Hintergrundstrukturen

Was ist Geld?

1. Von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft

 

Alle Kapitel zum Thema Geld gehören zu unserem Überthema Der archetypische Kugelwürfel. Sie dienen einerseits zu dessen besserem Verständnis und sind andererseits in der eigentlichen Komplexität des Themas auch nur durch das damit zur Verfügung gestellte Grundgerüst verständlich zu machen.

In diesem Artikel werden einige Begriffe benutzt und Voraussetzungen gemacht, deren Verständnis in dem Essay ‚Der archetypische Kugelwürfel’ erklärt wird. Es wäre sinnvoll, sich dort zunächst überschläglich zu informieren. Es soll sich in diesem Artikel zeigen, wie wichtig das dort vorgestellte Achsensystem (das von Rudolf Steiner als 'Dreigliederung des sozialen Organismus' bezeichnet wurde) zum Verständnis einer Sache - nämlich des Geldes - ist, mit der wir täglich wie selbstverständlich umgehen.

Es gab eine Zeit: da glaubte man, Wirtschaften und Tauschen seien synonym: die Menschheit habe ihre Entwicklung von den Vorgängen des Tauschens genommen; Tauschverkehr sei ein Bestandteil aller menschlichen Wirtschaft, gleich wie Produktion oder Konsumption; sei (wie wir es heute nennen) keine historisch-ökonomi­sche, sondern eine elementar-ökonomische Kategorie. Wir wissen jetzt, daß ungefähr das Gegenteil richtig ist: daß die Menschheit wahrscheinlich erst verhältnismäßig spät den Tauschverkehr entwickelt hat, daß es jedenfalls eines langwierigen Erziehungsprozesses bedurft hat, ehe sich die Menschen daran gewöhnten, mit anderen etwas „auszutauschen“, das heißt also vor allem: ehe sie das Mißtrauen verloren: der andere (Fremde!) könne sie mit seiner Gegengabe betrügen wollen. (Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus.)

Die Menschen haben eigentlich erst verhältnismäßig spät begonnen, untereinander Güter regelrecht zu tauschen, und wir wissen heute auch, daß ihr Mißtrauen gegenüber dieser Wirtschaftsart nicht unbegründet war, denn tatsächlich baut ja - etwas überspitzt gesagt - alle sich aus der Tauschwirtschaft entwickelnde Geld- und Kapitalwirtschaft gerade darauf auf, daß die am Markt beteiligten Individuen letztlich betrogen werden. Dieser „Betrug“ mag noch nicht im unmittelbaren Warenaustausch gegeben sein, weil der Käufer dabei durchaus weiß, daß der angros billiger einkaufende Händler oder billiger produzierende Fabrikant einen Mehrwert erzielt, den er selber nicht erzielen könnte, weil er das Einzelprodukt noch nicht einmal so billig selbst herstellen könnte, wie er es auf diese Weise erwirbt, so daß auch er von dem Handel profitiert und somit seinen persönlichen materiellen Wohlstand gegenüber den Naturmenschen sogar steigert (was immer noch bei allen Vergleichen zu sehr in den Vordergrund geschoben wird, ohne die damit verbundenen Nachteile zu sehen - denn:) der tatsächliche Betrug ergibt sich erst später durch die Mehr­­wertakkumulation in der Hand einzelner dadurch bevorteiligter Wirtschaftssubjekte, die sich hierdurch sehr vorteilhafte Zugänge zu denjenigen die ganze daraus folgende Wirtschaft bestimmenden Kanälen verschaffen können, die die übrigen am Markt beteiligten und dann zunehmend auf diesen angewiesenen Menschen im gleichen Maße immer mehr ausschließen und relativ benachteiligen. Daraus aber, daß nicht alle gleichermaßen betrogen werden und einige mehr als andere profitieren, sowie aus der Tatsache, daß Macht und Geld immer in Beziehung stehen, ergibt sich der Umstand, daß jede durch eine Marktwirtschaft bestimmte Gesellschaft vertikal strukturiert ist. Die Geldwirtschaft steht damit einer horizontalen Sozialstruktur im allgemeinen entgegen, denn am Arbeitsteilungsprinzip können alle prinzipiell nur dann wirklich profitieren, wenn es organisch strukturiert ist, was allerdings zumeist nur bedingt der Fall ist.

