Hintergrundstrukturen

Was ist Geld?

2. Die Geschichte des Geldes

 

 

 

Alle Kapitel zum Thema Geld gehören zu unserem Überthema des Archetypischen Kugelwürfels. Sie dienen einerseits zu dessen besserem Verständnis und sind andererseits in der eigentlichen Komplexität des Themas auch nur durch das damit zur Verfügung gestellte Grundgerüst verständlich zu machen.

Dieser Artikel ist die Fortsetzung des Artikels ‚Von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft'. Er kann zwar auch für sich gelesen werden, enthält jedoch bisweilen Hinweise auf vorangegangene Ausführungen

 

Wenn wir uns fragen, woher im Laufe der Geschichte das Geld kam bzw. wie sich die Geldwirtschaft entwickelte, so müssen wir dabei eigentlich im Altertum beginnen. Daß die Griechen und Römer über Geld und ein gut entwickeltes Münzsystem verfügten, wissen wir, aber wir wissen auch, daß nach dem Untergang des weströmischen Reiches auch das Geld im Abendland verschwand. Das geschah naturgemäß nicht plötzlich, sondern mit dem Abbau dessen, was wir als Kapital bezeichnen können, also aller Produktionsfaktoren sowie der staatlichen Organe und Instanzen, schließlich auch der handwerklichen und kauf­männischen Fähigkeiten der Menschen usw. Die vertikale Gesellschaft wandelte sich also wieder in eine horizontale zurück, die im gleichen Maße im Laufe der Zeit immer mehr von einer Tauschwirtschaft in eine Naturalwirtschaft zurückging, die kein Geld benötigte. Etwa zur Zeit der Karolinger war die Talsohle dieser Entwicklung erreicht (man mag sie bewerten wie man will), und erst unter Otto dem Großen setzte allmählich wieder die Gegenentwick­lung ein. Es gab zunächst jedenfalls eine erhöhte Produktion an Edelmetallen. Dabei muß berücksichtigt werden, daß sicher noch Spuren der ursprünglichen Geldwirtschaft vorhanden waren, so daß wir eigentlich nur von einer allmählichen Neubelebung sprechen können, die bereits im 13. und 14. Jahrhundert sehr deutlich war, denn zu dieser Zeit waren schon viele Städte entstanden, die ohne Tausch- und Geldwirtschaft nicht denkbar sind.

