Hintergrundstrukturen

Was ist Geld?

3. Wer verdient das Geld?

 

Alle Kapitel zum Thema Geld gehören zu unserem Überthema des Archetypischen Kugelwürfels. Sie dienen einerseits zu dessen besserem Verständnis und sind andererseits in der eigentlichen Komplexität des Themas auch nur durch das damit zur Verfügung gestellte Grundgerüst verständlich zu machen.

Dieser Essay ist eine Fortsetzung der beiden vorausgegangenen Essays zum Thema Geld, sodaß hier einige Begriffe auftauchen, die dort bereits erklärt wurden – er ist aber auch als eigenständige Lektüre geeignet.

 

Woher kommt eigentlich das Geld? Gerade diejenigen, die das von Amts wegen in unserer so total auf dem Geld aufbauenden Gesellschaft am besten wissen sollten, scheinen es ja am allerwenigsten zu wissen, jedenfalls, wenn man das von ihren Taten her beurteilt. Gerade diese Leute verstehen sich so sehr als Realisten, daß ihnen die tiefere Natur dessen, womit sie sich permanent beschäftigen, so wenig fraglich wird, daß sie von daher auch andere Denkansätze und Philosophien als absurd verurteilen. Weil aber unser eigener Denkansatz so fundamental ist, müssen wir uns der Mühe unterziehen, auch die Natur dessen zu verstehen, worauf sich die vermeintlichen Realisten beziehen. Wir hatten (in dem vorausgegangenen Essay) das Geld als ein universales Wertverbundsystem bezeichnet und gesagt, dieses Wertverbundsystem sei auf der Quantifizierung aller Werte aufgebaut. Wir werden später noch weitere Definitionen versuchen. Zunächst wollen wir hieran einige Erörterungen knüpfen: Geld hat, weil es auf Quantifizierung aller Werte aufgebaut und der Umgang mit ihm zwangsläufig darauf ausgerichtet ist, die Tendenz, wirkliche geistige Qualitäten auszuschalten. Schon daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer kontrollierenden Instanz, die sich nicht selbst der Geldlogik unterwirft, sondern ihr gegenüber eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt. Das ist üblicherweise der Staat, der dem bloßen oder puren Markt durch gezielte Maßnahmen legislativer oder fiskalischer Art und Subventionierungen etwa der Kulturszene oder bestimmter zweckfreier Forschung bzw. Investitionen gegensteuert und der dabei seinerseits auf eine in sich autarke - also nicht durch die Geldlogik untergrabene - Geistachse als konstituierende oder zumindest kontrollierende Instanz angewiesen ist. Geld ist ja der bis zum äußersten formalisierte und universalisierte Tauschwert und insofern unmittelbar rückgekoppelt an das gesellschaftliche Paradigma; es ist selbst Ausdruck dieses Paradigmas. Aus diesem Grund darf das Paradigma seinerseits nicht an die Geldlogik gebunden sein, wenn eine Rückkoppelung vermieden werden soll.[1] Geld entsteht nämlich nur dort, wo sich das Paradigma kristallisiert. Je mehr eine Ware, Leistung oder sonstige Äußerung vom Paradigma abweicht, desto geringer ist ihr allgemeiner Tauschwert: Geld entsteht deshalb nur aus dem unmittelbaren Anschluß an das Paradigma. Die kaufmännische Fähigkeit, ob sie nun direkt auf dem Markt oder hinter den Kulissen umgesetzt wird, definiert sich demnach durch die Übereinstimmung mit dem Paradigma.