Beginnen wir aber am Anfang: bevor es zur Tauschwirtschaft kam, mußten die Menschen zunächst erst einmal egoistische Motive entwickeln, die bei den Naturmenschen nicht ohne weiteres gegeben waren. Die Naturgemeinschaft der in einer Gruppe zusammenlebenden Menschen war vielmehr darauf angewiesen, daß alle im gemeinsamen Interesse zusammenarbeiteten, so daß hier egoistische Motive ihrer einzelnen Mitglieder die Überlebensfähigkeit der Gemeinschaft gefährdet hätten. Da demnach derartige Motive schon im Ansatz eliminiert wurden und der kollektiven Ethik widersprachen, läßt sich leicht nachvollziehen, daß darin der Einzelne auch gar keinen Sinn sah - von kindlichen Verhaltensweisen abgesehen. Die Gemeinschaft war insofern wie ein einziger Wirtschaftsorganismus, ein einziges Wesen. Louis Sarno über einen Pygmäenstamm[1]:

Sie waren so sehr miteinander im Einklang, so vertraut miteinander, daß sie gleichsam zu einem mächtigen Kollektivwesen verschmolzen. Sie verwendeten dieselben Gesten, modulierten ihre Stimmen auf dieselbe Art und riefen oft zur selben Zeit dasselbe Wort aus.

Aber Kinder nehmen sich schon einmal gegenseitig ihr Spielzeug weg und können dabei unter Umständen auch einen ziemlichen Eigenwillen entwickeln, doch das wird ihnen bald wieder abgewöhnt und muß ihnen durch ein ganz anderes erweitertes Umfeld in unserer Gesellschaft erst später wieder beigebracht werden. Es läßt sich deshalb fragen, ob nicht auch bereits ein derartiges kindliches Verhalten letztlich kulturbedingt ist und bei Kindern von Naturvölkern noch weniger vorkommt. Dennoch gibt es einen derartigen infantilen Egoismus bei einigen Naturvölkern durchaus - etwa läßt er sich bei den von Sarno beobachteten Pygmäen feststellen, die demnach weniger durch ihre strikte und bewußte Ethik gegen die Beeinflussung der modernen Zivilisation gefeit sind als durch ihre schlichte Unfähigkeit, ihren Anforderungen zu entsprechen. Da wo auch nur ansatzweise diese Beeinflussung sichtbar wird, zeigen sich bezeichnenderweise aber auch schon Veränderungen hinsichtlich der sozialen Struktur von der Horizontalität hin zur Vertikalität. Sarno über einen neben einem schon zivilisierterem Dorf wohnenden Pygmäenstamm:

Eigentlich konnten die Bayaka ohne Geld auskommen, indem sie sich das Lebensnotwendige aus dem Urwald holten und sich gewisse Waren wie Maniok und Salz durch Tauschhandel mit den Dorfbewohnern verschafften. Kostspieligere Dinge wie Kleider und Eisen für ihre Speerspitzen verdienten sie sich, indem sie für die [benachbarten] Dorfbewohner jagten... Sie hatten selten das Gefühl, bei diesen Geschäften fair behandelt zu werden, aber es war für sie die einzige Möglichkeit, die Produkte der Zivilisation zu erwerben. Die Gefahr lag darin, daß die Bayaka in dem Maße, in dem der Anpassungsdruck auf sie wuchs, immer mehr Zeit mit diesen neuen Aktivitäten verbrachten und dafür ihre traditionellen Tätigkeiten vernachlässigten. Ein größeres Problem war es für sie, wie sie die Güter der Zivilisation verteilen sollten. Die Verteilung dessen, was sie auf ihren Streifzügen im Wald erbeuteten, erfolgte nach einem eingeschliffenen, bewährten System. Solange kein Reichtum zu erwerben gewesen war, hatten sich alle Bayaka auf demselben Existenzniveau befunden. Aber nachdem westliche Kleidung und andere Statussymbole aufgetaucht waren, hatten einige angefangen, deutlich „ärmer“ auszusehen als andere. Ein Mann, der den traditionellen Tätigkeiten nachging und es vermied, sich von den bilo anstellen zu lassen, wurde „arm“, auch wenn er vielleicht besser aß als jemand, der seine Zeit damit verbrachte, für Kleidung zu arbeiten. Bis jetzt hatte das starke Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe diesem Druck standgehalten, aber das Problem blieb bestehen: Wie sollte man die neue Art von Besitztümern so verteilen, daß die egalitäre Struktur ihrer Gesellschaft erhalten blieb?

