Hintergrundstrukturen

Was ist Geld?

4. Der Baum der Großstadtzivilisation

 

Alle Kapitel zum Thema Geld gehören zu unserem Überthema des Archetypischen Kugelwürfels. Sie dienen einerseits zu dessen besserem Verständnis und sind andererseits in der eigentlichen Komplexität des Themas auch nur durch das damit zur Verfügung gestellte Grundgerüst verständlich zu machen.

Dieser Essay ist eine Fortsetzung der drei anderen Essays zum Thema Geld, sodaß hier einige Begriffe auftauchen, die dort bereits erklärt wurden – er ist aber auch als eigenständige Lektüre geeignet.

 

Insgesamt stellt sich uns jetzt das System der „Marktgesellschaft“ in der Weise eines Baumes dar, der sich aus dem durch die Tauschakte entstehenden Zellgewebe der erläuterten Verdichtungsvorgänge entwickelt. Denn es bleibt ja nicht bei einem formlosen Gewebe, sondern daraus entstehen die Mehrwerte, die sich durch Akkumulation gegen die sich im gleichen Zuge immer mehr verdünnenden Zwischenzonen absetzen. Dieser Konzentrationsvorgang ist die notwendige Voraussetzung für alle darauf aufbauenden vertikalen Strukturen, ohne die eine Gesellschaft immer nur auf dem Stand einer horizontalen Naturgesellschaft stehen bleiben müßte. Es bleibt auch nicht nur bei einzelnen Haufen, sondern die akkumulierten Mehrwerte werden zu Kapital, das sich auf einer höheren Stufe seinerseits marktgestaltend betätigt - als Aktiengesellschaften, Monopole, Industriebetriebe usw. In dieses System werden die Menschen zwangsläufig hineingezogen, weil die sich dabei ergebende Industriegesellschaft zu einem ausschließlichen Versorgungssystem für sie wird, das horizontale Alternativen immer mehr verunmöglicht. Diese Welt hat für den einzelnen Bürger der „städtischen Zivilisation“ normativen Charakter: die Zellstruktur der Tausch­werte bindet ihn als wirtschaftendes Subjekt in sich ein, so daß er selbst zu einer Zelle dieser Struktur wird, physisch wie psychisch. Die Struktur durchdringt alle Bereiche, sie wird paradigmatisch, indem sie auch das Weltbild und alle Assoziationsschablonen der Bürger prägt. Aus diesem Weltbild heraus wirkt jeder Einzelne dann ebenfalls als handelndes und mitgestaltendes Subjekt und verfestigt es seinerseits. Das sich dabei bildende Gewächs kann man sich als ein Gebilde mit mehreren Ästen vorstellen, wobei diese Äste die sich verzweigenden Bereiche der Industriegesellschaft sind. Diese sind teils faktisch gegeben, teils aber nur in der kollektiven Vorstellung existent, aber dadurch zumindest indirekt auch faktisch - etwa die verschiedenen Fachbereiche, in die wir die Wissensgebiete und Schulfächer unterteilen, aber auch die unterschiedlichen Berufszweige und Firmenstrukturen, wobei sich das teilweise gegenseitig überlagert. Es ist kaum abzugrenzen (weil es solche Grenzen ohnehin nicht gibt), in wieweit diese Gebiete tatsächlich, naturgemäß, getrennt sind und in wieweit sie es nur in der kollektiven Vorstellung sind. Es ist aber sehr real, daß jeder Bürger auf einem dieser Äste lebt oder richtiger gesagt ein Teil, eine Zelle, dieses Astes ist. Er ist es vor allem dadurch, daß sich auch die Tauschwerte auf diese seine Funktion beziehen. Der Tauschwert des Geldes besteht ja wie gesagt in der dadurch verbürgten Gegenleistung der bürgerlichen Gesellschaft, die seinen Gültigkeitsbereich umfaßt - und zwar in der Weise, daß jeder Bürger dafür an seinem jeweiligen Platz die garantierten Gegenleistungen erbringt. Wäre das nicht der Fall, so würde sich das solcherart zeigen, daß man für sein Geld nichts mehr bekommt, und dieses wäre deshalb plötzlich wertlos. Das bezöge sich dann auf das Geld aller Bürger, die nun alle nichts mehr für ihr Geld bekommen und also nicht mehr wirtschaften könnten. Das ganze System würde damit sofort in sich zusammenfallen. Der dargestellte Baum besteht also aus der kollektiven Ausrichtung aller Wirtschaftssubjekte im Sinne ihrer marktmäßigen Funktion, an die über die physische Versorgung auch die psychische und geistige gekoppelt ist. Das also ist der Baum der bürgerlichen Großstadtzivilisation. Es ist bemerkenswert, daß dabei auf mehrfache Weise ganz entscheidend kollektive Fixierungen, also Bewußtseinsbestimmungen, die Realität durchdringen, bestimmen und festigen. Wir sahen das sowohl bei den Marktvorgängen wie auch bei den darauf aufbauenden mitgestaltenden Vorstellungs- und Sprachschablonen. Daraus ergibt sich die Tatsache, daß diese kollektiven Fixierungen durch das erkennende Bewußtsein der einzelnen Menschen selbst nicht mehr gesteuert werden können. Es wäre uns mit unseren nahezu omnipotenten Möglichkeiten doch sicher leicht möglich, den Markt und die Konjunktur zu steuern, wenn es sich dabei lediglich um einen objektiven Vorgang handelte. Da es sich aber um einen bewußtseinsdurchwobenen und -fixierten Vorgang handelt, ist er durch das Bewußtsein selbst paradoxerweise nicht zu steuern. Wie paralysiert sind die Menschen dem Auf und Ab der Konjunktur ausgeliefert, das doch eigentlich nur von ihren eigenen Markthandlungen abhängt.