Es liegt deshalb auf der Hand, daß nicht alle Menschen solchen Erfordernissen entsprechen können. Eine Gesellschaft würde sogleich auch wirtschaftlich zusammenbrechen, wenn in ihr keine anderen Kräfte wirksam wären. Deren Leistungen sind, wie wir schon feststellten, immer indirekt in den Tausch­werten enthalten und werden durch sie gewissermaßen usurpiert. Wenn wir darüber nachdenken, warum das so ist, scheint es zunächst keine aus sich heraus logische Erklärung dafür zu geben. Es ist ja so, daß sich durch diesen Vorgang jede Perspektive verliert („die Geistachse wird aufgefressen“), doch was dadurch erreicht wird, ist eine Konkretisierung der Welt: das „Faktische“, „Machbare“ definiert sich nicht aus sich selbst, sondern durch seinen Gegensatz zum „Wünschbaren“, „Höheren“. Dadurch, daß sich auch hier ein Yin-Yang-Gegen­satz aufspaltet, kommt erst das Sosein der Welt zustande. Es ist tatsächlich ein Selbstdenkungs­akt, der auf „Faktisierung“ der Welt hinauswill. Wenn wir es nämlich genau überdenken, haben wir unsere Vorstellung von der realen und faktischen Welt nicht im Sinne einer evidenten Logik gewonnen, sondern durch Erfahrung: diese Erfahrung aber wuchs aus dem Vergleich mit dem Nicht-Faktischen, Theoretischen, „Weltfremden“, also all dem, was nicht zu einem konkreten Ergebnis führte. Dabei bleibt aber die Frage offen, warum das so war. Die Antwort darauf gewinnen wir nirgendwo so ausschließlich aus dem bloßen Erfahrungsbereich wie hier. Die Erfahrung des Konkreten und seiner Bedingung gewinnen wir nicht aus anderen Erfahrungskomplexen, sondern tatsächlich nur aus der Faktizität des Alltagsgeschehens selbst, von der eine geradezu unglaubliche Suggestion ausgeht, weil zumindest in unserer Gesellschaft - wenn auch sonst nicht unbedingt notwendigerweise! - unsere physische Basis daran gebunden ist, so daß wir uns i.a. nicht den Luxus leisten können, an ihr zu zweifeln. Es ist insofern wichtig, daß wir permanent die Erfahrung dieses Gegensatzes machen, denn nur dadurch gewinnen wir unsere Vorstellung von einer faktischen Berechenbarkeit der Welt. Und diese Erfahrung ist nirgendwo so konkret wie in einer Gesellschaft, deren physische Versorgungswege an die Tauschwertlogik gebunden sind. Insofern ergibt sich auch hier eine Rückkoppelung zwischen Geldwirtschaft und positivistischer Konketisierung der Welt.

Kommen wir aber wieder zur praktischen Wirtschaft zurück: Der wirtschaftliche Wohl­stand einer Gesellschaft ergibt sich aus der Summe der vorhandenen Investitionsgüter (Kapital) und der Summe der vorhandenen Tausch­werte. Persönliche Besitzgüter sind in diesem (!!) Sinne nur dann Ausdruck persönlichen Reichtums, wenn sie einen Tauschwert haben. Persönliche Liebhaberwerte bleiben dabei ebenso außer Betracht wie für die Umsetzung in Tauschwerte bestimmte Lagerbestände, die sich derzeit als solche nicht auf dem Markt umsetzen, absetzen, lassen. Daraus folgt, daß sich der wirtschaftliche Wohlstand auch aus der Kaufbereitschaft der Kundschaft ergibt, denn die Lager- oder sonstigen Wertgegenstände sind in ihrem Wert ein Produkt aus potentiellem und direktem Tauschwert. Habe ich etwa ein Haus zu veräußern, so ergibt sich dessen potentieller Wert aus dem Sachverständigengutachten, sein direkter Wert ergibt sich aber aus der Marktnachfrage. Schätzt der Gutachter das Objekt niedrig, so kann es dennoch sein, daß es z. Z. aus bestimmten Gründen sehr viel höher zu veräußern ist. Andererseits besagt die Tatsache, daß es z. Z. überhaupt nicht zu veräußern ist, noch nicht, daß das Objekt auch überhaupt nichts wert ist, denn von den idealen Werten kann man nicht völlig absehen, weil sie ja auch persönlich verkonsumiert werden können. Aus diesen wechselseitigen Zusammenhängen ergibt sich aber ganz allgemein, daß der wirtschaftliche Wohlstand einer Gesellschaft ein Produkt aus der Summe der Güter einerseits und aus der potentiellen Bereitschaft und Fähigkeit des Marktes andererseits ist, diese Güter aufzunehmen und in möglichst hoch formalisierte Tauschwerte zu verwandeln. Der Grad der Formalisierung ergibt sich aus der möglichen Umschlaggeschwindigkeit und ist dann am höchsten, wenn er nahezu Geldwert hat. Am schnellsten kann ich Geldscheine umsetzen, indem ich dafür jede andere geldwerte Ware in der Höhe ihres Tausch­wertes kaufen kann; fast ebensogut lassen sich aber auch gültige Briefmarken umsetzen, weil der Handelspartner weiß, daß er davon ausgehen kann, diese Marken bei der Post wieder in Geld umsetzen zu können. Darin ist demnach jedes spekulative Element ausgeschaltet, im Gegensatz zu Sammlermarken, die nicht mehr gültig sind. Je weitgehender deshalb das spekulative Element ausgeschaltet ist, desto mehr nähert sich der Wert dem Geldwert. Das heißt, daß der wirtschaftliche Wohlstand sich auch aus der Beweglichkeit und Lebendigkeit des Marktes ergibt, da dieser dafür sorgt, daß möglichst viele Güter zu einem möglichst direkten Geldäquivalent werden. Kommt der Markt dagegen zum Erliegen, so bleibt zwar ggf. die Summe aller Güterbestände erhalten, doch haben diese dann keinen Geldwert mehr - sie können nur noch selbst verkonsumiert werden. Das heißt, die Summe des Geldes, die eine bestimmte Marktwirtschaft erzeugt, ist von der Umschlagshäufigkeit der Waren und Leistungen abhängig; Geld ist also ein bewegtes Zahlungsmittel, während lediglich gehortetes Geld streng genommen kein Geld ist. Dieser Komplex und die damit verbundenen Begriffe sind allerdings so schwer faßbar, daß wir ihn eigentlich nur holistisch verstehen können. Es ist etwa nicht selbstverständlich, wenn wir sagen, eine Gesellschaft aus lauter Millionären, die ihre Schätze lediglich horten, aber den Markt nicht mehr besuchen, weil sie schon alles haben, besitze keinen Wohlstand. Dennoch ist es so, weil man Geld und sich nicht umsetzendes Kapital bekanntlich nicht essen kann. Eine solche Gesellschaft müßte also verhungern. Soweit wird sie es allerdings nicht kommen lassen, sondern wenigstens insofern den Markt aufrechterhalten, doch haben wir es dann bereits mit einer gespaltenen Realität zu tun: zum einen der bloßen Hortung, die kein Markt ist, und zum anderen einem sehr reduzierten Markt, der in keinem sinnvollen Verhältnis zu den Horten steht. Eine Wohlstandsgesellschaft läßt sich deshalb als solche nur verstehen, wenn sie ein lebendiger und bewegter Organismus ist. Weil es hierin aber immer wieder zu Mißverständnissen kommt, steht der Markt permanent unter der Gefahr, sich infolge erstarrter Projektionen der Wirtschaftssubjekte selbst zu blockieren.