Doch lassen sich nicht alle Naturvölker miteinander vergleichen: es gibt auch hier natürlich große Niveauunterschiede, vor allem hinsichtlich der bewußt ausgeprägten Ethik, wie sie sich etwa bei den Indianern zeigt, die eine wirkliche Lebensphilosophie und sehr bewußte Naturreligion besitzen. Diese Religiosität verbietet ihnen schon im Ansatz egoistische Verhaltensweisen und macht sie auch moralisch stark gegenüber kultureller Unterwanderung - im Gegensatz, wie es scheint, zu den afrikanischen Völkern. Daß die Weißen den Indianern generell überlegen wären, sieht nur vor dem Hintergrund ihrer eigenen Grundannahmen so aus, denn ihre faktische Überlegenheit beruht zunächst ausschließlich auf der Macht ihrer Waffen und deren rücksichtslosem Gebrauch (was ja eigentlich nur ein negativer Beweis wäre, wenn man nicht andererseits einräumen müßte, daß die vertikale Struktur der Weißen völlig neue Realitäten auch kultureller Art hervorgebracht hat.) Solange eine Gesellschaft in Stämmen zusammenlebt und sich als innere Einheit empfindet und zudem diese Tatsache philosophisch und religiös unterbaut, kann also kein Egoismus aufkommen und wird da, wo er ansatzweise aufkommt, sogleich wieder eliminiert. Der in dieser Gemeinschaft lebende Mensch empfindet den Egoismus deshalb als unmoralisch und versteht ihn auch gar nicht. Da seine Gesellschaft keine Zielvorstellungen entwickelt, die egoistische Verhaltensweisen begünstigen und als sinnvoll erscheinen lassen, geben sie hier einfach keinen Sinn. Die Gemeinschaft muß sich demnach zunächst in einzelne Gruppen oder Familien auflösen, und es ist durchaus denkbar, daß das in einigen Kulturen schon sehr früh geschah. Das wäre zwar eine erste Voraussetzung für Güteraustausch im Außenverhältnis zwischen den Gruppen, doch ist es auch hier immer noch ein weiterer Schritt, daß sich die einzelnen Gruppen derartig voneinander isolieren, daß sie sich als autarke Wirtschaftsgemeinschaften sehen. Das würde nämlich voraussetzen, daß sie zumindest in dieser Hinsicht bereits sehr verweltlicht wären. Ihre besondere Religiosität hat sie lange daran gehindert, sich gegeneinander derartig berechnend zu verhalten, daß sie nur noch alle Leistungen Zug um Zug gegeneinander austauschten. Sicherlich ist das ein sehr langer Weg, der vermutlich viele Zwischenstufen durchlaufen hat. Die Naturgemeinschaft war auch hier immer noch darauf angewiesen, sich in den grundsätzlichen Dingen und besonders in Notfällen in einer Art Nachbarschaftshilfe, wie wir sie auch heute noch teilweise kennen, gegenseitig zu helfen, so daß ein Güteraustausch zunächst nur bezüglich der nicht notwendigen Dinge stattgefunden haben wird, während bei den Grundbedarfsartikeln zwar möglicherweise keine Gemeinwirtschaft bestand, aber auch nicht nötig war, da sich jede Familie normalerweise selbst versorgen konnte. Bis zur Ausbildung einer regelrechten Tauschwirtschaft war es danach noch ein weiter Weg, und selbst als diese sich bereits lebendig entfaltet hatte, fand dieser Austausch noch lange in der Form von Naturalienaustausch statt. Es war noch eine weitere lange Entwicklung von dort bis zur regelrechten Geldwirtschaft. Dennoch hat es aber auch diese, wie wir wissen, bereits in der Antike gegeben. Selbst das bedeutet aber nicht, daß es schon einen nennenswerten Kapitalismus gegeben hätte. Wir müssen nämlich sehr deutlich zwischen Geld und Kapital unterscheiden.

