Hintergrundstrukturen

 

Die geistig-runde und die materiell-rechtwinklige Welt

 

Wir haben in den anderen Beiträgen dieses Bereiches den Unterschied von vertikaler und horizontaler Struktur erörtert. Es gibt dabei allerdings nur eine Vertikalachse, jedoch zwei Horizontalachsen, deren Unterscheidung wir über das bereits dazu Gesagte hinaus noch etwas näher untersuchen müssen. Wir hatten sie bereits als Geist- und Sensualachse bezeichnet und der Geistachse eine eher idealistische, der Sensualachse dagegen eine eher egoistische Tendenz zugeschrieben. Was aber läßt sich hier unter ‚Geist’ und ‚Sensualität’ verstehen? Man kann es vielleicht so sagen: Der Geist bezieht sich dabei i.a. auf die Transzendenz, ohne dieser selbst zu entsprechen, denn das gilt nur (zumindest im Ausgangsstadium, bevor auch sie verweltlicht wird und sich verschließt) für die Vertikal­­achse, insofern sie  etwa gleichzusetzen ist mit der Achse des Weltenbaumes oder einem indianischen Totempfahl. Das Sensuale aber setzen wir hier gleich mit dem Beseelten, das sich in der diesseitigen Welt durch deren Hereinnahme verwirklicht. ’Beseelung’ bedeutet dabei ein geistiges Sich-Ausleben, was naturgemäß am ehesten durch In-Bezug-Setzung zu möglichst manifesten Erlebnissen geschehen kann. Es bezieht sich also vornehmlich auf rein weltliche Dinge. Die Seele ist hier das, das bei Überbetonung auch die Vertikalachse verweltlicht und dann mit ihr kooperiert (das Heilige wird dadurch formalisiert und seiner tieferen Inhalte beraubt). Die Gesellschaft der Naturvölker stellt sich uns demnach zunächst nur als eine horizontale und kreisförmige Ebene dar, auf der die beiden Horizontalachsen liegen[1], während die hier noch offene (d.h. empfängnisbereite und in echter Kommunikation mit der verwirklichten und auf sie bezogenen Realität stehende) Vertikal­achse als Transzendenz diese Kreisscheibe recht­winklig in der Mitte durchstößt. Dagegen ist die Welt der modernen Industrienationen ein vertikal stehendes Quadrat, das durch die beiden sich auf ihm mittig kreuzenden verweltlichten Linien der nunmehr ‚geschlossenen’ (d.h. nur noch formalen) Vertikal- und der Sensualachse gekennzeichnet ist und das seinerseits von einer transzendenten Achse durchstoßen wird: nämlich der - hier allein noch offenen - Geistachse, die jetzt ersatzweise die (i.a. Alibi-) Funktion der Vertikalachse übernommen hat. Dieses Modell erscheint uns aber noch sehr theoretisch und soll im folgenden näher erläutert werden.[2]

Wenn wir von der Alibifunktion der Geist­achse für die Vertikalachse sprechen, so heißt das hier, daß - da ja die Vertikalachse kaum noch einen transzendenten Bezug ermöglicht -, diese Transzendenz in einer quasi darstellerischen Weise der Geistachse übertragen wird, bis schließlich auch diese nur noch formal existiert. Wurde nämlich seit der Renaissance der Kunst und der Wissenschaft immer mehr die Funktion des „Höheren“ bzw. der „höheren Werte“ zugesprochen, während die Religiosität daneben immer mehr verflachte, so erleben wir in jüngster Zeit, daß selbst diese Dinge - also Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft, Philosophie usw. -, immer mehr durch die Strukturen der beiden anderen Achsen dominiert und ersetzt werden. Das heißt, daß eigentlich nur noch Einfluß und Geld bestimmen, was sich auch auf dieser Achse, dem letzten Refugium des Geistes, durchsetzt. Sie ist in einer vollständig materialistischen Welt weder offen noch geschlossen, sondern verschwindet eigentlich vollständig: diese Welt ist dann ausschließlich zweidimensional. Aber davon später. Wichtig ist hier für uns zunächst die Unterscheidung der beiden Horizontalachsen. Unsere immanente Welt ist - und das gilt für Naturvölker ebenso wie für  die moderne Gesellschaft - durch idealistische und egoistische Motivationen bestimmt. In diesem Sinne wird auch die Vertikalache ebenfalls in allen Gesellschaften unterschiedlich projiziert - sei es, daß die Spekulation auf göttliche Gnade in einem eher idealistischen oder eher egoistischen Sinn erfolgt, sei es, daß in ähnlicher Weise eine weltliche Karriere angestrebt wird. Wir müssen nämlich zwischen Motivation und Vollzug unterscheiden: wenn wir von der Entsprechung der Moderne durch ein vertikal stehendes Quadrat sprachen und dabei die Realität sich auf dem Kreuz von Körper- und Sensualachse vollziehen sahen, so meinen wir damit den praktischen Vollzug, nicht aber die Motivation. Dieser Vollzug geschieht bei den Naturvölkern auf der kreisförmigen Horizontalebene. Was aber die Motivation angeht, so liegt sie in beiden Gesellschaften auf der Horizontalebene als Ausgangsbasis. Das mag noch sehr abstrakt und theoretisch klingen, wird uns aber als System später recht nützlich sein, um unsere Erscheinungswelt besser zu verstehen. Die Vertikalachse wollen wir also in diesem Sinne nicht als Motivationsbasis betrachten, sondern nur als Vollzugsweise.

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