Es ist zudem klar, daß der in diesen Erörterungen definierte Wohlstand lediglich eine Angelegenheit unserer Sensualachse ist, in die zwar die anderen beiden Achsen mit hineinwirken und die sich ohne diese gar nicht denken läßt, die aber weder die ganze Welt noch auch den Wohlstand im umfassenderen Sinn ausmacht. Es gibt deshalb auch einen Wohlstand der beiden anderen Achsen, nur nennen wir das dann nicht so. Es gibt etwa bei starker Betonung der Geistachse ein hohes kulturelles Niveau oder bei starker Betonung der Vertikalachse ein hohes ethisches Niveau. Von einer im umfassenden Sinn wohlhabenden - oder hier richtiger gesagt: gesunden - Gesellschaft können wir aber nur reden, wenn alle drei Achsen in ausgewogener Weise wirksam sind. Bekommt dagegen eine der Achsen ein zu hohes Übergewicht, so geht das immer zulasten der anderen beiden Achsen und ist damit bereits ein bedenkliches Zeichen, das letztlich auch zum Absterben der zu sehr betonten Achse selbst führen muß. Das können wir an vielen Beispielen durchdeklinieren: der Kommunismus ist etwa daran gescheitert, daß die Vertikalachse zu sehr betont wurde und dadurch allzusehr erstarrte; Gesellschaften, bei denen nur die Geistachse wirksam ist, gleiten dagegen ins Theoretische und Chaotische ab, wie es etwa bei den Wiedertäufern in Münster der Fall war (Naturvölker sind damit nicht zu verwechseln, und ihr „Scheitern“ ist nicht von innen, sondern von außen begründet: sie sind horizontal in dem Sinne, daß sie noch überhaupt nicht formalisiert sind und alle drei Achsen bei ihnen in der erwähnten Weise erst latent wirken, wenn auch die Geistachse bei ihnen am deutlichsten die unmittelbare Wirklichkeit bestimmt); Gesellschaften, in denen schließlich die Sensualachse zu sehr betont ist, sind von Degenerationserscheinungen bedroht und müssen auch scheitern, wenn es ihnen nicht gelingt, die beiden anderen Achsen wieder zu aktivieren. Das ist das Problem, das die westlichen Industrienationen derzeit beschäftigt und das nun selbst deren wirtschaftliche Blüte bedroht.

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