Kommen wir aber nochmals zur Tauschwirtschaft zurück. Diese setzt also voraus, daß sich die durch sie gekennzeichnete Gesellschaft zumindest im wirtschaftlichen Sinn nicht mehr als übergreifende Einheit versteht. Erst wenn sich die Gesellschaft aus vielen vereinzelten Wirtschaftssubjekten bzw. -Einheiten (im Sinne von Familien oder Gruppen, die intern gemeinsam wirtschaften) zusammensetzt, die alle für sich eine besondere Rechnung machen müssen, die sie ggf. sogar gegeneinander aufrechnen, indem sie etwa eine getrennte Bilanz machen, kann sich die Tauschwirtschaft entwickeln. Das setzt voraus, daß sich die verschiedenen Wirtschaftseinheiten so weit voneinander absondern, daß sie sich zumindest bezüglich der Tauschgüter nicht mehr solidarisch fühlen. Diese Auffassung kann sich eigentlich wie erörtert nur von den weniger notwendigen Dingen her entwickeln und dann in einem allmählichen Prozeß bis zu den notwendigen Gütern fortschreiten. Erst wenn dieser Prozeß auch die Grundversorgungsmittel erreicht hat, wird es sinnvoll, von einer regelrechten Tauschgesellschaft zu reden. In einer solchen Gesellschaft gibt jede Wirtschaftseinheit bzw. jedes Wirtschaftssubjekt seine Ware nur dann her, wenn sie dafür im Sinne ihrer persönlichen Bedarfsschätzung etwas als mindestens gleichwertig Empfundenes zurückerhält. Hat sich diese Verhaltensweise eingebürgert, so ist es allerdings wieder noch ein weiter Weg, bis sie das gesamte Denken der Gesellschaft so weit bestimmt, daß 1) eine solche Verhaltensweise allgemein akzeptiert und sanktioniert ist; und 2) daß sie sogar mit einer entsprechenden Logik und Weltanschauung untermauert wird. Letzteres geschieht in der Weise, daß man denjenigen, der es versteht, bei der Vereinbarung des Tausch­wertes langfristig besser abzuschneiden, für den Tüchtigeren hält, was zunächst noch bedeutet: offenbar von höherer Stelle begünstigt - bis diese Orientierung an einer höheren Institution auch noch ihre Bedeutung verliert und nur noch die faktische Begünstigung als solche schon der Maßstab der Tüchtigkeit selbst ist. Das führt zu einer quantitätsorientierten Gesellschaft, die zulasten von Qualitäten geht. Jetzt wirtschaften nicht mehr alle gemeinsam und geben dadurch allen ihren Mitgliedern das Gefühl der Geborgenheit in der gemeinsamen Mitte, sondern nur noch jeder gegen jeden. Da das allerdings zu einer Wildwest-Gesellschaft führen würde, ist ein kompliziertes Rechtssystem nötig, das die Regeln des Spieles festlegt. Dennoch geht das Denken aller Subjekte nun grundsätzlich dahin, daß alles, was nicht verboten ist, erlaubt sein muß. Wenn sich diese Überzeugung erst einmal festsetzt, so lösen sich die Verbindungen zwischen den Menschen, die jetzt nicht mehr in einem gemeinsamen Boot sitzen, sondern in vielen verschiedenen Booten, die sich daraufhin in unterschiedliche Richtungen bewegen können. Nun gelten nicht mehr moralische und höhere ethische Kriterien für den Kurs eines jeden Bootes, und niemand orientiert sich mehr an einem alles überwachenden Gott, sondern alle orientieren sich nur noch aneinander, wobei der Erfolg nur an dem gemessen werden kann, was sichtbar in Erscheinung tritt.

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