Wir dürfen diesen Baum allerdings nicht mit dem Weltenbaum verwechseln, denn der ist eigentlich der gesunde Baum des harmonischen und organischen Gleichgewichtes, an dem alle drei Achsen mitwirken, während es sich hier - im archetypischen Sinn - um einen rein materiellen Baum handelt, der aus der Dominanz der Sensual­achse hervorgegangen ist und sich an der Vertikalachse hochschlängelt wie ein Efeugewächs, das sich nicht selbst tragen könnte (!!). Aber er droht die Vertikalachse zu erdrosseln, wenn nicht die Geistachse als korrigierendes Element dagegensteuern würde. Andererseits müssen wir einräumen, daß die Vertikalachse sonst niemals so üppig blühend erschienen ist und daß diese Tatsache auch einen guten Teil ihrer realen Stärke ausmacht - bzw. daß sie nur durch diesen materiellen Mantel in ihrer Struktur erst erkennbar wird, denn eigentlich ist sie sonst in Naturgesellschaften nur den Schamanen sichtbar. Es ist ihr also vor allem aus der Substanz unter dem Horizont ein materieller Mantel zugewachsen, der ihr ein weltliches Gesicht verleiht. Aber jede Form der Verweltlichung der Vertikalachse muß tendenziell dieses Efeugewächs aus dem Boden ziehen: jede religiöse Formalisierung hat die Tendenz zur Verweltlichung und damit auch zur Vermaterialisierung, wie die Geschichte zur Genüge zeigt.