Tauschwirtschaft löst wie gesagt (siehe unseren Essay ‚Was ist Geld?) die horizontalen Bindungen: der Einzelne wird jetzt in egoistischer Weise Tauschprodukte auf Vorrat herstellen, um sie auf den Markt zu bringen. Er sieht dabei immer weniger die Vorteile der anderen (obwohl er darauf vertraut, daß diese ihn selbst in seinem Angebot wahrnehmen und obwohl er also insofern auf den Wert seiner Ware vertraut), sondern mit zunehmender Tendenz nur noch seinen eigenen Vorteil. Seine Arbeit spezialisiert sich dabei gleichzeitig. Das ist sicher schon vor der Zeit der Städtegründungen so gewesen, denn die unterschiedliche Beschaffenheit des Bodens oder sonstiger Umstände machte bestimmte Grundherren zu Angebotsspezialisten, indem sie von einem Produkt (etwa Wein) mehr produzierten, als sie selbst verbrauchen konnten, während sie von anderen Dingen für ihren Selbstbedarf zu wenig hatten. Das führte automatisch zu einer gemischten Eigen- und Tauschwirtschaft. Selbst wenn aber die Grundherren alle Grundnahrungsmittel zur Genüge selbst produzieren können, gleichzeitig aber an einer bestimmten Ware eine Überproduktion erzielen, so können sie diese ja verkaufen. Mit den dadurch angesammelten Zahlungsmitteln werden sie jetzt aber Waren kaufen, die sie noch nicht haben und die in diesem Fall über die Funktion als Grundbedarfsartikel hinausgehen. Automatisch wird so die Nachfrage nach bestimmten höheren Konsumprodukten steigen. Diese Nachfrage ist also stets die Folge einer landwirtschaftlichen Überproduktion. Aber auch schon der Besitz des Bodens in einer Hand macht die anderen als seine Pächter direkt vom Grundherrn abhängig, so daß er von ihnen Pachtmieten und im Falle von Verschuldung des Pächters ihm gegenüber auch Zinsen fordern kann. So kommen in der Hand des Grund­herrn immer mehr Geld- oder Tauschmittel zusammen, während auf der Seite der Pächter die Tatsache, daß sie nun ebenfalls einen Überschuß über ihren Grundbedarf  erzielen müssen, gleichermaßen zur Geldwirtschaft führt. In jedem Fall löst sich so immer mehr die Eigenwirtschaft auf; die Pächter werden durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit immer weiter in eine Geldwirtschaft hineingezogen. Sie können nicht mehr geruhsam wie bisher leben, sondern müssen Überschüsse produzieren, was sie am besten dadurch tun können, daß sie sich spezialisieren. Die Spezialisierung folgt auch aus der Tatsache der Überschußproduktion selbst, denn für diese besteht nicht die Notwendigkeit der ausschließlichen Orientierung am gemischten persönlichen Bedarf. Diese spezialisierte Überschußproduktion wird in einem bestimmten Stadium auch über das Maß der an den Grundherrn zu leistenden Abgaben hinaus betrieben werden, wenn sich der Erfolg erst einmal eingestellt und die damit verbundene Sicht der Dinge sich ganz allgemein durchgesetzt hat. Das alles ist nahezu zwingend die Folge der grundeherrlichen Produktionsweise, also einer solchen, die auf ungleicher Verteilung des Grund-und-Bodens beruht. Wenn sich erst einmal die Naturalabgaben in Geldabgaben umgewandelt haben, wird der Bauer ja auch selbst zum Verkauf an dritte gezwungen, weil er sonst kein Geld bekommt, so daß das Geschäft bereits mehrere Wirtschaftsglieder umfaßt, was in sich die Tendenz zur Ausweitung trägt. Wenn sich das daraus folgende Paradigma soweit eingerichtet hat, kommt der Grundherr auch auf den Gedanken, sich nicht nur bestimmten Pächtern verbunden zu fühlen, sondern gegen die gleiche Pacht ggf. auch andere, leistungsfähigere heranzuholen, weil dadurch sein Gewinn steigt. So lösen sich die alten Bindungen immer mehr auf, und im gleichen Maße werden alle Qualitäten in Quantitäten umgewandelt und wird alles berechenbar. Diese Berechnungsmöglichkeit aller Verhältnisse drängt fast automatisch zur Geldform. Dabei stellt sich auch ebenso selbstverständlich die Auffassung ein, daß das überschüssige Geld zur Steigerung der eigenen Lebensformen verwendet werden kann. Aus diesem Grunde steigt mit der Möglichkeit des übernaturalen Erwerbs auch der Wunsch dazu. Die Tendenz der Oberschicht, also der Fürsten und auch des zunehmend sich verweltlichenden(!) Klerus, zu einer gewissen Entfaltung des Luxus können wir etwa zur Zeit der Entstehung der ersten Städte im 11. und 12. Jahrhundert erkennen. Das ist aber auch eine Folge der Tatsache, daß die allgemeinen Verhältnisse sicherer geworden waren, als sie es noch in der Karolingerzeit während der Wikingerüberfälle waren.

