicht ausschließen kann, daß sie möglicherweise Geister sind, wie sollte er es dann bei sich selbst ausschließen können? In der schamanischen Ekstase wird er vollends selbst zum Geist, zwischen dem und anderen Geistern, besonders zwischen den Schamanen verschiedener Völker, sich alle Sprachgrenzen verlieren. Man lebt in einem archetypischen Sinngefüge, auf das sich alle Erscheinungen und Handlungen beziehen: Verständigung ist deshalb nicht mehr notwendig, weil sie apriorisch gegeben ist. Das, worüber man sich verständigen könnte, ist derartig allgegenwärtig, daß sich alle Worte erübrigen. Es lebt in allen Individuen gleichzeitig und manifestiert sich gemeinschaftlich durch ihre synchronen Handlungen. Selbst der moderne Mensch kennt Rauschzustände, in denen diese kollektive Wirklichkeit in ihn hineintritt und er dadurch mit seiner Umgebung vollkommen identisch wird - ja, viele unserer bewußten Handlungen könnten wir nicht vollbringen, wenn wir nicht vorübergehend zu einem Teil einer umfassenderen geistigen Einheit würden - etwa dann, wenn wir als Musiker in einem Orchester spielen. In einer solchen die persönliche Identität überschreitenden Wirklichkeit erhalten alle Äußerungen, Handlungen und Gesten nur dadurch ihren Sinn, daß sie Ausdruck archetypischer Strukturen sind und also stets ursprüngliche Handlungen wiederholen. Alles ist Zitat: jede Geste zitiert das Thema, auf das man sich in seiner Handlung gerade beruft. Jean Paul Sartre hat das in seinem bekannten Kellner-Beispiel verdeutlicht:

(Der Kellner …) läßt es sich angelegen sein, seine Bewegungen aneinanderzureihen, als wären sie Mechanismen, die sich gegenseitig antreiben, auch sein Gesichtsausdruck und seine Stimme wirken mechanisch; er legt sich die erbarmungslose Behendigkeit und Schnelligkeit einer Sache bei. Er spielt, er unterhält sich dabei. Aber wem spielt er etwas vor? Man braucht ihn nicht lange zu beobachten, um sich darüber klar zu werden: er spielt, Kaffeehauskellner zu sein. Darin liegt nichts Überraschendes: das Spiel ist eine Weise des Sichzurechtfindens und des Nachforschens...

So ist, wie Mircea Eliade sagt, die Wirklichkeit für den archaischen Menschen eine Funktion der Nachahmung eines himmlischen Urbildes: Städte, Tempel, Häuser werden wirklich, weil sie dem „Mittelpunkt der Welt“ ähnlich gemacht werden. Aus diesem „Mittelpunkt der Welt“ erwachsen alle Erscheinungen. Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, ob der Mensch seine irdischen Erfahrungen in seine Vorstellungen von überirdischen Dingen übertrug oder ob es vielmehr umgekehrt war, denn als der Mensch so weit war, daß er über eine Trennung dieser Bereiche nachdenken konnte, konnte er sich schon nicht mehr erinnern, welches ihm aus welchem erwachsen war und ob er nicht überhaupt erst in seinem Bewußtsein diese Trennung vorgenommen hatte. Mircea Eliade:

Den ägyptischen Orten und Provinzen waren ihre Namen nach den himmlischen „Feldern“ gegeben worden: man begann damit, die „Felder des Himmels“ kennenzulernen, dann erst identifizierte man sie in der irdischen Geographie... Um ihm die Stadt Jerusalem zu zeigen, entrückt Gott Ezechiel in einer ekstatischen Vision auf einen sehr hohen Berg. Und die Sibyllinischen Orakel bewahren die Erinnerung an das Neue Jerusalem; in dessen Mitte strahlt „ein Tempel mit einem riesigen Turm, der bis zu den Wolken reicht und von allen gesehen wird“. Aber die schönste Beschreibung des himmlischen Jerusalem gibt die Apokalypse: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“. Die gleiche Anschauung finden wir bei den Indern: alle königlichen indischen Städte, auch die modernen, werden nach dem mythischen Modell der himmlischen Stadt erbaut, in der im Goldenen Zeitalter der Weltherrscher wohnte... So ist auch der Festungsplatz von Sîhagiri auf Ceylon nach dem Vorbild der himmlischen Stadt Alakamanda errichtet worden und ist „schwierig zu erreichen für menschliche Wesen“.[1].. Die Städte, die Heiligtümer, besitzen ein außerirdisches Urbild, das als „Plan“, als „Urform“ oder ganz einfach als „Abbild“ begriffen wird, das auf einer höheren kosmischen Ebene existiert.[2] Die uns umgebende und von Menschenhand bebaute Welt empfängt keine andere Rechtsgültigkeit als die, die dem außerirdischen Urbild zu verdanken ist, das ihr als Modell gedient hat. Der Mensch schafft nach einem Urbild. Nicht nur seine Stadt oder sein Tempel hat himmlische Vorbilder, dasselbe gilt auch für das ganze von ihm bewohnte Gebiet mit den Flüssen, die es bewässern, den Feldern, die ihm seine Nahrung geben usw... Jedes Territorium, das man besetzt, um es zu bewohnen oder es als Lebensraum zu nutzen, wird zunächst vom „Chaos“ zum „Kosmos“ umgeschaffen; das heißt, durch die Wirksamkeit des Rituals wird ihm seine „Form“ verliehen, die es wirklich werden läßt. Die Wirklichkeit erweist sich für die archaische Mentalität als Kraft, Wirksamkeit und Dauer. Daher ist das Heilige das eigentlich und zutiefst Wirkliche, denn allein das Heilige ist auf eine absolute Weise, handelt wirksam, schafft und gibt den Dingen Dauer...

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