So prachtvoll uns dieser Baum der modernen Zivilisation erscheint und so stark er nach draußen im physischen Sinn ist, so machtvoll auch der Kulturschock für Angehörige „primitiver“ Kulturen sein kann, die plötzlich mit dieser Welt konfrontiert würden, so müssen wir doch auch sehen, um welchen hohen Preis für die einzelnen Menschen er erkauft wurde, die seine Zellen bilden. In der Tat wurden sie um so mehr zu bloßen Zellwesen - etwas überspitzt gesagt: (im Einzelfall mehr oder weniger) zu Zombies - je machtvoller der Baum sie zu seinen Zellen umwandelte und sie damit unter seine alles beherrschende Logik zwang. Was damit entstand, war im klassischen Sinn ein Moloch, also ein gigantisches Wesen, das lebendige Menschen fraß und sie sich einverleibte. Sie wurden damit zu Sklaven des Systems, während sie zugleich permanent unter seiner Faszination standen. Die größte Illusion, der sie sich dabei hingaben, war die, daß sie selbst in ihrer Gesamtheit die Träger dieser Zivilisation seien. Doch trifft andererseits hier der Satz zu, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile - und in diesem Falle nicht nur mehr, sondern sogar etwas völlig anderes. Anstatt Träger zu sein, sind wir so vollständig in das System eingebunden, daß wir nur noch überleben können, wenn wir „Geld verdienen“, und auch zum Beispiel nicht den Widersinn in bestimmten Aussagen begreifen, denen zufolge bestimmte Arbeiten nicht unternommen werden könnten, weil das Geld dazu nicht da sei. Die globale Logik und das ganzheitliche Verständnis des Menschen, das instinktiv den darin liegenden Unsinn begreift, wird hier außer Kraft gesetzt: der Mensch als Zelle muß sich dieser spezifischen Logik unterwerfen. Es ist die unorganische Logik eines Systems, in der jeder nur noch seine persönlichen Interessen sieht. Dagegen waren die horizontalen Gesellschaften noch zusammengehörige Gemeinschaften; sie waren ein wirklicher und echter Organismus. Sie wurden symbolisiert durch den Weltenbaum, während die moderne Zivilisation ein imgrunde unorganisches Baumgewächs ist, das sich nur dann - zumindest im weltlichen Sinn - wirklich prachtvoll entfaltet, wenn es wenigstens annähernd organischen Strukturen entspricht. Doch zeigt eine zu sehr verweltlichte Gesellschaft immer die Tendenz der Entartung. Jede Gesellschaft, deren wirtschaftlicher und multiplikatorischer Träger der blanke Egoismus ist - und das ist ja besonders dann der Fall, wenn sie von Aktiengesellschaften und deren Geschäftspolitik bestimmt wird, deren Aktionäre rein mechanisch jede Geldanlage mit einer maximalen Rendite wählen -, abstrahiert von ihren organischen Zwecken und kehrt sich so zunächst nur gegen ihre Umwelt, zerstört aber langfristig auch ihre eigene geistige und moralische Struktur, womit sie sich am Ende auch ihre wirtschaftliche Basis zerstören muß. Das folgt schon aus der nur noch quantifizierenden und qualitätsauflösenden Sichtweise der Börsianer, denn in der Börse sehen wir tatsächlich die babylonische Sprachverwirrung verwirklicht. Selbst wenn die Börsianer glauben, sich über die gleichen Dinge zu unterhalten, so sind es doch immer nur noch bloße Zahlen, über die sie sich verständigen, während sie nicht unbedingt wissen, was hinter diesen jeweils steckt. Wenn unser Gehirn die an es gesandten Nervenimpulse nur noch rein quantitativ und nicht mehr qualitativ werten würde, wären wir kaum in der Lage, auch nur einen sinnvollen Schritt zu machen. Tatsächlich ist das aber das Prinzip, nach dem unsere Wirtschaft und Politik (Wahlen!) und selbst unsere Informationskriterien und Kulturangebote (Einschaltquoten!) sich leiten lassen. Es ist merkwürdig genug, daß es überhaupt zu solchem Fehlverhalten kommen kann, wie es in unserem eigenen Organismus nur dann geschehen könnte, wenn es tatsächlich egoistische Zellen gäbe. Unser Körper kann aber nur dann funktionieren, wenn die meisten Entscheidungen zu seiner Steuerung rein motorisch ablaufen. In unserem Staats- und Wirtschaftsorganismus dagegen kommt es offensichtlich dazu, daß Menschen Entscheidungen über Komplexe treffen müssen, die sie persönlich gar nicht übersehen und in ihrer Funktionsweise gar nicht begreifen. Auch das führt zu einer babylonischen Sprachverwirrung, zumal - teils durch Unkenntnis, teils durch unterschiedliche Veranlagung -, die Menschen sich nicht einmal über die Ziele einig sind, nach denen die Wirtschaft gestaltet werden sollte. Die meisten Komplexe, innerhalb derer wir uns bewegen, sind allgemeine Kulturinstitutionen wie das Recht, die Sprache oder die Literatur und eben auch die Wirtschaft und ihre Hilfsmittel wie das Geld, die sich dem Verständnis bzw. Kenntnisstand des Einzelnen weitgehend entziehen. Dennoch gibt es diese Dinge, und die einzelnen Menschen müssen sich einigermaßen sinnvoll in ihnen bewegen. Das wäre noch möglich und würde zu weniger Fehlverhaltensweisen führen, wenn es dabei eine gewisse Motorik gäbe, die dem Einzelnen gar keine Entscheidungsfreiheit ließe, wie etwa bei unserer Sprache, bei der jeder sogleich weiß oder fühlt, wenn er sich falsch ausgedrückt oder versprochen hat. Dagegen ist es in der Wirtschaft möglich, daß jeder eine völlig andere Sprache spricht als der andere und als es der Gemeinschaft förderlich ist, ohne das auch nur selbst zu merken bzw. durch einen unmittelbaren Funktionsrahmen daran gehindert zu werden.

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