Als zunehmend mehr Edelmetalle gefunden und gefördert wurden, ersetzten diese automatisch die einfacheren Metalle bei der Münzprägung: sie hatten diesen gegenüber eindeutige Vorzüge, vor allem weil sie auch einen hohen Warenwert hatten, so daß jeder sicher sein konnte, sie „ver­kaufen“ zu können - wenn nicht als Münzen zu ihrem darauf verbürgten Nominalwert, so eben als Material. Dieser Materialwert ersetzte eben in der Frühphase des Geldes die heutige Staatsgarantie für den Zahlungswert, die damals noch nicht möglich war. (Der heutige Großstaat als solcher ist aber seinerseits erst ein Folgeprodukt der Einführung des Geldes, so daß wir auch hier eine wechselwirkende Entstehung feststellen müssen.) Da also die allgemeine Begehrlichkeit sich auf dieses Material richtete, konn­te es deshalb auch ohne staatliche Garantie jederzeit als Zahlungsmittel verwendet werden. Der Markt nahm es von sich aus als solches an und stellte auch gleichzeitig seinen jeweiligen Tausch­wert heraus, so daß der Münzherr das nur noch nachvollziehen mußte, indem er die Goldstücke in eine Münzform preßte und ihren Handelswert als Geldwert einprägte. Er brauchte dann aber nicht mehr dafür zu sorgen und es erzwingen, daß der Markt dieses Zahlungsmittel annahm. Waren diese Münzen im inländischen Verkehr erst eingeführt, so hatte man auch eine jederzeit leicht konvergierbare Währung, die ebenso im Ausland als Zahlungsmittel fungieren konnte. Dieses Zahlungsmittel erleichterte also den auswärtigen Handel und führte deshalb zur Ausweitung des Marktes, d.h. zur Erhöhung der Zahl der Tauschvorgänge, denen dieses Geld als Zahlungsmittel diente. So konnte auch immer mehr Geld in den Markt eingeführt werden, der wiederum ein Fluß war, den die Obrigkeit leicht anzapfen konnte, in Form von Steuern und Abgaben. Diese Obrigkeit konnte nun ihrerseits auch als „Konsument“ in den Markt eingreifen. Waren alle diese Tendenzen bereits vor der Gründung der ersten Städte vorgegeben, so erfuhren sie aber durch dieses Ereignis erst ihre entscheidende Förderung. Teilweise hatten sie jedoch selbst erst dieses Ereignis möglich gemacht.

Damit die Bürger sich in den Städten auf bestimmte Handwerke spezialisieren konnten, waren sie darauf angewiesen, daß auf dem umliegenden Land die Grundnahrungs­mittel für sie mitproduziert wurden, die sie dann im Austausch gegen die von ihnen hergestellten handwerklichen Gebrauchsgüter für ihren Bedarf erwerben konnten. Sombart[1] weist allerdings darauf hin, daß die übliche Vorstellung, die Bauern selbst seien mit den Stadtbürgern in Handel getreten, nicht stimmen kann. Vielmehr sieht er hier die notwendige Mittlerfunktion der Grundherren, so daß also die Einrichtung des Grundherrschaftswesens eine ganz notwendige Voraussetzung der Städtegründungen gewesen ist. Solange es nämlich nur Hufendörfer mit gleichberechtigten Hufenbauern gab, bestand für diese nicht die vorerwähnte Notwendigkeit zur Tausch- und Geldwirtschaft, sondern sie lebten ausschließlich nach dem Prinzip der naturalen Eigenwirtschaft (im wesentlichen innerhalb ihrer Hufen und im Zwischenverhältnis über die Nachbarschaftshilfe). Dabei konnten aber bei ihnen weder Tauschwerte noch irgendein Geld entstehen, und es konnte sich bei ihnen vor allem auch noch keine Vorstellung davon ausgebildet haben, was man mit diesem Geld tun sollte. Die Indianer haben ja bis heute i.a. noch keine Verwendungsmöglichkeit für das Geld der Weißen. Diese Vorstellungen wachsen also erst mit dem Grad der Einbindung in das Geldsystem, das zunächst in einer horizontalen Gesellschaft allerdings weniger freiwillig als über direkten oder indirekten Zwang erfolgt. Der fundamentale Zwang entsteht durch die gewaltsame Enteignung des Bodens. Ist der Mensch erst einmal von seinem Boden gelöst, der ihm in der horizontalen Gesellschaft automatisch als Miteigentum zugehörte, so ist er zwingend in ein vertikales System eingebunden, aber in den Fällen zwanghafter Enteignung immer als ein ausgebeutetes und abhängiges Wirtschaftssubjekt. Solche Menschen treten dabei kaum als Konsumenten auf dem städtischen Markt in Erscheinung, weil ihr ganzes Geld auf irgendwelchen Wegen letztlich doch in der Tasche des Grundherrn landet. Dieser also ist es dann, der als Konsument der städtischen Handwerker auftritt - ein notwendiger Faktor demnach, der uns zeigt, daß die vertikale Ungleichheit erst diejenige Geldkonzentration in den Taschen einiger weniger ermöglicht, die diese auf eine neue höhere Wirtschaftsstufe führt.

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